Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Exaudi, 20.05.2012

Predigt zu Jeremia 31:31-34, verfasst von Klaus Bäumlin

 

„Sieh, es kommen Tage, Spruch des HERRN, da schliesse ich einen neuen Bund mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda, nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vorfahren geschlossen habe an dem Tag, da ich sie bei der Hand nahm, um sie herauszuführen aus dem Land Ägypten; denn sie, sie haben meinen Bund gebrochen, obwohl doch ich mich als Herr über sie erwiesen hatte! Spruch des HERRN. Dies ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel schliessen werde nach jenen Tagen, Spruch des HERRN: Meine Weisung habe ich ihre Mitte gegeben, und in ihr Herz werde ich sie ihnen schreiben. Und ich werde ihnen Gott sein, und sie, sie werden mir Volk sein. Dann wird keiner mehr seinen Nächsten und keiner seinen Bruder belehren und sagen: Erkennt den HERRN! Sondern vom Kleinsten bis zum Grössten werden sie mich alle erkennen, Spruch des HERRN, denn ich werde ihre Schuld verzeihen, und an ihre Sünden werde ich nicht mehr denken."

 

Liebe Gemeinde, was bringt Menschen, dazu, sich nicht rücksichtslos auf Kosten anderer durchzusetzen, sondern die Mitmenschen zu achten und in Frieden und Gerechtigkeit gedeihlich mit ihnen zusammenzuleben? Was kann uns dazu bewegen, achtsam und schonungsvoll mit den Ressourcen der Erde umzugehen und nicht bedenkenlos auf Kosten künftiger Generationen zu leben? Es sind die Existenzfragen unserer Zeit.

„Gott hat dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert; nichts anderes als Recht tun und Güte lieben und mit Einsicht gehen mit deinem Gott." So steht es beim Propheten Micha (6,8). Was gut ist, das hat Gott kundgetan in den Zehn Geboten, eingemeisselt auf steinernen Tafeln, die er dem Mose am Sinai übergab. Noch bevor Mose sie den Israeliten verkünden konnte, hatten diese das goldene Kalb gemacht und wüste Orgien gefeiert. Voller Zorn und Resignation zerschmetterte Mose die Steintafeln. Ein zweites Mal bestellte Gott den Mose auf den Sinai. Noch einmal schrieb er ihm die Gebote auf steinerne Tafeln. In der Bundeslade wurden sie aufbewahrt, welche die Israeliten mit sich führten auf ihrem langen Weg ins verheissene Land.

Was gut ist und den Menschen den Weg zum Leben weist: geschrieben auf Steintafeln, auf Pergament, auf Papier, in Gesetzessammlungen kodifiziert. Und dazu gehört, sozusagen als Zaun gegen die Übertretung, die Androhung von Sanktionen und Strafen für den Fall, dass die Menschen sich nicht an die Gebote halten, nicht tun, was gut und vernünftig ist.

Doch was auf Steintafeln und auf Papier geschrieben ist, das Gute und Vernünftige, ist noch lange nicht in die Herzen geschrieben. Es sind Gebote und Verbote, Vorschriften, Verhaltensregeln, die von aussen her an uns gerichtet sind, es ist nicht unsere eigene Stimme. Eingetrichterte, verordnete Moral ist ein dünner Firnis; schnell kann er sich auflösen. Israel hat die Gebote nicht gehalten, hat sie übertreten, noch und noch. Und nicht nur Israel, sondern die Menschen alle mit ihren kleinen und grossen Übertretungen und den kleinen und den grossen, zerstörerischen Folgen dieser Übertretungen.

Und weil das so ist, gibt es Religionen mit ihren Priestern, Theologen und Lehrern, die den Menschen beibringen sollen, was gut ist, ihnen Einsicht, Rücksicht, Moral beibringen. Und es gibt die Institutionen des Staates, der Gesetzgebung und Gerichte; sie müssen die Menschen mit Gesetzen und unter Androhung von Strafen zum Einhalten elementarer Spielregeln bringen. Aber Religionen, Kirchen, Staaten, Gesetze - es sind Notmassnahmen, ohne die das Zusammenleben der Menschen im Kleinen und Grossen nicht möglich wäre. Weil die Menschen den lebensfreundlichen Weisungen Gottes nicht nachleben, müssen sie wenigstens in äussere Ordnungen eingebunden werden. Das Fatale dabei ist, dass die Menschen auf diese Weise das, was für alle gut ist, erst recht als etwas Fremdes, etwas von oben und aussen Verordnetes erfahren, als etwas, was die Freiheit einschränkt.

Und da ist nun diese wundervolle Vision des Jeremia. Sie gilt zuerst für Israel. Doch um Jesu Christi willen ist sie über Israel hinaus den Völkern, den Menschen dieser Erde verheissen.

Es wird eine Zeit kommen, da werden die Menschen das Gute und Vernünftige und Lebensfreundliche nicht tun, weil es vorgeschrieben, befohlen und verordnet ist. Sie werden es tun aus innerstem, eigenem Antrieb. Sie werden es von Herzen tun; es wird ihr Herzensanliegen sein.

Sie werden mit Vernunft, mit gesundem - geheiltem - Menschenverstand begnadet sein. Und so werden sie einander auch verstehen über Generationen und über alle Grenzen hinweg. Und ihre Sünde wird vergeben, die Altlasten, angehäuft auf den Giftdeponien der Geschichte, werden getilgt, entsorgt; sie belasten die Zukunft der Kinder nicht mehr.

Ist das nur eine Utopie ohne jede Realität? Ich denke, nein. Ich glaube, dass die Jeremia-Vision schon heute, da und dort, in Erfüllung geht - nicht global, nicht allumfassend, aber dennoch real.

Wie viele Menschen, grosse und kleine, mächtige und machtlose, sind da, die wollen und tun, was Gott will: Recht tun und Güte lieben und mit Einsicht, mit Vernunft gehen mit Gott. Und vielleicht gehören Sie, liebe Gemeinde, und vielleicht gehöre auch ich, ein wenig zu ihnen. Die Menschenwelt ist nicht von Gott verlassen. Sein Geist weht, wo er will.

Aber ich traue der Vision des Jeremia noch eine ganz andere Kraft zu. Oft beginnen wir den Gottesdienst mit den Worten: „Unsere Hilfe steht im Namen Gottes, der Himmel und Erde gemacht hat, der ewig Treue hält und nicht fahren lässt das Werk unserer Hände." Es sind keine leeren Worte. Diesem Gott traue ich zu, dass er die Vision des Jeremia global erfüllt: dass nicht nur einige, dass alle Menschen zu Einsicht kommen, dass das Gute, Vernünftige und Lebensfreundliche zur Herzensangelegenheit aller wird. Ich bin eher ein Skeptiker, was die Möglichkeiten und Fähigkeiten der Menschen betrifft, angesichts kommender Katastrophen umzudenken und neue Wege zu gehen. Ich glaube nicht unbedingt an das Gute im Menschen. Aber ich glaube, dass Gottes Geist die Menschen zum Guten bewegen, zur Einsicht und zur Vernunft befähigen kann. Ich glaube an das Wunder des Heiligen Geistes, der Jesus von den Toten auferweckt hat und also auch die Herzen der Menschen verwandeln kann. Ich bin ein Skeptiker. Aber der Heilige Geist, hat Martin Luther geschrieben, ist kein Skeptiker. Der Heilige Geist ist Gottes unvorstellbare, schöpferische und überraschende Möglichkeit mit uns Menschen.

Das, liebe Gemeinde, ist meine Hoffnung, es ist die Hoffnung, zu der Juden und Christen ermächtigt und ermutigt sind. Ohne diese Hoffnung geben wir unsere Welt verloren. Es ist eine verrückte, aber es ist eine begründete Hoffnung: begründet in der Treue Gottes, begründet in Jesus Christus, dem Bürgen für Gottes Treue.

Amen.



Pfarrer Klaus Bäumlin
CH-3006 Bern
E-Mail: klaus.baeumlin@bluewin.ch

(zurück zum Seitenanfang)