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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Exaudi, 20.05.2012

Predigt zu Jeremia 31:31-34, verfasst von Heinz Behrends

(Ich nehme einige Lehrbücher mit auf die Kanzel und zeige sie nacheinander)

Jan Christian Gertz, Grundinformation zum Alten Testament. Hans Küng, Christ sein.

Karl Barth, Kirchliche Dogmatik I. Margot Käßmann, Was ich Dir mitgeben möchte. Religion für Sek II.

(Ich schlage das Gesangbuch auf und nenne): Nr. 806 Der Kleine Katechismus Martins Luthers. Nr. 807 Der  Heidelberger Katechismus.

 

Bücher über Bücher. Alle weg. Es ist keine Belehrung mehr nötig. Sie werden mich alle erkennen. Keiner soll mehr sagen: Erkenne den Herrn. Ist nicht mehr nötig. „Keiner wird den andern noch ein Bruder den andern lehren, sondern sie sollen mich alle erkennen.“

Eine tolle Vision. Die Schüler rennen lachend aus der Schule. Die Konfirmanden jubilieren. Der Theologiestudent atmet auf, legt die Bücher zur Seite und streckt seine Beine aus und freut sich auf das Examen.

Der Pastor steht nicht mehr auf der Kanzel, er sitzt unten in der Gemeinde und singt kräftig mit.

Große Erleichterung überall. Endlich. Belehrungen haben nie geschmeckt. Im Grunde waren sie immer langweilig.

Es steht alles schon in meinem Herzen geschrieben. Gott hat seinen Willen in mein Herz geschrieben.

 

Stimmt das?

Ja, das stimmt. Ich weiß, was Gott will.

Dass ich ihn liebe. Dass ich die Menschen liebe. Dass ich mich liebe. Dass Beziehungen zu klären sind. Mit den Zehn Geboten hat es angefangen. Ausdruck des Willens Gottes.

„Du wirst nicht töten, nicht stehlen“, heißt es dort genau, nicht „du sollst“. Wunderbar.

 

Nur, warum geht das nicht auf, was der Prophet vor 2600 Jahren sagt?


Antwort: Weil Interessen dazwischen stehen, politisch gesprochen.

Es sind Ideologien am Werk. Und wenn Kirche belehrend auftritt, wird sie selber eine.

Die Ideologien dieser Welt haben Macht, weil die psychische Verfasstheit des Menschen sie unterstützt.

Der Drang nach Freiheit, die nicht begrenzt wird, Drang nach Selbstbestimmung. Die Gottesferne.
Wir könnten die Vision des Propheten beiseitelegen, für unerfüllbar erklären, wenn es nicht der leidenschaftliche Prophet Jeremia sagte.
Denn er kennt alle Widerstände.

Nach diesen Tagen wird es geschehen, sagt er. Welche meint er? Er ist auf Gedeih und Verderb mit dem Schicksal seines Volkes verbunden. Priestersohn ist er, mit 23 zum Propheten berufen. „Nein, ich bin zu jung“, wehrt er sich vergebens. Dann redet er. Unpopuläres. Er schimpft über die Treulosigkeit des Volkes. Ein König kommt an die Macht, der das Gesetz des Mose wieder in Geltung bringt, die heidnischen Altäre schmeißt er raus. Jeremia kann beruhigt schweigen. Aber König Josia stirbt. Der Tempelkult blüht auf. Man verlässt sich auf seine religiösen Pflichterfüllungen, das wars. Der neue König taktiert zwischen den Großmächten. Jeremia warnt. Er wird gefangen gesetzt, sein Buch wird verbrannt. Die Stadt wird vom Feind erobert, die Leute ins Exil geführt nach Babylon.

Jeremia wird Seelsorger der Zurückgebliebenen, spricht ihnen gut zu. Die Leute verzweifeln angesichts der Ruine des Tempels. Er kauft einen Acker. Es ist Hoffnung, sagt er.

Aber zwischendurch verzweifelt er auch. Warum bin ich geboren? Er sieht sich als Teil des Gottes Volkes, aber er ist auch allein, ein Einzelner.

Als alles eingetroffen ist, was er vorhergesagt hat, müssten sie ihn eigentlich als Helden feiern.

Aber sie verschleppen ihn mit den Flüchtenden nach Ägypten. Dort stirbt er irgendwo, irgendwann. Seine Spuren verlieren sich.


Wie kann der Mensch sich ändern? Das ist seine Frage.

Der so viel Schwachheit, Frechheit und Unzulänglichkeit der Menschen gesehen hat, fragt: Wie kann das anders werden, wie das trotzige Herz sich wenden?
Der Mensch wird nicht klug durch leidvolle Erfahrungen.
Wenn du dein Kind liebst, auf gute Weise zu zeigen versuchst, was zum Leben gehört, ihm Hilfe und Ratschläge gibst, aber es nimmt das alles nicht an. Was machst du dann? frage ich meine Frau. „Ich lasse ihn seine schlechten Erfahrungen machen“. - „Und wenn das nichts ändert“? – „Ich lasse es weiter geschehen“. –„Und wenn das auch nichts ändert“? – Dann weiß ich auch nicht mehr“.

Das ist die Not des Jerremia. „Kann ein Mohr seine Haut wechseln, fragt er, ein Panther seine Flecken“?

Es muss etwas völlig anderes geschehen. Etwas ganz neues.

Fühlst du dich richtig beschrieben? Nein, das ist mir zu drastisch. Wer bin ich denn? Ich weiß doch, was gut und böse ist, was sich gehört.

Aber sobald du mit anderen Menschen konfrontiert bist, wird es schwierig.
Das Verständigen über das Hören hat keine Veränderung des Menschen bewirkt.

Gottes Wille hier und des Menschen Sinn dort stehen sich gegenüber.

Und das soll nicht mehr gelten, sagt Jeremia.

Der Wille Gottes bleibt derselbe. Aber wie er zum Menschen kommt, das wird anders.

„Ein neuer Bund“ wird von Gott geschlossen.

Er ist im Herzen drin, muss nicht auswenig gelernt werden, ist „by heart“, im Herzen. Ist in den Sinn geschrieben.

Es gibt keine Trennung mehr zwischen dem, was Gott will und was im Menschen ist.

Wenn Du nicht aus Deiner Haut kannst, kommt Gott Dir unter die Haut.

Nach diesen Tagen wird das sein. Wann?
Es ist anders geworden – durch Jesus. So empfinden die Leute, die ihn sehen und hören und Jeremia kennen. Das Wort ist durch ihn erfüllt, sagen einige.

Es scheint eine wichtige Voraussetzung zu geben: die Vergebung. „Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“

Für einen Neuanfang braucht es einen Frieden mit der Vergangenheit.
Wo zwei neu anfangen, einen Bund schließen, muss die Beziehung klar sein. Das alte, das zwischen ihnen stand, muss benannt und geklärt werden. Die Voraussetzung dafür hat Christus geschaffen.

Aber die Verheißung ist noch nicht erfüllt. Warum bedarf es so vieler Lehrbücher und Katechismen! Warum diese leidvolle Geschichte der Kirche von 2000 Jahren!

Gerade die Frommen weisen ständig auf die Lehre hin. Die Fundamentalisten vermehren sich rasend. Eltern klagen, die Kinder lernten nicht genug.

Nein, die Erfüllung steht noch aus.

Aber eines ist wichtig:  Ausgehen kann die Veränderung nur von Gott. Er handelt.

Was er fordert, muss er selber geben.

Gott handelt in großer Freiheit, hat der große Theologe Karl Barth gesagt.

Vielleicht zeichnet sich ja deine Freude auf die Verheißung in der Neugier auf die Entdeckungen ab, Entdeckungen in den Büchern vielleicht.

Bundesschlüsse, die dein Leben bereichern und sichern.

Ich kann das alles aber nur denken, indem ich den preise, der das alles schenkt.

Ein neues Herz, einen neuen Sinn.



Superintendent Heinz Behrends
Northeim
E-Mail: Heinz.Behrends@evlka.de

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