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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Trinitatis, 10.06.2012

Predigt zu Jeremia 23:16.17.21.22.25-29, verfasst von Ludwig Schmidt

 

16 So spricht der HERR Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch; denn sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des HERRN. 17 Sie sagen denen, die des HERRN Wort verachten: Es wird euch wohlgehen -, und allen, die nach ihrem verstockten Herzen wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen.

21 Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie. 22 Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.

25 Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt. 26 Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen 27 und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, wie auch ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal? 28 Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen? spricht der HERR. 29 Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?

Liebe Gemeinde!

Gott kann auch Nein sagen. In unserem Bibelabschnitt spricht er ein scharfes Nein zu den Propheten, die neben dem Propheten Jeremia auftraten, und zu ihrer Botschaft, die sie im Namen Gottes verkündeten. Ihre Worte sind Stroh, leeres Geschwätz und nicht das Wort Gottes. Nun soll man ja bei einer Auseinandersetzung möglichst auch die andere Partei hören. Tatsächlich kann man für diese Propheten ermitteln, auf welcher Überzeugung ihre Verkündigung beruhte. Sie redeten in einer Zeit, in der die Existenz des alttestamentlichen Gottesvolkes von einer fremden Großmacht bedroht wurde. Für diese Propheten konnte Gott das nicht zulassen. Er hatte versprochen, dass das alttestamentliche Gottesvolk sein Volk sein sollte und unter seinem Schutz leben durfte. Dann konnte doch nicht ein anderes Volk, das andere Götter verehrte, über das Gottesvolk triumphieren. Das Unheil, das damals der Prophet Jeremia dem Gottesvolk ankündigte, stand für diese Propheten in Widerspruch zu den Zusagen, die Gott in der Vergangenheit gemacht hatte. Deshalb sagten sie den Leuten: „Es wird euch wohlgehen; es wird kein Unheil über euch kommen". Dabei beriefen sie sich auch auf Träume, in denen sie geträumt hatten, dass Gott die Gefahr für sein Volk beseitigen wird. Es wird, ja es muss alles gut werden, weil Gott sein Volk nicht im Stich lassen wird, so meinten diese Propheten. Es ist im ersten Augenblick beeindruckend, wie diese Propheten in einer schweren Zeit an der Zusage Gottes festhielten. Sie ließen sich von der großen Macht des Feindes nicht irritieren. Unser Gott wird stärker sein als die vielen Bataillone des Gegners. Das war ihre Botschaft. Sie wurde von den Leuten begierig aufgenommen, denn sie machte Mut. Das waren die Worte, die man jetzt brauchte, meinten die Leute. Dagegen war Jeremia für sie mit seiner Ankündigung des Unheils ein Miesepeter, der Angst einjagen wollte. Mit seiner Verkündigung widersprach Jeremia den Plänen und Hoffnungen, die damals die Menschen des alttestamentlichen Gottesvolkes für ihre Zukunft hatten. Die Botschaft der anderen Propheten aber bestärkte die Leute darin, dass sie auf eine gute Zukunft hoffen durften.

Aber obwohl diese Propheten die alten Zusagen Gottes verkündeten, sagt Gott zu ihnen und zu ihrer Botschaft Nein. Die Träume, die sie erzählen, sind ihre eigenen Wunschträume, und sie reden nur, was sie sich selbst ausgedacht haben. Was sie im Namen Gottes für die Zukunft ankündigen, ist Lüge, weil diese Propheten es nicht wahrhaben wollen, dass Gott auf seine Zusage eine Antwort erwartet. Er hatte seinem Volk Gebote und Anweisungen gegeben, damit es lebt, wie es der Zusage Gottes entspricht. Diese Propheten aber sagen denen, die des Herrn Wort verachten: „Es wird euch wohlgehen" und sie sagen allen, die starrsinnig nach ihren eigenen Gedanken leben: „Es wird nicht Böses über euch kommen". Damit haben diese Propheten Gott zu einem Jasager degradiert, der zu allem Ja und Amen sagt, was die Menschen tun, obwohl sie gegen seine Gebote und Anweisungen verstoßen. Dadurch bestätigen diese Propheten die Menschen in ihrem falschen Verhalten. Gottes Worte wären es gewesen, wenn diese Propheten den Menschen ihre Fehler aufgezeigt und sie dazu bewegt hätten, ihre Einstellung und ihr Tun zu ändern. Das hätte gerade um der Zusage Gottes willen geschehen müssen. Aber diese Propheten tragen mit ihrer Verkündigung nur dazu bei, dass die Leute Gott nicht ernst nehmen. Sie reden im Namen Gottes, aber sie haben aus Gott einen Götzen gemacht, der den Menschen ein gutes Leben garantiert, und der die Leute tun lässt, was sie wollen. Deshalb sagt Gott zu der Verkündigung dieser Propheten Nein. Das von ihnen versprochene Heil ist eine Illusion. Tatsächlich ist damals über das alttestamentliche Gottesvolk jenes Unheil hereingebrochen, das der Prophet Jeremia angekündigt hatte.

Nun ist das alles für uns freilich ferne Vergangenheit. Wir sind nicht jene Propheten und wir sind nicht ihre Hörer. In unserem Bibelabschnitt sagt Gott nicht zu uns Nein. Er will uns nicht in Angst und Schrecken versetzen. Dieser Bibelabschnitt soll uns vielmehr davor warnen, dass wir in unserem Reden von Gott und in unserem Verhalten so werden wie jene Propheten und ihre Hörer. Wir leben ja unter der Zusage Gottes, dass er uns liebt. Deshalb ist Jesus am Kreuz für uns gestorben. wir dürfen es immer wieder sagen und hören: Gott nimmt uns an, wie wir sind. Er stellt uns keine Bedingungen, bevor er uns liebt. Das ist zu unserem Glück so, denn sonst könnten wir keine gute Beziehung zu Gott haben. Mit allen Leistungen, die wir uns abringen, könnten wir es uns nie verdienen, dass Gott uns annimmt. Aber wenn uns Gott so annimmt, wie wir sind, wenn er uns annimmt mit all unseren Fehlern und mit unserer ganzen Schuld, dann will er dadurch auch unser Leben verändern. Unsere gute Beziehung zu Gott kann doch nicht darin bestehen, dass Gott zu uns Ja sagt und dass wir hartnäckig zu seinen Anweisungen für unser Leben Nein sagen. Schon eine menschliche Beziehung funktioniert nicht, wenn der eine Partner ständig nur tut, was er will. Daran ist schon manche Ehe gescheitert. Gerade weil Gott mit uns eine gute Beziehung haben will, gibt er uns in seinem Wort Anweisungen für unsere Lebensführung.

Diese Anweisungen sind manchmal unbequem, weil sie uns Grenzen setzen. Ich kann mich als Christ eben nicht rücksichtslos durchsetzen wollen, obwohl heute viele Menschen nach dem Motto leben: Gut ist, was mir nützt. Manchmal kann uns das Wort Gottes auch wehtun, weil es uns auf unsere Fehler und auf unsere Schuld aufmerksam macht. Wir hören es ja viel lieber, wenn wir gelobt und in unserem Verhalten bestätigt werden. Ich freue mich, wenn jemand zu mir sagt: „Das haben Sie gut gemacht", und ich finde es gar nicht schön, wenn ich mir anhören muss: „Hier haben Sie einen Fehler begangen". Aber wenn der andere Recht hat, dann ist es für mich nützlich, dass er mir meinen Fehler zeigt. Damit habe ich die Chance, dass ich diesen Fehler nicht wiederhole. Solange ich nicht selbst erkenne, was ich falsch gemacht habe oder wenn mir niemand meinen Fehler zeigt, kann ich mich in diesem Punkt auch nicht ändern. Das Wort Gottes will uns unsere Fehler und unsere Schuld aufzeigen, damit wir uns ändern können. Gott will uns nicht auf unsere Schuld festnageln. Er vergibt sie uns, weil Jesus am Kreuz gestorben ist. Gott möchte uns vielmehr durch die Einsicht in unsere Fehler und in unsere Schuld ein anderes Verhalten ermöglichen.

Eine solche Kritik vom Wort Gottes her sollten wir uns auch von anderen Menschen gefallen lassen. Ich gestehe, dass ich recht aufbrausend reagiere, wenn mich jemand sehr gekränkt hat. Dann sage ich manchmal: „Dem oder der werde ich es zeigen". Da wäre es für mich gut, wenn jemand, der das hört, zu mir sagen würde: „Das ist nicht richtig. Sagen Sie ruhig dem oder der, die Sie gekränkt haben, dass sie Ihnen sehr wehtaten. Sie müssen ihren Kummer nicht in sich hineinfressen. Aber brüten Sie nicht darüber, wie Sie sich rächen können. Was wäre denn, wenn Gott sich an Ihnen für all das rächen würde, was Sie ihm angetan haben?" In dieser Stunde wäre ein solches Wort das Wort Gottes an mich, das ich brauche. Freilich wer sagt so ein Wort? Es besteht ja das Risiko, dass ich empört reagiere und antworte: „Was mischen Sie sich in meine Angelegenheiten ein. Ich tue, was ich für richtig halte". Aber wir sollten uns Kritik gefallen lassen, wenn sie vom Wort Gottes her an uns geübt wird, weil wir immer wieder in der Gefahr stehen, dass wir uns starrsinnig unsere eigenen Gedanken über das richtig und das falsche Verhalten machen.

Es ist freilich nicht so, dass unter uns nicht Kritik geübt wird. Manchmal wird sogar sehr heftig kritisiert. Dabei gilt die Kritik oft Leuten, die sie nicht hören können. Ob diese Kritik immer dem Wort Gottes entspricht? Wir kritisieren doch auch Leute, wenn sie nicht unseren Vorstellungen entsprechen, weil sie anders als wir sind. Das ist kein Grund zur Kritik. Wir sollen nicht Menschen nach unserem Bild schaffen oder beurteilen wollen. Es gibt auch unberechtigte Kritik. Wir müssen nicht jede Kritik akzeptieren, die an uns geübt wird, sondern wir sollen die Kritik am Wort Gottes messen und uns prüfen, ob sie von diesem Wort her berechtigt ist. Doch wenn sie das ist, sollten wir sie annehmen. Wir wollen doch nicht den Willen Gottes verachten, nachdem er uns angenommen hat.

Freilich werden wir uns, solange wir auf dieser Erde leben, nicht immer so verhalten, wie es Gott von uns erwarten kann. Wir bleiben auf seine Vergebung angewiesen. Deshalb haben wir zu Beginn unseres Gottesdienstes bekannt, dass wir schuldig geworden sind mit Gedanken, Worten und Taten, und wir haben die Zusage gehört, dass Gott uns vergibt. Aber wenn wir dass Wort Gottes ernst nehmen, werden wir den Willen Gottes wenigstens ein Stück weit befolgen können. Am Ende unseres Bibelabschnitts heißt es: „Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?" Gottes Wort hat die Kraft, immer wieder unsere eigenen Gedanken über die richtige Lebensführung zu überwinden, wenn wir es nicht verachten. Amen.

 



Prof. i.R. Dr. Ludwig Schmidt
Erlangen
E-Mail: gi_schmidt@t-online.de

Bemerkung:
Die Verse wurden unter dem Gesichtspunkt Kritik an den (falschen) Propheten ausgewählt.


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