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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Trinitatis, 10.06.2012

Predigt zu Jeremia 23:16-29, verfasst von Christian-Erdmann Schott

 

 

16 So spricht der HERR Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch; denn sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des HERRN.
17 Sie sagen denen, die des HERRN Wort verachten: Es wird euch wohl gehen -, und allen, die nach ihrem verstockten Herzen wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen.
18 Aber wer hat im Rat des HERRN gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört?
19 Siehe, es wird ein Wetter des HERRN kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen.
20 Und des HERRN Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen.
21 Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie.
22 Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.
23 Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?
24 Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe? spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? spricht der HERR.
25 Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt.
26 Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen
27 und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, wie auch ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal?
28 Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen? spricht der HERR.
29 Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?

Liebe Gemeinde, wir haben heute als Predigttext einen Abschnitt aus dem Propheten Jeremia. Man könnte ihn einen Werkstattbericht nennen, denn er lässt uns Einblick nehmen in die Probleme des Prophetenberufes. Als solcher brauchte uns dieser Text eigentlich nicht so schrecklich zu interessieren - nach dem Motto: Was gehen uns die Berufsprobleme eines Propheten an, der vor über zweieinhalb Jahrtausenden gelebt hat?

Aber das scheint nur so. In Wahrheit geht es in diesem Abschnitt um die sehr vorbildliche Aufarbeitung einer geschichtlichen Katastrophe. Stellen Sie sich vor: Die Oberschicht des Volkes Israel befindet ich in der Verbannung, im Exil in Babylon. Diese Oberschicht, die Elite des Landes, Priester, Handwerker, Künstler, Menschen, die alle von der Frage bewegt sind: Wie konnte das eigentlich geschehen, dass wir, die Glieder des Volkes Gottes, des Volkes seines Eigentums, hier in der Fremde sitzen, verschleppt, entrechtet, gedemütigt, dezimiert, unterworfen dem König der Babylonier, Nebukadnezar? Und eine Frage, die dabei mit Sicherheit immer wieder gestellt wurde, war: Wie konnte das geschehen? Warum haben wir das Herannahen der Katastrophe nicht verhindert? Hat uns denn keiner gewarnt? Warum waren wir so blind?

Und dann fiel ihnen ein, dass da durchaus einer war, der ihnen Warnungen zugerufen hatte, den sie inzwischen fast vergessen hatten, dieser angebliche Prophet Jeremia. Der hatte doch klar gesagt, was wir tun sollen. Aber warum haben wir auf diesen Jeremia eigentlich nicht gehört? Was war denn da mit uns los? Und so haben sie angefangen, das, was sie von Jeremia noch wussten, aufzuschreiben. Sie haben sich ehrlich mit ihm auseinandergesetzt und festgehalten, was er ihnen vorher gesagt hatte. So sind diese Kapitel entstanden, aus denen unser heutiger Predigttext stammt. Sie sind ein Teil der Rückbesinnung, der Aufarbeitung der zurückliegenden Geschichte durch die Israeliten im Exil.

Dabei sind die Verschleppten darauf gekommen, dass sie den Jeremia wohl gekannt und gehört, aber nicht ernst genommen hatten. Aber warum eigentlich nicht? Die wichtigste Antwort, die sie gefunden haben, steht nur zwischen den Zeilen. Vielleicht auch, weil sie sich im Nachhinein geschämt haben. Aber die wichtigste Antwort lautet: Das ist das Risiko jeder Generation, die auf dieser Erde lebt. Zu keiner Zeit haben die Menschen gewusst, was kommt. Zu allen Zeiten mussten sie Antworten finden, Weichen stellen, von denen es abhing, wie die Zukunft sein wird. Das fängt aber eigentlich schon sehr viel früher an, nämlich damit, dass wir uns bereits darüber klar werden müssen, wie denn unsere Gegenwart einzuschätzen ist. Und da gehen bereits die Meinungen in der Regel weit auseinander. Ich nenne nur zwei von den Fragen, vor denen wir heute stehen:

Einmal: Ist es wirklich schon fünf Minuten vor zwölf, wie uns der Club of Rom sagt, ist es wirklich so, dass die Umweltbombe tickt und wir bereits heute in einer außerordentlichen, selbst verursachten Gefahr leben - oder wird hier übertrieben? Oder die andere Frage: Ist unser Volk ein in seiner Seele gesundes Volk, das Zukunft hat - oder sind wir ein innerlich krankes, vergreisendes, sterbenden Volk, das mit dem Verlust des Glaubens an Gott auch die Lebenskraft, die sittliche Stärke, der Lebenswille ausgegangen ist? Noch etwas weiter gefasst: Sind die alten Völker Europas am Ende, während neue Völker mit neuer Kraft die Zukunft gewinnen?

Propheten, die uns sagen könnten, was die Stunde geschlagen hat, haben wir nicht mehr. Aber wir haben durchaus tonangebende Personen, die Meinungen machen und vertreten. Die einen beantworten diese Fragen mit Ja, andere mit Nein. Bei uns, den Zeitgenossen aber, liegt die Entscheidung, welchen Stimmen wir Recht geben wollen? Welche wollen wir überhaupt anhören? Das heißt, welcher Stimme wollen wir uns aussetzen?

Unsere Eltern und Großeltern standen vor der Frage: Nationalsozialismus Ja oder Nein. Das Verhalten, das von vielen damals praktiziert wurde, zeigt, dass wir solchen Entscheidungen gern ausweichen, nicht hinsehen, hinhören, eine Stellungnahme, vor allem eine ablehnende Stellungnahme, vermeiden, obgleich einzelne Rechtsbrüche schon sehr früh zu erkennen waren. Auch in unserem heutigen Evangelium, das wir eben gehört haben, geht es um diese Fragestellung. Der reiche Mann will Lazarus nicht sehen. Er will die Not dieses Bettlers übersehen, um ungestört alle Tage herrlich und in Freuden leben zu können.

Ganz ähnlich ist die Problemstellung, mit der sich der Prophet Jeremia herumschlagen musste. Sein Gegenüber war der Prophet Chananja. Er beruft sich genauso wie Jeremia auf die Tora, auf Gott, der ihn gesandt hat, auf dieselben Tatsachen, Sünden und Fehler im Leben des Volkes, die auch er sieht. Und trotzdem kommt er zu völlig anderen Einschätzungen, die er dann auch ins Volk trägt: Jeremia sagt dem Volk: Ihr seid auf dem falschen Weg. Ihr habt euch von Gott und seinen Geboten gelöst. Darum wird diese Gesellschaft mit dieser Einstellung untergehen, - wenn ihr euch nicht besinnt und umkehrt. Chananja sagt: Es ist alles in Ordnung. Ihr seid auf dem richtigen Wege. Macht weiter so. Hört nicht auf Jeremia. Jeremia ist ein notorischer Schwarzseher, ein Pessimist. Man darf das alles nicht so eng sehen. Die Folge war: Chananja wurde von den Leuten gern gehört. Sie liebten ihn. Jeremia verprügelten, verfolgten sie. Es gab Mordversuche. Langfristig hat Jeremia Recht behalten. Die Katastrophe ist eingetreten. Das Volk Israel wurde durch Nebukadnezar besiegt, die Oberschicht ins Exil verschleppt.

Aber nun, im Rückblick, im Exil, kommt es zur Besinnung und zur Aufarbeitung, die einmündet in das Bemühen, Kriterien zu gewinnen für Spätere, Kriterien auch für die Unterscheidung von wahren und falschen Propheten. Von den drei Kriterien, die sie dabei herausfinden, ist zweien gemeinsam, dass sie erst im Nachhinein, also dann, wenn alles vorbei ist, die letzte Klarheit geben. Trotzdem sind sie vorher nicht so verborgen, dass wir uns auf Unwissenheit herausreden könnten.

I. V. 25 ff.: Wir kennen die Zukunft nicht. Niemand kennt sie. Wenn die Lügenpropheten ihre Eingebungen, Wunschvorstellungen, Träume erzählen, ist es oft schwer zu durchschauen, dass es nicht die Wahrheit ist. Die Zeitgenossen sind häufig unsicher. Erst die Zukunft zeigt sicher, wo die Wahrheit war, dann nämlich, wenn Gott die Folgen eintreten lässt und die Träume der Pseudopropheten mit seinem Gerichtswort wie „Feuer" und „Hammer" zerstört. Solche Träumereien haben wir auch erlebt. Die Älteren erinnern sich noch: Es war zu schön, zu hören, was der brüderliche, soziale, kommunistische Mensch alles sein wird und wie wundervoll die neue Welt werden wird, - das von Menschen gemachte Paradies auf Erden. Und dann ist alles wie mit einem Hammer sehr schnell, in wenigen Jahren um 1990 zerschlagen worden.

Auch war es für viele wohl ein schöner Traum, Deutschland zum Herrenvolk über alle anderen Völker zu erhoben zu sehen. Der „Führer" hat sich dafür auf die „Vorsehung" und auf die „Sendung" berufen, in die Gott ihn angeblich gestellt hatte. Und viele haben gerade diesen scheinreligiösen Überbau gern und gläubig gehört. Und dann kam das Gericht. Die Folgen sind heute noch nicht überwunden. Es scheint fast zu einfach, wenn der Prophet vor zweieinhalb tausend Jahren oder die, die das in sein Buch aufgeschrieben haben, sagen: Im Nachhinein zeigt sich, dass das, was Chananja und seine Freunde verkündet haben, nur Träume waren, nichts als Illusionen. Aber ich denke, man sollte dieses Argument nicht unüberlegt vom Tisch wischen, weil man vieles, wenn man wollte, schon vor dem Ende erkennen konnte. Wir haben doch eine Vernunft, wir haben allgemein-geschichtliche und persönliche Erfahrungen, wir haben ein Gewissen, wir haben die Gebote. Wenn wir uns von daher die Frage stellen: Wo soll das, was um uns passiert, eigentlich einmal hinführen? Ist es wirklich wünschenswert, was uns diese Propheten verkünden? Sind alle diese Versprechen überhaupt einlösbar? Wenn wir die Folgen und die Folgezeiten ehrlich mit einbeziehen, noch während die Dinge im Fluss sind, sehen sie ganz anders aus: So wie es schon Georg Neumark, der Gesangbuchdichter, gewusst hat „Die Folgezeit verändert viel und setzet jeglichem sein Ziel". (EG 369, 5) So hat es ja auch immer wieder Menschen gegeben, die vor dem eingetretenen Unglück zumindest ahnten, wohin der Weg führt. Solche Menschen hatten wir auch in Deutschland, auch wenn es nicht sehr viele waren. Solch ein Mensch und Prediger war auch Jeremia. Darum wird noch heute zu Recht an ihn erinnert.

II. V. 18. Aber es gilt auch das andere: Als Hörer haben wir eine viel größere Verantwortung und viel mehr Mitwirkungsmöglichkeiten als wir in der Regel meinen. Immerhin ist es der Hörer und die Hörerin, die entscheiden, was sie hören, wem sie glauben, was sie daraus für Konsequenzen ziehen wollen. Darum müssen die Hörer ihre Fragen stellen, Auskünfte verlangen, hieb- und stichfeste Antworten einfordern gerade von denen, die so sicher auftreten und angeblich so genau wissen, was kommen wird und was zu tun ist. Diese Meinungsmacher müssen Rede und Antwort stehen auf unsere Fragen: Was willst du? Warum willst du, was du willst? Woher hast du deine Weisheit? Ist das, was du uns erzählst, wirklich aus der Verantwortung vor Gott und uns Menschen gesagt?

Es ist gut, hier an eine Warnung zu erinnern, die Jesus Christus seiner Gemeinde hinterlassen hat: „Sehet euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man auch Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln?" (Matth. 7, 15-16). Dabei ist mir persönlich wichtig, dass diese Warnung nicht zu einzelnen, vielleicht sogar elitären, Personen gesagt ist. Sie gilt der Gemeinde. Und auf Gemeinde, auf Menschen, die im Glauben mit uns auf dem Weg sind, sind wir angewiesen. Der einzelne kann manches überhören oder für sich schön reden. Wir brauchen die Korrektur der Brüder und Schwestern im Glauben, die mit hören, mit denken, mit uns gehen. Umgekehrt brauchen auch die anderen unsere Gemeinschaft und unsere ehrliche und aufmerksame Zeitgenossenschaft.

III. V.22. Damit ist allerdings noch immer die Frage offen: Gibt es Kriterien für die Echtheit eines Propheten? Wenn wir dem Gedenken an Jeremias folgen, dann lautet die Antwort, die die Israeliten damals gefunden haben: Kennzeichen des echten Propheten ist, dass er den Leuten nicht nach dem Munde redet, sondern bei der Wahrheit bleibt, auch wenn ihm das Nachteile, Leiden, bis hin zu Verfolgung oder gar Ermordung einbringt. Das Leiden des Propheten ist sein Echtheitssigel. In den christlichen Zeiten hat diesen Gedanken dann der Apostel Paulus aufgenommen. In seinen Briefen finden sich Äußerungen, die zeigen, dass er seine Leiden, die er als Verkünder und Apostel der christlichen Botschaft hinnehmen musste, seine Einkerkerungen, seine Verhöre, die Schläge, die er erlitten hat, als Ausweis seiner Echtheit anführt. Auch er hatte mit falschen Aposteln, so genannten Pseudoaposteln, zu kämpfen. Das waren Leute, die in seine Gemeinden eingedrungen waren, um Stimmung gegen ihn zu machen, die sein Apostolat anzweifelten und ihm unterstellten, sich den Titel eines Apostels unrechtmäßig zugelegt zu haben. Wir würden das heute Amtsanmaßung oder Amtsmissbrauch nennen. Demgegenüber wies der Apostel zu seiner Verteidigung auf die Leiden hin, die er bei seiner Amtsausübung erlitten hat. Damit hat er ein Kriterium aus dem Alten Testament übernommen, das dann auch wirklich als Ausweis seiner apostolischen Echtheit anerkannt wurde. Die Pseudoapostel konnten auf solche Leiden nicht verweisen.

 

Für die Aufarbeitung der Katastrophe war die Erkenntnis wichtig, dass die Israeliten dem falschen Propheten gefolgt waren. Statt auf Chananja hätten sie auf Jeremia hören sollen. Die Aufarbeitung konnte damit aber noch nicht abgeschlossen sein. Sie ging auch tatsächlich noch einen Schritt weiter, indem die Verschleppten nun auch die Frage nach ihrer Gottesvorstellung stellten. Wie konnten wir Gott so unterschätzen? Hatten wir nicht eine viel zu harmlose Vorstellung von ihm? Gott ist nicht der freundliche Begleiter des Volkes durch die Geschichte, als den ihn uns die falschen Propheten geschildert haben. Nein, er ist der Herr, der auch Hammer zum Zerschmeißen und Feuer zum Verbrennen schicken kann. Er ist der Unheimliche, der Schreckliche, der Verborgene, nicht „nur ein Gott, der nahe ist,.... sondern auch ein Gott, der ferne ist" (V. 23), der uns das Fürchten und das Zittern lehrt. Das ist dann die Einsicht, die die Aufarbeitung der Israeliten im Exil vor allem gebracht hat. Die Verharmlosung Gottes, seine Abwertung zum Kuschelgott schwächt den Ernst des Glaubens und der Verantwortung, nicht nur damals im alten Israel. Es ist immer so. Was dazu gesagt werden muss, hat später der Apostel Paulus sehr klar auf den Punkt gebrach: „Irret euch nicht. Gott lässt sich nicht spotten" (Gal. 6,7). Und Martin Luther hat uns in den Katechismus geschrieben: „Wir sollen Gott über alle Dingen fürchten, lieben und vertrauen". Amen.

 



Pfarrer em. Dr. Christian-Erdmann Schott
Mainz-Gonsenheim
E-Mail: ce.schott@arcor.de

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