Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

5. Sonntag nach Trinitatis, 08.07.2012

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 12:1-4a, verfasst von Andreas Pawlas

 

Der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte.

 

Liebe Gemeinde!

Was ist das für eine Szene, die einen anrühren oder verwirren, aber auch ermuntern oder trösten kann! Mir kommen dazu gleich zwei Bilder vor Augen. Das eine aus dem 6. Jahrhundert: Das zeigt eine etwas verwirrt und zweifelnd schauende Gestalt, also Abram, und - aus den Wolken einfach eine weisende Hand. Und das zweite Bild ist neueren Datums: Das zeigt einen Himmel voller Sterne und eine staunend erwartungsvoll nach oben schauende Gestalt mit weit ausgebreiteten Armen und Händen. Und ein Licht fällt ihm von oben auf Stirn und Herz.

 

Was für eine Spannung zwischen diesen beiden Bildern. Was für eine Spannung in unserem Bibelwort.

Allerdings vielleicht steht uns als versierten Bibellesern und -hörern und als weltgewandten modernen Menschen gar nicht mehr die Dramatik im Anfang unseres Bibelwortes vor Augen. Denn wenn heutzutage etwa junge Leute hören, sie sollten aus der überlieferten Umgebung ausziehen, dann sagen die vielleicht: „Toll, das wollte ich schon immer! Dieses muffige Elternhaus, diese Enge der Kleinstadt, die haben mich schon lange angewidert, und jetzt endlich kann ich endlich heraus! Wunderbar!"

Das ist aber nicht die Lebenssituation, in der Abram von Gott gesagt bekommt: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause". Denn in der damaligen Zeit, da bedeutete für Abram als Viehzüchter einfach „Vaterland" und überlieferter Boden die gesamte wirtschaftliche Lebensgrundlage. Nur auf dem einem selbst zustehenden Land konnte man seine Ziegen und Schafe ungestört weiden lassen und damit eine gesicherte Lebensbasis haben. Und was die Verwandtschaft anbelangt, so bedeutete die in diesen Urzeiten nahezu den einzig erreichbaren Schutz und ganz konkrete Hilfe. Denn wen man alarmieren konnte und durfte, wenn Feinde in das Land eindrangen, um sie dann zurückzudrängen, das war doch die Verwandtschaft. Und Feinde gab es damals viel. Verwandtschaft konnte und durfte man auch um Hilfe bitte, wenn Krankheit und Tod zuschlugen. Und dann hielt man zusammen. Und was ein Haus betrifft, so war es in damaliger Zeit aus Lehmziegeln vielleicht schneller gebaut, aber sicherlich nicht weniger bedeutsam als heute.

Wenn man also in der heutigen Zeit die Zumutung wirklich verstehen wollte, vor die Gott diesen Viehzüchter Abram stellt, dann sollte man lieber nicht dieses: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause." im Ohr haben, sondern vielleicht stattdessen: „Geh aus deinem Beruf und Gelderwerb, verzichte auf Sozialversicherung und polizeilichen Schutz, lasse alles hinter dir, was du dir an Vermögen, Haus oder Verbindungen erworben hast - und gehe in die Wüste!"

Das ist wirklich ein ganz anderes Kaliber. Allerdings weiß ich, dass selbst ein solches Gebot heutzutage für manche junge Leute interessant genug sein könnte. Eben für junge Leute, die ihren ganz eigenen Weg suchen und finden wollen, und sei es in der Wüste. Jedoch für Ältere, die schon lange ihren Weg gefunden haben, so wie Abram, für Ältere, die gesettelt sind und die das Leben bereits gesehen haben, da ist das völlig unakzeptabel! Und hier dürfen wir doch nicht den Vers direkt nach unserem Predigttext übersehen, wo es nämlich heißt: „Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog."(Gen 12,4b)

Jetzt weiß ich zwar nicht, ob diese alttestamentlichen Altersangaben genau mit unseren Altersvorstellungen übereinstimmen. Wie wäre es aber, wenn diese Abram-Geschichte trotzdem eine Senioren-Geschichte wäre? Wie wäre es, wenn hier etwa in dieser Weisung Gottes an Abram eine Weisung an uns Ältere in der Christenheit hindurchklingen wollte? Ja, wie würde sich das denn für uns Ältere anhören, wenn man diese Weisung Gottes: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause"., für das eigene gereifte Leben vielleicht so verstehen könnte: „Verlass dich nicht mehr auf deine gesicherte Rente und Pension. Beanspruche nicht mehr eine komplette Rundumbetreuung durch deine Lieben. Trenne dich endlich von deinem Haus oder anderem teuren Gut und brich auf in neue Lebensverhältnisse!"?

Möglicherweise hat bereits der eine oder andere solche Weisung bereits gehört oder gefühlt, und bereits fürsorglich das Meiste seiner Habe an liebe Angehörige weitergegeben und ist bereits aufgebrochen in die letzte, ganze bescheidene Phase seines Lebens, die für manche betreutes Wohnen oder Leben im Seniorenheim bedeutet.

Wenn auch aus der Sicht der Jüngeren solch eine konkreten Weisung, seinen gewohnten Lebensraum zu verlassen, völlig logisch und konsequent erscheinen mag, so darf nicht übersehen werden, dass wir Menschen uns in keinem Alter gern Weisungen erteilen lassen. Und darum erleben wir es immer wieder, wie viele unter uns Älteren so etwas einfach nicht hören wollen und sich die Ohren zu halten. Allerdings das auch mit guten Gründen, denn aus Erfahrung wissen wir, wie gut es ist, eigene Reserven und Vorräte zu haben und wie hilfreich es ist, sich in vertrauten Orten und Zusammenhängen sicher bewegen zu können und vertraute Menschen um etwas bitten zu können. Und außerdem: Haben wir uns nicht alles Gut und Geld, Haus und Hof und was uns zusteht, eigenhändig fleißig erarbeitet. Warum sollen wir uns jetzt von allem trennen?

Es könnte allerdings auch sein, wenn wir genau hinschauen, dass wir doch insgeheim erkennen, dass allein unser Gott, als Geber aller guten Gaben, uns hat Vaterland, Verwandtschaft, Haus, Gesundheit, Gut und Geld aus lauter Güte zuwachsen lassen. Und vielleicht leuchtet uns, wenn wir genau hinschauen, genauso insgeheim ein, dass wir Ältere uns von so viel trennen und uns zurückziehen müssen, damit die nächste und übernächste Generation Lebensmöglichkeiten und Lebensraum hat. Denn ansonsten würden sie doch die vielen durchaus berechtigten Ansprüche von uns Älteren schlicht erdrücken!"

Jedoch wenn wir uns dann von Haus, Gut und Geld trennen und uns zurückziehen wollten und vielleicht alles den Kindern oder Enkeln überlassen oder mildtätigen Werken, was ist, wenn die dann grob undankbar sind? Was ist, wenn man uns dann wegen unserer Selbstlosigkeit nicht genügend lobt und preist und mit der Währung Liebe und Fürsorge zurückzahlt? Das würde uns nicht gefallen. Darum lieber erst gar nicht richtig zuhören!

Wie anders ist das da bei Abram! Denn der schaut nicht darauf, was es bringt und wie es werden wird. Und für ihn ist zwar auch der merkwürdige Satz zu einem großen Volk gemacht zu werden, völlig unverständlich. Aber er ist einfach der aus den Wolken weisenden Hand Gottes gehorsam und geht.

Allerdings ist genau ein solcher Gehorsam für uns Ältere genauso wie für Jüngere einfach unakzeptabel! Denn wir sind es gewohnt, alles selbst zu bestimmen und selbst aus Einsicht zu handeln, aber doch nicht aus Gehorsam! Und die vernünftige Einsicht, dass die nächste und übernächste Generation auf unsere Kosten Lebensmöglichkeiten und Lebensraum haben müssen für ihre Zukunft, kann keinesfalls stärker sein, als unser gegenwärtiges Sicherheitsbedürfnis. Darum ist auch heutzutage dieser Nachsatz an der göttlichen Weisung, zu einem großen Volk gemacht zu werden, völlig uninteressant.

Wie wäre es aber, wenn die Einsicht in uns groß werden könnte, dass der lebendige Gott nicht nur das Lebensgesetz für den ganzen Kosmos ist, sondern auch ganz bestimmt meinen und deinen Weg durchs Leben bestimmt und trägt? Es könnte doch auch sein, dass wir Jüngere und Ältere in unserem Leben bereits erfahren haben, wie unser Gott uns nicht nur so viele Male wohl geführt, behütet und beschützt hat, sondern es sogar verstanden hat, aus Bösem Gutes für uns entstehen zu lassen, aus Gefahr und Angst, Dankbarkeit, Freude und Erfüllung. Und als Christenmenschen dürfen wir doch sogar in dem Glauben leben, dass selbst Qual und Tod für den, der glauben kann, unter dem Kreuz aufgehoben ist und durch Auferstehung überwunden wird. Und wenn wir das als die Grundlage für Gottes Gesetz und seine Weisung bereits haben erkennen und erfühlen dürfen, dann wäre doch Gehorsam gegen seine Weisung überhaupt nicht abwegig!

Darum jetzt kommt das, was in dem zweiten Bild von Abram so eindrücklich dargestellt ist: Das ist der Himmel voller Sterne. Und darunter stehen Abram und wir und schauen staunend erwartungsvoll nach oben mit weit ausgebreiteten Armen und Händen mit einem Licht, das von oben auf Stirn und Herz fällt. Nein, Gehorsam gegen Gottes Weisung ist nicht Herdengehorsam der Lemminge in Tod und Vernichtung. Sondern wenn wir uns nach Gottes Gebot richten, und unsere guten Ansprüche und Absicherungen zugunsten der Jüngeren und derer, die Not leiden, verlassen, dann dürfen wir uns trotzdem sicher sein, in das Lebensgesetz für den ganzen Kosmos unverlierbar eingebettet zu sein und zu bleiben. Wenn wir uns auf diese Weise von Gütern dieser Welt trennen und großzügig sind, und uns damit nach dem von Christus verkündigten Doppelgebot richten, Gott zu lieben und unseren Nächsten wie uns selbst, dann kneifen wir uns nicht etwas ab, sondern haben und behalten Anteil an der kosmischen Fülle, die uns von der Ewigkeit her berühren will. Für den, der das glauben kann, kann es darum richtig spannend werden, in neue Lebensabschnitte aufzubrechen! Denn dann wandern wir eben nicht in einen Wüsten-Todesstreifen, sondern in das „gelobte Land", in das Land, in dem, wie es dann in der Väter-Geschichte für die Ohren des Alten Gottesvolkes weiter heißt, „Milch und Honig fließt", oder wie es das Neue Gottesvolk wissen darf, in das Land, das von der Liebe zu Gott und zu den Nächsten erfüllt ist.

Und wenn wir uns auf diese Weise nach dem uns von Christus verkündigten Doppelgebot richten, dann werden wir nicht nur selbst erfüllt und dankbar, sondern dann werden wir auch durch unsere Liebe und Großzügigkeit ein Segen. Und das nicht nur für unsere nahen Angehörigen und für unsere Gemeinden, sondern für die ganze Welt. Und dann werden nicht nur wir, sondern alle Welt die Erfahrung teilen, dass nur das bleibt und Früchte trägt, was aus Glaube, Liebe, Hoffnung gedacht, gefühlt, gesagt und getan wird, während alles andere unter der bitteren Erfahrung der Vergänglichkeit steht und nicht bleiben wird.

Gewiss haben wir nie die letzte Gewissheit, ob das, was wir gedacht, gefühlt, gesagt und getan haben, allein aus Glaube, Liebe, Hoffnung kommt. Aber genau darin tragen uns eben Glaube und Hoffnung, dass Gottes Segen wirkt, egal, ob wir das selbst an uns merken können. So braucht die Welt eben Glaube, Liebe, Hoffnung, und nicht unsere klugen Analyse. Darin werden gesegnet alle Geschlechter auf Erden. Und in diese Wirklichkeit aus Glaube, Liebe, Hoffnung da können wir Jungen oder Alten gern gemeinsam ausziehen, aus allem, was uns hier auf dieser Welt ablenken und unnötig binden will, also letztlich froh, getrost und erwartungsvoll aus dieser vergänglichen Welt hinaus hinein bis in Gottes Ewigkeit.      Amen.

 



Pastor i.R. Dr. Andreas Pawlas
25365 Kl. Offenseth-Sparrieshoop
E-Mail: Andreas.Pawlas@web.de

(zurück zum Seitenanfang)