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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

5. Sonntag nach Trinitatis, 08.07.2012

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 12:1-4a, verfasst von Christiane Borchers

 

Liebe Gemeinde!

Sind Sie schon einmal ein Segen für andere gewesen? Haben Sie schon einmal einem Menschen so viel Gutes getan, dass er das Gefühl hatte, von Ihnen gesegnet zu sein? Was war das für eine Situation? Haben Sie jemanden glücklich gemacht, weil Sie ihm in einer schwierigen Lage geholfen haben? Oder haben Sie einem Menschen das Gefühl gegeben, dass er nicht allein ist, wodurch hat er Kraft und Stärke bekommen hat? War Ihnen jemand von ganzem Herzen dankbar, weil Sie ihn nicht im Stich gelassen und zu ihm gehalten haben? - Haben Sie sich schon einmal so viel Gutes empfangen, dass Sie sich als gesegnet empfunden haben? Was könnte das gewesen sein? Die Geburt eines Kindes, die eigene Hochzeit, die Erfüllung eines Herzenswunsches, Erfolg im Berufsleben, die Freude darüber, mit anderen Menschen zusammen zu sein? Es ist wunderbar, wenn wir das Gefühl haben, gesegnet zu sein. Wir fühlen uns in unserer Lebenssituation wohl, verspüren eine innere Zufriedenheit, sind erfüllt mit Zuversicht, wissen, wir sind nicht allein, uns wird geholfen. „Du sollst ein Segen sein", fordert Gott Abraham auf, verbindet diese Aufforderung mit einer Segensverheißung für ihn selbst und für alle Geschlechter der Erde. Abraham erhält von Gott eine Aufforderung zum Aufbruch aus seinen Lebensverhältnissen. „Geh aus deinem Heimatland, von deiner Verwandtschaft, aus deinem Elternhaus in ein Land, das ich dir zeigen will". Er soll alles hinter sich lassen, was ihm bisher Halt gegeben hat: Sein Heimatland, in dem er sich wohl gefühlt hat, der Erdboden, der ihn, seine Familie, seine Kamele, seine Schaf- und Ziegenherden ernährt hat, seine Verwandtschaft, die ihn die Vertrautheit und den Schutz einer großen Sippe bietet, sein Elternhaus, in dem er aufgewachsen ist, wo er seine Wurzeln hat. All das soll er verlassen. Das bedeutet eine totale Trennung. Er soll sich lösen von seiner Herkunft, von seinem Land, von vertrauten Menschen und sich auf etwas völlig fremdes und neues einlassen. Das Ziel wird nicht konkret benannt, Er soll aufbrechen in ein Land, das Gott ihm zeigen will. Das Ziel ist offen, er weiß nicht, wohin er geht. Er weiß nur, dass Gott mit ihm sein wird. Gott zeigt ihm dieses Land.

Abraham folgt der Verheißung. Er bricht auf. Er bricht aber nicht allein auf. Dass Menschen ganz allein sind, gibt es im alten Orient nicht. Niemand lebt allein, jede und jeder gehört einer Familie an. Abraham nimmt seine Frau Sarah und seinen Neffen Lot mit, dazu seine Mägde und Knechte mitsamt seinen Kamelen, Schaf- und Ziegenherden, seinem Hab und Gut. Für alle und alles ist Abraham verantwortlich. Obwohl Sara und Lot, die Mägde, Knechte, Tiere mitziehen und Abraham in einem modernen Sinne nicht allein ist, ist der Aufbruch ein radikaler Bruch. Er lässt alles hinter sich, was ihm Sicherheit und Schutz, Vertrautheit und Orientierung bietet, zieht einer ungewissen Zukunft entgegen. Er weiß nicht, wohin sein Weg ihn führt? Es ist eine Reise, die mit Unsicherheit und mit Risiko verbunden ist. Was kommt, ist offen. Es kann sie ein besseres Leben erwarten, es können aber auch große Schwierigkeiten auftreten, die sie nicht bewältigen können. Wenn sie weggehen, werden sie Fremde sein. Werden sie Lebensmöglichkeiten für sich, Weidegrund für ihre Tiere finden? Werden die Menschen, in deren Land sie ziehen werden, ihnen freundliche begegnen und bereit sein, Fremde aufzunehmen? Werden sie eine Zukunft haben? Die Angst ist groß und will sich nicht unterkriegen lassen. Was ihre Nachkommenschaft betrifft, so haben Sara und Abraham gewiss keine Zukunft. Sie sind kinderlos. Ihre Linie der Familie wird aussterben, wenn nicht ein Wunder geschieht. Abraham ist alt, als er die Verheißung von Gott bekommt aufzubrechen. Abraham ist 75 Jahre alt, als er aus Haran auszieht. Was hat ihn - abgesehen von der Verheißung bewogen - wegzugehen? Aufbrüche geschehen nicht immer freiwillig, jedenfalls nicht, wenn Menschen bereits ein gewisses Alter erreicht haben. Aufbruch, das ist etwas für die Jugend. Junge Menschen brechen auf, wenn sie flügge werden, verlassen ihr Elternhaus, erlernen einen Beruf, ziehen zum Studium in eine andere Stadt. Sie müssen sich abzunabeln, müssen lernen, erwachsen zu werden, müssen lernen, ihr Leben eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen. Aufbrüche gibt es viele im Leben, freiwillige und unfreiwillige. Manchmal ist es gut, alles hinter sich zu lassen, einen neuen unbelasteten Weg zu beschreiten ohne auf die Vergangenheit festgenagelt zu sein. Manchmal werden Menschen zu Aufbrüchen gezwungen, heraus gestoßen aus ihrem sozialen Umfeld, entwurzelt. Aufbrüche wagen, wohl in der Jugend und in der Mitte des Lebens, aber im Alter? Wenn der Schwung der Jugend vorüber ist und die Kraft der mittleren Jahre nachlässt? War Abrahams und Saras Aufbruch ein unfreiwilliger Aufbruch? Möglicherweise war es zu Auseinandersetzungen mit Terach, dem Vater von Abraham gekommen, möglicherweise war für zwei große Sippen kein Platz mehr. Vielleicht war die Lebensgrundlage für den Stamm gefährdet, Meinungsverschiedenheiten, Hunger und Dürre mögen sie zum Aufbruch getrieben haben. Im Nachhinein werden sie den Aufbruch als Gottes Verheißung gedeutet haben, weil sie den Ausgang kennen, weil sich der Segen bewahrheitet hat, der bei ihrem Aufbruch gesprochen wurde, weil sie eine Lebensgrundlage, neue Heimat, Freundinnen und Freunde gefunden haben. Im Nachhinein offenbart sich eine Lebensgeschichte in einem neuen Licht. Im Nachhinein klärt sich, was zuvor verborgen war. Im Nachhinein ergibt sich Sinn.

Gibt es Aufbrüche in Ihrem Leben, die Sie besonders geschmerzt haben? Mussten Sie Orte verlassen, von denen Sie glaubten, eine Heimat gefunden zu haben? Mussten Sie sich trennen von Menschen, weil ein weiteres Leben mit ihnen unerträglich werden würde? Haben Sie Ihre Arbeit verloren, die Ihnen neben einer finanziellen Existenzsicherung Freude bereitet hat? Kennen Sie Aufbrüche, die wehtaten, die ins Unglück stürzten, die lange Zeit brauchten, um verschmerzt zu werden? Und das gibt es auch, Aufbrüche, die unfreiwillig sind, die große Sorgen verursachen, die letztlich aber Befreiung bringen. Aber das weiß ich zu dem Zeitpunkt, indem ich aufbrechen muss, nicht. Wohin der Weg führt und was wird liegt völlig im Dunkeln. Dreimal wird benannt, wovon Abraham sich trennen soll: von seinem Land, von seiner Verwandtschaft, von seinem Elternhaus. Menschen, die ihm nahe stehen, den Boden, in dem er verwurzelt ist, soll er verlassen um eines Ziels willen, das er nicht kennt. Das löst Angst aus.

 

Dreifach ist die Trennung, dreifach ist die Verheißung. Gott verhießt ihm erstens, dass er ihn zum großen Volk machen will, zweitens, dass er ihn segnen will, drittens, dass er ihm einen großen Namen machen will. Wiegen die Verheißungsworte die Aufforderung zur Trennung auf? Abraham soll ein großes Volk werden. Wie denn, er hat keine Kinder! Gott will ihn segnen. Wie soll das gehen in der Fremde, wo er keinen Menschen kennt? Gott will ihm einen großen Namen machen. Wie soll er geachtet werden von Menschen, die ihm womöglich nicht wohl gesonnen sind? Das einzige, was Abraham hat, als er aufbricht, ist Gottes Wort. Sonst nichts. Konkret vor Augen hingegen stehen die Sorgen und die Angst vor der unsicheren Zukunft. Im Nachhinein wird sich herausstellen, dass Abraham wirklich gesegnet worden ist. Sara hat einen Sohn geboren, den Isaak, aus dem ein großes Volk hervorgehen wird. Abraham und Sara haben reiche Nachkommenschaft bekommen. Sie haben Land gefunden, auf dem sie sich niederlassen durften, die Herde hat sich vermehrt, sie sind zu Reichtum und Wohlstand gekommen, aber das zeigt sich erst viele Jahre später. Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass der Aufbruch wahrhaftig ein Segen war.

Die Segensverheißung beim Aufbruch war verbunden mit dem Auftrag: „Du sollst ein Segen sein." Abraham soll ein Segen sein, er soll heilvoll wirken so wie Gott heilvoll wirkt. Den Segen, den er von Gott bekommen hat, soll er weitergeben. Auch andere sollen am göttlichen Segen teilhaben. Die Aufforderung: „Du sollst ein Segen sein" schließt ein, dass der Auftrag auch verfehlt werden kann. Verfehlt wird er, wenn er den Segen für sich behält und blockiert. Gott will, das alle Menschen auf Erden gesegnet werden. „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde." Zwischen den dreifachen Segensverheißungen und dem Segen für die Völker ist ein Fluchwort eingebettet. „Ich will dich segnen, die dich segnen und verfluchen, die dich verfluchen..." Wer Abraham geringschätzig behandelt und missachtet, wird Gott verfluchen. Unheil wird denjenigen widerfahren. Gottes Fluch zwingt Geschöpfe zu Boden, die Schlange aus dem Paradies soll auf dem Bauch kriechen. Wer verflucht ist, dem wird das Leben zur Mühsal. Adam soll im Schweiße seines Angesichts sein Brot essen. Der Fluch macht Menschen zu Knechten, lässt sie Mangel leiden, sich vergeblich abmühen, sie unstet und flüchtig sein so wie Kain es war. Das Fluchwort unterstreicht die Ernsthaftigkeit der Segensworte. Sie dienen Abraham und Sara als Schutz in der Fremde. Die Segenworte überwiegen, der Schwerpunkt der Aufbruchsgeschichte sind Segensworte.

Wer Segen empfangen hat, soll ihn weitergeben. Sei ein Segen für Menschen, die den Aufbruch wagen müssen, die Hilfe und Unterstützung benötigen, weil sie fremd sind und Orientierung brauchen. Sei ein Segen für Menschen, die eine neue Heimat suchen, die neue Freundinnen und Freude brauchen. Sei ein Segen für Menschen, die zwar äußerlich zu Hause bleiben in ihrem vertrauten Umfeld, die aber einen inneren Aufbruch brauchen, und sich aus starren Strukturen befreien möchten. Gott hat nicht nur Abraham und Sara gesegnet, er hat auch uns gesegnet. Er hat uns geführt und geleitet, er war mit uns bei unseren Aufbrüchen, hat uns zu Menschen gebracht, die uns glücklich machten, Orte gezeigt, an denen wir uns wohl fühlten und Heimat fanden. Unser Leben lang werden wir Aufbrüche wagen müssen, das hört bis ins hohe Alter nicht auf. Gott verheißt uns, bei uns und mit uns zu sein. Er führt uns an seiner starken Hand zu einem guten Ziel. Amen.

 



Dipl.-Theol., Pfarrerin Christiane Borchers
26721 Emden
E-Mail: christiane.borchers@web.de

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