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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

5. Sonntag nach Trinitatis, 08.07.2012

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 12:1-4a, verfasst von Thomas Bautz

 

Und der Ewige sprach zu Abram: „Geh' für Dich allein von Deinem Lande, von Deinem Geburtsort und vom Haus Deines Vaters zu dem Land hin, das ich Dir zeigen werde.
Und ich werde Dich machen zu großem Volke, ich werde Dich segnen, und ich möchte Deinen Namen groß werden lassen; werde Du ein Segen.
Ich werde segnen die Dich segnen, und mich denen die Dir fluchen entziehen. Durch Dich werden alle Familien der Erde gesegnet sein."

Liebe Gemeinde!

Wenn die rabbinische Überlieferung vom Anfang der jüdisch-israelitischen Geschichte erzählt, so beginnt sie mit einem Mann der (nach ihrer Auffassung) vor 4000 Jahren lebte.
Sein Name war Awram Ben-Terach (Abram, Sohn des Terach). Er kam zur Welt im Jahre 1948 (jüd. Kalender), d.h. 2040 vor der allg. Zeitrechnung. Seine Eltern, welche ein Geschäft besaßen, in welchem Sie Götzenbilder bzw. Devotionalien handelten, wanderten von Ur Kasdim (in der Nähe des persischen Golfes) nach Charan in Padan Aram (im Tal des Habur, eines Nebenflusses des Euphrat in Mesopotamien).

Eine rabbinische Legende berichtet uns, dass Abram, als er eines Tages allein im Laden seines Vaters war, die Statuen der Götzen zerstörte. Sein Vater war sehr zornig und fragte, was geschehen sei. Abram antwortete, der größte der Götzen habe die kleineren zerstört. Sein Vater geriet jetzt erst recht in Zorn: „Du weist ganz genau, dass die Götzen sich nicht bewegen können." „Wenn diese sich nicht selbst helfen können, dann sind wir ihnen doch überlegen - weshalb also sollten wir uns vor ihnen niederwerfen?"

Abram, später Abraham genannt, gelangte schon früh zu der Überzeugung, dass es nur einen einzigen ewig-einen JHWH gäbe, und dass dieser JHWH allgegenwärtig sei (El Shaday). An einem Götzenkult mit verschiedenen „Göttern" für verschiedene Menschen konnte er nach der Erkenntnis der Einzigkeit JHWHs nicht mehr teilhaben.

In Charan verließ er seine Eltern, seine gesamte Verwandtschaft und auch deren Kultur und Religion. Heute wird er im Judentum „Awraham Awinu" (Abraham unser Vater) genannt.
Mit seiner Frau Saraj (später Sarah) zog er ins Land Kanaan und ließ sich dort nieder.

Abraham wird - auch innerhalb des Judentums - als „Vater vieler Völker" angesehen und gehört neben Moses zu den wichtigsten Figuren in den drei Buchreligionen: Judentum, Christentum, Islam. Zum einen gilt er als Repräsentant für die Abkehr von Götzenverehrung und Polytheismus - zur Hinwendung zum Monotheismus.

Zum anderen wird in der Person des Abraham ein Vorbild für Gottvertrauen, für einen lebendigen, gehorsamen, konsequenten Glauben gesehen. Diese Bedeutung dürfte auch im Christentum - zumal in dessen Anfängen (vgl. NT) - eine zentrale Rolle spielen.

Bei Mt (22,32) löst der Rabbi aus Nazareth mit seiner revolutionären Auslegung der Tora bei den Zuhörern Entsetzen aus, indem er die Formel „Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs" als Hinweis auf „die Auferstehung der Toten" deutet: Denn „Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern ein Gott der Lebenden". Somit ist indirekt auch gesagt, dass Abraham ewig lebt.

Im Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus wurde der im irdischen Leben unter schrecklicher Mühsal und grausamer Entbehrung Gelittene im Jenseits „von Engeln getragen in Abrahams Schoß" (Lk 16,22).

Sprichwörtlich „sicher" zu sein „wie in Abrahams Schoß" - in der anderen Dimension (diesen Ausdruck ziehe ich vor), - welch ein hoher Rang wird dem alten Patriarchen da zugebilligt!

Den biblischen Überlieferungen zufolge wurde Abraham aufgrund seines Gehorsams gerecht gesprochen. Er folgte der inneren Stimme JHWHs in seinem Herzen, verließ sein Elternhaus und wagte den Aufbruch in die Fremde. Damit war er auch bereit, konsequent Kultur und Religion seiner Herkunft aufzugeben. Er öffnete sich für Neues, großenteils Unbekanntes.

Mir fällt auf, dass die kurze Erzählung in der Genesis - auch spätere Erzählstränge - einen reinen Monolog darbietet. Es wird kein Gespräch erzählt - wie etwa bei gleichermaßen wichtigen Geschichten wie der Berufung des Moses und vieler Propheten. Abraham hört, er redet nicht, während Moses und einige Propheten Bedenken anmelden und auf ihre Defizite hinweisen: „Ich bin nicht sehr beredt." „Ich bin unreiner Lippen ..." „Ich bin zu jung." (usw.)

Dabei ist Abraham keineswegs ohne Makel. Als ihn sein Weg durch Ägypten führt, gibt er dem Pharao gegenüber seine schöne Frau als Schwester aus, weil er Angst hatte, dass jener ihm nach dem Leben trachten könnte. Der Legende nach wird der Pharao des Betrugs gewahr und lässt Abraham mit seiner Frau in Frieden weiterziehen.

Die Idealisierung herausragender sagenhafter Gestalten der religiösen wie profanen Geschichtsschreibung ist freilich nichts Besonderes und wirkt verständlich, wenn sie für spätere Generationen zu Symbolfiguren werden. Abraham verkörpert Glaubensgehorsam und die Bereitschaft zum Aufbruch.

À propos Aufbruch - „in das Land, das ich dir zeigen werde" (Gen 12,1). Der Name des Landes wird nicht genannt; jedoch ist aus dem Kontext ersichtlich, dass Abraham von Anfang an das Ziel kennt und entsprechend auch die Richtung einschlägt (Gen 12,5).

Rabbinische Ausleger arbeiten heraus, dass es nicht um Kenntnis oder Unkenntnis, sondern um persönliche Anschauung des verheißenen Landes (Kanaan) geht. Abraham wusste zwar, wohin er ziehen wird, aber JHWH wollte ihm die Beschaffenheit des Landes vor Augen führen. Außerdem war die Erfüllung des Segens an und durch Abraham an diesen Aufbruch gebunden.

Ich möchte mit Ihnen heute über „Aufbruch" und „Segen" nachdenken.

Unser Sohn wird - wie viele andere Kinder - nach den Sommerferien eingeschult. Aus unserer Sicht als Eltern ist das für ihn eine große Aufbruchsituation. Er wird buchstäblich für die halbe Tageszeit sein Elternhaus immer wieder verlassen - und damit auch die gewohnte Atmosphäre des Vertrauens, der Geborgenheit, der Gelassenheit und der Möglichkeit, sich nahezu jederzeit mit seinen Fragen an Vater oder Mutter wenden zu können. Er muss für einen halben Tag seine Spielsachen, seine Bücher, sein Zimmer usw. zurücklassen.

Ich kann mich an vieles aus meiner Grundschulzeit - besonders aus der Phase direkt nach der Einschulung - nicht mehr klar erinnern. Aber eines weiß ich genau: die Schule war eine andere, fremde Welt. Doch im Großen und Ganzen verlief die Einschulung bei uns völlig unproblematisch. Wir Kinder wurden nicht begutachtet, hatten keine Testverfahren zu durchlaufen, wurden nicht in sog. Förderkurse oder -klassen gesteckt. Heute werden Kinder bereits ab dem vierten Lebensjahr im Kindergarten getestet. Die Entwicklungsdiagnostik - dies zeigen Publikationen aus dem Jahr 2010 (!) - wird in der Fachliteratur, auch für dieses Lebensalter, viel differenzierter und kritischer diskutiert, als sie dann an der „Basis", d.h. in Kindergärten und Schulen, praktiziert wird.

Hier und da werden Urteile durch Gutachter via Anwaltskanzleien angefochten; die größten Probleme gibt es in NRW, wie ein Anwalt berichtet. Einige Kanzleien haben sich bereits bundesweit auf Schulrecht und Verwaltungsrecht spezialisiert. „PISA und die Folgen" - so wird der offenbar doch übereilte Aufbruch in eine neue, „bessere" Bildungspolitik in der Fachwelt charakterisiert.

Quo vadis, Germania?, bin ich geneigt zu fragen. Und vor allem: Wohin gehen unsere Kinder? Wenn sich dieser Aufbruch in Bildungsprozesse, die immer früher beginnen sollen, am Ende doch nicht als so „segensreich" erweist, wie man es versprochen oder gar verheißen hat, dann wird Deutschland eher noch hinter PISA zurückfallen. Wobei die PISA-Studien inzwischen auch längst differenzierter betrachtet werden, als dies anfänglich der Fall war. Wir wissen nun, dass viele Länder gar nicht miteinander verglichen werden können. Aber die damals ausgelöste Hysterie hält an.

An den Hochschulen seufzen viele Dozenten und Studierende über die in Deutschland auch relativ neuen Bachelor- und Masterstudiengänge: Module müssen abgearbeitet, Punkte gesammelt werden; freie Gestaltung der Lehrpläne stark eingeschränkt. Ein Dozent für Philosophie z.B. hatte früher ca. 15 Studierende im Seminar und konnte mit ihnen gut arbeiten, weil sie aus Interesse erschienen; heute hat er fast 120 Studierende in einer Veranstaltung, und die meisten kommen, weil sie die Punkte brauchen.

Nach Aussage eines Kunsthistorikers habe das neue System auch Vorteile - nun gut!

Ich erwähnte das Wort „segensreich". Die älteren Leute in unserer Gesellschaft, die von mir geschätzten Senioren, die sich oft als sehr gute Gesprächspartner erweisen, verwenden des öfteren den Satz: „An Gottes Segen ist alles gelegen."

Ich glaube, um diesen - fast bekenntnishaften - Ausspruch in der Tiefe ausloten zu können, bedarf es einer großen Lebenserfahrung. Wenn alle drei Buchreligionen in Abraham einen Menschen sahen, der selbst „Gottes" Segen erfuhr und vielen Völkern und Generationen auch zum Segen wurde, dann setze ich voraus, dass die Überlieferer ebenfalls aus dem Segen JHWHs lebten.

Es ist nicht einfach, ein Wort wie „Segen" zu erklären. Wir dürfen es mit Geborgenheit, Schutz, Bewahrung, aber auch Glück, Erfolg verbinden. Eichendorff konnte dichten:

 

Gottes Segen

Das Kind ruht aus vom Spielen,

Am Fenster rauscht die Nacht,

Die Engel Gotts im Kühlen

Getreulich halten Wacht.

 

Am Bettlein still sie stehen,

Der Morgen graut noch kaum.

Sie küssen's, eh sie gehen,

Das Kindlein lacht im Traum.

 

Nachdenklich wirkt die folgende Strophe aus einem Gedicht von Goethe:

 

Genieße mäßig Füll und Segen,

Vernunft sei überall zugegen,

Wo Leben sich des Lebens freut.

Dann ist Vergangenheit beständig,

Das Künftige voraus lebendig,

Der Augenblick ist Ewigkeit.

 

Bescheiden und dankbar bleiben für ein Leben in Fülle - oh, wie haben sich da die Maßstäbe verschoben. Und wie erschreckend relativ sind die äußeren Verhältnisse. Wer bei uns kein eigenes Auto fährt, muss sich mitunter bei den Nachbarn erklären, weil ein Auto oder zwei in Deutschland nicht als Luxus angesehen werden. Dagegen bangt manch wackerer Bauer in Indien oder Afrika um das Überleben seines Ochsen, der den Karren mal wieder aus dem Schlamm ziehen muss.

Manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Menschen in Armut, Not und Elend in gewisser Weise glücklicher sind als viele Menschen in den Industrieländern, die im Wohlstand leben und derart im Überfluss, dass sie einen erschreckend hohen Anteil dessen, was sie produzieren und einkaufen, wieder wegwerfen. Und ich gehöre dazu ...!

Die reichen Länder rühmen sich ihrer Technologie, ihrer Wissenschaften, ihrer hohen Bildung, ihrer Gesetzgebung, ihrer Verfassung, ihres politischen Systems - aber: Sind sie ein Segen für andere Völker? Ist die Umweltpolitik eines der mächtigsten Regierungen der Welt, der Vereinigten Staaten von Amerika, etwa ein Segen für die Zukunft des kleinen Planeten Erde, der ohnehin schon ziemlich abgewirtschaftet ist? Aber lassen wir die große Politik!

Bin ich - sind wir - ein Segen für unsere Familie, unsere Nachbarn, unsere Arbeitskollegen, für Menschen, denen wir unverhofft begegnen? Was müsste sich ändern, damit wir anderen zum Segen werden? Ich glaube, wir sollten zunächst schlicht darauf vertrauen, dass wir selbst gesegnet sind: Nachdenken und erspüren, wofür in meinem Leben ich dankbar sein kann.

Mir fallen Menschen ein, denen ich unendlich viel verdanke: Welch ein Segen wurde mir durch sie zuteil! Ich erfahre täglich das Glück, einen reizenden, kleinen Sohn zu haben, der mich an seiner Lebendigkeit, an seiner Phantasie und Kreativität, an seinem Lachen teilhaben lässt, und dessen Fragen mich manchmal an meine Grenzen bringen. Ich weiß eine liebe Frau an meiner Seite, die mich in besonders schweren Zeiten unsäglicher Krankheit und seelischer Schmerzen unterstützt hat und nicht die Flucht ergriff - ein unbeschreibbarer Segen

Ich schließe mit Worten von Simone Weil:

„Gott bedient sich mit seinen Freunden einer Sprache der Übereinkunft. Jedes Vorkommnis des Lebens ist ein Wort dieser Sprache. Diese Worte sind alle Synonyma, aber, wie es in den schönen Sprachen der Fall ist, jedes mit seiner ganz besonderen Nuance, jedes unübersetzbar. Der allen diesen Worten gemeinsame Sinn ist:  ich liebe dich."

Amen.

 



Pfarrer Thomas Bautz
Bonn / Köln
E-Mail: thomas.bautz@ekir.de

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