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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

9. Sonntag nach Trinitatis, 05.08.2012

Predigt zu Jeremia 1:4-10, verfasst von Stefan Knobloch

 

Meine Worte - in deinen Mund gelegt

 

Der Text über die Berufung des Propheten Jeremia hat über den Zeitabstand hinweg, der uns vom 7. bzw. 6. Jahrhundert v. Chr. trennt, in das er fällt, etwas Anrührendes an sich. Er erheischt unsere Aufmerksamkeit, auch wenn er uns zugleich fremd bleiben mag. Da behauptet einer ohne Zögern und in aller Klarheit: Das Wort des Herrn erging an mich. Gut, mögen wir sagen, im Palästina der Wende vom 7. zum 6. Jahrhundert mochten Menschen in dieser Ungebrochenheit mit Gott umgehen. Uns aber wird dabei leicht schwindelig. Das Wort des Herrn erging an mich. In welcher Intensität das da zum Ausdruck gebracht ist: Noch ehe er im Mutterleib geformt wurde, war er schon von Gott ausersehen, und ehe er aus dem Mutterschoß hervorkam, hatte ihn Gott schon dazu bestimmt, zum Propheten für die Menschen zu werden.

Man könnte daraus eine nötigende Bemächtigung heraushören, die einem den Freiraum nimmt, die das Leben verplant, es festlegt, bevor es überhaupt auf eigenen Beinen zu stehen kommt. Und in der Tat stößt das von Gott angedachte Lebensprojekt beim Betroffenen auf Ablehnung. Nein, bitte nicht so! Ich möchte leben. Das, was du mir da ansinnst, ist nicht mein Ding! Ein Prophet zu werden? In eine prophetische Rolle einzutreten? Nein, das ist nichts für mich, dazu bin ich zu jung. Und reden kann ich auch nicht. In einer Art Dialog erwidert Gott: Doch! Du kannst das und du wirst machen, wozu ich dich beauftrage. Geh das furchtlos an! Und es folgt eine Geste der Berührung, in der eine unglaubliche Nähe liegt: „Hiermit lege ich meine Worte in deinen Mund."

Wir könnten jetzt beim jugendlichen Jeremia bleiben, dessen Berufung in diesen Sätzen festgehalten ist. Aber darum geht es nicht. Uns wird dieser Text nicht präsentiert, damit wir uns in die Zeit der Wende vom 7. zum 6. Jahrhundert v. Chr. versetzen, was uns ohnehin nicht wirklich gelingen kann, da wir dabei immer unseren eigenen Zeithorizont, den Erfahrungshorizont unserer Tage mitnehmen würden. Das heißt aber andererseits nicht, dieser Text könne uns gar nichts sagen, wir könnten ihn einfach liegen lassen. Das genau nicht.

 

Stellen wir uns vor, dieser Satz sei an uns gerichtet: Das Wort des Herrn erging an mich. Wir könnten abwehren, eine solche Spielerei machen wir nicht mit, wir sind aufgeklärte Leute! Wie sollte uns das Wort Gottes treffen können? Noch dazu heute, wo Gott für viele abhanden gekommen ist und keine Rolle mehr spielt, und dies bis in den Raum der Kirchen und Gemeinden hinein. Dabei mag es zwischen unseren Konfessionen historisch bedingte Unterschiede geben. Ein evangelischer Christ mag sich in seinem Glauben und in seiner Gottesbeziehung - wenn er denn glaubt - individueller und freier fühlen. Ein katholischer Christ mag sich mehr an die Vorgaben der Kirchenleitung gebunden fühlen, so dass das, was er glaubt, mehr das zu sein scheint, was das Lehramt von ihm zu glauben erwartet. Wir müssen uns damit nicht aufhalten, worauf es uns ankommt, ist allein, dass damit eine größere Nähe bzw. auch eine größere Distanz zu der Vorstellung gegeben sein kann, dass Gottes Wort an einen Menschen persönlich ergehe.

Das Wort des Herrn erging an mich: Das heißt natürlich nicht, dass da unser Handy klingelt, im Display ein „unbekannter Teilnehmer" erscheint, und wir zögern, die Taste zu drücken, um es dann doch zu tun. „Hier spricht der liebe Gott." Nein, im Ernst, so spricht Gott nicht zu uns. So war es ja auch, bei aller literarischen Darstellung, bei Jeremia nicht. Auch bei ihm müssen die Anstöße aus seiner Umgebung, aus seiner sozialen Umwelt, aus den Einflüssen der damaligen Gesellschaft gekommen sein. Und er deutete sie erst ablehnend, stemmte sich gegen sie. Doch sie ließen ihm keine Ruhe mehr. Das mag sich hingezogen haben, mag ihn manches Grübeln und manchen Schlaf gekostet haben, bis ihm klar war: Hier ist der Herr im Spiel.

Wenn, dann dürfte es auch bei uns ähnlich sein: eine Erfahrung eher zufällig, wie im Vorübergehen. So wie bei einem anderen Propheten, wie bei Elija, der sich aus Furcht vor einer Gruppe von Menschen, die ihn verfolgte, ängstlich in einer Höhle versteckt hatte. Gott, der Herr, forderte ihn auf, aus der Höhle herauszutreten. Er, Gott, werde sich ihm zeigen. „Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes leises Säuseln. Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle" (1 Kön 19,11-13).

Gott im sanften leisen Säuseln - ob sich so ein Säuseln nicht schon durch unser Leben zog? Und wir haben es, anders als Elija, nicht bemerkt? Es ist ein Bild für die Ereignisse unseres Lebens, wofür auch immer, für Höhen und Tiefen, für Abstürze und für das Wiederaufstehen, in dem Gott an unserer Seite geht, und wir wurden und werden seiner nicht inne. Ganz in diesem Sinn fordert die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils Gaudium et spes das Volk Gottes auf, sich darum zu bemühen, „in den Ereignissen, Bedürfnissen und Wünschen, die es zusammen mit den übrigen Menschen teilt, ... wahre Zeichen der Gegenwart oder Absichten Gottes" zu erkennen (vgl. GS 11).

Von da aus ist es nicht weit, dem anderen Satz unserer Lesung eine Deutung zu geben: „Hiermit lege ich meine Worte in deinen Mund." In diesem Satz drückt sich keine Bemächtigung des Propheten durch Gott aus, keine Entmündigung, so dass der Prophet gewissermaßen wie ein seelenloser Roboter Gottes Sätze zu sprechen hätte. Wenn Gott seine Sätze in den Mund eines Menschen legt, dann ist das ein Akt der Demütigung und Erniedrigung Gottes, insofern dann seine, Gottes, Worte menschlich umgeformt und transformiert werden.

Daran können wir einen grundsätzlichen Zusammenhang erkennen. Was hier andeutungsweise bei Jeremia anklingt, zeigt sich in aller Deutlichkeit erst recht an Jesu Verkündigung. Jesus sprach von Gott nicht in abstrakten Begriffen, er sprach im Verstehenshorizont der Menschen seiner Zeit, von denen er selber einer war. Mit anderen Worten: Das Denken seiner Zeit formte seine Gottesbotschaft mit. Dasselbe wiederholte sich bei der Entstehung der Schriften des Neuen Testaments. Sie waren nicht einfach die „Wiedergabe" der Worte und Taten Jesu. Das Neue Testament verdankt sich der inspirierten gläubigen Rezeption der Worte und Taten, des Lebens, des Sterbens und der Auferstehung Jesu im gesellschaftskulturellen Horizont der „nachösterlichen" damaligen Zeit. Im Neuen Testament begegnet uns also nicht ungebrochen das Wort Jesu, sondern sein in der Rezeption durch die ersten christlichen Gemeinden gebrochenes Wort.

Wenn wir das bedenken - und der Satz unserer Lesung, „hiermit lege ich meine Worte in deinen Mund", bringt uns darauf, dann kann uns aufgehen, dass auch unser Glaubenscredo heute aus dem Zusammenspiel und Zusammenwirken unseres heutigen Denk- und Wahrnehmungshorizontes mit der Botschaft Jesu resultieren will, ja resultieren soll. Ein Zusammenspiel, in dem sich unser Glaubenscredo bildet und in dem wir zu neuen Glaubenserkenntnissen und zu neuen Glaubensschüben kommen. Das heißt auch: Wir dürfen das Evangelium Jesu, richtig verstanden, nicht einfach gegen die heutige Zeit lesen und verkünden, gewissermaßen außerhalb ihrer stehen bleibend. Denn dann blieben wir tatsächlich auch außerhalb des Evangeliums stehen. Wir haben das Evangelium aus den Anforderungen unserer Zeit heraus zu verstehen und zu leben, so wie wir es an Jesus sehen.

„Hiermit lege ich meine Worte in deinen Mund": Haben wir die Worte Gottes bzw. die Worte Jesu in diesem Sinn schon in den Mund genommen?

 



Dr. Stefan Knobloch
Passau
E-Mail: Dr.Stefan.Knobloch@t-online.de

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