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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

9. Sonntag nach Trinitatis, 05.08.2012

Predigt zu Jeremia 1:4-10, verfasst von Dieter Splinter

 

Und des Herrn Wort geschah zu mir. Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der Herr sprach zu mir: Sage nicht: „Ich bin zu jung", sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr. Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, das du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

 

I.

 

Liebe Gemeinde!

Gott beruft nicht immer die Begabten. Aber immer begabt er die Berufenen. Ob Jeremia besonders begabt war? Er bestreitet das. Vor allem, wenn es um das Predigen geht: „Ich tauge nicht zu predigen." Den Grund liefert er gleich mit: „Ich bin zu jung." Aus seiner Sicht ist das wohl realistisch. Alle, die etwas zu sagen haben, sind älter. Sein Vater Hilkia zum Beispiel. Der ist Priester in Anatot. Das liegt eine Stunde zu Fuß entfernt von Jerusalem. Dort ist Hilkia eine Lokalgröße. Ihn kennt in Anatot jeder. Auf ihn hören viele. Aber auf seinen Sohn Jeremia? Der meint darum für das Predigen nicht zu taugen. Dafür braucht man doch Wissen, Weisheit, Lebenserfahrung!„Ich bin zu jung."

Doch der Einwand Jeremias wird zur Seite geschoben. Von Anfang an: „Und des Herrn Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker." Diesem Geschehen kann sich Jeremia nicht entziehen. Es ergeht in Worten: „Ich habe dich erwählt! Du hast eine Bestimmung!"

Gott beruft nicht immer die Begabten. Aber immer begabt er die Berufenen. In Gottes Worten wird es offenbar. Jeremia hält sich nicht für begabt. Vielleicht ist er in der Tat zu jung für das, was er tun soll. Aber Gott hat ihn längst begabt: mit seiner Bestimmung. Und darum lässt Gott, der Herr, den Einwand des zukünftigen Propheten nicht gelten. Vielmehr begabt er ihn weiter: Mit dem Auftrag, sein Wort zu predigen. Das legt er ihm sogar in den Mund. Er begabt Jeremia mit dem Zuspruch in allen Anfeindungen bei ihm zu sein. Er begabt ihn mit der Gewissheit, dass er ihn aus allem erretten wird. Er begabt ihn mit der Überzeugung wichtiger zu sein als Völker und Königreiche. Gott macht Jeremia dazu fähig, bittere Wahrheiten auszusprechen. Und zu trösten, wenn es nötig ist.

 

II.

 

Gott beruft nicht immer die Begabten. Aber immer begabt er die Berufenen. Das erfährt Jeremia. Diese Erfahrung trägt ihn durch sein Leben. Fast fünfzig Jahre wird er sein Amt als Prophet ausfüllen. Oft in schweren Zeiten. Trotz allem folgt er seiner Bestimmung. Soll man ihn darum beneiden?

Die Frage ist ja immer: Was ist mein Platz im Leben? Was ist meine Bestimmung? Was ist meine Begabung? Bin ich etwas Besonderes? Bin ich erwählt?

Immer wieder tauchen diese Fragen auf. Der Jugendliche, der Abitur gemacht hat, fragt sich: Was soll ich studieren? Was will ich werden? Wozu bin ich begabt? Habe ich eine Bestimmung? Im Vergleich zu der Zeit vor fünfzig Jahren hat sich die Zahl der Studiengänge mindestens verzehnfacht. Auch die Zahl der Lehrberufe ist stark gestiegen. Da ist es oft schwer, das für sich Richtige zu finden. In der Partnersuche stellt sich, wenn es ernst wird, die Frage: Bin ich der Auserwählte? Bin ich die Auserwählte? Und bei einer Wahl erhofft sich der Politiker, dass er gewählt wird.

Einer meiner theologischen Lehrer hat es so beschrieben:

Die Frage nach der Erwählung ist ein zentrales Problem jedes Lebens. In allen Bereichen spielt sie eine wichtige Rolle. In den sozialen Beziehungen. Im Beruf. In der Partnerschaft. In den Krisen des Selbstwertgefühls. In den Katastrophen von Krankheit, Unfall und Tod. Immer geht es um das eine, um Lebensgewißheit.

Die Frage nach der Erwählung ist deshalb auch ein unendliches Problem, das uns lebenslang begleitet und quält. Die Eltern können ein Kind mit aller Liebe umhegen, die ihnen zur Verfügung steht. Mann und Frau können einander zahllose Beweise ihrer Zuneigung liefern. Das Leben kann einen Menschen mit Glück und Erfolg überschütten. Merkwürdigerweise bleibt meist ein Rest an Unersättlichkeit." (Manfred Josuttis: Offene Geheimnisse. Predigten. Gütersloh 1999, S.47)

 

III.

 

Jeremia kannte diese Unersättlichkeit offenbar nicht. Er kannte seine Bestimmung. Er wusste sich erwählt und berufen. „Ich bin ich - und mir kann keiner! Denn ich bin im Auftrag des Herrn unterwegs!" Man könnte ihn um so viel Lebensgewißheit beneiden.

Allerdings ist Jeremia damit auch nicht leichter durch sein Leben gekommen. Im Gegenteil. Immer wieder muss er seinem Volk das drohende Unheil ankündigen. Er tut es in der Hoffnung, dass sich der Untergang aufhalten, vielleicht sogar abwenden lässt. Doch hört man nicht auf ihn. Er wird gefangen gesetzt und vor Gericht gestellt. Zunächst wird er frei gesprochen. Später, als er im Tempel zu Jerusalem seine Botschaft wiederholt, wird er vom Kommandeur der Tempelwache zusammen geschlagen. Auf dessen Befehl hin, wird Jeremia anschließend in den Block gelegt und gefoltert. „Einen Tag und eine Nacht lang ist er nicht nur den Qualen des Blocks, sondern auch dem Gespött der Tempelbesucher ausgesetzt. ... Jeremia ist nicht nur gedemütigt und gebeugt - er droht zu zerbrechen." (Johannes Hanselmann: Jeremia. Ein Gottesmann in Gottes Bann, in: Georg Popp (Hg.): Die Großen der Bibel, Stuttgart - Regensburg 1987, S. 110) Und kann Gott nur noch sein Leid klagen.

Wieder kommt er davon. Doch da er nicht schweigt, gehen die Auseinandersetzungen weiter. Mit dem Heilspropheten Hananja gerät er heftig aneinander. Dem folgt man lieber. Wegen „Wehrkraftzersetzung" wird Jeremia „in einer schlammigen Zisterne zum Schweigen gebracht." (a.a.O., S. 111) Kurzerhand wirft man ihn dort hinein. Erst der Untergang Jerusalems 587/586 v. Chr. bringt Jeremia die Befreiung. Das Volk wird in die Verbannung nach Babylon geführt. Ein „kläglicher Rest" darf im zerstörten Jerusalem bleiben. Darunter Jeremia. Er tröstet sein Volk. Dann warnt er es wieder. Man verbringt ihn nach Ägypten. Dort verliert sich sein Spur.

 

IV.

 

Beneidenswert ist dieses Schicksal nicht. Von Gott erwählt und berufen zu sein schützt nicht vor Leiden. Jeremia erfährt das. Aber er erfahrt ebenso: In den fast fünfzig Jahren seines Wirkens, bei allen Anfeindungen, hält Gott sein Wort: „Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten."

Jeremia bringt uns mit dieser Erfahrung einen Weg nahe, dem wir folgen können. Gott beruft nicht immer die Begabten. Aber immer begabt er die Berufenen. Doch wissen wir das nicht aus uns selber. Es muss uns gesagt werden. Das Wort Gottes kommt immer von außen auf uns zu. So geschieht es an uns.

Wohl gibt es bei Menschen den persönlichen Eindruck berufen zu sein. Sie sehen ihre Erwählung dann etwa darin, dass sie eine Bekehrung erlebt haben. Manche können Tag und Stunde ihrer Wiedergeburt benennen.

Eine innere Berufung machen Menschen immer wieder für sich geltend. Und manche fühlen sich dann zu Höherem berufen. Jeremia tut das nicht. „Ich bin zu jung". Er weiß um seine Grenzen. Aber: „Und des Herrn Wort geschah zu mir." Seine Berufung, seine Erwählung wird ihm mitgeteilt. Erst dann sagt er ja zu ihr und macht sie sich zu eigen. Dabei weiß er sich vom Wort Gottes getragen: „Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir und will dich erretten."

 

V.

 

Auf das Wort Gottes kommt es an. Es macht uns in unserer Berufung gewiss. Wir selber hingegen kennen unsere Zweifel und Fragen. „Ich bin zu jung." „Ich bin zu alt." „Zu was bin ich bestimmt?" Diese zweifel und Fragen sind wichtig. Wenn wir sie uns eingestehen, können wir offen werden zu erleben: Ich bin auf dem Lebensweg, den Gott für mich ausersehen hat. Oft ist dieser Weg anders als wir ihn für uns selber geplant haben. Und dann ist es doch der richtige. Von Gott werden wir mit der Kraft begabt, die wir für diesen Weg brauchen. „Ich glaube, dass uns Gott in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen." So hat Dietrich Bonhoeffer es ausgesprochen.

Gott beruft nicht immer die Begabten. Aber immer begabt er die Berufenen. Er tut es mit seinem Wort. So spricht Gott zu dir: „Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir und will dich erretten." Gott hat dein Leben von Anfang an gewollt und dich in seine Gemeinde berufen. Er hat dich um Jesu Christi willen zum ewigen Leben erwählt. Und er hat dich in der Nachfolge Christi dazu bestimmt, gemeinsam mit anderen Christen, das Salz der Erde und das Licht der Welt zu sein.

 

Und so bewahre der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft, unser aller Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 



Pfarrer Dr. Dieter Splinter
79114 Freiburg
E-Mail: dieter.splinter@ekiba.de

Bemerkung:
Pfarrer Dr. Splinter ist Landeskirchlicher Beauftragter für den Prädikantendienst
an der Evangelischen Hochschule Freiburg




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