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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

10. Sonntag nach Trinitatis (Gedächtnis der Zerstörung Jerusalems), 12.08.2012

Predigt zu Jesaja 62:6-12, verfasst von Thomas Bautz

 

Liebe Gemeinde!

Im Internet zeugen professionell produzierte Videofilme in realistischer Weise von den widersprüchlichen Seiten der Stadt Jerusalem: alt ehrwürdige Schönheit, der Ernst des Religiösen, des Sakralen - aber auch die Gewalt der Waffen, die Präsenz der Militärs und die Ausgrenzung der Andersgläubigen.

„Jerusalem  Yerushalayim", ich schaue mir ein Video an: ergreifende, anrührendeBilder von Menschen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Berufe; alte und ganz junge Rabbiner, Schulklassen, Studierende, ein Polizist, ein Soldat - und alle beten vor der Westmauer, der von Ausländern sog. „Klagemauer", dem Westteil der Umfassungsmauer des alten Tempelbezirks in Jerusalem. Zwischendurch werden immer wieder Bilder des Aufruhrs und Aufnahmen kriegerischer Auseinandersetzungen gezeigt - sehr realistisch.

Diese betenden Menschen - mit ihren unterschiedlichen, vielleicht sogar widersprüchlichen Motiven - sind in meinen Augen auch Mahner, Erinnerer und somit Wächter Israels. Und ich wage die Behauptung, dass sie denen ganz ähnlich sind, die im dritten Teil des Buches Jesaja angesprochen werden (TrJes 62,67):

Auf deine Mauern, Jerusalem, setze ich Wächter ein, den ganzen Tag und die ganze Nacht, immerfort.

Sie sollen nicht schweigen! Ihr, die ihr den Herrn erinnert (und anmahnt): Gönnt euch keine Ruhe!

 

Laßt auch ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufbaut, bis er es auf der ganzen Erde berühmt macht.

Jerusalem hat seit ca. 3000 Jahren eine bleibende, wenn auch äußerst ambivalente Bedeutung. Historische, politische und religiöse Dimensionen bestimmen noch heute die internationale Rolle Jerusalems. Ein Schmelztiegel der drei großen Buchreligionen: Judentum, Christentum, Islam. Alle drei gießen die Rohstoffe ihrer Traditionen in diese Stadt und wollen gleichzeitig trennen, was längst miteinander verschmolzen ist.

Am 14. Mai 1948 wird der Staat Israel ausgerufen; Grundlage ist der von der arabischen Welt abgelehnte Teilungsplan der Vereinten Nationen. Darauf bricht der erste Nah-Ost-Krieg aus - von den Arabern „Nakba" („Katastrophe"), von Israel „Unabhängigkeitskrieg" genannt. Der „Unabhängigkeitstag" wird zum Nationalfeiertag und erinnert künftig an den 14. Mai 1948.

Der UN-Teilungsplan bildet zwar bis heute eine völkerrechtliche Grundlage sowohl für den Staat Israel wie auch für den palästinensischen Rechtsanspruch auf einen autonomen Staat, jedoch kommt es erst am 15. November 1988 zur Ausrufung des Staates Palästina durch den im algerischen Exil sitzenden Palästinensischen Nationalrat. Nur 40, vor allem muslimische und arabische Länder erkennen diesen Staat an. Die meisten Staaten, darunter auch USA und Deutschland, distanzieren sich. Ministerpräsident Jitzchak Schamir lehnt ein Gespräch mit der PLO kategorisch ab. Ein Palästinenserstaat ist für ihn undenkbar.

Im September 1993 erzielen mühsame Verhandlungen in Oslo ein Grundsatzabkommen, die Oslo-Verträge, die Jitzchak Rabin und Yassir Arafat in Washington unterzeichnen. Arafat und Rabin erhalten später - mit Schimon Peres (Außenminister) - den Friedensnobelpreis.

Das Abkommen ermöglicht die Einrichtung einer Palästinensischen Autonomiebehörde. Die Verträge sehen vor, dass sich Israel aus den besetzten Gebieten der Palästinenser in Etappen zurückzieht.

Im Oslo-Friedensprozess wird das heute gültige Autonomiestatut erreicht, das als Vorstufe zu einem palästinensischen Staat gedacht ist. Welche Gebiete des Westjordanlandes - neben den heute schon der palästinensischen Verwaltung unterstellten Gebieten - dem zukünftigen palästinensischen Staat zugeschlagen werden sollen, ist eine der Kernfragen des Nahostkonfliktes.

Ein Teil der palästinensischen Araber fordert das gesamte Westjordanland, ein anderer Teil alle Palästinensischen Autonomiegebiete einschließlich Ostjerusalems. Wieder andere Palästinenser fordern sogar das gesamte Land zwischen Mittelmeer und Jordan, was einer Zerstörung Israels gleichkäme. Die meisten israelischen Entscheidungsträger wollen zumindest die größten Siedlungen des Westjordanlandes und Ostjerusalem behalten.

Im September 2000 betritt Ariel Scharon in Begleitung von 1000 Soldaten und Polizisten den Tempelberg oder al-Haram asch-Scharif (arabisch: „ehrwürdiges Heiligtum"). Täglich wird die dortige al-Aqsa-Moschee von Tausenden Muslimen zum Gebet aufgesucht. Der für viele Touristen attraktive Felsendom steht daneben. Das Gebäude mit der goldenen Kuppel ist eines der ältesten muslimischen Bauwerke und eines der Wahrzeichen Jerusalems. Die Westmauer der Juden befindet sich nur wenige Gehminuten davon entfernt. Juden und Muslimen ist der Ort heilig; beide haben dort eigene Gebetesplätze.

Den Gebetsort der Muslime sucht Ariel Scharon am 28. September 2000 auf. Der Politiker ist zu diesem Zeitpunkt Vorsitzender des konservativen, rechten Parteienbündnisses (Likud-Block). Seitens der Palästinenser kommt es zu wütenden Protesten und einen Tag später zu einem großen Aufstand (zweite Intifada).

Trotz nationaler und internationaler Bemühungen ist es bis heute nicht gelungen, zwischen Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde eine wirksame Einigung zu erzielen. Historisch wechselnde Schulterschlüsse mit benachbarten arabischen Staaten seitens der Palästinenser schüren bei den Israelis Argwohn und Gegenmaßnahmen. Borniertes und z.T. fanatisches Beharren auf seine mindestens 3000 Jahre alten Rechte seitens Israels provozieren bei den palästinensischen Arabern Unverständnis und Hass. Beiden Streithähnen ist vorzuwerfen, dass sie ihre alten Gebietsansprüche verabsolutieren und einem wahnhaften Nationalismus frönen.

Die Geschichte der Nahostkonflikte ist sehr komplex und die Auslöser sind jeweils nur - wenn überhaupt - nachvollziehbar, wenn wir auch Einzelheiten von verschiedenen Seiten aus betrachten. Diese nicht enden wollenden Kriege haben aber auch eine Hoffnung weckende, ermutigende Begleiterscheinung.

Es gibt - z.B. im Falle Israels und der Palästinenser - in beiden Lagern überzeugte Menschen aus allen Berufszweigen und Generationen, die den Frieden wollen und auch dafür eintreten. Es gibt nicht nur die Hardliner, die Fanatiker, die ihre Art von Religiosität vorschieben und in Wahrheit nur nach politischer Macht streben, auch wenn diese dann wiederum einen religiösen Anstrich haben mag.

Es gibt diese Wächter, die Erinnerungsarbeit leisten und damit auch mahnen, damit wir niemals die Hoffnung verlieren - ganz der Nationalhymne Israels entsprechend - und mutig neue Wege suchen.

Mit „wachen" verbinde ich „wachsam sein". Das setzt voraus, dass ich Sinne und Verstand schärfe. Dass ich lerne, immer wieder genau hinzuschauen. Dass ich Überliefertes kritisch lese und Ereignisse zu deuten vermag. Ich muss aber auch meinen eigenen Hintergrund gut genug kennen und durchschauen können. Ich muss selbstkritisch bleiben, meine Vorurteile erkennen und offen werden für bislang Fremdes.

Diesen selbstkritischen, wachsamen Geist kann ich mir vielleicht - mühevoll genug - allein erarbeiten, aber als Einzelner stehe ich zu sehr in der Gefahr, allmählich einer Subjektivität zu verfallen, die der Sache und den Menschen, um die es gehen soll, nicht mehr gerecht wird.

Deshalb ist es gut und wichtig, dass von den Wächtern (im Plural) die Rede ist.

Das schwere Wächteramt wäre für ein Individuum schlicht überfordernd, übermenschlich. Aber in der Gemeinschaft lastet die Aufgabe auf mehreren Schultern. Die Wächter können gleichsam in Wechselschichten arbeiten - Tag und Nacht. Worin besteht nun aber ihr Dienst?

Rabbi Saadia ben Joseph Gaon, prominenter Philosoph und Ausleger (882942), hat eine Antwort. Er stellt sich drei Wächter mit Namen vor:

„Der erste Wächter ist die Schmach (der Exilszeit), der zweite die Umkehr (zu Gott), der dritte stellt die Gottesverheißungen dar von Abrahams Zeit bis zum Letzten der Propheten."

Das bedeutet: Israels und Jerusalems Zukunft gründet auf dem Wissen um die Schrecken der Vergangenheit (Schmach), auf der Bereitschaft, immer wieder aus den Erfahrungen zu lernen und Neues zu beginnen (Umkehr), sowie auf dem Vertrauen auf Gottes Hilfe, ohne die nichts gelingen kann (Gottesverheißungen).

Das schmachvolle Versagen großer Teile der Kirchen im Nazi-Deutschland hat - wenn auch in jahrzehntelanger Arbeit - zu einem gewaltigen Umdenken geführt. Von der Bekämpfung des Menschen verachtenden Rassismus bis zur Bibelauslegung, von der intensiven Beschäftigung mit jüdischer Geschichte, Kultur und Religion bis zur Gründung von Gremien für die Förderung des christlich-jüdischen Dialogs.

Die Einrichtung eines Israelsonntags im sog. Kirchenjahr ist inzwischen fester Bestandteil. Die Lutherische Liturgische Konferenz Deutschlands hat für das Perikopenbuch 1985/ 1986 den heute verlesenen Text (aus TrJes 62) für den Gedenktag der Reformation (31. Oktober) vorgesehen. Zu beiden Anlässen würde ich ein Lied anstimmen, das wir im EG (241) finden:

Wach auf, du Geist der ersten Zeugen, die auf der Mau'r als treue Wächter stehn,

die Tag und Nächte nimmer schweigen und die getrost dem Feind entgegengehn,

ja deren Schall die ganze Welt durchdringt und aller Völker Scharen zu dir bringt.

 

Der Lieddichter lebt als geistlicher Berater adliger Kreise und Erbauungsschriftsteller des hallischen Pietismus im 17. Jh. (den Text schrieb er 1750). Allerdings fügt er dem Motiv des Wächters noch eine Variante bei, die etwas martialisch anmutet: „und die getrost dem Feind entgegengehn ...", die aber im Pietismus als Metapher nicht ungewöhnlich ist.

TrJes (62,1112) beschwört eine stark idealisierte Zukunft Israels (Zions) und Jerusalems herauf, worin eine tiefgründige, ehrliche Sehnsucht nach Befreiung und Frieden aufkeimt:

... Sieh her, jetzt kommt deine Rettung.

... Dann nennt man sie „Das heilige Volk",

„Die Erlösten des Herrn". Und dich nennt man

„Die begehrte, die nicht mehr verlassene Stadt".

 

Diese Verheißung wäre allerdings missverstanden, wenn man sie nicht auch verbinden würde mit der Bereitschaft zum Friedensschluss und zur Versöhnung mit den arabischen Staaten.

Die Geschichte Israels zeigt, dass ein selbstsüchtiger Nationalismus stets dazu geführt hat, dass dieses Volk „von allen guten Geistern verlassen" wurde.

Wer gar von „Erwählung" zu reden wagt, muss lernen, sich ganz auf die Weisungen des Herrn (die Tora) zu verlassen. Die Tora impliziert auch Friedenswillen, Bereitschaft zur Versöhnung und billigt den Fremdlingen (Ausländern) im Land die gleichen Rechte zu wie den Genossen des eigenen Volkes.

Unter den vielen Einschätzungen der Ambivalenz der Stadt Jerusalem versucht sich immer wieder eine Haltung zu behaupten, die Religion und Politik meint trennen zu können. Dieser Weg ist zwar - als Versuch - verständlich, führt aber an den Tatsachen vorbei.

Im Nahen Osten lassen sich religiöse und politische Motive schon aus historischen Gründen nicht trennen. (Im Grunde gilt das auch für Europa.) Vermutlich sind verborgene und mitunter sogar offensichtliche Machtansprüche sogar die treibende Kraft.

Einzelne Propheten - Wächter Israels - traten den jeweiligen Regenten, der religiösen Oberschicht, aber auch der breiten Öffentlichkeit sozialkritisch und mahnend entgegen. Die Propheten versuchten sogar, politischen Verstrickungen (mit Nachbarstaaten) zu entwirren und unheilvollen Bündnissen entgegenzuwirken. Für ihre Offenheit riskierten sie Gefahr für Leib und Leben.

Aber zurück zu Jerusalem: „die heilige Stadt" (wie man auf Hebräisch gern sagt), die Stadt, die auch als „die goldene" besungen wird, z.B. von Naomi Shemer: Yerushalayim shel zahav (auch englisch und deutsch), und von Ofra Haza: Yerushalayim shel zahav (nur hebräisch).

1967 rührt Salvatore Adamo mit seinem Lied „Inch'Allah" die Herzen an (französisch, italienisch, spanisch, englisch). Katja Ebstein hat eine relativ gelungene Übertragung ins Deutsche gesungen.

1971 hat Daliah Lavi den widersprüchlichen Charakter der Stadt Jerusalem in dem berühmten

Lied „Jerusalem" zur Sprache gebracht (englisch, hebräisch). (Zur Melodie gibt es ein anders geartetes, vom ursprünglichen Inhalt völlig abweichendes Lied auf Deutsch.)

Dies sind nur wenige Beispiele für Versuche, die Ambivalenz dieser berühmten Stadt einzufangen, die gewissermaßen historisch, politisch, religiös und kulturell zu einem bedeutenden Dreh- und Angelpunkt geworden ist. Die Israelpolitik der USA liefert dazu einen nicht zu unterschätzenden Beitrag - positiv wie negativ.

Liebe Gemeinde - ich möchte „Jerusalem" einmal symbolisch verstehen. Dann stünde diese Stadt gleichsam für das Dilemma aller Völker: Milliarden Menschen auf der Welt - mit ihren Entbehrungen, mit ihrem unzähligen, oft namenlosen Leid; Menschen niedergetreten in den Staub der Verwüstung, niedergestreckt von den Waffen der Militärregime.

Aber auch halb versunken im Schlamm der Belanglosigkeit und Hoffnungslosigkeit, wenn man sich in den reichen Ländern mit langer Weile, geschäftigem Zeitvertreib oder allgemeiner Sattheit einander anödet. Das Zuviel bei einem winzigen Prozentsatz der Völker, das Zuwenig bei der überwältigenden Mehrheit. Schreiende Ungerechtigkeit!

Längst schon haben Wissenschaftler nachgewiesen, dass eine quasi endlose Steigerung des Wirtschaftswachstums nicht nur utopisch, sondern höchst gefährlich ist. Es ist hier nicht der Ort, globale Schreckensszenarien auch nur im Ansatz vor Augen zu führen. Wir dürfen aber dankbar sein, dass es heute mehr denn je kompetente Mahner und Wächter gibt, die sehr um das Wohl künftiger Generationen bedacht und besorgt sind. Wie wird es unseren Kindern ergehen?

Werde ich in meinem Sohn genug Hoffnung wecken können, damit er ausreichend Energie entwickelt, um zerstörerischen und Menschen verachtenden Kräften entgegenzutreten.

Eine Vertröstung auf ein „himmlisches Jerusalem", wie sie gern bei Evangelikalen (deren Einfluss in den USA sehr groß ist) praktiziert wird, halte ich für ähnlich gefährlich wie die Verheißung an einen extremistischen Selbstmordattentäter, er würde nach seiner Tat direkt „im Schoße Abrahams", also ins Paradies, aufgenommen. Sie ist destruktiv, weil eine zu starke Orientierung oder Ausrichtung am Jenseits meist zu einer Tendenz führt, die jegliche Verantwortung für das Hier und Jetzt vermissen lässt. Außerdem neigt sie zur Polarisierung: Gläubige - Ungläubige, Recht auf der einen - Unrecht auf der anderen Seite.

Aber auch eine extreme Orientierung am Diesseits, die Leugnung alles Geistigen, die Negierung einer anderen, uns weitgehend verschlossenen Dimension - ergo eine vorwiegend „materialistische" Haltung - ist ebenso destruktiv. Sie sucht ihr (!) Glück im Wohlstand, in Mehrung des Kapitals (Geld, Güter, Eigentum), in der Sicherung des Eigenen (im weitesten Sinne), im Entertainment und im exzessiven Gebrauch technischer Mittel (Kommunikation).

Wir brauchen auch für unser persönliches Leben „Wächter", die nicht schweigen, die uns mahnen, wenn wir uns in irgendetwas zu verrennen drohen. Menschen, die auch ermutigen.

Ich werde manchmal den Verdacht nicht los, dass wir zu wenig miteinander reden, dass so etwas wie eine Gesprächskultur eher in den Talkshows gepflegt wird - von denen nicht alle gehaltvoll sind -, statt dass wir im Alltag Gespräche praktizieren.

Unsere Menschenwürde hat es nicht verdient, dass wir uns mit gewissen Sprüchen abspeisen (lassen), wenn es in Wahrheit um massive Probleme - wie einem Verlust des Arbeitsplatzes, einer Gefährdung der Ehe, einer plötzlichen Entdeckung eines bösartigen Geschwürs, einer schwierigen, zukunftsweisenden Entscheidung eines Kindes - geht.

Sprüche wie „Das Leben geht weiter." „Da muss man eben durch." „Jeder Jeck is anders."

„Immer wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her."

Wenn man sich das jeweils selber sagt oder sagen kann, ist das sicher in Ordnung. Aber wenn solche Sprüche dazu dienen, jegliche Kommunikation abzubrechen oder gar nicht erst aufkommen zu lassen, versagt man dem Gegenüber die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Allerdings gebe ich zu, dass vermutlich die meisten Bürger unserer Republik schon gar nicht mehr damit rechnen, dass sie sich jemandem anvertrauen könnten.

Es kostet heute Menschen viel Überwindung, sich bei jemandem auszusprechen - das betrifft sogar den Freundeskreis, die Familie, die Kollegen und die Nachbarn, also Menschen, die normalerweise den Betroffenen am nächsten stehen. Ein großes Gesprächshindernis sehe ich in der m.E. übertriebenen Geschäftigkeit, mit der sich sehr viele Zeitgenossen umgeben: Man hat Termine, ist im Stress, hat dies und das zu tun; das zeigt sich inzwischen längst auch bei älteren Mitbürgern - Stichwort: Unruhestand.

Wir brauchen heute also auch „Wächter", die uns daran erinnern, dass es für eine Gesellschaft imminent wichtig und hilfreich ist, wenn wir einander wieder anfangen, ein Ohr zu leihen.

Nicht nur für Seelsorger und Therapeuten ist es unabdingbar, zuhören zu können.

Zuhören ist auch eng mit Aufmerksamkeit schenken, Respekt und Zuwendung verbunden.

Allein dass ich mein Gegenüber sehe, in den Blick nehme, wahrnehme, all das baut eine Art von offener Beziehung auf, die es ermöglicht, einander überhaupt kennenzulernen.

Was für Jerusalem im Großen gilt, betrifft im Kleinen auch uns: die Erinnerung wach halten an all das, was uns geschenkt ist, aber auch, wessen wir uns schämen müssen, und kämpfen und offen bleiben für eine bessere Zukunft.

Amen.



Pfarrer Thomas Bautz
53119 Bonn
E-Mail: thomas.bautz@ekir.de

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