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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

10. Sonntag nach Trinitatis (Gedächtnis der Zerstörung Jerusalems), 12.08.2012

Predigt zu Jesaja 62:6-12, verfasst von Sven Keppler

 

 

I. Liebe Gemeinde,
wie viel Ungleichheit darf es eigentlich geben in unserem Land? Wie groß darf der Unterschied zwischen Armen und Reichen werden? Wann fangen wir an, die Verhältnisse skandalös und ungerecht zu finden?
Ein Prozent der Bevölkerung besitzt ein Viertel des Vermögens in Deutschland: etwa eine Billion Euro. Das entspricht der Hälfte der deutschen Staatsschulden. Zehn Prozent der Menschen besitzen etwa zwei Drittel aller Geld- und Sachwerte. Zwei Drittel aller Deutschen haben dagegen kein oder nahezu kein Vermögen. Aber immerhin: Zehn Prozent zahlen auch die Hälfte der Steuern.
In den letzten Jahrzehnten ist in unserem Land ein Wohlstand gewachsen wie nie zuvor. Das verdanken wir auch unserer Wirtschaftsordnung. Aber gleichzeitig ist durch diese Ordnung eine enorme Ungleichheit entstanden. In letzter Zeit mehren sich deshalb die Stimmen, die darin einen Skandal sehen.
Ein Bündnis aus Gewerkschaften, dem Paritätischen Wohlfahrtsverband und der Bewegung Attac haben sich in der letzten Woche zu Wort gemeldet. Ihr Bündnis heißt „um-fair-teilen" - mit „fair" wie in „Fairplay". Sie fordern, dass in der gegenwärtigen Krise die großen Vermögen einen besonderen Beitrag leisten sollen. Dazu soll eine Vermögenssteuer wieder eingeführt werden, die vor dem Verfassungsgericht bestehen kann. Und die Erbschaftssteuer soll angehoben werden.
Auch von anderer Seite sind ähnliche Forderungen laut geworden. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung zum Beispiel schlug vor, dass von besonders hohen Vermögen Zwangsanleihen und zusätzliche Abgaben erhoben werden sollen. Nur so sei es möglich, die enorm angewachsenen Schulden unseres Landes abzubauen.
Wie sollen wir als Christen uns dazu verhalten? Soll die Kirche für mehr Gerechtigkeit eintreten? Oder müssen wir uns zurückhalten, weil uns der Sachverstand fehlt? Sollte es uns mehr um seelischen Reichtum gehen als um den schnöden Mammon? Solche Fragen kommen mir immer öfter, wenn ich die Tagesschau sehe oder in der Zeitung lese. Auch beim heutigen Predigttext habe ich sie im Hinterkopf. Er steht beim Propheten Jesaja im 62. Kapitel [lesen: Jes 62,6-12].

II. Mein erster Gedanke ist: Verglichen mit damals geht es uns doch richtig gut. Feinde hatten das Land Israel besetzt. Die Einheimischen mussten auf den Feldern arbeiten und in den Weinbergen. Aber die Besatzer bekamen die Ernte. Die Hauptstadt war verlassen.
Gott hat seinem Volk verheißen, dass sich diese Verhältnisse ändern sollen. Wer hart arbeiten muss, soll auch die Früchte seiner Arbeit genießen. Und das nicht nur irgendwo, sondern auch wieder im verlassenen Jerusalem. In den Vorhöfen des Tempels. Ja, Jerusalem soll wieder bewohnt werden und alle Welt soll es sehen.
Aber noch war es nicht soweit. Noch mussten die Wächter ihre Aufgabe erfüllen. Eine ganz erstaunliche Aufgabe war das. Tag und Nacht waren sie gefordert. Wachen sollten sie. Aber nicht, um einen kommenden Feind zu melden. Der war ja schon da. Sondern sie sollten ununterbrochen Gott bedrängen. Sollten ihm keine Ruhe gönnen. Sollten ihn erinnern an seine Versprechen, bis er sie einlöst.
Sie ähnelten der Grundidee des christlichen Mönchtums: Zu beten ohne Unterlass. Im Stundengebet. Gott rund um die Uhr in den Ohren liegen. Ihn erinnern an seine Verheißungen. Ihn bitten um Vergebung. Ihm danken für all das Gute, das wir empfangen.

III. Aber, liebe Gemeinde, was hat dies alles mit uns zu tun? Unser Land ist nicht besetzt. Es ist nicht zerstört. Und es gibt auch keine fremden Herrscher, die uns um den Lohn unserer Arbeit bringen. Und selbst wenn es so wäre: Hier ist von den Verheißungen Gottes an Jerusalem die Rede. Die Lage dort soll sich ändern. Was hat das mit uns zu tun?
Ein Versprechen von Gott macht mich jedoch nachdenklich: Das Getreide, das Du geerntet hast, sollen nicht andere essen. Den Wein, mit dem Du so viel Arbeit hattest, den sollst Du selber trinken. Wer es einsammelt, soll's auch essen und trinken - und Gott dafür loben. Gott hat das nicht nur versprochen, sondern sogar geschworen - bei seiner Rechten und seinem starken Arm!
Das ist eine Verheißung an Menschen, die vor zweieinhalbtausend Jahren lebten. In diesem Versprechen wird aber etwas deutlich, was über die damaligen Umstände hinausweist. Ein Maßstab dafür, was gerecht ist und was nicht: Gerecht ist, wenn ein Mensch selbst die Früchte seiner Arbeit ernten darf. Wenn ihm nicht alles genommen wird durch andere.
Diesen Maßstab können wir auch anlegen, wenn wir heute über Gerechtigkeit nachdenken. Wie passt es zu diesem Maßstab, wenn das Vermögen in Deutschland so ungleich verteilt ist? Ist es wirklich so, dass ein Prozent der Deutschen so hart arbeitet, dass es ein Viertel aller Früchte verdient? Ist es wirklich so, dass zwei Drittel so wenig arbeiten, dass sie von den Früchten ihrer Arbeit keine Rücklagen bilden können?
Das ist natürlich naiv gefragt, liebe Gemeinde. Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind heute unendlich komplizierter, als das man so einfache Rechnungen aufmachen könnte.
Vor allem, wenn es um das Kapital geht, das ein Unternehmen für seine Arbeit braucht. Wer das Kapital gibt, steht zwar selber im Weinberg. Aber es ist verständlich, dass er einen Teil der Früchte bekommen will. Denn ohne sein Geld hätten weder der Weinberg gepachtet noch die nötigen Geräte gekauft werden können.
Und es ist auch verständlich, dass nicht alle Menschen den gleichen Anteil an den Früchten bekommen können. Denn es gibt einige, die für ihre Tätigkeit sehr lange ausgebildet wurden und andere, die ohne Ausbildung arbeiten. Verständlich, dass die Fachkräfte nicht nur für die Stunden im Weinberg, sondern auch für die Jahre auf der Schulbank entlohnt werden wollen.
Das alles ist zweifellos richtig. Aber dennoch bleibt die Frage: Rechtfertigen diese Argumente die enormen Wohlstandsunterschiede in unserem Land? Oder sind wir nicht längst an einem Punkt angekommen, wo sehr viele nur noch einen Bruchteil der Früchte erhalten, die sie erarbeitet haben? Während anderen ganze Container von Früchten in den Schoß fallen, die allein ihr Kapital für sie erarbeitet hat. Nach dem Maßstab des Jesaja kann das nicht mehr als gerecht bezeichnet werden!

IV. Da stellt sich die Frage: Was tun? Man muss ja nicht Lenin heißen, um diese Frage zu stellen. Bei Jesaja ist der Auftrag klar: Vor allem muss Gott an seine Verheißungen erinnert werden. Das Gebet ist die Forderung des Tages. Nicht mit Waffengewalt die Besatzer vertreiben. Keine Revolution starten. Sondern Tag und Nacht Gott in den Ohren liegen. Ihn an das erinnern, was er geschworen hat.
Auf den ersten Blick sind wir in einer anderen Situation. Wir können uns nicht wie das Volk Israel darauf berufen, dass Gott uns soziale Gerechtigkeit versprochen hat. Berlin ist nicht Jerusalem. Und Ostwestfalen nicht das Gelobte Land. Wir haben keine Zionsmauern, auf denen unsere Wächter stehen könnten, um zu Gott zu beten.
Und dennoch glaube ich, dass wir von den Wächtern etwas lernen können. So wie sie können wir auf die Mauern steigen und Tag und Nacht nicht mehr schweigen. Wir können von der Gerechtigkeit sprechen, die Jesaja uns lehrt. Wir können öffentlich davon reden, dass ein Mensch seinen fairen Teil an den Früchten bekommen soll, für die er gearbeitet hat.
Wir können daran erinnern, dass es dabei nicht um Neiddebatten geht. Nicht um eine Abneigung gegen „die Reichen". Nicht um Gleichmacherei. Sondern um ein Bedürfnis nach Gerechtigkeit, für das sogar der Schöpfer unserer Welt einsteht:
Kein Mensch kann hundertmal soviel arbeiten wie andere. Auch wenn man seine besondere Ausbildung und seine seltenen Talente berücksichtigt. Also sollte auch kein Mensch hundertmal soviel verdienen dürfen wie seine Angestellten. Und wenn er es trotzdem tut, soll er mit einem Teil seines Vermögens für Aufgaben der Gemeinschaft eintreten.
Als Wächter auf der Mauer können wir um Gerechtigkeit beten - und hoffen, dass uns die Verantwortlichen in der Gesellschaft dabei zuhören.

V. Und das ist alles? Müssen wir uns damit bescheiden, dass Gottes Verheißung einer gerechten Gesellschaft nur für ein Volk gilt? Hat sich unsere Hoffnung als Christen im Vergleich dazu total vergeistigt und von der sozialen Wirklichkeit abgelöst?
Wenn wir wie Wächter auf der Mauer stehen und um Gerechtigkeit bitten - wie schön wäre es, wenn die Verantwortlichen auf uns hören. Aber das ist nicht meine einzige Hoffnung. Ich hoffe wie der Prophet vor zweieinhalbtausend Jahren, dass auch Gott offene Ohren für uns hat. Dass in Gottes Augen für alle Menschen Gerechtigkeit herrschen soll. Auch in Deutschland. Auch in Argentinien. Auch in Bangladesch.
Und dass Gott auf seinen geheimnisvollen Wegen helfen wird, dass die Gerechtigkeit in unserer Welt eine Chance hat. Amen.

 



Pfarrer Dr. Sven Keppler
33775 Versmold
E-Mail: sven.keppler@kk-ekvw.de

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