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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

10. Sonntag nach Trinitatis (Gedächtnis der Zerstörung Jerusalems), 12.08.2012

Predigt zu Jesaja 62:6-12, verfasst von Johannes Block



1. Die Stadt voller Verheißungen

Die Reise nach Jerusalem - das ist ein beliebtes Wettspiel in geselliger Runde. Man braucht viel Glück und Geschick, um einen Stuhlplatz für die Reise nach Jerusalem zu ergattern. Aber die Mühe lohnt! Nach den Worten des Propheten Jesaja ist Jerusalem eine Stadt voller Verheißungen. Im Predigttext für den heutigen Sonntag, dem Israelsonntag, heißt es beim Propheten Jesaja:

Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Man wird dich nennen „Gesuchte" und „Nicht mehr verlassene Stadt".

So manch ein Bürger und Bewohner Jerusalems wird sich die Ohren gerieben haben, als er das Heilswort des Propheten ausgerufen hört. Denn im Jerusalem zur Zeit des Propheten Jesaja ist mehr Unheil als Heil zu sehen. Die Stadt liegt mehr oder minder am Boden. Nach langer Belagerung durch fremde Mächte wird Jerusalem zerstört und besetzt. Die Bevölkerung wird zwangsdeportiert und ins babylonische Exil geführt. Als die ersten Heimkehrer nach Jerusalem zurückkehren, treffen sie auf desolate Zustände. Nach langer Gefangenschaft müssen sie erkennen, dass die ersehnte Heimat nicht mehr dieselbe ist. Die Häuser sind zerstört. Man haust in Ruinen, und eine fremde Besatzungsmacht fährt die Ernte ein und gibt die Befehle aus. Wo soll man wohnen? Wovon soll man sich ernähren? Wie soll man die Flut der Heimkehrer unterbringen, die „draußen vor der Tür" stehen?
Wie gesagt, manch einer wird sich die Ohren gerieben haben, als die Worte des Propheten ausgerufen werden:

Der HERR hat geschworen bei seiner Rechten und bei seinem starken Arm: Ich will dein Getreide nicht mehr deinen Feinden zu essen geben noch deinen Wein die Fremden trinken lassen, sondern die es einsammeln, sollen's auch essen, und die ihn einbringen, sollen ihn trinken. Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt!

Es gibt viele Städte auf der Welt, die sich nach einem Heilswort sehnen, wie es Jerusalem verheißen ist. Es gibt zerbombte und zerschossene Städte: Kabul, Damaskus, Aleppo, Bogota, Tripolis. Es gibt Städte, die aus allen Nähten platzen und an ihren eigenen Ausdünstungen ersticken: Mexico-City, Tokio, Shanghai, Mumbai, Sao Paulo. Und es gibt Städte, die wie die Lutherstadt Wittenberg vor übergroßen Herausforderungen stehen: Zum Reformationsjubiläum werden mehrere Millionen Menschen erwarten. Ein ganzer Kirchentag soll 2017 hier und in Berlin zu Gast sein. Wohl dem, der seine Bibel kennt und sich mit lachendem Optimismus an die Worte des Propheten Jesaja hält:

Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker!

Wie gut, dass es Jerusalem und dass es Israel gibt! Denn Jerusalem, eine Stadt in dürftiger Zeit, erhält ein biblisches Heilswort. Eine Stadt wird zur Stadt Gottes, in der es Wein und Getreide für die Bewohner gibt; Ruinen und Steine versperren nicht mehr denen den Weg, die zurückkehren und heimkehren. Eine Stadt wird nicht aufgegeben, weil Gott sich an Zion wie an eine Tochter bindet und seine Hand schützend über sie hält:

Tochter Zion, freue dich,
jauchze laut, Jerusalem!
(EG 13,1)

Die Stärke der Stadt Jerusalem liegt nicht in ihrem Reichtum, in ihrer Geschichte oder in ihrer Größe begründet. Die Stärke der Stadt Jerusalem gründet allein in Gottes Verheißung - Deo gratias:

Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her!

2. Die Brocken und Brosamen
vom Tisch Israels

Wie gut also, dass es Jerusalem und dass es Israel gibt! Denn wo Gottes Verheißung Jerusalem und Israel stärken und nähren, dort werden auch für uns hier in der Lutherstadt Wittenberg Brosamen abfallen! Dass uns die Brosamen nicht verwehrt werden, die vom Tisch Israels fallen - das ist eine Gnadenspur, auf die uns Jesus, der Sohn Gottes aus dem Stamm Davids, geführt hat. Im Evangelium nach Matthäus heißt es:

Und siehe, eine kanaanäische Frau kam und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Jesus antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde. (Mt 15,21-28)

So wie für die kanaanäische Frau, die keine Jüdin ist, fallen auch für uns die Brosamen vom Tisch Israels ab. Die Brosamen fallen unvorhergesehen und einfach so in die bittenden Münder - Deo gratias. Denn am Tisch Israels sitzt Jesus, der Sohn Gottes aus dem Stamm Davids. Christus nimmt uns hinein in den Glauben Israels. Christus nimmt uns hinein in das Wort und Gebot und in die Güte und Barmherzigkeit des himmlischen Gottes.

Bei allen Unterschieden zwischen Juden und Christen gibt es einen großen Gleichklang darüber, was den Gottesglauben betrifft. „Ich glaube an Gott, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde", das bekennen mit je eigenen Worten Christen wie Juden. Der heutige Israelsonntag ist eine gute Gelegenheit, den Gleichklang des Judentums und des Christentums in Erinnerung zu halten. Die Fachleute der Bibelauslegung sprechen von Strukturanalogien zwischen dem Alten und dem Neuen Testament. Auch Martin Luther, dessen Predigtworte noch in den Säulen und Mauern dieser Kirche stecken, hatte ein feines Sensorium für die Strukturanalogie der göttlichen Güte und Barmherzigkeit, von der im Alten und im Neuen Testament geschrieben steht.

Auf der anderen Seite muss man sagen: Für heutige Ohren hat Martin Luther auch Beschämendes und Bestürzendes über Juden gesagt und geschrieben. Man müßte genauer untersuchen, was gerade den alten und vielleicht auch schon halsstarrigen Luther dazu getrieben hat, gegen Juden derart zu stänkern und Stimmung zu machen. Margot Käßmann, die Botschafterin der Evangelischen Kirche für das Reformationsjubiläum, hält es für geboten, die kritischen Seiten der Reformationsbewegung nicht unter den Tisch fallen zu lassen. Zu den kritischen Seiten zählt Margot Käßmann auch Martin Luthers Verhältnis „zu Menschen jüdischen Glaubens insbesondere am Ende seines Lebens". Einen unkritischen „Kult um Luther" dürfe es nach Margot Käßmann nicht geben.

So beschämend und bestürzend sich Martin Luther über Juden äußern konnte, so kenntnisreich und hingebungsvoll widmete er sich zugleich dem Alten Testament. Luther war Zeit seines Lebens ein Liebhaber des Alten Testaments, insbesondere des Palters, seines biblischen Lieblingsbuches. Blickt man auf die Vorlesungen und Schriften, dann müßte man Martin Luther nach heutigen Maßstäben einen Alttestamentler nennen. Dazu passt Martin Luthers Sensorium für Strukturanalogien zwischen dem Alten und Neuen Testament. An bestimmten Stellen, so äußert sich Martin Luther, ist der Prophet Jesaja „evangelischer als die Evangelien". Die Heilsbotschaft, die Heilsverheißung von der Güte und Barmherzigkeit des himmlischen Gottes geht quer durch beide Testamente.

Worin liegt nun genau die Heilsbotschaft, die durch den Propheten Jesaja an die Stadt Jerusalem ergeht? Was sind die Brosamen, die vom Tisch Israels fallen, auf dass uns das Heil in die Münder fällt? Dreimal, denke ich, können wir zuschnappen. Drei stattliche Brocken des Heiles Israels fallen uns wie warme Semmel in die Münder.

3. Gottes Wort gilt

Der erste Brocken und Brosamen des Heils besteht darin, dass Gottes Wort gilt. Bei Jesaja heißt es:

Denn der HERR hat es geschworen bei seiner Rechten und bei seinem starken Arm. Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her!

Manchmal dauert es vierzig Jahre, bis man das gelobte Land erreicht und bis Mauern fallen. Gottes Wort gilt über die Jahre, und Jahrhunderte. Manchmal dauert es lang und länger, bis man Gottes starken Arm wirken sieht. Die einen erreicht die gerechte Strafe vielleicht erst Jahre später, wenn Gott die Missetat der Väter heimsucht an den Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied (2. Mose 34,7). Die anderen werden an Gottes Wort verzweifeln, weil sich in ihrem Leben nichts zum Besseren fügt. Doch Gottes Wort gilt. Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her! Wen Gott erwählt, den gibt er nicht aus seiner Hand. Das erwählte Volk Israel ist ein Fingerzeig dafür, dass Gott durch dick und dünn mitgeht und an seinem einmal gegebenen Bundeswort festhält.

4. Gott erwählt das Niedrige

Der zweite Brocken und Brosamen des Heils besteht darin, dass Gott das Niedrige erwählt. Gott erwählt das Niedrige und macht es groß. Jerusalem, die Tochter Zion, ist keine Metropole wie Assur, Babylon oder Rom. Der Berg Zion, auf dem sich Jerusalem baut, ist ein kleiner Hügel am Rande der großen Weltreiche. Gott erwählt sich das Niedrige und Unscheinbare. Was Gott berührt, das wird wahrhaft groß und schön. Martin Luther beschreibt es mit folgendem Vergleich:

„Auch wenn man aller Mönche Werke auf einen Haufen schlüge, mögen sie noch so köstlich gleißen, so wären sie doch nicht so edel und so gut, als wenn Gott einen Strohhalm aufhübe".

Aus Stroh wird Gold, aus Niedrigem wird Hohes, der Rand wird zur Mitte. So ist es, wenn Gott erwählt.

Am Rande der Welt - in termino civilitatis - lag auch die Stadt Wittenberg nach dem Urteil Martin Luthers. Wie am Rande der Welt lag Wittenberg abseits der großen Städte wie Erfurt, Magdeburg oder Leipzig. Und doch rückte Wittenberg vom Rand der Welt ins Zentrum des Geschehens. Das überschaubare Wittenberg wurde zum Quellort einer sich weltweit ausbreitenden Konfession. Manche sprachen vom Wittenbergischen Zion und nannten im gleichen Atemzug Jerusalem und Rom. So ist es, wenn Gott das Niedrige erwählt und den Rand in die Mitte rückt. All das folgt keiner Logik, und niemand kann es vorausberechnen. Doch immer wieder, auch jetzt irgendwo am Rande der Welt, wird jemand aufschreien vor Glück, weil Gott aus Niedrigem Hohes macht und aus Stroh Gold. Unberechenbar ist all das. Aber es ist verheißen seit den Zeiten Jerusalems.

5. Gott erwählt ein Volk als Zeichen
für die Völker

Der dritte Brocken und Brosamen des Heils besteht schließlich darin, dass Gott ein Volk erwählt als Zeichen für die Völker. Immer wieder spricht das Alte Testament von der Liebe Gottes zu seinem Volk. Beide sind miteinander verbunden wie Bräutigam und Braut.

Diese Beziehung und dieser Bund ist Israel immer wieder auf die Füße gefallen. Die Geschichte der Ausgrenzung, der Verfolgung und der Vernichtung von jüdischen Männern, Frauen und Kindern ist erschreckend lang. Ein Gemisch aus Neid, Intoleranz, Unwissenheit und Hass verfolgt den Weg der Judenheit. Dabei ist Israel nach dem Verständnis des Propheten Jesaja nicht einfach Lieblingskind oder Günstling. Denn Israel ist der erste Stein, der Gottes Liebeswellen in Bewegung versetzt. Jesaja spricht von einer Völkerwallfahrt am Ende der Zeit. Das ist das große Ziel, dass sich in Jerusalem, am Berg Zion, die Völker die Hände reichen.

Nennt man Wittenberg in einem Atemzug mit Jerusalem, dann ist Wittenberg als Pilgerort nicht anders als gesamtkirchlich, als ökumenisch zu begreifen. Wer evangelisch A sagt, der muss ökumenisch B sagen. Als Pilger- und Wallfahrtsort ist Wittenberg ein Ort für alle Menschen, die sich an der Wiederentdeckung der Bibel und des Evangeliums freuen. Von Israel lernen wir, dass hinter Israels Erwählung der erste Anstoß zu einer großen Völkerwallfahrt steckt. Beim Propheten Jesaja heißt es:

Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker! Siehe, der HERR lässt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt!

6. Die Wächter in einer unerlösten Welt

Blicken wir zurück: Am Israelsonntag wird uns neu bewußt, dass wir vom Tisch Israels leben. Die Brocken und Brosamen des Heils fallen uns wie warme Semmel in die Münder, weil Jesus, der Sohn Gottes aus dem Stamm Davids, am Tisch Israels sitzt.

Immer wieder neu müssen wir Christus, den Sohn Gottes, daran erinnern, dass er für uns die Brocken und Brosamen vom Tisch Israels wischt. Denn noch leben wir in einer unerlösten Welt, in der die Münder vor Hunger, vor Angst und vor Ungerechtigkeit schreien. Noch leben wir in einer Zeit, in der wir wie die kanaanäische Frau rufen, bitten und flehen müssen. Wir müssen Wächter sein, die Gott an sein heilbringendes Schaffen erinnern. Beim Propheten Jesaja heißt es:

O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte!

In einer unerlösten Welt müssen wir Wächter sein, die Gott an sein eigenes Wort erinnern. „Man muß Gott mit seinen Verheißungen die Ohren reiben", lautet eine Bemerkung Martin Luthers. Darin liegt das Priestertum aller Glaubenden, dass wir Gott bestürmen und erinnern an sein verheißungsvolles Wort. Jeder von uns ist ein Wächter auf den Mauern. Gott will gebeten sein. Deshalb ist es gut, dass wir Sonntag für Sonntag Gott in den Ohren liegen mit unserem Singen und Beten. Reiben wir Gott die Ohren mit seinen eigenen Verheißungen! Die Brocken und Brosamen des Heils werden wir noch heute bei der Feier des Abendmahls sehen und schmecken!



Pfarrer PD Dr. Johannes Block
06886 Lutherstadt Wittenberg
E-Mail: block@uni-leipzig.de

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