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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

12. Sonntag nach Trinitatis, 26.08.2012

Predigt zu Psalter 22:4 (1-6), verfasst von Uwe Vetter

 


J. S. Bach, Kantate BWV 190 a »Singet dem Herrn ein neues Lied«
Erster Teil (--- Arie: Lobe, Zion, deinen Gott)



Psalm-22-Blues

oder
Der fliegende Teppich


Psalm 22
(Hinweis für) den ChorLeitenden nach (der Melodie) ‚Hindin der Morgenröte‘
Ein Lobgesang, David
zugeschrieben.
   Mein Gott, mein Gott,
   warum hast Du mich verlassen!
   Fern bist Du, meine Hilfe, den Worten meines Klagerufs!
   Mein Gott, ich rufe bei Tag,
   doch Du antwortest nicht,
   und bei Nacht,
   doch kein beruhigendes Schweigen (dringt bis) zu mir.
   Doch Du bist heilig / der Heilige,
   sitzend auf den Lobgesängen Jisraels.
   In Dich vertrauten unsere Väter;
   sie vertrauten und Du hast sie befreit.
   Zu Dir schrien sie
   und sie entkamen.
   In Dich vertrauten sie
   und wurden nicht beschämt.


I

Eine Zeile dieses Psalms kennen wir: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen...! Das waren die Worte Jesu am Kreuz (Markus 15:34). Mit einer Liedzeile aus dem Lobgesang 22 ist er gegangen.

Wenn der Mensch mit Gott allein ist, fällt die Seele in ihre Muttersprache. Und das Singen, sagte der Geiger Yehudi Menuhin, das Singen sei die Muttersprache aller Menschen. Bevor Kinder zu sprechen lernen, summen sie beim Malen und singen beim Spielen selbstvergessen vor sich hin. Und es gibt Kulturen, da stimmen Menschen ein Abschiedslied an, wenn sie spüren, dass ihre letzten Stunden angebrochen sind. Singen macht zur ‚Person‘. Das lateinische Wort Person kommt von per-sonare, (per)hindurch (sonare)klingen: Es durchweht uns eine Melodie, klingt etwas durch Menschen hindurch. Und weil Menschen auch noch sprachbegabt sind, sind wir nicht nur Instrumente und Klangkörper. Melodien suchen sich Worte und Reime. Und manche Gedichte verlangen danach, vertont zu werden. So hat es der romantische Dichter Joseph von Eichendorff (1788-1857) gesehen:

        Schläft ein Lied in allen Dingen,
        die da träumen fort und fort,
        und die Welt hebt an zu singen,
        triffst du nur das Zauberwort.

Wir sind Person, weil ein Lied in uns schläft, und wenn wir etwas hören, das in seine Richtung weist, sind wir hell wach und wie elektrisiert. Es fährt in die Glieder, es trifft unsere Stimmung, verleiht einem diffusen Gefühl die rechten Worte. Wir fallen ein und singen mit, ungeniert, rücksichtslos. Singen ist die Muttersprache aller Menschen.


II

Manchmal können die passenden Songs zur rechten Zeit eine Erlösung sein - Mein Gott, warum ...! - und verhindern, am Glück und am Unglück schier zu ersticken. Manche helfen, die eigene Balance wieder zu finden. Man singt seine Trauer heraus, lässt seinen Jubel frei, feiert seine Seligkeit, singt sich seine Sehnsucht vom Herzen. Es gibt Gesänge, die rauslassen, was einen innerlich bersten ließe.

SchülerInnen haben morgens auf dem Weg zur Schule den Knopf im Ohr, schirmen sich ab, sammeln sich. Der Tag beginnt mit einem ganz persönlichen Countdown. Auf der Heimfahrt haben sie wieder Musik im Ohr. Sie besänftigt, lässt Abstand gewinnen zu einem vielleicht frustrierenden Tag. Beim Singen rappelt sich die Seele auf, Menschen findet ihre Stimme wieder („I sang with all my might", Walking in Memphis), und tankt Widerstandskraft („We shall overcome some day"). Musik begeistert, lindert Schmerzen, tröstet und mobilisiert, erinnert und leiht dem Sprachlosen die rechten Worte. Sie hebt und trägt uns schwerelos davon und nimmt uns mit in andere Welten. Musik sortiert uns, sie arrangiert und synchronisiert und macht uns zum Teil eines überwältigenden großen Ganzen: „Ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen" (EG 503,8). Musik wogt und rockt (d. h. „wiegt") und bringt Menschen zum Tanzen. Singen macht glücklich (und sei es, wenn wir völlig unmusikalisch sind, nur uns selbst). Es verschüttet Glückshormone, Dopamin, Serotonin. Singen ist eine von Gott geschaffene, frei gegebene Droge.


III

Mein Gott, mein Gott, warum ...! Die letzten Worte Jesu stammen aus einem Lied. Ein Lied, das die Bibel Lobgesang nennt, das Gott und Seine Kraft hochleben lässt. Seltsam, nicht wahr? Ein Lied - am Kreuz! Ein Lobgesang auf einen Gott, von dem es heißt: Du hast mich verlassen! - Kennen Sie das Musikgenre mit genau dieser Kombination von Trauer und Vertrauen, Not und Hoffnung? Wir nennen solche Lieder heute „Blues". Blues-Musik ist im Ursprung geistliche Musik: LORD, I'm feeling blue, Gott, ich bin traurig. Blue(s) meint das bläulich Schimmernde, das vor Angst und Sorge fahl, verfroren Aussehende. Blues war Folklore, der spirituelle Gesang der Sklaven. Ihre Stimme war ihr wichtigstes Instrument. In den Blues legten sie alles rein, was sie waren, was sie litten und vermissten, was sie hofften und was sie am Leben hielt. Psalm 22 ist ein Blues, ein melancholisches Lied, das nach Gott sucht und tastet:

        Mein Gott, mein Gott,
        warum hast Du mich verlassen!
        Fern bist Du, meine Hilfe, den Worten meines Klagerufs!
        Mein Gott, ich rufe bei Tag,
        doch Du antwortest nicht,
        und bei Nacht,
        doch kein beruhigendes Schweigen (dringt bis) zu mir.

Psalm 22 hat wie der Blues ein Gesicht, bei dem die eine Hälfte im Dunkeln und die andere von Licht angestrahlt ist. Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen! Verlassen ... das klingt so, als wäre da keiner. Als wäre Gott verschwunden, nicht mehr aufzufinden, geradezu widerlegt von den Ereignissen. Aber derselbe Satz sagt auch das Gegenteil. Der Christus betet, er spricht mit Gott, er redet mit Ihm. Auch wenn er Ihn gerade nicht entdecken kann, wendet er sich an Ihn. Der Psalm-22-Blues hält sich an Gott fest, lässt Ihn nicht entwischen.

        Mein Gott ... in Dich vertrauten unsere Väter;
        Sie vertrauten und Du hast sie befreit.
        Zu Dir schrien sie
        und sie entkamen,
        in Dich vertrauten sie
        und wurden nicht beschämt.

Was uns hier anschaut, ist genau das, was Menschen immer wieder den Atem stocken ließ: Gott ist unsichtbar, fremd, und zugleich auf Flüsterton-Entfernung nah und hört jedes gedachte Wort: Mein Gott ... fern bist Du. Entfernt auch von dem, was einmal gut war:

        ... in Dich vertrauten unsere Väter.
        Sie vertrauten und Du hast sie befreit.

Bist Du immer noch so, auch für mich? Bist Du das noch? - Das Lied ruft Ihn, stellt Ihn, und hält Ihn fest. Blues ist Glaubensmusik von ungeheurer Intensität, von Glaubenskraft, die Gott am Ärmel fasst und nicht loslässt. Blues ist alles, Seelengesang und Passion und Leidenschaft. Nur nicht Resignation. Es ist Schrei nach Leben, brodelnd von Erwartung, es ist Leben-auf-dem-Sprung. Mein Gott, mein Gott ... Jesus sang zur Todesstunde ein Lebenslied.


IV

Und dies, liebe Singwochen-Auftakt-Gottesdienstgemeinde, dieses Singen hat Gott berührt und bewegt. Und ich habe heute Abend das Privileg Ihnen zu predigen: Es ist bis heute so. Wenn Musik in der Kirche ertönt, wenn Gesang ertönt, wenn Stimmen sich vereinen und der Ton nach oben schwebt wie eine Wolke aus Klängen, dann kann es sein, dass wir ein „blaues Wunder" erleben. Der Gesang der Gemeinde bildet einen Klangteppich, auf den Gott sich niederlässt, schwebend gegenwärtig. Unser Gesang bekommt Fühlung mit dem Heiligen. So steht es im 22. Psalm.

        Mein Gott, ich rufe bei Tag,
        doch Du antwortest nicht,
        und bei Nacht,
        doch kein beruhigendes Schweigen (dringt bis) zu mir.
        Doch Du bist heilig / der Heilige,
        sitzend auf den Lobgesängen Jisraels.

Gott sitzt auf den Gesängen der Gemeinde. Gott thront auf einem fliegenden Teppich aus Gesang. Er lässt sich nieder auf einem fliegenden Klangteppich. Und dieser Klangteppich wird gewoben, wenn Chor oder Gemeinde die Stimmen erheben. Wenn wir einen Choral singen, wenn die Orgel und andre Instrumente ein Klanggerüst erschaffen und wir hören, wie es nach oben ins Gewölbe steigt - dann kann es passieren: Gott lässt sich auf diesem Klangteppich nieder, nimmt Platz auf den Lobgesängen der Gemeinde, und lässt sich - schwerelos - vom Singen tragen wie in einer Sänfte aus Musik. - Dass Musik eine erhebende Wirkung auf uns hat, ist bekannt. Aber dass unser Gesang eine erhebende Wirkung auf Gott hat, ist eine Neuigkeit. Der Heilige, Platz nehmend im Aufwind der nach oben steigenden Lieder Jisraels, das ist eine Verheißung für alle, die in der Kirche singen.

*

Ich denke mir, ich werde unter diesen Umständen zukünftig etwas kräftiger mitsingen, und wenn am Ende der Klang nach oben verhallt, mal verstohlen raufschauen. Ich weiß, Gott ist unsichtbar, aber man weiß ja nie.

Amen.




Zweiter Teil der Kantate
(Rezitativ: Herr, wenn dein Evangelium, / die Himmelslehre, / nicht unser Trost gewesen wäre ---)



Pfarrer Dr. Uwe Vetter
Düsseldorf
E-Mail: Uwe.Vetter@evdus.de

Bemerkung:
Kantaten-Gottesdienst zur Eröffnung der Düsseldorfer Singwoche, am Abend des 26.08.2012 in der Johanneskirche Stadtkirche Düsseldorf.


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