Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

13. Sonntag nach Trinitatis, 02.09.2012

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 4:1-16, verfasst von Martin Schewe

 

Gnade für die Königin

Und der Mensch erkannte Eva, seine Frau, und sie wurde schwanger und gebar Kain, und sie sprach: Ich habe einen Sohn bekommen mit Hilfe des Herrn. Und sie gebar wieder, Abel, seinen Bruder. Abel wurde Schafhirt, und Kain wurde Ackerbauer.

Es war einmal eine Königin, die bekam ein Töchterlein, das war so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und ihr Haar so schwarz wie Ebenholz. Sie wurde Schneewittchen genannt. Und wie sie das Kind geboren hatte, starb die Königin.

Nach geraumer Zeit aber brachte Kain dem Herrn von den Früchten des Ackers ein Opfer dar. Und auch Abel brachte ein Opfer dar von den Erstlingen seiner Schafe und von ihrem Fett. Und der Herr sah auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer sah er nicht.

Der König nahm eine andere Gemahlin. Sie war eine schöne Frau, aber stolz und übermütig, und konnte nicht leiden, dass jemand sie an Schönheit übertraf. Sie hatte einen wunderbaren Spiegel. Wenn sie vor den trat und sich darin beschaute, sprach sie: „Spieglein, Spieglein an der Wand, / wer ist die Schönste im ganzen Land?" Und der Spiegel antwortete: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land." Doch Schneewittchen wuchs heran und wurde immer schöner, bis sie so schön war wie der Tag und schöner als die Königin selbst. Als die eines Tages ihren Spiegel fragte: „Spieglein, Spieglein an der Wand, / wer ist die Schönste im ganzen Land?", antwortete der Spiegel: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, / aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr."          

Da wurde Kain sehr zornig, und sein Blick senkte sich. Der Herr aber sprach zu Kain: Warum bist du zornig, und warum ist dein Blick gesenkt? Ist es nicht so: Wenn du gut handelst, kannst du frei aufblicken. Wenn du aber nicht gut handelst, lauert die Sünde an der Tür, und nach dir steht ihre Begier, du aber sollst Herr werden über sie.

Die Königin rief einen Jäger und sagte zu ihm: „Bring das Kind hinaus in den Wald, ich will's nicht mehr sehen. Du sollst es töten und mir Lunge und Leber als Wahrzeichen bringen." Der Jäger gehorchte und führte Schneewittchen hinaus. Er brachte es aber nicht über sich, sie zu töten, und ließ sie im Wald und brachte der Königin die Lunge und die Leber eines Frischlings. Die aß die Königin und meinte, es wären Schneewittchens. Schneewittchen aber lief, bis sie an ein kleines Haus kam. Darin standen ein kleiner Tisch mit sieben kleinen Tellern und Bechern und an der Wand sieben kleine Betten. Schneewittchen aß ein wenig von jedem Teller, trank ein wenig aus jedem Becher und legte sich in ein Bett, aber keins war groß genug, erst das letzte. Als sie eingeschlafen war, kamen die sieben Zwerge zurück, denen das Haus gehörte, und fragten: „Wer hat von meinem Teller gegessen? Wer hat aus meinem Becher getrunken? Wer hat in meinem Bett gelegen?" Da fanden sie Schneewittchen, und sie blieb bei den Zwergen. Währenddessen dachte die Königin, sie wäre wieder die Schönste, trat vor ihren Spiegel und sprach: „Spieglein, Spieglein an der Wand, / wer ist die Schönste im ganzen Land?" Doch der Spiegel antwortete: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, / aber Schneewittchen über den Bergen / bei den sieben Zwergen / ist noch tausendmal schöner als Ihr."

Darauf redete Kain mit seinem Bruder Abel. Und als sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

Noch dreimal versucht die Königin, Schneewittchen umzubringen: mit einem Schnürriemen, einem vergifteten Kamm und schließlich mit einem giftigen Apfel. Diesmal antwortet der Spiegel: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land."

Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß es nicht. Bin ich denn der Hüter meines Bruders? Er aber sprach: Was hast du getan! Horch, das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden.

Weil sie so schön war, legten die Zwerge Schneewittchen in einen gläsernen Sarg. Den stellten sie hinaus auf den Berg und bewachten ihn. Es geschah aber, dass ein Königssohn in den Wald geriet. Er sah auf dem Berg den Sarg und Schneewittchen darin und sprach zu den Zwergen: „Lasst mir den Sarg. Ich gebe euch dafür, was ihr wollt." Die Zwerge antworteten: „Wir geben ihn nicht um alles Gold der Welt." Da sagte der Königssohn: „Dann schenkt ihn mir, denn ich kann nicht leben, ohne Schneewittchen zu sehen." Da schenkten ihm die Zwerge den Sarg, und er ließ ihn von seinen Dienern forttragen. Unterwegs aber stolperten sie, und davon fuhr das giftige Apfelstück, das Schneewittchen abgebissen hatte, aus ihrem Hals. Sie öffnete die Augen und wurde wieder lebendig.

Und nun - verflucht bist du, verbannt vom Ackerboden, der seinen Mund aufgesperrt hat, um aus deiner Hand das Blut deines Bruders aufzunehmen. Wenn du den Ackerboden bebaust, soll er dir fortan keinen Ertrag mehr geben. Rastlos und heimatlos sollst du auf Erden sein.

Zur Hochzeit wurde auch Schneewittchens Stiefmutter eingeladen. Wie sie sich nun mit den schönsten Kleidern angetan hatte, trat sie vor ihren Spiegel und fragte: „Spieglein, Spieglein an der Wand, / wer ist die Schönste im ganzen Land?" Der Spiegel antwortete: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, / aber die junge Königin ist tausendmal schöner als Ihr." Da wollte sie gar nicht auf die Hochzeit gehen. Doch es ließ ihr keine Ruhe; sie musste die junge Königin sehen. Und wie sie hineintrat, erkannte sie Schneewittchen, und vor Angst und Schrecken stand sie da und konnte sich nicht regen.             

Da sprach Kain zum Herrn: Meine Strafe ist zu groß, als dass ich sie tragen könnte. Sieh, du hast mich heute vom Ackerboden vertrieben, und vor dir muss ich mich verbergen. Rastlos und heimatlos muss ich sein auf Erden, und jeder, der mich trifft, kann mich erschlagen.

Es waren schon eiserne Pantoffeln über Kohlenfeuer gestellt und wurden mit Zangen hereingetragen und vor sie hingestellt. Da musste sie in die rotglühenden Schuhe treten und so lange tanzen, bis sie tot zur Erde fiel.

Der Herr aber sprach zu ihm: Fürwahr, wer immer Kain erschlägt, soll siebenfach der Rache verfallen. Und der Herr versah Kain mit einem Zeichen, damit ihn nicht erschlage, wer auf ihn träfe. So ging Kain weg vom Herrn, und er ließ sich nieder im Lande Nod, östlich von Eden.

Liebe Gemeinde,

„Kinder- und Hausmärchen" haben die Brüder Grimm ihre Sammlung genannt, in der auch das Märchen von Schneewittchen steht. Ein „Kinder- und Hausmärchen"? In diesem Fall können einem Zweifel kommen. Das Märchen von Schneewittchen erinnert an einen Horrorfilm. Die Geschichte enthält Stellen von solcher Grausamkeit, dass sogar Erwachsene starke Nerven brauchen. Die Königin unternimmt nicht nur insgesamt vier Mordanschläge auf ihre Stieftochter. Sie befiehlt überdies, Schneewittchens Innereien herauszuschneiden, und isst sie. Jedenfalls glaubt die Königin das. Und die Strafe, die sie am Ende ereilt, eigentlich nur recht und billig, fällt nicht weniger schrecklich aus. Die Königin muss sich auf glühenden Sohlen zu Tode tanzen. Da bekommt man sogar mit ihr Mitleid. Gehört Schneewittchen also auf den Index? „Für Jugendliche nicht geeignet"? Mich hat die Brutalität des Märchens als Kind nicht gestört. Das lag nicht etwa daran, dass ich selber zur Brutalität geneigt hätte. Ich kann mich zumindest nicht daran erinnern, mich über die grausamen Stellen besonders gefreut zu haben. Ich erschrak aber auch nicht darüber. Diese Stellen gehörten eben zur Geschichte, und die war ja nicht wirklich passiert. Deshalb brauchte ich mich nicht zu erschrecken. Dass es in der Wirklichkeit genauso schlimm zugehen kann, wusste ich noch nicht. Erwachsene sind nicht mehr so unbefangen. Womöglich nehmen sie darum noch eher als Kinder Anstoß an dem Kannibalismus der Königin und deren eigener Folterung zum guten oder vielmehr bösen Schluss.

Wahrscheinlich hatte ich als Kind Recht und Unrecht zugleich. Recht hatte ich wohl damit, dass diese Szenen eben zur Geschichte gehörten. Sie lebt davon, dass die Schlechtigkeit der Königin jedes Maß übersteigt und dass ihr mit gleicher Münze heimgezahlt wird. Wenn es in der Wirklichkeit genauso zugeht, dann spricht das gegen die Wirklichkeit, nicht gegen die Geschichte. Ihre Grausamkeit ist eine Märchengrausamkeit, ein erzählerischer Zug - wie der Spiegel, der sprechen kann, und die sieben Zwerge. Auch sie gehören in die eigene Welt der Geschichte und gehorchen den Regeln, die in dieser Welt gelten, nicht den Regeln der wirklichen Welt. Dort gibt es den Spiegel und die Zwerge nicht. In der Welt des Märchens haben sie ihren Platz. Und dort darf es auch grausam zugehen, wenn die Geschichte es verlangt. Allerdings nur dort.

In diesem Punkt also hatte ich wohl Recht. Ich hätte es als Kind natürlich nicht erklären können, aber ungefähr das steckte dahinter, wenn ich mich nicht erschreckte, weil die Königin dermaßen schlecht war und die Rache dermaßen fürchterlich. Eine eigene Welt. Darum musste es so sein. Was ich dagegen nicht ahnen konnte: Obwohl das Märchen seinen eigenen Regeln folgt, handelte es nicht nur von ausgedachten Dingen. Wir finden darin unsere Sehnsüchte wieder und unsere Angst. Wenn wir genau hinsehen, stoßen wir inmitten der fremden Märchenwelt auf uns selbst. Hätte ich das damals verstanden, ich hätte mich doch erschreckt. Nicht die grausamen Stellen waren das Problem, sondern das, was sie von mir erzählten. Die böse Königin, erzählten sie nämlich, das war ich.

Nein, ich neigte nicht zu Brutalität. Ich versuche hoffentlich auch nie, jemanden zu töten, und besitze keinen magischen Spiegel. Doch obwohl es ihn nur in der Geschichte gibt, kommt mir der Spiegel bekannt vor, vor den die Königin wieder und wieder tritt: „Spieglein, Spieglein an der Wand, / wer ist die Schönste im ganzen Land?", und der wieder und wieder dieselbe Antwort gibt: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, / aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr." Und wieder und wieder der verzweifelte Versuch, den Spiegel zu korrigieren und endlich selbst die Schönste zu sein. Oder der Klügste oder sonstwie Beste. Das möchte ich auch. Und hören, dass ich es bin - wenigstens vom Spiegel, wenigstens von mir selbst. Das Märchen schildert nicht die Wirklichkeit. Aber es berührt sie. Es will nicht realistisch sein. Aber es hat Ähnlichkeit mit der Realität. Das gilt, fürchte ich, vor allem von Schneewittchens Stiefmutter. Vor allem sie verkörpert unsere Sehnsüchte und unsere Angst - ins Monströse gesteigert und dennoch unverkennbar: wie hoch wir hinauswollen und wie tief wir deshalb fallen; wie wichtig wir uns nehmen, jeder zuerst sich selbst, und wie schwer wir es uns und den anderen damit machen. Denn zufrieden sind wir nie. Wir gehen zwar nicht über Leichen, um die Schönste im Land zu werden. Aber auch wir machen uns und einander das Leben zur Hölle, wenn sich alles um uns dreht, um unseren Ehrgeiz und unsere Erfolge, unsere Enttäuschungen und Eifersucht.

Das Märchen kennt daher keine Gnade mit der bösen Königin. So erzählt es die Welt, die aus den Fugen geraten war, wieder zurecht. Wer selber keine Gnade kennt, darf nicht auf Gnade hoffen. Als Kind fand ich das völlig in Ordnung. Inzwischen weiß ich, dass auch der Schluss der Geschichte von mir handelt, und erschrecke noch einmal. Doch wenn mir das Märchen keine Hoffnung macht, so spricht das wiederum nicht gegen das Märchen. Denn erstens hat es ja Recht: Ich habe es mir selber zuzuschreiben, dass ich mich immer schon auf glühenden Sohlen zu Tode tanze. Und zweitens ist es nicht die Aufgabe des Märchens, mir Hoffnung zu machen. Wir bekommen dort, was wir verdienen. Als Märchenschluss ist das tatsächlich völlig in Ordnung. Für die Hoffnung ist eine andere Geschichte zuständig.

Da sprach Kain zum Herrn: Meine Strafe ist zu groß, als dass ich sie tragen könnte. Sieh, du hast mich heute vom Ackerboden vertrieben, und vor dir muss ich mich verbergen. Rastlos und heimatlos muss ich sein auf Erden, und jeder, der mich trifft, kann mich erschlagen. Der Herr aber sprach zu ihm: Fürwahr, wer immer Kain erschlägt, soll siebenfach der Rache verfallen. Und der Herr versah Kain mit einem Zeichen, damit ihn nicht erschlage, wer auf ihn träfe. So ging Kain weg vom Herrn, und er ließ sich nieder im Lande Nod, östlich von Eden.

Wieder eine eigene Welt und trotzdem mit unserer verbunden; wieder eine Geschichte, in der wir nicht vorkommen und die dennoch von uns handelt. Zwei Geschichten von Schuld und Strafe, aber Gott setzt der Strafe eine Grenze. Er verstößt Kain und stellt ihn zugleich unter seinen Schutz. Deshalb darf auch die böse Königin aus dem Märchen auf Gnade hoffen.

 



Pfarrer Dr. Martin Schewe
33330 Gütersloh
E-Mail: marschewe@yahoo.de

Bemerkung:
[Wenn der Bibeltext und das Märchen von Schneewittchen wie vorgeschlagen miteinander kombiniert werden, müssen sie von zwei verschiedenen Personen gelesen werden. Den Bibeltext zitiere ich in der Übersetzung der Zürcher Bibel 2007. Das Märchen habe ich nach folgender Ausgabe gekürzt und bearbeitet: Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm in drei Bänden. Mit Zeichnungen von Otto Ubbelohde und einem Vorwort von Ingeborg Weber-Kellermann; Frankfurt 1984 (it 829), Bd.1, S.300-311.]






(zurück zum Seitenanfang)