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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

13. Sonntag nach Trinitatis, 02.09.2012

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 4:1-16 (17), verfasst von Jochen Riepe

 

‚So ging Kain hinweg von dem Angesicht des Herrn und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten‘.

I

Da geht Kain , der Brudermörder‘, rufen die Kinder und laufen ihm nach. Wenn ihm aber eines zu nahe kommt, dann bellt der Hund*, den Gott Kain gab , und kreischend kehren sie um. So geschieht es immer wieder im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten , im Lande des ‚Unsteten und Flüchtigen‘ , des - Verfluchten.

II

Als ich fast ein Kind noch war , liebe Gemeinde , da liebte ich Kain , ja , schrecklich , ich liebte einen Mörder. Nicht für seine Tat , aber für seinen niedergeschlagenen Geschwisterblick . Ich verstand seinen Zorn und seine Enttäuschung. ‚Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an‘. Warum nur ? Was hatte Abel, was Kain nicht hatte? Warum wurde der eine vorgezogen und der andere benachteiligt ? Zurückgesetzt , übergangen , gekränkt werden ... hat Mama einen Liebling ? Ist Papa lieber mit dem Bruder unterwegs ? Und Gott : Macht er Unterschiede in seiner Liebe - er , der uns doch alle gleich liebhat ?

III

In der Zeitung** lese ich von der Fanpost, die manche Gewaltverbrecher in Amerika in ihren Gefängniszellen stapeln sollen. Frauen werben um Männer , die als Mörder angeklagt , zu langen Haftstrafen verurteilt sind oder auf die Vollstreckung des Todesurteils warten. Sie schreiben , besuchen , lieben , heiraten sogar ihren Kain - ‚was hat man dir, du armes Kind, getan`?! ‚Sympathy for the devil‘ - sympathy for Kain‘ ! Hat man nicht auch mich gekränkt und mir Leid angetan und gewinne ich nicht mit meiner Solidarität , meiner Liebe zu Kain etwas von dem zurück, was man mir genommen hat ? Der Täter als Opfer : Braucht er nicht unsere Anteilnahme und Liebe besonders ? .

IV

‚Hör auf !‘ ruft der junge Mann , der kein Kind mehr sein kann. Er sieht das Opfer am Boden liegen , Abel , dem das Leben genommen wurde, und er liest die schöne, traurige , aufrüttelnde Zeile der Lyrikerin Hilde Domin : ‚ Abel, steh auf, es muß neu gespielt werden‘. ‚ Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde‘ , sagt Gott ,jeder Tropfen Blut eine Zunge , die redet und schreit ... Wer kann sich mit dieser unglaublichen Geschichte ‚vom Anfang‘ ernstlich abfinden ? Wir müssen umschreiben , neu schreiben , ganz neue Brüder-und Schwestergeschichten erzählen und leben - und war die christliche Gemeinde nicht eben so angetreten : eine Gemeinschaft der kreativen geschwisterlichen Liebe , neue Lebensformen, ein neuer Anfang für die Opfer und auch die Täter !

V

Wie gut diese Perspektive tat ! Abel steh auf , wir spielen noch einmal ! Der Täter , dieser verfluchte Kain , darf aufarbeiten , darf sich entschuldigen , darf wiedergutmachen ! Und das Opfer : Abel wird ihm gegenübersitzen , seine Furcht vor dem Bruder überwinden und mit der Zeit die Kraft gewinnen , ihm zu verzeihen ! ‚Täter-Opfer-Ausgleich‘ sagt man heute dazu . Das hört sich formell, behördlich, jedenfalls unlyrisch an. Aber dahinter steckt doch der Wunsch und auch die Erfahrung : Wenn alle mitarbeiten , wenn alle guten Willens sind , dann kann es neue Geschichten geben. Dann kann der Fluch der bösen Tat gebrochen werden und auch der Ur-Mord kann uns zum Besten dienen.

VI

Die Kinder rufen : ‚Seht , da kommt Kain , der Brudermörder!‘ Kain hört das und weiß : Ich wohne in einem anderen Land , im Lande Nod , jenseits von Eden. Die Kinder juchzen und schreien , vor Lust und Angst , der Hund bellt, und dann geht Kain dahin zurück, wo er her gekommen ist. Zurück ? Wohin ? Nur fort von hier - unstet und flüchtig - du wirst das Land auf keiner Karte entdecken !

VII

‚Hättest du doch nur gehört, Kain !‘ sagt das erwachsen gewordene Kind , wenn man so will : die Stimme der Vernunft derer , die nun selbst Kinder haben und erziehen. Hatte Gott ihn nicht gewarnt und seinen grimmigen , gesenkten Blick erheben wollen ? ‚Wenn du fromm bist, so kannst du den Blick frei erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie‘. Ja, so spricht gleichsam der Gott der Gesellschaft : Selbstformung, Selbstbeherrschung, Zivilisierung. Gott gesteht sie uns zu - diese abgründigen Gefühle, Neid , Wut , tiefes Gekränktsein - , aber in einem sagt er : Es liegt an dir , ob du sie hochkommen und dich von ihnen beherrschen läßt. Mag sein , daß dieses göttliche Einhalte-Wort nachträglich in unsere Geschwisterbeziehungsgeschichte eingefügt wurde, aktuell ist es allemal.

VIII

Selbsterziehung. Selbstbeherrschung. Selbstaufkärung. Mag ich noch so gekränkt sein , ich kann doch lernen , mit einer Kränkung umzugehen. Ich muß das nicht alles ausleben oder rächen , was mir wirklich einmal oder - und wie oft ist so ?! - in meiner Phantasie angetan wurde. Mit chronischer Wut oder chronischem Selbstmitleid kommt man nicht weiter , schon gar nicht unter Geschwistern !! Wer weiß denn , was damals mit Mutter los war ! Weißt du denn , welchen Stress der Vater hatte ? Und ist irgendein Satz , den du zufällig mitbekommen hast , es wert , ein Schwergewicht für ein ganzes Leben zu werden ? Auch eine Lehre für Kain : Du bist gekränkt , aber bist du sicher , daß der andere dich kränken wollte ?

IX

‚So ging Kain hinweg von dem Angesicht des Herrn und wohnte im Lande im Lande Nod , jenseits von Eden , gegen Osten‘.

Wer kann sich mit dieser unglücklichen Geschichte ernsthaft abfinden ?! Wir müssen immer wieder über Kain reden ,oder besser gesagt : Wir müssen mit ihm vor Gott reden . Wie vielfältig , gleichsam verwirrend-offen , Gott in Kains Geschichte erscheint : rätselhaft, warnend-mahnend, verletzt und strafend und dann doch wieder schützend . Ja, und dann noch ... dann noch ... mit großer Verwunderung lese ich weiter : ‚Und Kain erkannte seine Frau und sie gebar ...‘ Ist das am Ende bloßer Erzählzwang - genealogischer Zwang , Zeugungszwang? Oder deutet es zumindet an : dem Unsteten und Flüchtigen durfte ein anderer Mensch so nahe kommen, daß er mit ihm eins wurde ? Wurde diese Frau gleichsam zum Leib jenes Quentchens Gnade , jenes ‚Quentchen(s) Erlösungsenergie‘***, das Gott auch dem Brudermörder gewährt ?

X

Da kommt Kain , der aus dem Lande Nod‘, rufen die Kinder , laufen auf ihn zu und drehen dann kreischend um . Der Hund bellt ... wenn sie wüßten , ja , wenn sie wüßten : Das Land, auf keiner Karte zu finden , das Land der Verfluchten - möge Gott es nicht vergessen!

 



Pfarrer Jochen Riepe
Dortmund
E-Mail: Jochen.Riepe@gmx.net

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