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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

13. Sonntag nach Trinitatis, 02.09.2012

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 4:1-16a, verfasst von Klaus Wollenweber

 

Gott will Leben und schützt den Mörder

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde,

Die Brudermordgeschichte von Kain und Abel ist eine der ersten Erzählungen in der Bibel. So beginnt die Glaubensgeschichte der Menschen mit einer grausamen und überhaupt nicht erbaulichen Episode! Soll sie eine Entschuldigung andeuten für das Blutvergießen und die Gewalt in der Welt zu allen Zeiten? Diese Erzählung provoziert bis heute eine Reihe von unbeantwortbaren, weiteren Fragen: z.B. Was für ein Gott ist das, der die Opfer zweier Brüder nicht in gleicher Weise anerkennt und annimmt? Wie soll Kain damit umgehen, daß er mit seinem Opfer nicht angenommen wird? Oder: Wenn doch Gott den Menschen zu seinem Ebenbild ursprünglich gut geschaffen hat, wieso bringt Kain seinen Bruder Abel um? Oder: Ist dies Gottes Gerechtigkeit, daß er den Mörder nicht mit der Todesstrafe verurteilt, sondern ihn auch noch schützt, damit dieser am Leben bleibt? Die Diskussion um die Todesstrafe ist uralt.

Wenn ich jetzt den biblischen Text lese, dann bedenken wir beim Hören, daß diese Dichtung eine Glaubensgeschichte von Menschen ist, - ja von uns, die wir uns immer wieder der guten Lebensordnung Gottes entgegenstellen; eine Glaubensgeschichte von uns, die wir häufig nicht akzeptieren wollen, daß der andere beliebter und fähiger ist und daß wir beide dennoch geliebte Geschöpfe Gottes sind, aber nicht die Schöpfer und Herren des Lebens.

Ich lese aus dem 1.Buch Mose Kapitel 4 die Verse 1-16:

1 Adam schlief mit seiner Frau Eva, und sie wurde schwanger. Sie brachte einen Sohn zur Welt und sagte: »Mit Hilfe des HERRN habe ich einen Mann hervorgebracht.« Darum nannte sie ihn Kain. 2 Später bekam sie einen zweiten Sohn, den nannte sie Abel. Abel wurde ein Hirt, Kain ein Bauer.3

Einmal brachte Kain von seinem Ernteertrag dem HERRN ein Opfer. 4 Auch Abel brachte ihm ein Opfer; er nahm dafür die besten von den erstgeborenen Lämmern seiner Herde. Der HERR blickte freundlich auf Abel und sein Opfer, 5 aber Kain und sein Opfer schaute er nicht an. Da stieg der Zorn in Kain hoch und er blickte finster zu Boden. 6 Der HERR fragte ihn: »Warum bist du so zornig? Warum starrst du auf den Boden? 7 Wenn du Gutes im Sinn hast, kannst du den Kopf frei erheben; aber wenn du Böses planst, lauert die Sünde vor der Tür deines Herzens und will dich verschlingen. Du musst Herr über sie sein!«

8 Kain aber sagte zu seinem Bruder Abel: »Komm und sieh dir einmal meine Felder an!« Und als sie draußen waren, fiel er über seinen Bruder her und schlug ihn tot.

9 Der HERR fragte Kain: »Wo ist dein Bruder Abel?« »Was weiß ich?«, antwortete Kain. »Bin ich vielleicht der Hüter meines Bruders?«

10 »Weh, was hast du getan?«, sagte der HERR. »Hörst du nicht, wie das Blut deines Bruders von der Erde zu mir schreit? 11 Du hast den Acker mit dem Blut deines Bruders getränkt, deshalb stehst du unter einem Fluch und musst das fruchtbare Ackerland verlassen. 12 Wenn du künftig den Acker bearbeitest, wird er dir den Ertrag verweigern. Als heimatloser Flüchtling musst du auf der Erde umherirren.« 13 Kain sagte zum HERRN: »Die Strafe ist zu hart, das überlebe ich nicht! 14 Du vertreibst mich vom fruchtbaren Land und aus deiner schützenden Nähe. Als heimatloser Flüchtling muss ich umherirren. Ich bin vogelfrei, jeder kann mich ungestraft töten.« 15 Der HERR antwortete: »Nein, sondern ich bestimme: Wenn dich einer tötet, müssen dafür sieben Menschen aus seiner Familie sterben.« Und er machte an Kain ein Zeichen, damit jeder wusste: Kain steht unter dem Schutz des HERRN.

16 Dann musste Kain aus der Nähe des HERRN weggehen. Er wohnte östlich von Eden* im Land Nod.

Liebe Gemeinde, ungleiche Brüder, ungleiche Schwestern, ungleiche Geschwister - das kennen wir bis heute: nicht nur in der Familie, auch in der Gemeinschaft der christlichen Konfessionen und Religionen. Da gibt es unterschiedliche Rituale, verschiedene Glaubensformen und -inhalte, aber fast jede Gruppe nimmt für sich in Anspruch, daß sie den wahren Glauben habe und die von Gott Angenommenen seien - wie Abel. Dieser ausschließende Anspruch steht dem christlichen Miteinanderleben sehr im Weg.

Ebenso kennen wir diese Problematik aus der eigenen Kirchengemeinde, in der so unterschiedliche Menschen eine Gemeinschaft bilden, in der alle angenommen sein wollen. Es gibt z.B. Aktive und Passive, Starke und Schwache, Attraktive und Unscheinbare, Glückspilze und Pechvögel, Beliebte und Unbeliebte, deutsche Mitbürger und ausländische, Emporkömmlinge und Zurückgebliebene.

Hier in der Geschichte von Kain und Abel geht es zugespitzt um zwei Brüder, Kinder derselben Eltern und im gleichen Umfeld aufgewachsen. Kein Mensch ist von Geburt an böse; auch Kain war kein Unmensch. Das Unrecht, die Sünde,

das böse Verhalten lauert vor der Tür, wie es in der biblischen Geschichte vor dem Mord heißt. Ein einprägsames Bildwort, finde ich: Da ist nicht das Böse in uns und will heraus, sondern da liegt das Böse vor uns auf der Lauer und will herein. Gott sagt es dem Kain, bevor er den Brudermord begeht. Wir hören es heute wie Kain und sind wie er schon vorher gewarnt. Dennoch geraten wir immer wieder in den Sog des Unrechts, der Verlogenheit, der Sündenverfangenheit.

Ich denke, daß uns diese biblische Episode in den Abgrund eines Geheimnisses blicken läßt, das wir weder biologisch noch psychologisch noch soziologisch erhellen können. In unserer Welt gibt es tatsächlich das Böse; es lauert vor der Tür, will herein, und wir sind schon darin verfangen, obwohl wir mit beieindruckenden Entschuldungs- und Verdrängungsmustern aufwarten können. Konflikte gestörter Brüderlichkeit prägen weithin unsere Lebenswirklichkeit. Jeder und jede von uns steht in der Gefahr, ein „Abel" zu sein, indem er oder sie an der Macht der Beliebtheit, der Anerkennung und des Wohlgefallens eisern festhält und somit bei anderen Neid und Eifersucht hervorruft. Aber zugleich kann jeder und jede von uns auch zu einem „Kain" werden, wenn Wut, Eifersucht und Rachegedanken überhand nehmen, wenn die Konkurrenz zu stark wird und die Kommunikation vollständig gestört ist.

Liebe Gemeinde, ich gehe davon aus, daß wir alle keine Brudermörder sein wollen. Aber der Mord hat viele Vorstufen, wie auch das Evangelium für den heutigen Sonntag beispielhaft berichtet ( Luk. 10, 25-37 ). „Wenn Blicke töten könnten", heißt so eine Redewendung, oder eine andere: „den oder die lasse ich links liegen"; oder der Ratschlag: „den mußt du einfach übersehen" oder „behandle doch den anderen wie Luft". In der Politik gehört in diese Vorstufe beispielhaft der Ausspruch des iranischen Präsidenten, daß „Israel ein Geschwür in der arabischen Welt sei". Alles fördert den Zorn, die Eifersucht, den Neid, den Haß. Wir Menschen sind zum Mord fähig, aber das Töten ist unentschuldbar; es ist keine von Gott akzeptierte Konfliktlösung.

„Warum senkst du finster deinen Blick?" - so fragt Gott den Kain. Kennen wir nicht alle solche Situationen? Im Examen vor den Prüfern, bei einer Verkehrskontrolle vor Polizeibeamten, in einer Firma vor dem Chef oder der Chefin. Wer von uns guckt dann schon dem „Gegner" ins Angesicht, wenn er innerlich vor Ärger und Wut kocht? So ist es doch: Wer von uns finster zu Boden blickt, der hat meist Schlechtes im Sinn, verbirgt zumindest schlimme Taten oder böse Pläne!

Mit dieser seiner Frage will Gott dem Kain helfen, ihn vor unendschuldbarem Handeln bewahren und ihn auf seine schöpfungsgemäße Eigenverantwortung ansprechen. Für uns heute bedeutet diese Frage Gottes: „Warum senkst du finster deinen Blick?", daß wir Gewalt und Blutvergießen zwar nicht mit unserem christlichen Glauben aus der Welt schaffen können, aber wir müssen unsere Mitverantwortung im Weltgeschehen erkennen, die Mitverantwortung für Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und unser religiöses Miteinander.

Bis heute will Gott uns helfen, in eigener Verantwortung solche Entscheidungen zu treffen, daß wir unsere gesenkten Häupter wieder aufrichten und frei nach vorne blicken können. Gott will unseren aufrechten Gang und den freien Blick als Kennzeichen seiner Geschöpfe, die von der Gnade des Schöpfers wissen und befreit von Eifersucht leben. Gott selbst will diesen Teufelskreis vom Kampf um Anerkennung und Liebeserweis durchbrechen, indem er zuerst sowohl Abel wie Kain das Leben und die Existenzberechtigung zuspricht: er nimmt das Opfer Abels an, und er schützt nach dem Brudermord den Kain vor der Todesstrafe. Es geht in dieser Erzählung um die Botschaft des Gottes, der mit seiner bedingungslosen Liebe das Leben von uns Menschen will und immer neu Leben schenkt. Gott ist gegen den Tod ganz parteiisch für Leben. Für uns Christen ist diese letzte Parteilichkeit Gottes zum Leben hin in dem Ostergeschehen Christi enthüllt worden. Gott hat ein für allemal Partei ergriffen für das von ihm geschützte Leben.

Das Nein Gottes am Ende dieser Geschichte ist das erste Nein Gottes in der Bibel; es ist das klare Nein Gottes zur Tötung des Kain. In einer Welt voller Finsternis, Gewalt und Totschlag macht Gott ein Gnadenzeichen an Kains Stirn. Also sichtbar! Eine Rechtfertigung desjenigen, der wider Gottes Gebot gehandelt hat, eine Rechtfertigung des Mörders durch Gottes Gnade!. Gott zeigt dem Kain Wege aus der Verstrickung, ohne die Schuld zu bedecken oder wegzunehmen. Gott ermöglicht dem Kain, die eigenen Rachegedanken und Gefühle als Schuld zu erfahren und damit zu leben. So führt Gott aus dem Teufelskreis heraus, aus dem der Mensch sich selbst nicht befreien kann.

Auch wenn bis heute die Botschaft gilt, daß die Sünde vor der Tür lauert und nach dir Verlangen hat, so befreit Gott uns Menschen von dem Teufelskreis von Rache und Mordgedanken. Diese Brudermordgeschichte hält uns einen schonungslosen Spiegel im Blick auf unsere Gedanken, Worte und Werke vor. Fühlen wir uns vor Gott und den Mitmenschen benachteiligt gegenüber den Fähigkeiten und Gaben der anderen Menschen oder können wir die Qualitäten des anderen als Bereicherung des eigenen Lebens wahrnehmen? Fühle ich mich im Leben zu kurz gekommen oder habe ich Freude an dem, was ich in meinem Leben erreichen durfte? So wird diese Brudermordepisode zur Glaubensgeschichte der unendlichen Bereitschaft Gottes zur einzigartigen Liebe zu seinen Geschöpfen, ja, zu Ihrem und zu meinem Leben - mit welcher Lebensvielfalt oder Einheitlichkeit wir auch immer vor Gott dastehen.

Amen

 



Altbischof Klaus Wollenweber
53129 Bonn
E-Mail: Klaus.Wollenweber@kkvsol.net

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