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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

13. Sonntag nach Trinitatis, 02.09.2012

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 4:1-16, verfasst von Thomas Jabs

 

Soll ich meines Bruders Hüter sein?

4,1 Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des HERRN. 2 Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.

3 Es begab sich aber nach etlicher Zeit, daß Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. 4 Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, 5 aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.

6 Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick?

7 Ist's nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.

8 Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Laß uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

9 Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?

10 Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. 11 Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen.

12 Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.

13 Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als daß ich sie tragen könnte.

14 Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muß mich vor deinem Angesicht verbergen und muß unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir's gehen, daß mich totschlägt, wer mich findet.

15 Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, daß ihn niemand erschlüge, der ihn fände.

16 So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.

 

Liebe Gemeinde!

Ein langer Text eine wichtiger Text und ein sehr bekannter Text. All die Fragen Warum Gott das Opfer des einen gnädig ansieht und das des anderen nicht, ob Kain vom Neid ergriffen war oder wovon sonst, der gesenkte Blick des Mörders und viele andere Fragen und Details haben sie schon viele mal gehört, gefragt, und diskutiert. Damit brauche ich sie nicht zu langweilen. Nein.

Die Fragen an den Text sind oft genug gestellt. Was gar nicht oft genug gefragt werden kann, das sind die Fragen, die dieser Text an uns stellt.

Die Fragen Gottes sind schon beantwortet, wie sich leicht zeigen lässt:

Frage: Warum ergrimmst Du?

Die Antwort ist: Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, 5 aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an.

Frage: Und warum senkst du den Blick?

Antwort: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.

Frage: Und was hast Du getan?

Antwort: Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.

Frage: Wo ist dein Bruder Abel?

Wir wissen es längst: Tot auf dem Feld.

 

Die einzige Frage, die der Text nicht beantwortet sondern stellt und offen lässt, die nicht allein an Gott auch nicht an Kain allein gerichtet ist, die jeder Mensch immer wieder neu beantworten muss, ist die Wesentliche, Sie gilt auch uns:

Soll ich meines Bruders Hüter sein?

Diese Frage beschäftigt uns täglich in vielen Variationen. Im Neuen Testament wird sie zu der Frage: Wer ist mein Bruder?

Sowohl die Frage: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?", als auch: „Wer ist denn mein Bruder?"

Ganz aktuell wieder die frage: Sind die syrischen Flüchtlinge meine Brüder?

Im Kapitel 3 der Urgeschichte also in der Erzählung vom Sündenfall hatten wir Adam und Eva, Mann und Frau stellvertretend für jede Frau und jeden Mann. Hier im vierten Kapitel begegnen wir Kain und Abel, Bruder und Bruder. Menschen die zusammenleben können als Geschwister oder als Konkurrenten. Was uns unerbittlich erzählt wird: Konkurrenz, Wut, Mord sind in der Welt. Wir leben nicht in einem Paradies in dem wir liebevoll kooperieren. Wir leben in einer Welt, in der immer schon Blut von der Erde schreit, noch bevor wir die Frage stellen: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?" Und genau da wird es spannend.

1998 sah ich in einem Kindergarten eine Unterschriftensammlung zur Einführung der Todesstrafe für den sexuellen Missbrauch von Kindern. Und nun seien sie ehrlich zu sich selbst: Wenn sie solche schrecklichen Nachrichten hören, werden sie da nicht wütend? Gibt es da nicht immer wieder den Wunsch solche Menschen wären besser tot?

Als die Twintower fielen und das Blut nicht einmal mehr von der Erde schrie, weil es verdampft war in der Hitze der Brände, hat wohl niemand von uns gefragt: Sollen wir auch danach noch die Hüter unserer Brüder in der Islamischen Welt sein?

Was wird aus einem Täter? Kain und Abel führt uns vor Augen: Wo Brüder leben, wo Menschen einander auf Augenhöhe begegnen da gab und gibt es schon immer Konkurrenz. Da gab und gibt es schon immer Opfer und Täter.

Wir leben in einer Welt voller Täter und wenn auch nicht alle Mörder sind, so haben wir doch schon gegen unsere Brüder gekämpft mit Gedanken Worten und Werken und andere verletzt.

Die Frage: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?", ist seit eh und je untrennbar verknüpft damit, dass mein Bruder und ich Täter und Opfer sind und einander werden können. Und das treibt uns dazu, aus Selbstschutz gegeneinander vorzugehen oder aber aus scheinbarer Gerechtigkeit, die Strafe fordert für den Täter. Hier liegt die heute und allezeit aktuellste Frage an jeden Menschen und auch an jedes menschliche Kollektiv.

Soll ich meines Bruders Hüter sein?

Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.

Es ist viel darüber spekuliert worden was das denn für ein Zeichen gewesen sein solle, ich will es ihnen sagen:

Im ersten Weltkrieg rannte ein französischer Soldat im Sturmangriff mit seiner Truppe nach vorn. Bajonette aufgepflanzt und vorgestreckt. Dann kam Beschuss und er sprang in ein Loch um sich zu sichern. Da lag schon ein deutscher Soldat. Der griff nach seinem Gewehr doch eh er es erreicht hatte durchbohrte ihn das Bajonett. Der Sterbende sprach auf hebräisch das Glaubensbekenntis der Juden, das Schema Jisrael, und der Franzose warf sein Gewehr weg und bereute bitterlich seinen jüdischen Bruder getötet zu haben. Das können Sie bei Schwarz-Barth nachlesen in seinem Buch „Der Letzte der Gerechten.".

In diesem Fall kam das Zeichen zu spät, das Zeichen den anderen Menschen als seinen Bruder zu erkennen. Doch wann immer wir dem Begriff Zeichen in der Bibel begegnen und das ganz gleich ob im Alten oder Neuen Testament; wann immer Gott ein Zeichen zum Schutz gibt, so wie für Kain ein Zeichen zum Schutz gegeben wurde, dann ist es ein Zeichen des Eingreifens Gottes für Menschen.

Wenn sie sich also fragen, was denn Gott für ein Zeichen an Kain gemacht hätte, dann ist die Antwort: er hat immer dann ein Zeichen getan, eine göttliche Tat, eine Bewahrung des Lebens, wenn Kain in Lebensgefahr geriet.

Und damit ist auch dieses Zeichen wie die ganze Urgeschichte ein Ur-Zeichen eines das sich ständig wiederholt.

Als Noah die Sintflut überlebt hatte, versprach Gott nie wieder die Erde zu verheeren und setzte an den Himmel ein Zeichen.

Als das Volk Israel geknechtet und getötet wurde in Ägypten, dafür finden wir im alten Testament immer wieder dieses Wort: Gott tat große Zeichen und führte sein Volk in die Freiheit.

Das Blut des Passalammes an den Türpfosten eines Hauses bewahrte die Bewohner vor dem Tod. Dort steht im alten Testament Zeichen.

Als Jesus geboren wurde da wurden Hirten gesagt:

Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

Und als Jesus nach Zeichen gefragt wurde, antwortete er: Mt 11,39 Und er antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona.

40 Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.

Ja wir sind ein böses und abtrünniges Geschlecht wir Menschen. Wenn wir in Kunkurtrenz geraten und das gehört immer wieder zum Leben dazu, das ist auch gut. Doch wenn wir in Konkurrenz geraten dann vergessen wir zu oft, dass wir Brüder und Schwestern sind. Erst recht im Zorn, der gut ist, wenn uns Unrecht zornig macht, doch wie schnell sind wir dabei statt das Unrecht zu verurteilen dem Täter dieses Unrechts sein Lebensrecht abzusprechen. Ja wir urteilen über die Taten anderer und wer zum Mörder geworden ist, muss befürchten ermordet zu werden.

Die Urgeschichte beschreibt uns Menschen aller Zeiten treffend und Jesus kannte uns ohnehin. Er hat allerdings die Frage klar beantwortet: Soll ich meines Bruders Hüter sein?

 

Dein Bruder steht unter dem Zeichen des Kreuzes, egal was er sich hat zu Schulden kommen lassen. Ja, wir sollen unseres Bruders, unserer Schwester Hüter sein.

Das hat uns Christus vorgelebt und vorgestorben. Das Zeichen des Kreuzes hat er uns gegeben und gibt es immer wieder neu, so dass die Todesstrafe geächtet wurde im christlichen Abendland, so dass dieses Zeichen als Rotes Kreuz überall auf der Welt Brüder und Schwestern einander zu Hütern werden lässt, so dass wir uns immer wieder als einzelne und jedem Kollektiv diese Frage in Erinnerung rufen:

Soll ich meines Bruders Hüter sein? Und jedes mal wenn wir uns fragen, wer denn dieser Bruder sei stellt uns Christus sein Kreuz vor Augen und sagt über die Täter dieser Welt: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.

In diesem Gottesdienst werden nicht unsere Fragen beantwortet. Aus diesem Gottesdienst gehen wir mit der Frage Gottes an uns, die er uns täglich neu stellt: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?"

 

Amen
Und der Friede Gottes der höher ist alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und sinne in Christus Jesus unserem Herrn.

 



Pfarrer Thomas Jabs
12623 Berlin
E-Mail: Pfarrer.Jabs@kirche-mahlsdorf.de

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