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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

17. Sonntag nach Trinitatis, 30.09.2012

Predigt zu Jesaja 49:1-6, verfasst von Peter Huschke

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn, Jesus Christus!


Liebe Gemeinde, als Sie den heutigen Predigttext als Lesung erstmals gehört haben, wird Ihnen manches fast wie vertraute Worte aus dem Neuen Testament vorgekommen sein. Wenn Sie den Predigttext in einer Bibel lesen, wo Hinweise auf ähnliche andere Bibelstellen aufgeführt sind, finden Sie da viele Hinweise auf das Neue Testament. In diesem Sinn sind die Verse in der Lutherbibel überschrieben: „Der Knecht Gottes, das Heil Israels und das Licht der Heiden."

Der Text aus dem Buch Jesaja enthält ganz viele Vorstellungen jüdischer Menschen, die für die ersten Christen in Jesus von Nazareth Wirklichkeit wurden. Die ersten Christen erlebten Jesus von Nazareth als ihren „Knecht Gottes", als „das Heil Israels und das Licht der Heiden." So lohnt es sich auch für uns Christen heute, genau auf diese Worte zu hören. Auch wir können da Hinweise bekommen, wie Gott als sein Sohn Jesus Christus für uns Menschen da ist und verstanden werden kann:

(Textverlesung)


Gott zeigt sich den Menschen durch seinen Knecht, den wir Christen in Jesus Christus als Gottes Sohn bekennen: Im Blick auf Jesus gilt deshalb für uns, dass er von sich sagen kann: V. 1bc

So beten wir heute im Glaubensbekenntnis, dass Jesus von der Jungfrau Maria geboren ist, dass er Gottes Sohn ist. Jesus ist vom frühest möglichen Zeitpunkt an, der für uns Menschen denkbar ist, also schon im Mutterleib von Gott berufen. In Jesus sehen wir Gott selber.


Im heutigen Evangelium haben wir genau das gehört:

Jesus zeigt Gottes Erbarmen mit seinen Menschen.

Eine Frau ruft: „Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist geplagt." (Mt 15, 22) Und Jesus handelt anders als wir Menschen es oft machen. Er handelt anders als selbst seine Jünger, ganz eng mit ihm vertraute Menschen, es vorschlagen. Seine Jünger wollen lieber nichts mit dem Leid der Frau zu tun haben und sagen: „Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach." (Mt 15, 23)

Durch Jesus macht Gott deutlich: Sein Wille für uns Menschen ist anders, als wir uns oft verhalten. Gott kann in seiner Liebe zu uns nicht wegschauen von unserem Leid, nicht weggehen, wie die Jünger es in menschlich allzu verständlicher Weise vorschlagen. Gottes Liebe hält es aus, sich unserem Leid zu stellen, sich ganz auf das Leid der Menschen einzustellen.


Gottes Knecht hält dem Leiden stand. Er selber leidet und scheitert.

Liebe Gemeinde, Sie erahnen, wie in diesem Reden vom Knecht Gottes den Christen ansatzweise so etwas wie Sinn und Bedeutung für den furchtbaren Tod Jesu am Kreuz aufleuchtete.

Die ersten Christen erahnten in Erinnerung an diese Worte zu Gottes Knecht aus dem Buch Jesaja, was für uns der Tod Jesu am Kreuz bedeuten könnte: Gottes Liebe hält es aus, sich unserem Leid zu stellen, sich ganz auf das Leid der Menschen einzulassen, sogar auf schlimmes Sterben und den Tod. Jesu Kreuz führt uns das immer wieder vor Augen. Für uns ist er gestorben. Für uns hat er gelitten, damit Mütter wie die Frau im heutigen Evangelium und Kranke wie die Tochter sicher sein können: Gott schickt mich nicht weg. Gott bleibt im Leiden bei mir, auch wenn wir uns manchmal von Gott allein gelassen fühlen.

So hieß es schon lange vor Jesus vom Knecht Gottes in Israel: V. 4a

Selbst da, wo Leiden und Sterben die Oberhand gewinnen, gilt für Jesus wie das jüdische Menschen lange vor ihm vom Knecht Gottes gehört haben, dass Gott trotzdem sagt: V. 3

In diesem Sinn redet Jesus mit der Frau, verschließt die Augen nicht, geht nicht weg, drückt sich nicht vorm Leiden.

Und dabei bleibt es nicht.

Genauso wie wir wie der Knecht Gottes, wie die Tochter der Frau im Evangelium um Leiden nicht herumkommen und wie wir uns, wie sie, Gottes Begleitung sicher sein dürfen, so gilt ebenso: Gott hat noch mehr mit uns vor, als uns im Leiden und Sterben zu begleiten. Auf Jesu Kreuz folgt nach Gottes Willen Ostern.

Gottes Wille für uns Menschen führt über das Leiden und den Tod hinaus. Jesus macht dies für die Mutter an der Tochter für alle Menschen deutlich. Es heißt am Ende des Evangelium in aller Kürze: „Ihre Tochter wurde gesund zur selben Stunde." (Mt 15, 28)

So erlebten die ersten Christen und Christinnen Jesus genau als den Knecht Gottes für Israel, durch den sich Gott verherrlicht, wie es seit langem im Buch Jesaja zu lesen war: Mein Gott ist meine Stärke.


In unserem heutigen Evangelium wird durch Jesu Verhalten freilich ebenso anschaulich, was die Worte im Buch Jesaja vom Knecht Gottes über sich für die ersten Christen noch bedeuten konnten: V.2

Menschen aus dem Volk Israel, hier die Jünger Jesu, erlebten:

Gott hinterfragt uns Menschen ganz grundlegend, wenn Gott sich selber verherrlicht und uns seine Liebe zeigt. Gott stellt unser Gottesbild ganz hart in Frage. Wir erfahren Neues, auch Hartes und Unangenehmes über Gott.

Dadurch dass Jesus sich ganz anders verhält, als sie ihm vorschlagen, müssen die Jünger zum Einen lernen:

Wegschauen geht nicht mehr. Davonlaufen nimmt Gottes Liebe nicht ernst. Leiden muss mit in Kauf genommen werden.

Harte Worte. Solche Worte treffen uns. Getroffen horchen wir wie die Jünger auf und fühlen uns wie die Jünger ertappt:

Wie gerne mache ich um die Demente in meiner Familie einen Bogen! Wie gerne lästere ich über den tüttelig gewordenen Alten! Wie schnell schimpfen wir mit über diese unmöglichen pubertierenden Jugendlichen und deren Eltern und Lehrer! Wie leicht spotte ich mit über den behinderten Menschen, der sich so eigenartig bewegt oder so komische Laute von sich gibt!

Hier widerspricht Jesus mir wie den Jüngern ganz hart.

Seine Jünger müssen da bleiben. Sie müssen sich dem Gespräch und der Begegnung mit der Mutter der wohl anfallskranken Tochter stellen, so unangenehm das ist. Da kennt Gott keine Gnade, wie es schon im Buch Jesaja vom Knecht Gottes hieß: V. 2

So hart tritt Jesus auf, wenn Kranken nicht geholfen wird, Schuld nicht vergeben wird, schlecht über andere geredet wird, wenn ich mit andern Menschen ungnädiger umgehe als ich mir selber das von Gott für mich erhoffe.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Nimm dich selber nicht so wichtig! Behalte deine Mitmenschen im Blick und sei für sie da!" Dieser Satz wird da zu einem genau so scharfen Schwert und zu einem spitzen Pfeil wie die Aufforderung:

Du sollst Gott deinen Herrn lieben über alle Dinge. Du sollst nicht alles für deine Anerkennung bei anderen tun. Leistung, Erfolg, Reichtum, Genuss sind nicht das größte Ding in deinem Leben." Jesus muss sonst deine Maßstäbe genau so zurechtrücken, wie die seiner Jünger.


Noch etwas Zweites müssen die Jünger Jesu lernen:

Gottes Liebe ist nicht auf ein Volk, auf eine Personengruppe begrenzt.

Ja, es galt für den Knecht Gottes und auch für Jesus zuerst. Dass er ... V. 5b.

Aber dabei bleibt es nicht. Gottes Liebe ist größer als die Menschen in Israel es sich vorstellen wollten. Dem Knecht Gottes ist gesagt: V. 1a. 6

So sprengt auch Jesus jeden von Menschen zu eng gesteckten, andere ausschließenden Rahmen der Liebe Gottes. Er kommt für die Juden zuerst, aber dann zu den Heiden, zu allen, die nicht zum Volk Israel gehören. Immer wieder wird das im Neuen Testament wie in den letzten Kapiteln des Buches Jesaja betont.

Jesus macht es im heutigen Evangelium anschaulich. Er wendet sich zum Entsetzen seiner Jünger der Ausländerin, der kanaanäischen Frau und ihrer Tochter zu. Peinlich für die Jünger damals in Israel.


Diese Peinlichkeit haben wir wie die Jünger damals hinzunehmen: Nicht nur die, die dazugehören und anerkannt sind, sind Gott wichtig. Auch die Menschen, die wir oft nicht verstehen, mit denen wir Schwierigkeiten haben und die uns peinlich sind, sind Gott wichtig. Tröstlich ist das, wenn wir gerade in der Familie miteinander Schwierigkeiten oder Krach haben. Auferbauend ist Jesu Vorbild, wenn wir gerade in der Nachbarschaft Probleme in Angriff nehmen müssen. Eine echte Herausforderung wird Jesu Verhalten, wenn wir an den Umgang mit Ausländern und Flüchtlingen nur in Erlangen oder gar in Deutschland und Europa denken.

Wie der Knecht Gottes will Jesus „das Heil Israels und das Licht der Welt" sein - für Sie, für mich, für alle.

Wenn wir wie die kanaanäische Frau Jesus ernsthaft um Hilfe angehen, dürfen wir mit der Antwort rechnen: „Dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie Du willst!" (Mt 15, 28)

Aber wie die Jünger müssen wir lernen angesichts von Gottes Liebe zu uns, dass wir unser Verhalten gegenüber andern zu ändern haben, damit der Knecht Gottes nicht wieder an uns Menschen scheitert.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen uns Sinne in Christus Jesus.

Amen  



Dekan Peter Huschke
Friedrichstr. 15, 91054 Erlangen

E-Mail: peter.huschke@elkb.de

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