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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

17. Sonntag nach Trinitatis, 30.09.2012

Predigt zu Jesaja 49:1-6, verfasst von Kira Busch-Wagner

Für den Schul und Konfirmandenunterricht habe ich mir mal im Spielzeuggeschäft eine ganze Kiste von Kegelmännchen gekauft: Einfache Holzfiguren, so ähnlich wie die, die beim Mensch-ärgere-dich-nicht zum Einsatz kommen; ein bisschen größer, dass sie besser zu sehen sind und nicht so leicht verloren gehen. Und dann haben wir in der Schule, mit den Konfis biblische Geschichten mit den Männchen nachgestellt. Etwa die von der kanaanäischen Frau (Evangelienlesung am 17. Sonntag nach Trinitatis). Wo steht Jesus - in der Mitte einer Gruppe, umringt, oder eher an der Spitze einer Menge? Wo stehen die Jünger? Und die Frau? Verändert sie ihre Position? Oder verändert Jesus seine? Und die Tochter - ist die auch mit einer Figur auf dem Tableau präsent? Oder wird von ihr nur geredet? Und wenn man ihr eine Figur zuordnet - wie weit entfernt ist die? Oder gehört sie ganz dicht zu dem Kegel dazu, der die Mutter darstellt?

 

Manchmal haben wir ja für uns selbst ganz feste Vorstellungen im Kopf vom Ablauf einer biblischen Geschichte. Aber welche - das wird uns selbst erst klar, wenn wir so eine Aufstellung vornehmen. Oder wenn wir bei anderen deren, ganz abweichende Aufstellung sehen.

Das Spiel mit den Kegeln würde ich gern auch einmal mit dem Abschnitt aus dem Prophetenbuch machen, der uns heute zu bedenken aufgetragen ist. Mit den ersten Versen aus dem 49. Jesaja-Kapitel.

Da gibt es den Knecht Gottes, Gottes Beauftragten und Berufenen. Kein Leisetreter. Mit manchen in seiner Umgebung im Clinch. Doch ein Mensch voller Selbstzweifel. Dem aber im Moment seiner tiefsten Krise die ganz große Aufgabe zugesprochen wird: noch viel größere Verantwortung. Nicht mehr nur im eigenen Volk Gottes Stimme weiterzugeben, sondern auf internationaler Ebene zu arbeiten. Welch ein Wandel.

Da gibt es das Volk, die Stämme Jakobs, die Zerstreuten Israels, die ihrerseits des Trostes bedürfen. Denn sie haben die Heimat verloren, leben gezwungenermaßen im Exil, müssen ihre politische und religiöse Belanglosigkeit im Weltgeschehen erkennen. Und sie gestehen sich das eigene Versagen ein.

Für das Volk könnte man ganz viele und ziemlich kleine Kegelmännchen aufstellen. So erleben sie sich nämlich.

Dann gibt es natürlich Gott selbst, der über seinen Knecht wacht - aus der Ferne? Oder steht er direkt neben ihm? Denn Gott kennt seinen Knecht. Schon als Kind und noch viel länger. Von Mutterleib an, sozusagen. Und er weist dem Knecht am Ende die noch eine viel größere Aufgabe als bisher zu. Gott scheint großes Vertrauen zu haben zu seinem Beauftragten. Und Gott scheint das, was sein Knecht, sein Vertreter bisher unternommen hat, ganz anders zu beurteilen als der selbst. Denn den, der sich als gescheitert versteht, sendet Gott erneut: Und jetzt nicht nur, um die jüdischen Adressaten wieder auf die Beine zu bringen, sondern um selbst den Nationen in der Ferne Orientierung und Hoffnung zu geben.-

Das ist nun die letzte Gruppe für unsere Holzkegel: die Inseln und ihre Bevölkerung, Völker in der Ferne (V1), Menschen von den Enden der Erde (V6), Heiden, also Nichtisraeliten, Nicht-Juden, denen es offenbar auch nicht besonders gut geht, sonst bedürften sie ja des Knechtes nicht. Sie müssen irgendwie so aufgestellt werden, dass der Gottesknecht zu ihnen hinschauen kann, sie in den Blick bekommt, was ja für ihn ganz neu ist.

Und wenn wir alle Kegelmännchen, die für den Propheten, für Gott, für Juden, für Heiden, wenn wir die alle aufgestellt haben, dann können wir uns überlegen, wo wir eigentlich stehen. Wir selbst. Wo wir hingehören. Mit wem wir uns am meisten identifizieren? Mit dem Volk, den Verbannten im Exil, deren Elend hinter ihnen liegt? Die verstanden haben, welche großen Fehler, gerade auch sozialpolitischen Fehler sie gemacht haben, Gott damit selbst infrage stellten, und die jetzt erstmals wieder beginnen, aufzusehen, neue Hoffnung schöpfen, gerade wieder unter sich ändernden politischen Verhältnissen (neben den Babyloniern erscheint der persische König Kyros siegreich auf der Weltbühne) neue Perspektive gewinnen, neuen Trost schöpfen aus der Botschaft Gottes?

Oder sehen Sie sich eher als Gottesknecht, als Berufenen, als Vertreterinnen und Vertreter Gottes in der Welt? Schließlich kennen doch die meisten von uns gerade diesen einen biblischen Satz: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Und vielen ist das Gefühlt vertraut, gerade auch unter Kirchenmenschen: Was mache ich hier eigentlich? Und für wen? Werde ich jemals Ergebnisse sehen? Und sehen denn die anderen überhaupt, was ich mache?

Als christliche Gemeindeglieder, als Getaufte haben wir ja eben ein Amt und einen Auftrag, sind beauftragt, von der Taufgnade zu erzählen, von Gottes Wundern etwas weiterzugeben. Wir haben als Getaufte übernommen Zeugin, Zeuge der tröstlichen Botschaft Gottes zu sein vor der Welt.

Ehrlicherweise muss ich Ihnen jetzt zumuten, dass wir aus der Sicht des Propheten, in den Augen des Gottesknechts zu den Inseln gehören. Zu den Fernen, die für den Gottesknecht eine noch größere Herausforderung darstellen als die eigenen Leute. Wir sind im biblischen Verständnis eben die Heiden, denen aus der Mitte Israels das Licht für die Völker aufscheint. Denen vom biblischen Gott zu erzählen offenbar alles andere als selbstverständlich ist. Und das Wort: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen .... - wenn wir in den biblischen Zusammenhang schauen, gleichfalls im Buch Jesaja, sehen wir: das ist bezeichnenderweise zu den Erstadressaten des Gottesknechts gesagt, zu Gottes Volk.

Wir selbst - also nicht die Mitte des Geschehens, sondern der Rand - das kann durchaus irritieren.

Zum Ausgang des Mittelalters, in der beginnenden Neuzeit mit ihren Forschungen über das Sonnensystem, die Planeten, mit ihren Erkenntnissen über die Astronomie, war es in ganz ähnlicher Weise für die meisten Menschen schwer vorstellbar, dass die Erde nicht Zentrum ist, und damit auch sie selbst nicht Mittelpunkt des Universums sind, sondern auf einem kleinen Stern um die Sonne kreisen. Ähnlich schwierig ist es manchmal Christen, nachzuvollziehen, dass sie in der Bibel nur am Rande gemeint sind. Weil die Bibel selbst ihre Mitte hat im Handeln Gottes an seinem Volk, an seinem Knecht. Und doch - das ist ja grade der Auftrag des Knechts - sollen die Inseln erreicht werden von Gottes Wort. Sollen die Heiden, die Fernen, teilhaben am Zentrum, am Kern, am biblischen Trost.

Liebe Gemeinde, wir sehen in unserem Predigtabschnitt da ein wenig unserer eigenen religiösen Genese zu, wir sehen unsere Wurzeln, die uns bis heute nähren, ohne die es uns nicht gäbe. Wir können staunen über Gottes Wege, auf denen uns über größte Distanz, größte Ferne schließlich die Botschaft, ja der Knecht Gottes selber erreicht. Uns aufrichtet, tröstet, sammelt, und durch Israel hindurch schließlich auch uns zuspricht: ich kenne dich bei deinem Namen. Auch du gehörst zu mir.

Die Zeiten der Babylonier und Perser sind längst vorbei. Die Zerstörung des ersten Tempels in Jerusalem, das 40jährige babylonische Exil des jüdischen Volkes, sie sind mit der Zerstörung des zweiten Tempels durch die Römer und ein Exil, eine Nichtstaatlichkeit, über 1800 Jahre bis ins letzte Jahrhundert vor knapp 65 Jahren weit überboten worden. Heute abend aber beginnt das Laubhüttenfest, jüdisches Gedenken der Wüstenwanderung, jüdisches Zeugnis der Treue Gottes durch die Zeiten hindurch.

Und wir? Schauen wir noch einmal in unseren Prophetenabschnitt hinein. Es ist die Rede vom Knecht Gottes. Berufen von Mutterleib an. Gott hat seines Namens gedacht, ja, vielleicht auch: ihn mit einem Namen bedacht und so in seine Aufgabe gerufen. Ein Beauftragter aus der Mitte Israels, von Gott gesandt, sein Volk zu trösten und aufzurichten. Anstößig oft in seiner Rede, in seinem Tun. Ein Beauftragter, der zunächst zu scheitern scheint. Und dessen Botschaft dann doch ergehen soll bis zu den Inseln, bis an die Enden der Erde. Dessen Leben und Wirken Gott verherrlicht, wie es beim Propheten heißt, Gott Herrlichkeit aufstrahlen lässt über der Welt.- Seit frühester Zeit haben Christen in Jesus solch einen Gottesknecht erkannt. Haben Jesus als den Christus, den Messias, den Gesalbten und Beauftragten Gottes bekannt. Haben in seinem Leben und seinem Tod, haben in seiner Auferweckung durch die Kraft Gottes Gottes Herrlichkeit aufscheinen gesehen. Haben seinen Namen als ein Programm verstanden: „Jesus", zu deutsch: Gott, der Herr, hilft. Ein Programm, das die Enden der Erde erreichen soll. Mit dem Christen sich ihrerseits hinausgesandt verstanden. So, wie es im Taufauftrag heißt: „Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker. Lehrt sie halten alles, was ich euch aufgetragen habe. Ich bin bei euch ...".

Das Laubhüttenfest heute Abend ist ja auch Erntedankfest, Fest der Weinlese, voll des Dankes für Gottes überfließende Freundlichkeit, Zuwendung und Güte.

Und wir? Auch wir können doch nur danken, können uns nur freuen, dass auch uns der Trost und die Liebe Gottes zugesprochen ist, dass wir sein Programm: Gott, der Herr, hilft, erleben und haben und beauftragt sind weiterzugeben in Wort und Tat, dass uns ein Zentrum geschenkt ist, ein Knecht und Beauftragter Gottes zu seiner Herrlichkeit. Amen.

 



Pfarrerin Kira Busch-Wagner
Ettlingen
E-Mail: Kira.Busch-Wagner@kbz.ekiba.de

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