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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

17. Sonntag nach Trinitatis, 30.09.2012

Predigt zu Jesaja 49:1-6, verfasst von Winfried Klotz

1 Hört auf mich, ihr Inseln, / merkt auf, ihr Völker in der Ferne! Der Herr hat mich schon im Mutterleib berufen; / als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt.

2 Er machte meinen Mund zu einem scharfen Schwert, / er verbarg mich im Schatten seiner Hand. Er machte mich zum spitzen Pfeil / und steckte mich in seinen Köcher.            Offb 19,15; Jes 51,16

3 Er sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, / an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will.

4 Ich aber sagte: Vergeblich habe ich mich bemüht, / habe meine Kraft umsonst und nutzlos vertan. Aber mein Recht liegt beim Herrn / und mein Lohn bei meinem Gott.         1 Kor 15,58

5 Jetzt aber hat der Herr gesprochen, / der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht gemacht hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe / und Israel bei ihm versammle. So wurde ich in den Augen des Herrn geehrt / und mein Gott war meine Stärke.

5e: bei ihm: Text korr. nach dem Qumran-Text und G.

6 Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, / nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten / und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker; / damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht. 42,6; Apg 13,47

 

Liebe Gemeinde!

Welch eine Perspektive! „Hört auf mich, ihr Inseln, / merkt auf, ihr Völker in der Ferne!“ Meint er das wirklich so, oder ist das nur Rhetorik? Und wie sollen die Völker in der Ferne diese einzelne Stimme hören? Wer ist der denn? Doch erst einmal ein Mensch aus diesem kleinen, aus seiner Heimat weggeschleppten, demoralisierten Volk der Juden. Hat er denn Boten, die für ihn in die weite Welt laufen, um die Botschaft bei den Völkern am Rand der damals bekannten Erde abzuliefern? Kann er sich der Instrumente königlicher Macht bedienen?

Darauf weist nichts hin in diesen Gottesknechtsliedern im zweiten Teil des Jesajabuches. „Er schreit keine Befehle und lässt keine Verordnungen auf der Straße ausrufen.“ So wird sein Wirken an anderer Stelle beschrieben (Jes. 42, 2). Was soll dann diese Eröffnung: „Hört auf mich, ihr Inseln, / merkt auf, ihr Völker in der Ferne!“ Sie beschreibt die große, von Gott dieser „Stimme“ (40,3) gegebene Autorität, sie macht die Sicht klar, die Gott hat für sein Volk und für die Völker. Hier redet ein Mensch, begrenzt durch Not und Angst und Schuld seines verschleppten und unfreien Volkes, aber zugleich von Gott in einen riesigen, in keiner Weise schon absehbaren Horizont gestellt. Und diesen Horizont benennt der Bote, obwohl er ihn nicht begreifen und erkennen kann. Er spricht ihn nur aus, das ist alles. Aber aus heutiger Sicht setzt er damit Großes in Bewegung. Klein und verachtet beginnt es, der Knecht Gottes wird wegen seiner Botschaft bekämpft; wie auch soll Israel, sein Volk, zu dem er zuerst gesandt ist, nach dem großen Irrweg und der großen Katastrophe seine Worte fassen und ihnen Glauben schenken? Er muss leiden und prophezeit als Leidender wie Gott gerecht macht. (50, 4 ff. - s. a. 52, 13 ff.)

Einen weltweiten Horizont hat die Botschaft des Gottesknechtes wirklich erreicht, bis zu uns heute Morgen sind seine Worte gedrungen! Ich staune über Gott, der schon damals in den Trümmern des Glaubens seines Volkes einen Boten sprechen lässt von kommender Herrlichkeit - „Er sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, / an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will.“ Und der ihn zum Licht für die Völker machen wird, weil Gottes Heil auch zu dem entlegensten seiner Geschöpfe kommen soll.

Liebe Gemeinde, Gottes Licht und Heil sind heutigen Tages nicht etwa bis in die entlegensten Winkel der Erde gelangt, weil es moderne Kommunikationsmittel gibt, sondern weil Gott die Botschaft dieser „Stimme“ in Jesus Christus gebündelt und ausgeführt hat. ER, Jesus, ist unser Licht und unser Heil! In Jesus Christus geschieht die Mission, die der Boten ansagt, zu allen Völkern.

Sie ist eine „mission impossible“, eine unmögliche Mission, ein unmöglicher Auftrag aus menschlicher Sicht, wie ich oben schon angedeutet habe. Gerade deshalb betont der Bote seine besondere Ausrüstung: „Der Herr hat mich schon im Mutterleib berufen, als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt.“ Er gehört ganz Gott, er ist ausgewählt sein Bote zu sein; er hat sich das nicht ausgesucht. In der Berufung durch Gott findet der Knecht Gottes Halt in den Anfechtungen, Anfeindungen, dem Zweifel, der aus dem Versagen kommt. Als Gottes Eigentum hat er Zugang zu Gott und findet sein Ohr und Herz.

Das ist die besondere Situation des Propheten, aber es gilt auch im Neuen Bund für alle, die durch Jesus Christus zu Gott gehören. Epheser 1,4 sagt: „Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott.“ Hier geht es nicht darum, sich über andere zu erheben, sondern es geht um Gewissheit und Festigkeit im Vertrauen auf Gott.

„Er machte meinen Mund zu einem scharfen Schwert, er verbarg mich im Schatten seiner Hand. Er machte mich zum spitzen Pfeil und steckte mich in seinen Köcher.“ Was hat der Knecht Gottes als Werkzeuge, Waffen für seine Aufgabe? Schwert und Pfeil und Bogen. So ist das Wort, das er im Auftrag Gottes spricht. Er hat nur das Wort, das treffende, schneidende, unterscheidende, den Blick durch den Vorhang des Nebels menschlicher Not und menschlicher Verzagtheit öffnende Wort. Das Wort, das Menschen wieder in ein versöhntes Verhältnis mit Gott bringt, weil es richtet und die Rettung schenkt. Und er erfährt Gottes Schutz bei allen Abgriffen gegen ihn.

Liebe Gemeinde, Gott hat damals seinem Knecht einen menschlich gesehen unmöglichen Auftrag gegeben, nämlich „die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen“. Eine unmögliche Aufgabe, wie wir aus der Reaktion der Menschen auf die Botschaft des Propheten sehen können. Auf wie viel Zweifel und Einwände, auf wie viel unverstandene und auch unbegreifbare Not muss er antworten! Hat Gott nicht sein Volk verstoßen, indem er den Ort seiner Gegenwart in Flammen aufgehen ließ, viele getötet wurden und eine große Zahl nach Babylon verschleppt? Hat Gott sein Volk verstoßen? Diese Frage muss in den Herzen gebohrt haben und hat doch nach Lage der Dinge nur die Antwort erlaubt: Ja, er hat uns verstoßen! Dahinein redet der Knecht Gottes und tröstet, ich erinnere an den bekannten Satz aus Kap. 43: „Jetzt aber - so spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und der dich geformt hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst, ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir.“

Was bewirken diese Worte? Gottes Herrlichkeit leuchtet in den Worten auf, ein Glauben kann beginnen, das mit Gottes Herrschaft rechnet und auf sie wartet. Aber seine Botschaft führt den Knecht Gottes auch ins Leiden (50, 4 ff.); wer nimmt seine Worte an?

Und wenn er dann noch davon redet, dass Gott ihn zum Licht der Heiden macht, was ist da an Ablehnung und Aggression auf ihn niedergeprasselt? Ich stelle mir vor, dass die Zeitgenossen voller Spott gesagt haben: Licht für die Völker willst du sein; es wäre uns genug, wenn die Babylonier, unsere Herren, dazu erleuchtet würden, uns in Ruhe nach Hause ziehen zu lassen. Der Knecht Gottes spricht seine Erfahrungen so aus: „Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft umsonst und nutzlos vertan.“ Gottes Knecht ist nicht der große Star am politischen Himmel, er schreibt keine Erfolgsgeschichte, der Weg führt nicht, weil ja Gott dahinter steht, von Sieg zu Sieg. Lange muss der Bote, lange muss das Volk auf den Gott warten, der ihm so große Versprechen macht. Aber Gottes Knecht weiß: „Mein Recht liegt beim Herrn und mein Lohn bei meinem Gott.“ Israel wird gesammelt werden für seinen Gott, es wird nicht nur in sein Land zurückkehren, sondern es wird seinen Gott neu finden, weil er sich finden lässt! Das gilt auch heute und es hängt zusammen mit Jesus und der Offenbarung der rettenden Gnade in ihm.

Schließlich, liebe Gemeinde, weil diese Worte auch zu uns gekommen sind und weil da einer als Licht für die Völker ausgerufen wird, und weil wir wissen, das ist eingelöst im Kommen von Jesus Christus in unsere Welt, geht es auch um die Mission, zu der Jesus Christus seine Gemeinde, jede und jeden von uns, sendet. Wenn ich sehe, was heute im Raum der Landeskirchen alles als Mission gehandelt wird, dann bin ich entsetzt. Kirchliche Traditionswahrung ist nicht Mission, Menschen zur Mitgliedschaft in der Kirche bewegen, weil die Kirche Gutes tut - Kindergärten, Sozialstationen …, ist nicht Mission. Tauf- Konfirmations - oder Trauevents sind keine Mission, jedenfalls dann nicht, wenn Jesus und das durch ihn geschenkte Leben mit Gott nicht bekannt wird. Ich habe immer wieder gesehen, wie kluge, ansprechende, unterhaltsame Predigten und Gottesdienste gefeiert wurden in denen mit keiner Silbe Jesus Christus als der Weg zu Gott verkündigt und angebetet wurde. Wissen wir denn nichts mehr von dem Gott zu sagen, der durch Jesus Christus Leben schenkt? Wir müssen umkehren zum Licht der Welt, Jesus. Gott hat ihn zum Licht der Welt gemacht: „Ich mache dich zum Licht für die Völker; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.“

Was ist Mission? Licht machen für Menschen, die im Dunkeln leben durch das Bekenntnis zu Jesus, dem Licht der Menschen. Wer sich senden lässt, die Botschaft von Jesus Christus, durch den Gott Licht und Heil schenkt, zu den Menschen zu bringen, erfährt wie Gott ihn bestätigt und fest macht und ausrüstet. Vor kurzem hörte ich den Bericht eines jungen Mannes, der sich von Gott nach China senden ließ. Die Entscheidung für China und die finanzielle Ausstattung hatten etwas Überraschendes, Wundersames. Noch kurz vor der Abreise war das benötigte Geld, eine größere Summe, nicht zusammen, wurde dann aber ganz überraschend gegeben. In China, wo Mission unerwünscht ist, geschah Mission vor allem durch Gespräche im kleinen Kreis; Menschen zu Jesus führen war das Ziel. Vorbereitung dazu: Gebet und Lob Gottes. Lasst uns das an unserem Ort tun, dann entsprechen wir dem Auftrag von Jesus. Amen.



Pfarrer Winfried Klotz
Bad König/Odenwald
E-Mail: winfried.klotz@badkoenig-lebt.de

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