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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

21. Sonntag nach Trinitatis, 28.10.2012

Predigt zu Jeremia 29:1,4-7,10-14, verfasst von Martin Schewe

 

Wovon wir träumen

„Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte. So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl. Denn so spricht der Herr: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der Herr, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen."

(1) Liebe Gemeinde, dieser Brief ist zweitausendsechshundert Jahre alt und nicht für uns geschrieben. Ohne Erklärungen verstehen wir ihn kaum. Es geht darum, dass die Truppen des babylonischen Königs Nebukadnezar die judäische Hauptstadt Jerusalem erobert und einen Teil der Bewohner nach Babylon deportiert haben. An die Deportierten wendet sich der Prophet Jeremia und warnt sie vor übereilten Hoffnungen auf Rückkehr. Bis sich die politischen Verhältnisse ändern, schreibt Jeremia, wird es siebzig Jahre dauern. Zugleich warnt er seine Leser vor Resignation. Sie können sich darauf verlassen, dass Gott ihnen die Treue hält und, obwohl es kaum einer von ihnen erleben dürfte, sein Volk Israel nach Jerusalem zurückbringt. Soweit der uralte Brief. Seine Probleme sind nicht unsere Probleme. Falls wir uns nicht gerade für antike Geschichte interessieren, scheint uns das alles nichts mehr anzugehen. Beginnen wir darum von vorn.

Liebe Gemeinde, der Brief ist zweitausendsechshundert Jahre alt und trotzdem für uns geschrieben. Er handelt nicht nur von einer fernen Vergangenheit, sondern vor allem von der Zukunft - Israels Zukunft und unserer eigenen. Das hängt damit zusammen, von wem der Brief stammt. Vom Propheten Jeremia, ja. Aber was der Prophet Jeremia zu sagen hat, steht unter der Überschrift: „So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels." Der Gott Israels ist demnach der eigentliche Absender des Briefes. Jeremia schreibt in seinem Namen, und weil der Gott Israels auch unser Gott geworden ist, wendet sich Jeremia auch an uns Christinnen und Christen. Was er in Gottes Namen schreibt, zeigt uns, was wir von Gott zu erwarten haben.

Wenn wir den Brief so lesen, ist er nicht länger uralt und kaum noch verständlich. Weil er von der Zukunft handelt, geht uns der Brief sehr wohl etwas an, besonders euch Konfirmandinnen und Konfirmanden. Denn für die Zukunft interessieren sich junge Leute besonders, nehme ich an. Wir Älteren zwar immer noch. Dazu später mehr. Zunächst jedoch soll es um euch gehen: was euch wichtig ist und was ihr euch wünscht. Um eure Träume also. Nicht die, die ihr nachts im Schlaf träumt, meine ich, sondern eure Lebensträume. Ich verspreche euch, nicht im Einzelnen nachzuforschen. Die Einzelheiten gehen mich nichts an. Eure Lebensträume sind eure Sache. Allenfalls vertraut ihr sie eurer besten Freundin oder eurem besten Freund an. Aber dass ihr überhaupt solche Träume habt, ist, glaube ich, kein Geheimnis.

(2) Stellen wir uns daher vor, ihr träumt von Selbständigkeit, Erfolg und Anerkennung. Von Ruhm und Reichtum vielleicht. Von der großen Liebe. Oder von Gerechtigkeit und Frieden auf der Welt. Am besten natürlich von allem zusammen. Es darf auch gern ein bisschen konkreter sein. Vermutlich wollt ihr nicht für irgendetwas anerkannt werden, sondern für etwas ganz Bestimmtes, was euch am Herzen liegt, zum Beispiel eine eigene Pferdezucht. Vor kurzem ist jemand aus neununddreißig Kilometern Höhe mit dem Fallschirm auf die Erde gesprungen. Die Medien waren voll davon. Unterwegs hat der Mann die Schallgeschwindigkeit übertroffen, als erster Mensch im freien Fall. Eine solche Mutprobe reizt sicherlich auch den einen oder die andere von euch. Es sei denn, ihr zieht eine Karriere als Fußballprofi, Kinderärztin oder Software-Entwicklerin vor oder plant, in die Politik zu gehen und es endlich besser zu machen als die Erwachsenen. Als ich in eurem Alter war, wollte ich Opernsänger werden. Dummerweise konnte ich nicht gut genug singen. Davon zu träumen, hat dennoch Freude gemacht.

Das Schöne am Träumen ist, dass es so viele Möglichkeiten gibt. Alles, was euch wichtig ist und was ihr euch wünscht, kommt in euren Träumen vor. Obwohl nicht alles wahr wird - zum Opernsingen braucht man die geeignete Stimme, und wer sich entschlossen hat, eine große Familie zu gründen, wird seine Weltreise wohl oder übel verschieben müssen -, es lohnt sich, die vielen Möglichkeiten auszuprobieren, wenigstens in Gedanken. Einige eurer Träume werden bestimmt wahr; das wollen wir stark hoffen. Doch dazu müsst ihr sie erst geträumt haben - die Träume, die wahr werden, und die anderen, aus denen nichts wird. Auch sie helfen euch dabei, herauszufinden, wer ihr seid und wie es mit euch weitergeht. Statt aus neununddreißig Kilometern Höhe zu springen, findet ihr wahrscheinlich einen Lebensinhalt, der besser zu euch passt. Außerdem bliebe uns, wenn sich alle unsere Träume verwirklichen ließen, nichts mehr zu träumen übrig, und uns würde erst recht etwas fehlen. Träumt deswegen weiter, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden. Hört bitte euer ganzes Leben nicht auf, große Pläne zu schmieden, und behaltet dicke Rosinen im Kopf. Träumen ist nicht bloß eine Spielerei für kleine Kinder.

(3) Wir sind damit wieder beim Propheten Jeremia und seinem Brief - Gottes Brief. Obwohl er uralt ist, handelt der Brief von der Zukunft, haben wir uns überlegt, und deshalb von euch, von den großen Plänen und dicken Rosinen. „So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels", steht dort; und weiter: „Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl."

Völlig absehen von den zweitausendsechshundert Jahren, die uns von Jeremia trennen, liebe Gemeinde, können wir bei diesen Sätzen nicht. Wenn der Prophet direkt an uns geschrieben hätte, hätte er sich anders ausgedrückt, nicht nur von landwirtschaftlicher Arbeit gesprochen, von Gärten und ihren Früchten, sondern auch die technischen Berufe und Dienstleistungen erwähnt, und sich nicht nur an die Männer gewandt und ihnen empfohlen, sich Frauen zu nehmen, sondern genauso die Frauen gefragt, ob und wen sie heiraten und wie viele Kinder sie haben möchten, wenn überhaupt. Einen Konfirmanden oder eine Konfirmandin wird vorläufig auch die Aufforderung kalt lassen, sich um Ehepartner für die eigenen Kinder zu kümmern, damit sie ihrerseits für Nachwuchs sorgen. In solchen Punkten unterscheiden wir uns von den Juden im babylonischen Exil.

Trotzdem verstehen wir immer noch, worauf Jeremia hinauswill und wozu er uns in Gottes Namen rät: zu einem zufriedenen, geordneten und produktiven Leben. Das ist nicht wenig. Wenn nur der Ratschlag nicht so langweilig klänge, so schrecklich durchschnittlich und altklug! Damals, im Feindesland, mag es ein ungewöhnlicher und aufregender Gedanke gewesen sein, weiterzuleben, als wäre nichts geschehen, ein Akt der Selbstbestimmung und des Widerstandes. Aber wir, wir leben ja zum Glück nicht in Feindesland und müssen uns nicht mit den Verhältnissen arrangieren, so gut es geht. Womöglich vermissen wir deshalb an Jeremias, an Gottes Brief die ehrgeizige Perspektive, den Kick. Jedenfalls auf den ersten Blick.

Danach brauche ich diesmal gar nicht euch zu fragen, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden. Dass ihr nicht ganz normal weiterleben und genauso werden wollt wie eure Eltern, würde mich nicht überraschen. Wenn ich mir eure Träume einigermaßen richtig vorgestellt habe, habt ihr viel mehr vor. Das hatten eure Eltern auch einmal. Ihre Pläne waren genauso groß, die Rosinen in ihrem Kopf genauso dick, so wichtig und geheim wie in eurem. Auch eure Eltern wollten Fußballprofi werden, Opernsänger oder Popstar, die Welt gerechter und friedlicher machen und mit dem Faltboot den Amazonas hinabfahren. Ihr glaubt es nicht? Fragt sie danach! Ich frage mich selber, was daraus geworden ist und ob ich nicht schon viel zu lange aufgehört habe, anständig zu träumen.

(4) Oder ich frage noch einmal den Propheten Jeremia - ob seine Vorschläge tatsächlich so anspruchslos und allzu bescheiden sind, wie sie uns auf den ersten Blick vorkommen mögen. Sehen wir genauer hin. Dann merken wir: Das zufriedene, geordnete und produktive Leben, zu dem Jeremia rät, schränkt uns durchaus nicht ein. Selbst für die verwegensten Erwartungen ist darin Platz.

„So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels: Baut Häuser und wohnt darin." Seid selbständig, heißt das. Wir sollen unsere eigenen Herrinnen und Herren werden. „Pflanzt Gärten und esst ihre Früchte." Hier geht es um eine Tätigkeit, die uns befriedigt. Dass dafür nicht nur landwirtschaftliche Tätigkeiten in Frage kommen, haben wir uns schon klar gemacht. Dann die große Liebe. In Jeremias Worten: „Nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter." Und weil privates Glück nur in einem funktionierenden Gemeinwesen gedeihen kann, fügt der Prophet hinzu: „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl." Für die Juden in Babylon bedeutete diese Aufforderung, nicht ungeduldig auf bessere Zeiten zu warten; für uns, uns selbst dafür zu engagieren, dass die Zeiten besser werden.

Erkennt ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden eure Zukunftspläne wieder? Selbständigkeit und eine befriedigende Tätigkeit, die große Liebe, eine eigene Familie vielleicht, und das Ganze in einer Gesellschaft, die wir mitgestalten können. Erkennen wir Älteren die Pläne wieder, die wir einmal hatten und hoffentlich nicht ganz vergessen haben? Das Beste an dem Brief kommt erst noch. Darum lese ich auch die Fortsetzung noch einmal vor:

„Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr."

(5) Über unsere Träume haben wir nachgedacht, liebe Gemeinde - dass das Träumen zu einem erfüllten Leben gehört und dass wir weiterträumen können, egal wie alt wir werden. Aber nicht aus Enttäuschung, da es noch so viel gibt, was wir uns vorgenommen und nicht geschafft haben. Auch nicht aus Langeweile, da wir schon alles erreicht haben und nicht mehr wissen, was wir mit uns anfangen sollen. Weiterträumen können wir, schreibt der Prophet Jeremia im Namen Gottes, weil wir immer noch mehr zu erwarten haben. Der Gott Israels hält seinem Volk die Treue, und weil der Gott Israels auch unser Gott geworden ist, verspricht er uns, auch den Enttäuschten und den Gelangweilten unter uns: „Ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören."

Nicht alle Wünsche können wahr werden. Das hat sogar seine Vorteile, haben wir uns gesagt. Manche Wünsche passen nicht zu uns, und manche sind einfach Unsinn. Dennoch können wir uns nicht bei jeder unerfüllten Hoffnung, jedem Fehlschlag damit beruhigen, er werde schon seinen Sinn haben. Auch das wäre unrealistisch. Viel schlimmer: Es wäre unbarmherzig gegenüber jedem, der das Hoffen und Wünschen aufgeben muss, weil es ihm nichts hilft in seiner Not, Krankheit und Depression. Ihm gilt Gottes Versprechen zuerst - dem, der das Versprechen nicht mehr hören kann; von „glauben" ganz zu schweigen. Gott wird den Trostlosen trösten. Er will, dass alle leben, wirklich leben. Wenn uns sein Brief etwas angeht, dann das. Gott weiß weiter.

Deshalb gilt auch das andere, was wir schon herausgefunden haben: dass sich der Brief zugleich an die Erwartungsvollen und Optimistischen richtet. Weil ich euch wünsche, dass ihr zu ihnen gehört, habe ich bei euch Konfirmandinnen und Konfirmanden angefangen und dann gemerkt: Fürs Träumen gibt es keine Altersgrenze. Bei Gott gibt es überhaupt keine Grenzen; so viel hat er mit uns vor. Zweitausendsechshundert Jahre alt ist der Brief, liebe Gemeinde, aber das Beste kommt erst noch. Wir alle werden uns wundern. Was Gott verspricht, übertrifft unsere kühnsten Träume.

 



Pfarrer Dr. Martin Schewe
33330 Gütersloh
E-Mail: marschewe@yahoo.de

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