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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

21. Sonntag nach Trinitatis, 28.10.2012

Predigt zu Jeremia 29:1,4-7,10-14, verfasst von Andreas Pawlas

 

Dies sind die Worte des Briefes, den der Pro­phet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadne­zar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte... So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und eßt ihre Früch­te; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen, und gebt eu­re Töchter Männern, daß sie Söhne und Töchter ge­bären; mehret euch dort, daß ihr nicht weniger wer­det. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl. Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, daß ich euch wieder an diesen Ort bringe. Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, daß ich euch gebe das Ende, des ihr wartet. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen su­chen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangen­schaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen ha­be, spricht der HERR, und will euch wieder an die­sen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

 

Liebe Gemeinde,

damals vor 67 Jahren, da musste dieses Wort des Propheten Jeremia als ganz aktuell empfunden worden sein. Damals war es kurz nach dem verheerenden Krieg, und da wußten Millionen und Abermillionen von Flüchtlingen und Vertriebenen wirklich genug vom Weggeführt-sein und vom Elend der Fremde.

Und was taten sie dann damals? Doch ganz selbstverständlich das, wozu der Prophet damals die Heimatlosen in Gottes Namen aufforderte: Sie bauten Häuser, pflanzten Gärten, heirateten und bekamen Kinder und suchten das Beste der Stadt, des Landes und unserer Dörfer.

Aber nun ist das alles für uns bereits 67 Jahre her und die Kinder und Enkel der Weggeführten leben schon lange im Lande und vielen von ihnen geht es gut. Haben deshalb diese Worte des Propheten Jeremia unter uns heutigen nur noch Erinnerungswert? Denn warum sollte sich wohl noch jemand, dem es gut geht im Lande, an alte Prophetenworte erinnern?

Aber nun ist es sicherlich nicht so, dass es allen bei uns im Lande gut geht. Aber davon abgesehen könnte es doch sein, dass etwas ganz anderes in einer grundsätzlichen Weise für Christenmenschen ein ganz eigenes Gewicht hat. Denn könnte es nicht sein, dass so etwas wie ein Sich-weggeführt-fühlen, wie ein Sich-fremd-fühlen im Lande, in das der Prophet hineinspricht, irgendwie immer zur christlichen Grundbefindlichkeit gehört? Könnte es tatsächlich nicht so sein, dass so etwas wie Sich-weggeführt-fühlen, oder dass alle Entwurzelung und das Gefühl, nicht dazuzugehören, schon immer zum Weg des Gottesvolkes in dieser gebrochenen und vergänglichen Welt gehörte und gehören muss?

Und deshalb könnten hier doch etwa auch junge Menschen zu Wort kommen mit ihren ganz eigenen Gefühlen in ihrer Entwicklung zu bewußten Menschen. Kann und muss es da nicht sein, dass sich da ein ganz eigenes Fremdheitsgefühl einstellt, wenn ein Jugendlicher mit einem Male in seinem Reifungsprozess an Leib und Seele entdecken muss, wie man weggeführt ist aus aller Unbefangenheit und Naivität der Kinderzeit? Und sicherlich ist das ja für manchen so etwas wie eine Vertreibung aus dem Paradies, wie eine Vertreibung aus wohlvetrautem Lande, in eine ungeliebte, raue Wirklichkeit, in der mit einem Male unerbittlich Verantwortung eingefordert wird und einem Schuld vorgehalten wird.

Oder es könnte doch hier auch mancher Älterer zu Wort kommen, egal ob Einheimischer oder Flüchtling: denn was er immer deutlicher verspürt ist doch, wie ihm diese Welt fremd wird, weil sich alles wandelt, weil seine Kräfte nachlassen und alles immer hektischer wird.

Und überhaupt, wie schnell kann einem jeden von uns diese Welt fremd werden, sei es etwa durch Schmerzen oder Trauer oder durch Demütigungen und Versagen; so fremd, daß man diese Last am liebsten sofort abstoßen möchte! Ja, viele fühlen sich in dieser Welt sogar wie in einem Gefängnis, aus dem man am liebsten entfliehen möchte. Oder man versucht ihr eben zu entfliehen, so z.B. als junge Menschen durch das populäre Abtauchen in zwerchfellerbebende Musik. Oder manche Ältere entfliehen eher in den Urlaub, in die Krankheit oder gar in Drogen.-

Und was sagt nun der Prophet Jeremia zu solchen Versuchen, aller Fremdheit zu entfliehen? Er ruft zu einem Umdenken und Umfühlen auf. Das ist die Botschaft dieses Gottesmannes an das damalige in Babylon gefangene Gottesvolk genauso wie an uns in unseren gegenwärtigen Verstrickungen - Es ist Ermutigung! Er will uns Mut machen, daß wir uns von den Unvollkommenheiten dieser Welt nicht überwältigen lassen sollten, dass wir nicht flüchten, sondern standhalten und dass wir uns nicht gehenlassen. Und darum sagt er auch zu uns: „Suchet der Stadt Bestes".

Wohlgemerkt, Jeremia wendet sich dabei in Gottes Namen nicht an die Starken und die Gewinner, nicht an die Sieger und Umjubelten, sondern an die Leidgeprüften und Trauernden und vielleicht würde dieser Ruf in heutigem Deutsch so klingen: „In Gottes Namen sollt ihr nicht flüchten aus allen Problemen und Leidenserfahrungen. Ihr sollt euch nicht resigniert nachts die Decke über den Kopf ziehen, oder in Selbstmitleid zerfließen, sondern ihr sollt die Dinge dieser Welt anpacken und das Beste suchen!"

„Suchet der Stadt Bestes" will sich übrigens auch gegen solche Denkweise wenden, nach der es heißt: „Hier sind wir, die kleine Schar der Leidtragenden, aber auch der Gerechten und Sündlosen und da draußen tobt die böse Welt, aus der wir fliehen und mit der wir ja nichts zu tun haben wollen".

Sondern beim „Suchet der Stadt Bestes" geht es um Mitgestaltung dieser einen Welt. Und das nicht nur in billigen Sonntagsreden sondern ganz konkret im Alltag, in Stadt und Land. Und beim „Suchet der Stadt Bestes" geht es auch ganz persönliches Engagement im Freundeskreis, ja, bis hin zur Familiengründung. Insgesamt geht es um Mitgestaltung dieser Welt, die auch in der uns abgekehrten Seite Gottes gute Schöpfung bleibt.

So, lieber Jeremia, vielleicht haben wir jetzt den Auftrag, den Du uns in Gottes Namen ausrichten sollst, verstanden. Aber jetzt müssen wir doch auch darauf schauen, was Du uns noch weiter zu diesem Auftrag sagst. Was heißt das eigentlich, wenn Du uns in Gottes Namen nicht nur dieses „Suchet der Stadt Bestes" sagst, sondern: „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN"?

Das ist ein merkwürdiger Satz. Zu dem könnten doch wir als Nachgeborene, die wir auf die ganze Vorgeschichte des alten Gottesvolkes schauen, leicht so etwas sagen wie: „Gut, jetzt gibt es einen ermutigenden Auftrag. Aber eigentlich sind die Fakten doch klar: Die damals, die haben eben gesündigt und müssen jetzt dafür leiden unter Gefangenschaft und Fremdheit. So ist es eben nun einmal nach dem von Gott geordneten Gang der Dinge!"

Aber jetzt einmal abgesehen davon, dass solche Überlegungen nicht sehr mitfühlend klingen, könnte die eigentliche Botschaft dieses ergänzten Satzes des Propheten nicht etwas ganz anderes sein? Müßte das nicht in heutiger Ausdrucksweise bedeuten: Es gibt nichts in diesem Leben aus Zufall, sondern es steht alles, aber auch alles in Gottes Absicht! Ja, bei allem Guten für uns, da mögen wir das gern hören. Aber können wir das auch ertragen, wenn ebenso das Schlimme Gottes Absicht wäre? Natürlich wollen wir uns dagegen massiv sträuben. Ja, es finden sich ja sogar angesehene Theologen, die sagen, dass es nach Auschwitz keine Theologie mehr geben könne. Und tatsächlich: welcher Theologe, welcher Christ, ja überhaupt welcher Mensch, wollte sich wirklich hinstellen und jedem, der auf dieser Welt leidet und darum handlungsunfähig ist, sagen: „Das ist Gottes Wille, daß du leidest, hör' auf zu jammern, sondern pack' gefälligst an zum Besten der Stadt, des Landes, der Welt". Nein, solche Gedanken kann man hier nicht zu Ende denken.

Jedoch, was hier das Denken anbelangt, so rührt sich hier etwas, was sich jetzt an dieser Stelle mächtig über alles menschliche Denken schieben will, und das ist der zweite Teil des Wortes, das uns der Prophet in Gottes Namen sagt: „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, daß ich euch gebe das Ende, des ihr wartet".

Aber wie sollte ein Mensch das verstehen? Schaut man mit offenen Augen in die Welt, dann sieht man doch soviel Leid und Demütigung, daß man sich eben am liebsten selbst aus dieser Welt herauskatapultieren möchte. Und dann soll das alles nach Gottes Gedanken nur dem Frieden dienen? Das ist und bleibt doch für menschliches Denken unvorstellbar. Und wir Menschen stehen eben da, so wie wir sind, in Schmerzen und Trauer, in Sorgen und Wehmut und fragen und rätseln. -

Ja, wie sollten die Friedensgedanken Gottes zu enträtseln, zu erkennen sein? Wie sollte der Satz, daß Gott eben andere Gedanken und andere Wege hat als wir, glaubhaft nachbuchstabiert werden?

Jetzt aber kommt das Aufregende, ja Umwerfende an diesem Gotteswort. Jetzt kommt das Evangelium, die Frohe Botschaft, um die es eigentlich bei der Predigt geht: Denn Gott läßt uns wissen, wie er denkt! Denn Gott läßt uns wissen, wie er sich finden und bewegen lassen will! Denn, so ruft uns doch der Prophet in Gottes Namen zu: „Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR". Was ist das für eine Zusage! Da kann man doch nur staunen und dankbar sein! Denn nun wissen wir endlich, was wir im Chaos dieser Welt zu tun haben: Eben Gott von ganzem Herzen suchen und dann werden wir erhört. Eben so, wie es uns Christus in der Bergpredigt sagt: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen"(Mt 6,33).

Ja, was würde alles anders in unserem Staat und unserer Gesellschaft und in unserem ganzen Leben, wenn man wirklich Gott von ganzem Herzen suchen würde. Dann müßte doch auf der Suche nach dem Besten der Stadt und des Landes alles unterbleiben an grämlicher Kleinkrämerei oder Verächtlichmachung des politischen Gegners. Und wenn wir persönlich wirklich Gott von ganzem Herzen suchen würden, dann müßte doch ganz von selbst ein ganz neues Denken und Empfinden bei uns in Leib und Seele einziehen, trotz mancher Leiden und Fremdheitsgefühle. Ja, was würde mit unseren vielen Fragen und unserem Widerstand gegen Gottes Wille und gegen diese unvollkommene Welt, wenn wir uns wirklich einmal trauten zu glauben?

Wenn wir uns wirklich trauten zu glauben, daß in unserem Leben nichts aus Zufall geschieht, sondern daß es irgendwie eingebunden ist in Gottes Heilsplan, in Gottes Heilsplan für diese Welt und in Gottes Heilsplan für einen jeden von uns. In einem bestimmten zeitlichen Rahmen, nachdem alles ein Maß und ein Ende hat: Diese Welt, unser Leben, aber auch unser Kämpfen und Suchen. Müßte uns nicht ein solches vertrauensvolles Gottsuchen tatsächlich verwandeln? Müßte es nicht Krämpfe lösen, neues Zutrauen schaffen und müde Hände erneut regen?

Dann würden sich ganz von selbst Hände regen zum Besten der Stadt, zum Besten des Landes und zum Besten unseres Nächsten. Aber auch Hände regen zum Beten, zum Beten für diese Stadt, zum Beten für dieses Land und zum Beten für unseren Nächsten, ja, selbst für den, mit dem wir es schwer haben.

Gott, schenke uns um unseres Herrn Jesu Christi willen ein solches Suchen und Finden, ein solches Standhalten ohne zu flüchten ein solches Schon-Heimgekommen-sein, trotz aller Fremdheit. Barmherziger Gott, schenke uns einfach Deine tröstliche stärkende Gegenwart jetzt und in Ewigkeit. Amen.

 



Pastor i. R. Dr. Andreas Pawlas
25365 Kl. Offenseth-Sparrieshoop
E-Mail: Andreas.Pawlas@web.de

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