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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

21. Sonntag nach Trinitatis, 28.10.2012

Predigt zu Jeremia 29:1,4-7, verfasst von Ludwig Schmidt

 

1 Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte:

4 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: 5 Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; 6 nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen, und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehret euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. 7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohl geht, so geht's auch euch wohl.

 

Liebe Gemeinde!

Der christliche Glaube prägt heute nicht mehr das Leben in unserem Land. Die christlichen Feste Weihnachten, Ostern und Pfingsten werden freilich nach wie vor von den meisten gefeiert, aber viele wissen nicht mehr, worum es bei diesen Festen eigentlich geht. Auch wenn noch ein großer Teil der Bevölkerung Mitglied einer christlichen Kirche ist, sind die überzeugten Christen in unserem Land nur noch eine Minderheit.

Eine kleine Minderheit waren die Juden in Babel, an die der Prophet Jeremia seinen Brief schrieb, der unser Predigttext ist. Sie waren von den Babyloniern aus Jerusalem nach Babel deportiert worden und mussten unter einer heidnischen Bevölkerung leben. Von ihr wurden sie belächelt und verspottet, weil sie daran festhielten, dass der Gott Israels mächtiger war als die Götter der Einheimischen. Damals meinte man, dass sich die Macht eines Gottes an dem Geschick des Volkes ablesen lässt, das ihn verehrt. Wie konnten dann Menschen eines besiegten Volkes behaupten, dass ihr Gott mächtiger als der Gott der Sieger ist? Diese Auffassung teilten freilich auch jene Juden, die nach Babel verschleppt worden waren. Deshalb dachten sie: Unser Gott ist mächtiger als die anderen Götter. Deshalb wird er unsere Niederlage nicht hinnehmen. Die Babylonier werden uns bald freilassen müssen und dann können wir nach Jerusalem zurückkehren. Weil wir nur kurze Zeit in Babel bleiben müssen, lohnt es sich nicht, hier Häuser zu bauen oder zu heiraten und unsere Kinder zu verheiraten. Es lohnt sich nicht, Obstbäume zu pflanzen, die erst ihren vollen Ertrag bringen, wenn wir längst wieder in Jerusalem sind.

Aber Gott ließ diesen Juden durch den Propheten Jeremia mitteilen: Eure Hoffnung wird sich nicht erfüllen, denn ich habe euch nach Babel deportieren lassen, und ihr werdet dort lange bleiben müssen. Der babylonische Herrscher war also lediglich das Werkzeug des Gottes Israels gewesen, auch wenn er seinen Sieg über das alttestamentliche Gottesvolk einem anderen Gott zuschrieb, den er verehrte. Weil es für die Juden in Babel keine rasche Rückkehr nach Jerusalem geben wird, sollen sie sich darauf einstellen, dass sie in Babel leben müssen, sie sollen Häuser bauen, dafür sorgen, dass sie nicht aussterben und Baumgärten anlegen.

Außerdem sollten sich jene Juden nicht nur um sich selbst kümmern. Gott gab ihnen auch die Anweisung: „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen und betet für sie zum HERRN!" Das haben wohl die meisten als Zumutung empfunden. Wie konnten sie für eine Stadt beten, deren Bewohner Feinde der Juden waren und die die Juden für ihren Glauben verspotteten? Dieser Stadt konnte ein frommer Jude doch nur den Untergang wünschen, damit sichtbar wird, dass der Gott Israels mächtiger als die heidnischen Götter ist. Aber Gott wollte, dass die Juden für Babel beten, gerade weil sie ihn als den wahren und mächtigen Gott bekannten. Weil er das ist, hing auch das Wohl und das Wehe von Babel von ihm ab. Es spielte dann keine Rolle, dass für die einheimische Bevölkerung ihre Götter für das Geschick Babels zuständig waren. Gott begründete seine Aufforderung zum Gebet für Babel nicht damit, dass man auch seine Feinde lieben soll, sondern mit dem eigenen Interesse jener Juden: „denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl," heißt es in dem Brief. Wenn in Babel eine gute Ordnung besteht und Wohlstand herrscht, werden davon auch die Juden profitieren. Wenn es der Stadt dagegen schlecht geht, wird sich das zwangsläufig auch auf die Lebensqualität der Juden negativ auswirken. Es liegt somit im eigenen Interesse der verschleppten Juden, dass sie ihren Hass auf Babel überwinden und für die Stadt zu ihrem Gott beten.

Auch wir Christen müssen daran interessiert sein, dass in unserem Land eine gute Ordnung besteht und dass die Wirtschaft nicht daniederliegt. Wir sind wie alle Bürger darauf angewiesen, dass unser Leben und unser Eigentum vom Staat geschützt werden. Eine wirtschaftliche Krise trifft uns zumindest indirekt, weil dann Staat oder Stadt nicht mehr Leistungen finanzieren können, die wir gerne in Anspruch genommen haben oder für wünschenswert halten. Deshalb fordert Gott auch uns auf, für das Wohlergehen unseres Landes und unserer Stadt zu ihm zu beten. Freilich leben wir in einer weitgehend nichtchristlichen Gesellschaft, in der die meisten Menschen unserem Gott nichts zutrauen. Aber wir bekennen in unseren Gottesdiensten: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde." Wir wissen somit, dass unser Gott nicht ohnmächtig ist. Obwohl die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen von Menschen getroffen werden, entscheidet letztlich doch unser Gott darüber, ob es unserem Land und unserer Stadt gut geht. Mit unseren Gebeten für Land, Stadt, ja für die ganze Welt ziehen wir lediglich die Konsequenzen aus unserem Glaubensbekenntnis. Deshalb beten wir in unseren Gottesdiensten für alle, die regieren, oder auf andere Weise Macht ausüben und erbitten eine gute Ordnung in unserem Land und auf der ganzen Welt. Auf diese Bitten sollten wir auch in unserem privaten Gebet nicht verzichten.

Die verschleppten Juden in Babel konnten für die Stadt nur beten. Sie durften sich wie auch die meisten Einheimischen an der Gestaltung des öffentlichen Lebens nicht beteiligen. Die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen wurden von einer kleinen Oberschicht getroffen. Das ist bei uns anders. Deshalb erwartet Gott von uns Christen, dass wir nicht nur um eine gute Ordnung und um ein gutes Miteinander der Menschen beten, sondern uns auch dafür einsetzen. Es mag sein, dass wir aus gesundheitlichen Gründen oder wegen unseres Alters nur noch beten können, und dieses Gebet ist wichtig, weil Gott gebeten sein will. Ansonsten sollen wir aber an dem Wohl von Stadt und Land mitwirken, so weit uns das möglich ist. Unsere Möglichkeiten sind gewiss begrenzt, aber wo wir sie haben, sollen wir sie nutzen. Es passt nicht zusammen, wenn wir auf der einen Seite für das Wohl von Land und Stadt zu Gott beten und uns auf der anderen Seite weigern, dazu selbst etwas beizutragen. Es gibt Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, weil sie mit ihrem Leben nicht zurechtkommen. In einer guten Ordnung werden sie unterstützt, so weit das möglich und sinnvoll ist. Deshalb sollten wir als Christen darauf achten, dass in unserem Staat solche Menschen nicht vergessen werden und ihnen auch selbst helfen.

Nun spielen in dem öffentlichen Leben Vertreter von Gruppen eine große Rolle, die für die Interessen ihrer Gruppe eintreten. Solche Interessen werden immer wieder auf Kosten anderer Menschen vertreten. Da ich als Christ nicht darum beten kann, dass andere Menschen Nachteile haben, kann ich mich nicht für einseitige Interessen einer Gruppe einsetzen. Verschiedentlich werden auch Forderungen erhoben, weil man auf reiche Menschen neidisch ist. Aber Neid ist keine christliche Tugend, sondern ein Übel. Deshalb sollten wir solche Forderungen nicht unterstützen. Freilich vertreten auch wir als Christen bestimmte Interessen. Es kann uns nicht gleichgültig sein, wenn in unserem Land Anweisungen Gottes für das Miteinander der Menschen nicht mehr beachtet werden. Gott will mit seinen Anweisungen das Zusammenleben der Menschen fördern. Deshalb ist es wichtig, dass sich auch Nichtchristen an diese Anweisungen halten. Vor einiger Zeit wurde über die Werte diskutiert, die für unsere Gesellschaft wichtig sind. Diese Diskussion wird gegenwärtig kaum noch geführt, weil die Finanzkrise im Vordergrund steht. Aber gerader diese Krise ist doch unter anderem dadurch entstanden, dass Menschen hemmungslos auf ihren eigenen Vorteil bedacht waren. Es gibt keine gute Ordnung, wenn eine Gesellschaft nicht darauf achtet, dass bestimmte Werte von allen eingehalten werden.

Freilich wissen wir als Christen, dass es in unserer Welt nie eine ideale Ordnung geben wird. Wir suchen unser Heil nicht in den Verhältnissen dieser Welt und dem, was sie uns bieten kann. Eine Ordnung, in der wirklich alles gut ist, werden wir erst erleben, wenn wir einmal bei Gott sein werden. Man kann in dieser Welt Egoismus und Neid nicht ausrotten. Aber man kann ihre Auswirkungen begrenzen. Die Verhältnisse können besser oder schlechter sein. Deshalb sind wir dazu aufgerufen, Gott um gute Lebensbedingungen zu bitten und selbst zum Wohl von Land und Stadt und über ihre Grenzen hinaus beizutragen. „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN, denn wenn's ihr wohl geht, so geht's auch euch wohl." Amen.

 



Prof. i.R. Dr. Ludwig Schmidt
91056 Erlangen
E-Mail: gi_schmidt@t-online.de

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