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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

21. Sonntag nach Trinitatis, 28.10.2012

Predigt zu Jeremia 29:1-18, verfasst von Harald Klöpper

 

Eigentlich hatten sie keine Chance: sie waren eine kleine und manchmal ganz schön konfuse Minderheit. Einige hatten sich damals gut eingerichtet im multikulturellen Babylon und hatten es so zu Ansehen und kaum übersehbaren Reichtum gebracht. Wieder andere gingen in Sack und Asche, trauerten den guten alten Zeiten nach, bevor Nebukadnezar Jerusalem eroberte und kurz danach auch noch die komplette Führungsschicht deportierte.

In dieses Durcheinander von Meinungen und Haltungen will der Prophet Jeremia Licht bringen, indem er den folgenden Brief schreibt an die Weggeführten in Babel:

1 Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte

4 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:

5 Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte;

6 nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.

7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl.

10 Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe.

11 Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet.

12 Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten und ich will euch erhören.

13 Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,

14 so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

„Gedanken des Friedens und nicht des Leides?" Erstaunt werden sich die Ältesten in Babylon angesehen haben. Von dem Propheten Jeremia waren sie doch ganz andere Töne gewohnt. Vor gar nicht so langer Zeit hatten sie ihn doch noch im Namen Gottes sagen hören (Jeremia 6,34):

Und ich will in den Städten Judas und auf den Gassen Jerusalems wegnehmen den Jubel der Freude und Wonne und die Stimme des Bräutigams und der Braut; denn das Land soll wüst werden.

Mit Händen und Füßen hatten sie sich damals dagegen gewehrt und Jeremia hatten sie für seine düsteren Zukunftsperspektiven sogar weggesperrt. Dennoch waren dessen Vorhersagen mit unglaublicher Härte eingetroffen. Zwei Mal hatte der Chaldäerkönig Nebukadnezar Jerusalem belagert. Jetzt lag die Stadt in Schutt und Asche und die Oberschicht samt allen Handwerkern war ins ferne Babylon zwangsumgesiedelt worden.

Nach Jeremia war das die gerechte Strafe für ein Volk, dass sich Götter nach Belieben aussuchte und bei dem die soziale Gerechtigkeit auf der Prioritätenliste immer weiter nach unten abrutschte.

Auch in Babylon hatte sich daran nicht viel geändert. Jeremia geht davon aus, dass es 70 Jahre dauern wird, bis dem Volk aufgehen wird, wie ein Leben im Einklang mit Gottes Willen zu führen ist, damit ein dauerhaftes und tragfähiges Sozialgefüge entsteht. In einem Wort zusammengefasst geht es um nichts anderes als um „Shalom":

"Suchet das Wohl der Stadt; suchet ein Leben in Gerechtigkeit und Frieden für die Stadt"

Der badische Landesbischof Dr. Ulrich Fischer sagte dazu bereits vor 10 Jahren:

„‘Suchet den Schalom der Stadt‘ - das geht nicht, wenn wir uns als Kirche nur mit uns selbst beschäftigen. In den zurückliegenden Jahren, in denen die Finanzen in der Kirche nicht mehr so kräftig sprudelten wie früher, hat die Beschäftigung der Kirche mit sich selbst in dramatischer Weise zugenommen. Solch eine Selbstbeschäftigung der Kirche ist äußerst gefährlich, weil sie dazu beiträgt, dass Kirche immer weiter aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit schwindet."1

Und dennoch ist in den meisten Kirchengemeinden genau das passiert. Kirchliche Grundstücke werden unter finanztechnischen Aspekten betrachtet, statt sie in z.B. multikulturelle Begegnungsgärten zu verwandeln. Bei Diakonie, Kirchenmusik und selbst der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wird der Rotstift angesetzt. Aus dem verbleibenden Personal wird immer mehr herausgeholt, selbst auf die Gefahr eines Serien Burn Out. Deutliche und offensichtliche Systemfehler werden zunehmend individualisiert und den Agierenden aufgebürdet. Gotteshäuser verwaisen zunehmend oder werden umgewidmet. Und um zu einem Bild von Jeremia zurückzukehren: selbst für ein gemeinsames Essen der erarbeiteten Früchte bleibt immer weniger Zeit, seit sich auch innerkirchlich die Hetze von einem Termin zum anderen immer mehr durchgesetzt hat.

Umso eindrücklicher sind die Worte Jeremias:

Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides. (V. 11)

Selbst bei diesen Worten stößt Jeremia auf Gegnerschaft: Wütend schreibt der Prophet Schemaja an den Priester Zefanja (V. 26f):

Du hast die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass jeder Verrückte, der zum Tempel kommt und sich als Prophet ausgibt, in Block und Halseisen gelegt wird.

Warum bist du noch nicht gegen Jeremia aus Anatot eingeschritten?

Wahrscheinlich, weil Zefanja auf einer Linie mit Jeremia liegt: es wird noch ein langer Weg sein, bis das Volk Gottes wieder im Tritt ist. Gottes kleine und manchmal ganz schön konfuse Minderheit hat also doch noch eine Chance, weil Gott mit ihr Großes vorhat. Machen Sie mit?

 



Pfarrer Harald Klöpper
32052 Herford
E-Mail: kloepper@chrina.org

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