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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr, 11.11.2012

Predigt zu Hiob 14:1-6, verfasst von Manfred Gerke

 

Klagen erlaubt


Wer die Fragen nicht beantwortet, hat die Prüfung bestanden

Liebe Gemeinde, einmal, als ich ins Wirtshaus kam, saß auf meinem Platz schon ein Gast. Ich wagte nicht, genau hinzu­sehn und wollte mich gleich in der Tür wieder umdrehn und weggehn. Aber der Gast rief mich zu sich. „Warum willst du fortlaufen? Setz dich her und trink! Ich zahl's."

So setzte ich mich also. Er fragte mich einiges, aber ich konnte es nicht beant­worten, ja, ich verstand nicht einmal die Fragen. Ich sagte deshalb: „Vielleicht reut es dich jetzt, dass du mich eingeladen hast, dann gehe ich", und ich wollte schon aufstehn. Aber er langte mit seiner Hand über den Tisch herüber und drückte mich nieder: „Bleib", sagte er, „das war ja nur eine Prü­fung. Wer die Fragen nicht beantwortet, hat die Prüfung bestanden."

Von einer seltsamen Begegnung erzählt Franz Kafka. Ein geheimnisvoller Gast stellt schwere Fragen. Nicht eine lässt sich beantworten. Der Gefragte versucht es auch gar nicht - und hat die Prüfung bestanden.

Es gibt Fragen, die können wir nicht beantworten, die müssen offen bleiben. Und es ist gut, wenn wir uns das eingestehen. Warum lässt Gott das zu? Das ist so eine Frage. Warum lässt Gott zu, dass ein lieber Mensch schwer krank wird und unerträglich leidet? Warum?

Immer wieder haben Menschen eine Antwort versucht. Von nichts kommt nichts. Den Spruch kennen Sie auch. Alles hat eine Ursache, also auch das Leid. Wenn jemand Böses erfährt, dann hat das bestimmt seinen Grund. Und wenn es jemandem gut geht, dann sicherlich auch. Das hängt zusammen, was wir tun und wie es uns ergeht. Wer Gutes tut, dessen Leben gelingt. Und wer Böses denkt und plant, dessen Leben scheitert.

Doch diese Gleichung geht nicht auf. Da ist Hiob, ein Mann im Lande Uz, der ist fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse. Und Hiob hat es zu etwas gebracht. Er freut sich über seine sieben Söhne und drei Töchter. Er besitzt riesige Herden von Schafen, Rindern und Kamelen. Er ist angesehen, geachtet und beliebt.

Und dann passiert es an einem einzigen Tag: Er verliert alle seine Viehherden durch Raub, Unwetter, Feuer. Er verliert seinen ganzen Besitz. Und was noch schlimmer ist: Er verliert alle seine Kinder. Das Haus, in dem sie fröhlich feiern, stürzt ein und begräbt sie alle. - „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt." Das kann Hiob noch sagen, sich und seiner Frau, und unter Tränen Gott loben.

Und dann wird er krank, mit bösen Geschwüren bedeckt vom Scheitel bis zur Sohle. „Und er nahm eine Scherbe und schabte sich und saß in der Asche." Seine Frau verzweifelt. „Hältst du noch fest an dem Glauben? Sage Gott ab und stirb!" Doch Hiob antwortet: „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?"

Und dann kommen seine drei Freunde. „Und als sie ihre Augen aufhoben von ferne, erkannten sie ihn nicht und erhoben ihre Stimme und weinten... und sie saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm, denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war." Stark, diese Freunde!

Und dann fängt Hiob an zu klagen: „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt." Hiob klagt, klagt sein Leid, klagt Gott an. Und er fragt: Warum? Warum ich? Und die Freunde erschrecken, halten das nicht aus, brechen ihr Schweigen, versuchen Hiob eine Antwort zu geben, versuchen Gott zu verteidigen.

Und die ihm eben noch zur Seite saßen, rücken Stück für Stück von ihm ab, bauen mit ihren Worten eine Wand, reden und entfernen sich von ihm. Sie suchen nach Gründen. Bildad zum Beispiel. Er spricht lange, sagt viel, zitiert die Weisheiten der Alten, lauter Richtigkeiten, die Hiob jetzt nicht weiterhelfen. Wahrheiten von nicht wirklich Betroffenen. Und dann versteigt er sich in die Behauptung: Dass deine Kinder dort umgekommen sind, ist Strafe, Gottes Strafe für begangene Schuld.

Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin!

Nein, so einfach geht das nicht. Hiob schüttelt den Kopf. Er lässt sich das Klagen nicht verbieten. Und dann bricht es aus ihm heraus. Hören wir ihm einen Augenblick zu. Ich lese Hiob 14,1-6, den heutigen Predigttext:

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

Haben Sie sich gewundert, erschreckt? Möchten Sie gleich antworten, ihm helfen, aus seiner Bitterkeit zu kommen? Nein, wir wollen nicht den Fehler der Freunde wiederholen. Wir müssen nichts erklären, niemand verteidigen. Lasst uns bei Hiob bleiben, einfach nur zuhören, ihn ernst nehmen.

Hiob steht nicht im Tempel, singt nicht mit der Gemeinde: „was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst." Hiob sitzt in der Asche, gezeichnet von Krankheit, gebeugt von Leid und Schmerz. Und er sieht sich und alle Menschen: vergänglich und voller Unruhe.

Wie eine Blume, die aufgeht und verwelkt, wie ein Schatten, der flieht und nicht bleibt. Ein Hauch, ein Nichts. Und in dieser kurzen Zeit: voller Hektik. Er schnaubt wie ein Ross, grollt wie ein Donner, ist in Bewegung, wörtlich „satt an Unruhe".

„Doch du tust dein Auge über einen solchen auf..." Mit einem Mal spricht Hiob Gott an, wendet sich dem zu, den er nicht begreift, staunt, dass der Herr über Himmel und Erde, sich diesem kleinen, vergänglichen, unruhigen Wesen Mensch zuwendet.

Doch er staunt nicht wie Matthias Claudius: „Der Mensch lebt und bestehet / Nur eine kleine Zeit; / Und alle Welt vergehet / Mit ihrer Herrlichkeit. / Es ist nur Einer ewig und an allen Enden, / Und wir in seinen Händen." Matthias Claudius staunt und dankt. „In seinen Händen" - das macht ihn getrost.

Doch Hiob staunt und verzweifelt: in seinen Händen? Ihm ausgeliefert? Er bringt mich vor sich ins Gericht? Warum machst du, unbegreiflicher Gott, so viel Aufhebens mit mir vergänglichem Wesen? „Kann wohl ein Reiner kommen von einem Unreinen? Auch nicht einer!" Wir wissen nicht, ob das so ganz richtig übersetzt ist. Doch was Hiob sagen will: Ich bin wie ich bin. Und du, Gott, hast mich doch so gewollt, so geschaffen: vergänglich, voller Unruhe, auch voller Schuld und Versagen.

Es stand in der Zeitung: Ein verurteilter Straftäter hatte in Rumänien Gott verklagt. Er argumentierte noch etwas anders: „Während der Taufe bin ich einen Vertrag mit dem Beschuldigten (mit Gott) eingegangen, der mich vor dem Bösen bewahren sollte." Das Gericht wies übrigens die Klage ab, weil Gott keine juristische Person sei und keine Adresse habe.

Hiob kennt noch keine Taufe. Hiob verklagt auch Gott nicht vor Gericht. Er hält ihm nur vor: Du hast mich doch so gemacht und gewollt wie ich bin: meine Tage bestimmt, die Zahl meiner Monate, mir eine Grenze, eine Lebensgrenze gesetzt, die ich nicht überschreiten kann. Wenn das alles so ist, dann blicke doch weg von ihm, den Menschen, damit er Ruhe hat. Gott ist für ihn nur ein Störfaktor, den er nicht versteht, nicht begreift, der sein Leben nur durcheinander bringt. So blicke doch weg!

Eine von Sorgen und Krankheiten geplagte Frau klagt dem Pfarrer ihre Not. „Trösten Sie sich", sagt er ein wenig vorschnell und nicht gerade einfühlsam, „wen der Herr lieb hat, den züchtigt er." „Das wird schon sein", sagt die Frau traurig und betrachtet nachdenklich das runde, zufriedene Gesicht des Pfarrers. Dabei kommt ihr plötzlich ein Hoffnungsschimmer. „Ach, Herr Pastor", sagt sie zutraulich, „ich seh's Ihnen an, dass Sie mir raten können, wie man es anfängt, dass einen der Herrgott nicht mehr gar so schrecklich gern hat."

Etwas freundlicher verpackt und doch genauso wie bei Hiob: Gott, der Störfaktor. „...so blicke doch weg von ihm, damit er seine Ruhe hat." Vielleicht fällt es manchem unter uns schwer, Hiob zuzuhören, seine Worte einfach stehen zu lassen. Vielleicht möchte mancher etwas sagen, Hiob sagen. Doch was könnten wir ihm sagen? Was könnte ihm helfen?

Rede weiter, sprich alles aus!

Ich möchte Hiob zunicken und ihn ermutigen: Rede weiter. Sprich alles aus. Nein, das ist nicht verboten. Das ist auch nicht gotteslästerlich. - Vielleicht wissen Sie, dass ich bei Beerdigungen nie die zweite Strophe von „Jesu geh voran" singen lasse: „Soll's uns hart ergehn, lass uns feste stehn und auch in den schwersten Tagen niemals über Lasten klagen..."

Nein, so sehr ich den Liederdichter schätze, das ist verkehrt. Das darf ich von niemandem verlangen, auch nicht von mir selbst. Sonst werde ich wie die Freunde Hiobs, die das Klagen verbieten und Gott verteidigen wollen. Das hat er gar nicht nötig. Nicht nur Hiob, auch viele Beter in den Psalmen sprechen ihre Not aus - und Gott gibt ihnen Recht.

„Mein Zorn ist über dich und über deine beiden Freunde entbrannt", spricht Gott am Ende des Buches zu Elifas, „denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob." Denn im Klagen wendet sich Hiob Gott zu, spricht er nicht mehr mit den Freunden, sondern an ihnen vorbei direkt zu Gott, unmerklich, je länger je mehr. - Im Warschauer Ghetto wurde in einer Flasche das Bekenntnis eines Juden gefunden. Überall brannte es schon, seine Frau und Kinder sind umgekommen und er schreibt:

„Mein Rabbi hat mir oft eine Geschichte erzählt von einem Juden, der mit Frau und Kindern der spanischen Inquisition entflohen ist und über das stürmische Meer in einem kleinen Boot zu einer steinigen Insel trieb.

Es kam ein Blitz und erschlug die Frau. Es kam ein Sturm und schleuderte seine Kinder ins Meer. Allein, elend wie ein Stein, nackt und barfuss, geschlagen vom Sturm und geängstigt von Donner und Blitz, mit verwirrtem Haar und die Hände zu Gott erhoben, ist der Jude seinen Weg weitergegangen auf der wüsten Felseninsel und hat zu Gott gesagt:

‚Gott von Israel, ich bin hierher geflohen, um dir ungestört dienen zu kön­nen, um deine Gebote zu erfüllen und deinen Namen zu heiligen. Du aber hast alles getan, damit ich nicht an dich glaube. Solltest du meinen, es wird dir gelingen, mich von meinem Weg abzubringen, so sage ich dir, mein Gott und Gott meiner Väter: Es wird dir nicht gelingen. Du kannst mich schlagen, mir das Beste und Teuerste nehmen, das ich auf der Welt habe. Du kannst mich zu Tode peinigen - ich werde immer an dich glauben. Ich werde dich immer lieben - dir selbst zum Trotz!'"

Und der Jude fuhr fort: „Und das sind meine letzten Worte an dich, mein zorniger Gott: Es wird dir nicht gelingen! Du hast alles getan, damit ich nicht an dich glaube, damit ich an dir verzweifle! Ich aber sterbe, wie ich gelebt habe, im felsenfesten Glauben an dich. Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einig und einzig!"

So spricht Jossel Rackover mit Gott. So klagt er sein Leid, klagt Gott selbst an. Gott - nicht nur der große Störfaktor, sondern der Feind, der Gegner, der ihn schlägt und ihm das Beste nimmt. Und zugleich klammert er sich an ihn und hält sich bei ihm fest.

Hiob, möchte ich sagen, deine Geschichte ist noch nicht zu Ende. Es wird weitergehen, auch für dich. Vielleicht kannst du das auch: dich wie Jossel Rackower an Gott klammern, an den Gott klammern, den Du nicht begreifst.

Und vielleicht kannst du dich eines Tages wieder aus der Asche erheben. Vielleicht kannst Du eines Tages wieder vertrauen. Wie jene Eltern, die zwei Kinder hatten. Als ihre Tochter im blühenden Jugendalter starb, ließen sie auf den Grabstein meißeln: ,,Warum?" Klagend, ankla­gend hallte dieser Schrei wider und blieb ohne Antwort.

Als sie Jahre später auch ihren Sohn begraben mussten, ließen die Eltern auf den Grabstein schreiben: ,,Gott weiß, warum!" Die Frage ist geblieben. Und es gibt keine einfache Antwort darauf. Aber die Eltern wandten sich jetzt mit ihrer Frage an Gott. Ihre Frage nach dem Warum war eingekleidet in das Vertrauen zu Gott. Das, Hiob, wünsche ich Dir.

„Wenn wir Menschen aufhören könnten", schrieb Luise Rinser, „uns Gott als ,lieben Vater' vorzustellen, wäre das große Problem gelöst, wie denn dieser liebe Vater das Leid zulasse auf unserer Erde. Ist Gott gut, ist er böse, ist er gütig, ist er grausam? Nicht das eine, nicht das andere. Nichts von allem, was wir ihm zuschreiben, trifft zu als das eine: ER ist, ER ist. Geborgenheit in Gott gibt es nur so: Man wirft sich in den Strom und lässt sich tragen. ER trägt! Ist der Strom gut, ist er böse? Genug: Er ist, und Er trägt."

Das ist genug. Warum? Warum lässt Gott das zu? Ich weiß es nicht. „Bleib", sagte der Fremde, „wer die Fragen nicht beantwortet, hat die Prüfung bestanden." - Ist der Strom gut, ist er böse? Genug, Er ist und Er trägt. Amen.

 



Pastor der Ev.-ref. Kirchengemeinde Stapelmoor und Präses des Synodalverbands Rheiderland der Ev.-ref. Kirche, Manfred Gerke
26826 Weener
E-Mail: Gerke.Manfred@t-online.de

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