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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr, 11.11.2012

Predigt zu Hiob 14:1-6, verfasst von Jürgen Jüngling

 

1 Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, 2 geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. 3 Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. 4 Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! 5 Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: 6 So blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

 

1. Ein Text voller Tiefe, ein Text voller Weisheit und auch voller Wehmut - passend zu der Jahreszeit, in der wir uns befinden! Der Winter schickt bereits seine Boten aus, unser Kirchenjahr neigt sich seinem Ende zu, und der Totensonntag rückt immer näher. Das passt zueinander. Doch dann und demgegenüber so ganz anders der für die neue Woche vorgesehene Wochenspruch aus dem zweiten Korintherbrief: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!" (6, v2) Einen größeren Kontrast zwischen dem einen und dem anderen Wort kann man sich schwerlich vorstellen. Sicher, das eine ist Altes Testament, und das andere ist Neues Testament, letzteres gewissermaßen der Reflex, die Antwort von Jesus her auf die bangen Fragen und trüben Ahnungen des Hiob. Wehmut und Heil - wie verhält sich das überhaupt zueinander? Doch bleiben wir erst einmal bei dem Menschen Hiob selbst, in dessen Buch ja weit mehr Fragen aufgeworfen werden, als es überhaupt Antworten gibt!

 

2. Sein Leben ist ein schweres Leben, hart am Abgrund der Existenz. Wir kennen seine Geschichte, seinen Weg vom glücklichen und gesegneten Zeitgenossen bis hin zum kranken und vereinsamten Mann. Und wie hatte er sich doch gemüht, ganz fromm und den Geboten gemäß seinen Weg zu gehen - eigentlich die Garantie für ein gelingendes und erfolgreiches Leben. Aber diese alte Erfahrung und Erwartung, die trug auf einmal nicht mehr. Das Leben schien nicht mehr berechenbar. Auch der Frömmste konnte nicht einfach mehr in Frieden leben, war nicht mehr gefeit vor Abstieg und Leid und jähem Tod. So verstehen wir ihn gut, wenn er klagt: „Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht." (v1 und 2) Bilder, uralte Bilder für den immer gleichen Sachverhalt: die welke oder abgefallene Blüte - auch in der barocken Malerei - als Hinweis auf Vergänglichkeit und Verwesung, der Schatten als Ausdruck von Nichtigkeit oder gar Täuschung. Und sind das nicht Worte, die uns ganz ähnlich aus dem 90. Psalm bekannt sind? „Unser Leben währet 70 Jahre, und wenn´s hoch kommt, so sind´s 80 Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon." (v10) „Flieht wie ein Schatten" oder „als flögen wir davon" - diese Erfahrung beherrscht auch unser Empfinden jetzt gegen Ende des Kirchenjahres. Selbst die fröhlichen Martinsumzüge der Kinder oder der laute Faschingstrubel der Jecken am heutigen 11.11. können eine solche Grundstimmung höchstens für einen Augenblick vergessen lassen. Denn spätestens in diesen dunklen Tagen und Wochen spitzt sich doch die bange Frage zu nach dem, was war, und wie es war, und wer nicht mehr ist. Und schließlich frage ich auch danach, wo ich geblieben bin und wie es um mich steht auf dem so schönen und doch so gefährlichen Weg durch das Leben.

Wir kennen die Krisen ja nur allzu gut, die uns aus der Bahn zu werfen drohen. Sehr verschieden können ihre Auslöser sein: der Tod eines uns nahe stehenden Menschen zum Beispiel! Da möchte man nach außen gerne stark oder ausgeglichen sein. Nur - gelingen tut einem das so schlecht. Je tiefer man hineingerät ins Grübeln und Zweifeln und Nachfragen, desto tiefer empfinden wir die Ohnmacht - „flieht wie ein Schatten und bleibt nicht"! Oder da geht eine Ehe kaputt oder zwischen Kindern und Eltern bricht eine Eiszeit aus; da erfahre ich an eigen Leib oder Seele Krankheit, vielleicht das Gebrechen des Alters; da bin ich von jetzt auf dann beruflich am Ende und fühle mich überflüssig - „flieht wie ein Schatten und bleibt nicht"!

 

3. Die Frage lautet dann: Wie um alles in der Welt gehe ich mit solchen Erfahrungen um? Die einen unter uns lehnen sich trotzig auf, denn für sie kann einfach nicht sein, was nicht sein darf; und sie werden darüber immer hektischer - ähnlich dem Hamster im Laufrad: schneller und schneller und letztlich doch vergeblich. Andere geben einfach auf, am Ende sogar sich. Sie werfen die Flinte ins Korn, denn es ist ihnen alles so sinnlos geworden. Sie resignieren. Wir kennen das alles nur allzu gut, nicht zuletzt von uns selbst.

Ich lasse für einen Moment die eigene Befindlichkeit außen vor und versuche, noch einmal neu den Hiob in den Blick zu nehmen. Bei ihm kann ich nämlich etwas ganz Anderes entdecken, und zwar etwas Weiterführendes: Hiob wird mitnichten Hamster und überhaupt nicht hektisch. Hiob gibt auch nicht auf, sondern - er redet mit und er redet zu Gott, er schreit seine Klage förmlich hinaus: „dass du mich vor dir ins Gericht ziehst" (v3). Das ist schon starker Tobak. Und wir können es dem Hiob gut nachempfinden, wie er sich so sehr nach dem tröstenden, dem nahen, dem lieben Gott sehnt, und statt dessen ein Gegenüber erlebt, das ihn mitten in unverständliches Leid und in ein noch unverständlicheres Gericht zerrt. Darauf allerdings wird er ganz bescheiden, bittet geradezu um Nachsicht und wünscht sich: Gott solle wenigstens ein Auge zudrücken, „damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut." (v6) Vielleicht möchte er sich auch nur wegducken, auf Tauchstation gehen, mit Wenigem sich zufrieden geben, nur bitte nicht im Bannstrahl seines Gegenübers stehen. „Wie ein Tagelöhner" - das ist wahr und wahrhaftig bescheiden und sogar demütig. Wie ein Tagelöhner, was später einmal nach langem Irrweg der Verlorene Sohn ebenso demütig von seinem Vater erbittet!

Was mir im Blick auf Hiob deutlich wird: So lange sein Leiden nicht stumm bleibt, so lange ist es nicht ausweglos. Er erfährt den entlarvenden, den anklagenden Gott. Und dagegen schreit, winselt er an, will den behütenden, den aufhelfenden und weiterführenden Herrn des Himmels und der Erde. Es ist das ein verzweifelter Appell gegen Gott zu Gott - so paradox das auch klingen mag. Aber damit gewinnt er Zukunft und Hoffnung und Mut. Das beeindruckt mich immer wieder neu.

 

4. Und wir, wir heute? Ich behaupte: Wir haben es ein ganzes Stück leichter als damals Hiob. Wir können - oder sollte ich sagen: könnten? - nämlich noch gründlicher als er damals wissen, dass wir nicht nur diesem fernen und fordernden Gott gegenüberstehen. Das ganz gewiss auch! Aber wir wissen noch besser als er um die so ganz andere Seite Gottes. Wie heißt es im Wochenspruch? „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!" Denn wir blicken mitten hinein in das menschliche Angesicht unseres Bruders und Herrn Jesus Christus. In ihm wird uns deutlich, dass nicht die Klage des Hiob, dass auch nicht das Klagen der Menschen aller Orte und Zeiten im Trichter des Nichts verhallen; denn er hat sich auf den Weg zu uns gemacht und weiter bis in die Untiefen der Abgründe. Deshalb ist unser Klagegebet nicht mehr der letzte verzweifelte Versuch in unserem Mensch-Sein, sondern es kann trotz aller Paradoxien des Lebens ein Durchbruch zu einem ganz neuen Vertrauen werden - auf Gott und deshalb auch auf mein Leben und sogar auf mich selbst. Eine solche Lebensgewissheit knipst Auflehnung, Resignation oder gar Kapitulation nicht einfach aus, aber sie ermöglicht - hoffentlich - die bescheidene und demütige Freude eines Tagelöhners. Damit hätten wir schon unendlich viel gewonnen - ganz ähnlich dem Verlorenen Sohn, vielleicht sogar unser Leben. Das wünsche ich uns an diesem Sonntag der Paradoxien zwischen Klage und Feiern, zwischen Vergehen und Vertrauen, zwischen Schatten und dem Licht aus der Höhe. Amen

 



Oberlandeskirchenrat i.R. Jürgen Jüngling
Kassel
E-Mail: juengling@webgum.de

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