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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr, 11.11.2012

Predigt zu Hiob 14:1-6, verfasst von Thomas Jabs

Was für ein Glaube!

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Der Mensch vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen vom Unreinen? auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann; so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

 

Liebe Gemeinde!

Ein Mensch, der sich recht überlegt,
dass Gott ihn anschaut unentwegt,
spürt mit der Zeit in Herz und Magen
ein ausgesprochnes Unbehagen
und bittet schließlich ihn voll Grauen
nur fünf Minuten wegzuschauen.
Er wolle unbewacht allein
inzwischen brav und artig sein.
doch Gott davon nicht überzeugt,
ihn ewig unbeirrt beäugt.
So heißt es lustig schelmisch in einem Gedicht von Eugen Roth.

Gott der uns immer sieht, wird zu einem Wilhelm Busch Erziehungsexempel. Ein frommes Märchen, damit wir hübsch artig sind oder wie immer wieder ganz falsch zu Kindern gesagt wird: „Seid schön lieb." Man meint: „Seid still!"

Gott ein Märchen um andere still zu machen! Oder besser eine Mär, ein Alptraum. Das ist der furchtbare Gott, der uns immer sieht. Das ist es gerade, was Hiob uns von Gott sagt: Gott ist die schreckliche Wahrheit des Leides!

Hiob bekommt das nur allzu deutlich zu spüren. Nach glücklichen Jahren begräbt der Vater seine Kinder und wird selbst furchtbar krank. Er nimmt es aus Gottes Hand.

Das stellen wir Christen uns gegenseitig als Geduldsvorbild vor Augen und verkürzen das ganze Buch Hiob auf den einen Satz: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt."

Das aber ist nur ein Satz und dagegen steht die kapitellange Klage und Anklage gegen Gott: „Der Herr hat's gegeben der Herr hat's genommen.", ist eben nicht der fromme Dulder, der nicht weiter fragt und schön still ist.

Es ist Hiob, der sagt: Kein blindes Schicksal hat mich getroffen, nicht eigenes Verschulden sondern der furchtbare, unbarmherzige Gott tötete meine Kinder und macht mich krank, fügt mir meine unerträglichen Schmerzen zu.

Auch in unseren Gemeinden sind Mütter die ihre Kinder begraben haben. Denen sagt Hiob nun auch noch: Gott hat sie getötet. Wie können wir diesem Gott noch Lieder singen? Muss nicht eine Mutter Gott vergeben, statt hier zu beichten?

Wir kennen Menschen, denen haben Ärzte gesagt: „Sie haben Krebs." Jetzt kommt Hiob, und sagt: „Den Krebs, den hast du Gott zu verdanken, der schlägt dich damit. Gott ist grausam."

Ist das Gott? „Nein", regt es sich in uns, „das kann Gott nicht sein." Es ist einfach unerträglich einem solchen Gott ausgeliefert zu sein, denn wenn er Gott ist, dann sind wir ihm ausgeliefert. Wir Menschen lösen diesen furchtbaren Konflikt heute in der Regel auf zwei Arten:

  1. Wir glauben nicht mehr an Gott. Wozu auch. Wenn es einen Gott gäbe, warum sollte er so grausam sein. Wie sollten wir leben können in ständiger Angst vor einem solchem Gott. Und wenn es schon einen Gott gäbe, dann müsste er doch gerecht sein nein es gibt keinen Gott oder

  2. Es gibt ihn, den Gott der gerecht sein muss, so wie wir denken. Dann ist das Leid nicht ihm zuzuschreiben sondern uns. Dann ist es die eigene Schuld. Der falsche Lebenswandel, der Krankheit bedingt. Das Risiko, mit dem ein Unfall verursacht wird, die Sünde, die Gott straft.

Nur was ist dann mit den Opfern von Naturkatastrophen und denen, die gesund gelebt haben nach bestem Wissen und mit Mitte 50 an Krebs sterben?

Ist der Glaube an den gerechten Gott nach unseren Maßstäben von Gerechtigkeit etwa ein Trost? Hilft der Unglaube, die Ablehnung Gottes etwa dem Hiob damals oder einer trauernden Mutter heute? Ich traue mich nicht so etwas einem oder einer Krebskranken zu sagen oder gar Eltern, die Ihr Kind verloren, oder Menschen deren Angehörige einer Naturkatastrophe zum Opfer gefallen sind.

Hiob antwortet! Was bin ich denn? Was schadet dir, Gott, dem Allmächtigen, dem Großen dem Unbegreiflichen, dem Ewigen, was schadet dir denn meine kleine Sünde? Natürlich bin ich unrein, unvollkommen, eben ein Mensch und nicht Gott. Warum quälst du mich dann Gott? Warum leiden so viele? Warum manche und andere nicht?

Reicht es nicht schon zu, wie es uns sowieso geht, dass wir alt werden und grau und abgeschoben und dann sterben müssen und haben doch ein Leben lang Angst vor dem Tod? Du bringst uns doch sowieso um eines Tages, Gott. Warum können nicht wenigstens die paar Erdentage froh leben?

Blicke weg!

Das ist ein überragender Glaube! Das ist auch ein hilfreicher Glaube. Auch wenn es erst einmal völlig unvernünftig klingt.

„Blicke weg!" Das ist unser Lebenswiderspruch, wie er nicht besser ausgesagt werden kann. Ich rufe doch nicht jemanden, wenn er mich nicht bemerken soll. Das ist doch widersinnig.

„Blicke weg!" Gott soll gar nicht wegblicken, Gott soll den zornigen Blick weg nehmen ihn ändern in einen barmherzigen Blick. Hiob schreit zu Gott, gerade weil er glaubt, dass Gott dieses Leid geschaffen hat und es eben auch beenden kann.

Das ist der überragende Glaube des Hiob. Das ist die mutigste Gottesbeziehung, die den Konflikt mit Gott erträgt und weiter auf ihn vertraut im Leben und im Sterben.

Genau das ist die einzige Rettung die wir haben. Nicht glauben hilft uns nicht. Uns selbst oder gegenseitig Schuld zuweisen rettet niemanden. Es gibt Leid. Das lässt sich nicht verniedlichen auch nicht mit den Zeilen von Eugen Roth.

Wir Menschen schreien zu Gott, zu wem sonst. Wir sind auf ihn angewiesen. Gerade wenn wir leiden, wird es uns bewusst.

Gott ist zornig und Gott ist barmherzig.

Er ist unser Schöpfer und für uns ist es vorgesehen zu sterben. Er ist unser Vater, dem wir dieses und jedes Leid klagen.

Er ist Jesus der uns anblickt, der uns ins Herz blickt und manchmal unangenehm überführt, oder uns heilt, uns auf jeden Fall, egal wie er uns anblickt, immer befreit.

Leider nicht vom Leid, leider nicht vom Tod. Davon hat er sich selbst nicht ausgenommen. Er litt und starb.

Warum? Ich weiß nicht. Ich weiß und glaube fest:

Wenn einen Menschen Leid trifft, dann muss er klagen und sie braucht jemanden, dem sie oder er es klagen kann, der diese Klage aushält.

Hiob ermutigt: Ja, weinen und klagen das eigene Leid, hinausschreien, ja, das Leid anderer beklagen, ja, Gott ist der Allmächtige und auch unbegreiflicherweise Zornige. Vor allem ist Gott derjenige, der mir nicht ausweicht, der mir nicht sagt: „selbst schuld", der schweigt und erträgt, dass ich weine, klage, anklage. Er hört zu, er lässt mich nicht allein und nicht im Stich nicht im Leid, nicht im Tod. Er weiß wovon ich rede.

Er ist es, er allein, der Leid und Tod wenden kann und wenden will. Darum schreie ich zu Ihm: Herr, wann siehst du uns Menschen gnädig an. Herr, wann lehrst du mich meine Mitmenschen gnädig anzusehen Herr, wann bin ich endlich gnädig mit mir selbst, bin nicht mehr fern von dir: Herr blicke mich gnädig an. Hiob vertraute allein auf Gott. Was für ein Glaube!

Möge Gott mir und Ihnen solchen Glauben schenken und erhalten und dazu den Humor von Eugen Roth.

Ein Mensch, der sich recht überlegt,
daß Gott ihn anschaut unentwegt,
spürt mit der Zeit in Herz und Magen
ein ausgesprochnes Unbehagen
und bittet schließlich ihn voll Grauen
nur fünf Minuten wegzuschauen.
Er wolle unbewacht allein
inzwischen brav und artig sein.
doch Gott davon nicht überzeugt,
ihn ewig unbeirrt beäugt.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn.

 



Pfarrer Thomas Jabs
12623 Berlin
E-Mail: Pfarrer.Jabs@Kirche-mahlsdorf.de

Bemerkung:
Predigtlied
EG 382 Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr
oder
EG 237 Und suchst du meine Sünde
oder
EG 299, 1-3 Aus tiefer Not schrei ich zu dir


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