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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr, 11.11.2012

Predigt zu Hiob 14:1-6, verfasst von Jochen Riepe

 

I

so blicke doch weg von ihm , damit er Ruhe hat ...‘ - ‚ Laß mich zufrieden ... laß mich endlich in Ruhe‘, spricht der Mund ... und das Herz weint : ‚Bleibe doch!‘ Darf ich -gleichsam aus der Ferne und mit Scheu - so fragen : Gibt es das auch zwischen Gott und Mensch - nicht miteinander , aber auch nicht ohneeinander leben können?

II

Das Kind hat sich am Kopf gestoßen , kommt schreiend zur Mutter und birgt schluchzend den Kopf in ihrem Schoß. Es zittert und kann sich gar nicht beruhigen . ‚Ist es jetzt gut?‘ fragt die Mutter nach einer Weile . Das Kind schluchzt noch einmal, noch stärker , aber dann hebt es den Kopf : ‚Ja, jetzt ist es wieder besser‘. -‚Ja, wie der Mensch , wenn er leidet, sich ausweinen muß, so muß er sich auch auszweifeln, wenn er sich grausam gekränkt fühlt...‘ (1).

III

Nicht wahr , liebe Gemeinde, sich ausweinen und ausheulen ist das eine, aber ‚auszweifeln‘ ,einen Schmerz , eine Kränkung , ein Leid in Gedanken fassen und gewissermaßen zu Ende denken, das ist noch etwas anderes. Das Buch Hiob ist das biblische Buch , in dem das Leid eines Menschen, die furchtbare Zerstörung seines Lebensglücks vielleicht am eindringlichsten in ebenso furchtbare Gedanken, Fragen , Klagen und Anklagen übersetzt wird. Vor allem aber : die Leiderfahrung eines Menschen, dem Besitz , Gesundheit und dem seine Liebsten genommen wurden , sie wird zur Gottesfrage - zum fragenden, klagenden Sich-Aufbäumen eines Menschen vor Gott und zu Gott hin : Warum ? Was habe ich getan? Warum bist du mein Feind ? Immer wieder pocht Hiob auf seine Unschuld und seine den Geboten Gottes gemäße Lebensführung. Er achtet und fürchtet Gott sein Leben lang. Umso unverständlicher und rätselhafter ist sein ‚Ergehen‘ und umso dringlicher sein Wunsch : ‚O hätte ich einen , der mich anhört. Hier meine Unterschrift - der Allmächtige antworte mir‘ (2).

IV

Wir sind nicht Hiob , ein scheuer Abstand schützt uns , aber das kennen auch wir : Je heftiger , intensiver und verzweifelter - in Ver-zweiflung- wir einen Ausweg und eine Antwort suchen, umso mehr macht sich gleichzeitig Erschöpfung und Unwille breit : Was soll das ? Ich übernehme mich. Der Gott , dem ich Rechenschaft abverlange, wie hat er mich denn gemacht ? Einer Blume , die bald ihre Blüte verliert, einem ‚fliehenden Schatten‘ gleich - will ich mich mit dem Ewigen , diesem meinen unfaßbaren schweigenden Feind anlegen ?! Man müßte schon eine Ewigkeit gegen die andere , eine Allmacht gegen die andere aufwiegen, um in diesem Streit zu bestehen! ‚Blicke doch weg von ihm !‘ - Laß mich in Ruhe! Gönne mir den Feierabend des Tagelöhners, daß ich wenigsten kurz aufatmen kann ! Das sagt derselbe Hiob , der eben noch und bald wieder inständig nach Gottes Antwort verlangen wird.

V

Ob es das , was mitunter Paare , leidvoll-liebende , liebesvoll-leidende Paare , erleben , auch im Verhältnis , im Bund zwischen Gott und Mensch geben kann : Nicht mehr miteinander , aber auch nicht ohne einander leben können ? Warum , Gott? fragt Hiob :‘Warum bin ich nicht schon gestorben bei meiner Geburt?‘ Hiob hat Freunde , Berater , die ihm helfen wollen, das Leid anzunehmen, zu ertragen , vielleicht sogar zu verstehen. Ist es nicht so , daß jeder das erfährt, was ihm zusteht ? Haben wir nicht gelernt : Gott ist gerecht ... und wenn du leiden mußt, nimm die Schmerzen aus seiner Hand. Gott wird nicht für immer dein Feind sein. Laß Ihm Zeit und denke daran : Er läßt dir Zeit - Zeit zur Umkehr und Reinigung. Die Freunde lassen den Freund klagen und weinen , das gehört zur Trauerarbeit dazu ,und sie halten ihm ihre Worte , ‚Theorien gleichsam über Gott und Mensch‘ , hin wie die Mutter Arme und Schoß dem schreienden Kind. Es gibt doch einen Ort in der gemeinsamen Sprache , an dem es wieder besser wird. Ja, es kommt die Zeit, nach dieser Krise, da es wieder gut wird. Letztlich wird sich alles ‚ergeben‘.

VI

Sie spüren es , liebe Gemeinde : Wie jeder Gequälte kann Hiob das Gutgemeinte nicht als gut annehmen. ‚Was ihr wißt , das weiß ich auch‘ (3), aber es hilft nicht mehr, es tröstet nicht. Sich im Mutterschoß ausweinen ist das eine , ‚auszweifeln‘,- ‚der höchste Grad des Zweifels, den die Deutschen so richtig die Verzweiflung nennen‘ (4) - ist mehr , ist etwas anderes : das zum Himmel erhobene und aus allen vertrauten Sprachregelungen herausgefallene Tränengesicht . Hiobs Reden zu Gott , sein Rechten mit Gott steht dazwischen : Es hört noch die von Kindheit an gelernte Verheißung , daß Gott sein Angesicht uns gnädig zuwendet , um im gleichen Augenblick resigniert zu fordern : ‚Sieh hinweg von mir , ich kann deinen Blick nicht ertragen ?‘ Wie soll der Mensch mit dieser Beschämung , dieser grausigen Ironie leben : ‚Nur eine Handbreit -kurze Zeit und voll Unruhe- sind meine Tage vor dir‘ - und doch ziehst du mich vor dein Gericht? Ist das nicht ein Fehler im Bau der Schöpfung? Ein schreckliches Mißverhältnis oder Mißverständnis in allem , was den Menschen , in allem , was den Menschen vor Gott betrifft ? Sie hängen aneinander, sie streiten, fordern , überfordern , verletzen , strafen , schmähen und fluchen , drehen sich um und wenden sich ab ... und im nächsten Augenblick sagen sie : Du ! Du , ich kann , ich will nicht von dir lassen .

VII

Kann es angesichts dessen überhaupt eine ‚Lösung‘ , ‚Erlösung‘ ,einen ‚Freikauf‘ geben? Feierabendruhe dem Tagelöhner gleich , schließlich Grabesruhe ... aber daß der Heulende , der Auszweifler - daß es für den Gerechten Gerechtigkeit gibt und je wieder gut wird ; daß die Schmerzen ‚erklärt‘ und es Trost gibt , der besteht, ist damit ernstlich zu rechnen ? Ich helfe mir noch einmal - wie gesagt : ratlos und teilnehmend zugleich - mit dem Vergleich : In der Beratung von Paaren , die in der ausweglosen Situation des ‚Nicht-mit-und-nicht-ohneeinander-leben-können‘ stehen , wird manchmal der Hinweis wichtig : Ja, seht voneinander weg ! Seht von allen Bildern, Erwartungen, Urteilen und Vorurteilen ab, in die der andere und in die du selbst gefangen bist - so könnt ihr lernen : euren Blick zu weitern. Ist der andere nicht mehr als ein Garant meiner Lebensordnung , als ein Garant meines Lebensglücks? Bleibt er nicht immer auch ein Geheimnis oder auch ein Rätsel ? Und bin ich nicht mehr und anderes als ein von seinem Blick immer wieder neu Beschämter und Gedemütigter? Ist mein Menschsein nicht auf einem anderen Grund errichtet ? ‚Auszweifeln‘ -das gilt ja letztlich auch für den Standort oder-punkt des Auszweiflers selbst - soll irgendwo etwas Neues sichtbar werden.

VIII

Das Buch Hiob ist mutig. Es mutet Hiob diese Blickerweiterung , ein ‚Über-sich-selbst-hinauswachsen‘ zu. Er wird lernen , jenseits seiner Ansprüche , jenseits des Antwort- und Rechtbekommens Gott als den Schöpfer der Welt zu vertrauen - Ihm , der das Chaos gebannt hat , auch in seinen dunklen Seiten zu vertrauen. Aber auch Gott geht in gewisser Weise einen Schritt weiter mit seinem Menschenkind . Er läßt sich auf sein Geschöpf ein. Er sieht auf jenes Wesen , das ihn bittet , doch wegzusehen , und hält es in all seinem ‚Staub und Asche-Sein (6) der Anrede und darin des Ansehens und der Anerkennung (!) wert. Und diesen - buchstäblich aufbauenden - Blick kann Hiob ertragen .

 



Pfarrer Jochen Riepe
Dortmund
E-Mail: Jochen.Riepe@gmx.net

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