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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Letzter Sonntag des Kirchenjahres: Ewigkeitssonntag, 25.11.2012

Predigt zu Jesaja 65:17-25, verfasst von Kira Busch-Wagner

 

Neue Schöpfung unter uns

Liebe Gemeinde,

Viele von Ihnen haben eigens eine Einladung erhalten. Eine Einladung hierher in den Gottesdienst zu kommen, weil wir Namen und Bestattungswort eines Menschen, im letzten Jahr verstorben und Ihnen nahe, weil wir beides heute vor Gott ausrufen.

Wir klagen Gott den Verlust. Für manche wird damit vielleicht noch einmal laut, was sie schon hofften, dass es seine Ruhe gefunden hat. Für manche ist es tröstlich, dass an dem heutigen Feiertag einmal nicht der Alltag über den Tod und über die Trauer hinwegrauscht.

Wir bringen vor Gott Fragen und Schmerz. Schmerz auch über ungelebte Anteile selbst in einem reichen Leben, über Mangel im Leben der Verstorbenen oder auch von uns selbst - da und dort: Kinderlosigkeit. Ehelosigkeit, Misslingen; Schmerz über Trennung und Trennungen. Schmerz darüber, Menschen verloren zu haben im Laufe des eigenen Lebens, verloren an den Tod. Verloren vielleicht auch an Entfremdung, an das Vergessen, an einen anderen Lebensstil, an andere Menschen und Lebensumstände.

Empörung angesichts von Leben, das viel zu früh zu Ende ging. In Erinnerung an einen Menschen, der nicht alle Lebensalter durchschreiten konnte.

Wir bringen vor Gott Zorn und Ärger. Auch den, dass wir das Gefühl bekommen können: der oder die gestorben ist, hat uns allein gelassen. Da hat sich jemand davon gemacht. Es ist kein Gespräch mehr möglich. Soviel blieb offen.

Zorn haben wir vielleicht auch, wenn wir an Umstände des Todes zurückdenken oder an bestimmte Lebensphasen.

Wir bringen vor Gott Resignation. Oder Ergebenheit. Oder weise Einsicht, dass unser aller Leben endlich ist. Dass wir am Ende einmünden in Gottes Ewigkeit.

Wir können vor Gott bringen die Scham, all das, worüber wir mit niemanden haben reden können oder reden wollen im Anschluss an den Tod; Scham über eigenes Versagen oder über Unzulänglichkeiten des Verstorbenen.

Wir treten vor Gott auch mit unserer Schuld. Mit dem, was wir gern noch bereinigt hätten, mit manchem vielleicht, was gar nicht mehr gut zu machen ist, was offen bleiben wird für immer. Wir bleiben anderen so oft etwas schuldig, es fehlt uns am richtigen Wort, am rechten Verhalten. Trägheit des Herzens lässt uns weit hinter dem Bild zurückbleiben, das wir doch von uns selber haben, auch für die Begegnung mit jemandem, den wir lieben. ,

Und immer wieder bringen Menschen vor Gott die Dankbarkeit für eine gemeinsame Wegstrecke, die man zusammen unterwegs war. Für gemeinsames erlebtes Glück, für Innigkeit, gegenseitiges Verständnis, tiefe Verbundenheit. Für Liebe, für Freundschaft, für ein Vorbild, für eine Herausforderung, die uns mit dem anderen Menschen aufgegeben war.

Menschen bringen all das vor Gott - ausgesprochen oder unausgesprochen. Eloquent oder stammelnd. Verständlich oder unverständlich für andere. Damit schauen sie in eine andere Richtung. Nicht zurück. Sondern nach vorn, auch wenn da bei Gott eine Grenze zu sein scheint für uns Menschen.

So, wie wenn wir in unsere Kirche kommen, aus der Woche und aus dem Kirchenjahr, das hinter uns liegt. Und nach vorn schauen. Zunächst auf die Wand, die hinter dem Altar abzuschließen scheint. Wir schauen auf das Kreuz. Sinnbild menschlicher Grausamkeit und Schuld. Sinnbild menschlicher Zerstörung und menschlichen Leids. Aber auch: Sinnbild der Gegenwart Gottes in dieser Welt. Sinnbild dessen, hier kein Ende ist, sondern dass Gott von seiner Ewigkeit her die Grenze zu uns überschritten hat.

Vom Altar her mit ihrer Bibel, von der Kanzel her begegnet Ihnen, der Gemeinde, im Verlauf, in der „Inszenierung" des Gottesdienstes das biblische Wort, um darin Gottes Wort an uns zu entdecken, zu bekennen. Kein letztes Wort. Sondern offenes Gespräch, Anrede, Zuspruch, Anspruch.

Für den Tag heute sind Verse vorgesehen aus dem letzten Teil des Jesajabuches, aus dem Kapitel 65, die Verse 17-25.

 

Verlesung des Predigtabschnitts

Wie wunderbar mögen die Verse für manche sich anhören. Eine ganz neue Schöpfung. Kein Weinen mehr, kein Klagen. Gebrochen ist die zynische Macht des Todes über die schwächsten: die Alten, die Kinder. Gebrochen ist die Ohnmacht der Vergeblichkeit. Man sieht die Früchte der eigenen Arbeit, der eigenen Existenz. Schon frühe Leser des Abschnitts haben Verheißungen eines umfassenden Friedens angehängt. Keine Bosheit mehr. Kein Schaden.

Es endet mit der Formel: „so spricht der Herr". Sie verbürgt eine Gegenwart Gottes. Verbürgt Gott im Kontakt, in der Anrede, im Gespräch, ganz nah dabei.

Doch einige mögen den Abschnitt auch ärgerlich zur Seite legen. Spricht doch die eigene Wirklichkeit eine ganz andere Sprache. Haben die Todesfälle des vergangenen Jahres, die Unglücksfälle in der letzten Zeit, die Krisen und Spannungen in der Welt nicht gerade wieder Macht des Todes und tödliche Gewalt vor Augen geführt? Haben sie nicht die Vergeblichkeit so vieler Bemühungen gezeigt? Lassen all die Erfahrungen nicht vielmehr fragen, wie Menschen soviel Elend und Schmerz überhaupt aushalten können. Kürzlich stand in der Wochenzeitung „Die Zeit" ein Artikel mit dem Tenor, dass alle christlich gefärbte Vertröstung und Illusion heute nicht mehr verfängt. War unser Predigtabschnitt etwa ein neuer Versuch in dieser Richtung?

Ich bin dabei, einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen, gibt der Prophet als Rede Gottes weiter.

Ich höre dahinter nicht eine göttliche Ignoranz gegenüber dem Leiden, nicht Distanz. Sondern vielmehr das größtmöglichste Mitleiden Gottes mit dem Elend seiner Geschöpfe, seines Israel, seines Volkes. Weil er bei ihnen all die Unfreiheit und Todesnähe erkennt, all die Vergeblichkeit und Mühe. All das Chaos, Wüste und Leere wie es wüst und leer war vor aller Zeit, vor aller Schöpfung.

Die Menschen, zu denen der Prophet redet, kommen zurück aus dem Exil, aus dem fremden Land, aus der Zerstörung aller politischen Hoffnung. Sie haben eine lange Zeit der Mühsal, der Trauer und Klage hinter sich. Man hatte gehofft auf eine neue Zeit. Jetzt ist sie da. Aber sie ist eben nicht der Himmel auf Erden. Die Menschen sind arm. Die verschiedenen Bevölkerungsgruppen streiten um das Wenige, was vorhanden ist, reiben sich auf. Nach Jahren in den Gebetsversammlungen, in Synagogen, jetzt wieder Tempelgottesdienst. Aber er hat nichts mehr von seiner alten Pracht. Kaum, dass das Opfer dargebracht werden kann. Die Wege, die Gott einmal eröffnet hatte, sind also nicht mehr zu begehen? Sie kommen zurück in das verheißene Land und leben doch jenseits von Eden. War alles Leiden denn umsonst?

In diese Lage hinein greift das Prophetenwort alte Verheißung auf. Der Kontakt zu Gott ist nicht abgebrochen. Die Wege sind nicht verschüttet. Dabei stimmt schon: jetzt das Ruder herum zu reißen, übersteigt menschliche Kräfte. Man kann das alles nicht selbst stemmen. Nicht einfach schneller, größer, effektiver ist jetzt zu handeln.

Sondern Gott selbst spricht von einer neuen Schöpfung.

Vielleicht muss man sich klar machen. Die Rede von der Schöpfung der Welt, so, wie sie uns vertraut ist aus dem allerersten Kapitel der Bibel, das ist zur Zeit unseres Predigtabschnitts noch nicht uraltes Kulturgut. Sie ist vielmehr noch relativ neu, noch wenig erprobt, hat sich erst vor wenigen Jahrzehnten in der Judenheit des Exils artikuliert, herauskristallisiert. Die Rede von der Schöpfung, die sagt: nicht babylonischer Götterkampf bringt die Welt hervor, sondern Gott der Herr. Nicht furchterregende Gestirne beherrschen das Schicksal. Sonne, Mond und Sterne sind vielmehr Lichter, die uns dienen mit ihrem Licht. Und die ganze Menschheit - Frau wie Mann - ist aufgerufen, mit Gott zu wirken und mit Gott zu ruhen: Ebenbild.

Wird die Rede von der Schöpfung sich bewähren?

Der Prophet bestätigt aufs Neue: Schöpfung, Gottes Kreativität, Gottes Zuspruch und Wort und Ruf zum Leben ist angesagt. Abermals spricht Gott neues Leben zu. Und auch Sättigung. Zufriedenheit, Glück aus guter Arbeit in ihren Ergebnissen. Was man gemacht hat, wird einem nicht aus den Händen gerissen, der Ertrag nicht weggenommen. In die Ruinen hinein ruft Gott zu neuem Leben. Gott selbst ist gerade dabei, es zu geben.

Am Ende können wir in das Wort von der Neuschöpfung schließlich auch einzuzeichnen die jüdische und die christliche Rede von der Auferweckung der Toten. Die Zusage: Gott hält ein neues, ein anderes Leben für die verlorene Schöpfung bereit. Er hat sie nicht aufgegeben. Er hält an ihr fest. Er hält zu ihr. Und schenkt ihr aufs Neue sein schöpferisches, neuerschaffendes Wort.

Was heißt das für uns?

Das erste, was viele vielleicht zunächst einmal überhören in den hochgemuten Zeilen.

Das erste: Gott leidet mit uns mit. Gott leidet an dem Tod in seiner Schöpfung. Gott leidet an der Zerstörung. Gott leidet an Unerfülltheit im Leben, am Ungelebten, am Zu-kurz-gekommenen. Gott leidet am Mangel, an Angst, an der Gefahr, an Gewalt, an Aussichtslosigkeit.

Gott leidet an unseren Schmerzen, an unserer Krankheit, an unserem Tod.

Darum muss Gott noch einmal an den Anfang. An einen Anfang, ohne das Gewordene ohne seine Geschöpfe zu verwerfen. Gott geht an den Anfang, um auch aus dem traurigen Rest Neues zu schaffen. Gott geht von Anfang an mit auch den Weg, den wir als Hinterbliebene nehmen, wie lang oder gewunden auch immer er sich zeigt. Gott geht den Weg mit durch Trauer, durch Fragen und Schmerzen in ein neues, verändertes, anderes Leben. Und es ist wiederum Teil seiner Schöpfung.

Das zweite: wir können uns entlastet sehen. Nein, es liegt nicht an uns, dass uns die Traurigkeit immer noch so niederdrückt. Wir haben nichts falsch gemacht. Wir brauchen Zeit. Wir müssen nicht schnell wieder fit und heil und munter sein.

Wir brauchen nicht gleich wieder funktionieren.

Es bedarf einer neuer Schöpfung. Immer wieder. Wer will einen Zeitpunkt bestimmen? Wer will das aus sich selbst hervorbringen? Das Prophetenwort sagt zu: Gott wird neues Leben schenken. Und Zukunft. Wo in dem, was auf uns zukommt, Gott selbst am Werke ist. Gott selbst zu erkennen ist.

Das dritte: Es ist richtig, über diese Welt hinaus zu schauen. Sich nicht zu bescheiden mit unseren Grenzen. Es muss doch mehr als alles geben - so eine wichtige Theologin unserer Tage. Und unser biblisches Prophetenwort beharrt darauf, solche Haltung einzutragen in unsere Welt. Er zeichnet nicht ein Jenseits. Er redet von Gottes Schöpfung in dieser Welt, er spricht von Gott in dieser Welt. Und insofern von Ewigkeit. Ewigkeit ist biblisch gesehen kein Begriff von Zeit. Ewigkeit ist eine Qualität. Ewigkeit bezeichnet Leben in der Gegenwart Gottes. Lassen Sie solcher Ewigkeit, solcher Gottesnähe uns unsere Toten anvertrauen. Lassen Sie solcher Ewigkeit vor allem aber auch uns selbst anvertrauen. In den Tagen der Trauer, der Schmerzen, der Scham, der Schuld. Lassen Sie solcher Ewigkeit uns selbst anvertrauen uns zum Trost, zum Vertrauen, zur Freude und Seligkeit. Heute und alle Zeit. Amen.

 



Pfarrerin Kira Busch-Wagner
76275 Ettlingen
E-Mail: Kira.Busch-Wagner@kbz.ekiba.de

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