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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Letzter Sonntag des Kirchenjahres: Ewigkeitssonntag, 25.11.2012

Predigt zu Jesaja 65:17-25, verfasst von Johannes Block

 Liebe Gemeinde,

1. Die doppelte Perspektive am Letzten Sonntag des Kirchenjahres

Am Letzten Sonntag des Kirchenjahres blicken wir zurück: Wir blicken zurück und blicken zugleich nach vorn. Es ist eine doppelte Perspektive, in die wir am heutigen Sonntag eingespannt werden – oder besser: in die uns die verheißungsvollen Worte des Propheten Jesaja einspannen. Beim Propheten heißt es:

So spricht Gott, der Herr: Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.

Die Worte des Propheten öffnen den Blick nach vorn: auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Das ist die Perspektive des Ewigkeitssonntags. Wir werden mit Worten umworben, die den Geschmack einer neuen Zeit ahnen lassen ohne die Stimme des Weinens und die Stimme des Klagens. Das ist die eine Perspektive: die Perspektive des Ewigkeitssonntags.

Doch es gibt am heutigen Sonntag noch eine andere Perspektive – die Perspektive des Totensonntags. So lautet die zweite Bezeichnung für den Letzten Sonntag des Kirchenjahres. Wir gedenken an diesem Sonntag der Verstorbenen, insbesondere der Verstorbenen des abgelaufenen Kirchenjahres. Wir gedenken der Toten mit all der Trauer und Traurigkeit, die zum Sterben und Abschiednehmen gehören. Viele unter uns werden das Gefühl in der Kehle kennen: die Stimme des Weinens und die Stimme des Klagens. Das ist die andere Perspektive: die Perspektive des Totensonntags.

Die zweifache Bezeichnung „Totensonntag“ und „Ewigkeitssonntag“ macht die doppelte Perspektive deutlich, in die wir heute eingespannt werden. Am Letzten Sonntag des Kirchenjahres blicken wir zurück – und wir blicken zugleich nach vorn. Im Sinne des Totensonntags blicken wir zurück auf das, was an Tod und Sterben gewesen ist. Und im Sinne des Ewigkeitssonntags blicken wir nach vorn auf das, was an Freude und Wonne auf uns wartet und kommen wird.

Die doppelte Perspektive zurück und nach vorn ist ein Geschenk der Religion, ein Geschenk der Welt des Glaubens. An der Welt des Glaubens haben die Propheten des Alten Testaments wunderbar mitgebaut. Propheten wie Jesaja haben leuchtende Visionen wie helle Sterne an das Firmament geworfen. Ohne die Worte, ohne die Visionen der Propheten bliebe es eindimensional in unserer Welt.

Wer eindimensional lebt, der lebt einfach vor sich hin ohne Aussicht, ohne Durchsicht, ohne Absicht. Man lebt, weil man lebt; man arbeitet, weil man arbeitet; man kauft ein, weil man einkauft; man macht Urlaub, weil man Urlaub macht; man stirbt, weil man stirbt. Das eindimensionale Leben kennt nichts anderes als die bloße Gegenwart – ohne Perspektive zurück und ohne Perspektive nach vorn. Die Toten werden vergraben und vergessen, und was nach diesem Leben auf uns wartet, das wird verlacht und verspielt. Immer mehr Menschen in unserer Zeit, so scheint es mir, leben eindimensional. Dann gilt allein die bloße Gegenwart, der direkte Genuss, die schnelle Unterhaltung, der aktuelle Kick. Immer und überall erreichbar zu sein – mit Mobiltelefon, Email, Twitter oder Facebook -, das scheint mir ein Wesenszug des eindimensionalen Lebens zu sein: Man lebt in der bloßen Gegenwart. Wehe dem, der im augenblicklichen Moment nicht erreichbar, nicht online, nicht angemeldet ist! Das eindimensionale Leben kennt kein Davor und kein Danach. Es kennt allein die bloße Gegenwart.

Die Religion, die Welt des Glaubens, mutet uns eine doppelte Perspektive zu. Unsere Gegenwart wird aufgebrochen durch den Blick zurück und durch den Blick nach vorn. Die Religion, die Welt des Glaubens, ist nicht billig zu haben. Sie ist unbequem, weil sie das eindimensionale Leben aufreißt. Risse tun weh. Und Risse sind vielleicht auch nicht jedermanns Sache. „Christen sind seltene Vögel“, heißt es bei Martin Luther.

Nun leben wir in einem freien Land, und es ist jedermanns Recht, eindimensional leben zu wollen. Was bleibt dem Mann und der Frau auf der Straße auch anderes übrig, wenn man den Propheten Jesaja nicht einmal vom Namen her kennt! Allein und auf sich gestellt wird man das eindimensionale Leben nicht durchstoßen können. Es braucht schon einen Propheten, dem helle Visionen aufsteigen wie Träume aus einer himmlischen Welt. Bei Jesaja heißt es:

Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN. Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.

Blättern wir das visionäre, das mehrdimensionale Leben etwas weiter auf, wie es der Prophet Jesaja schaut. Blicken wir erstens im Sinne des Totensonntags zurück auf das, was an Tod und Sterben gewesen ist. Und blicken zweitens im Sinne des Ewigkeitssonntags nach vorn auf das, was an Freude und Wonne auf uns wartet.

2. Der Blick zurück am Totensonntag

Der Blick zurück am Totensonntag reißt die bloße Gegenwart auf, das bloße Hier und Jetzt. Der Blick geht zurück auf die Verstorbenen, die zu Grabe getragen wurden und nicht mehr unter uns sind. Im abgelaufenen Kirchenjahr sind auf den Friedhöfen der Stadtkirchengemeinde Wittenberg 261 Menschen bestattet worden. Hinter jedem Namen steckt eine je eigene Lebensgeschichte. Und hinter jedem Namen steckt eine je eigene Abschiedsgeschichte. Manche werden unfassbar und unsäglich aus dem Leben gerissen – durch Unfall, Krankheit oder anderes. Andere schlafen friedlich ein nach einem langen, erfüllten Leben. Doch auch dann, wenn Menschen alt und lebenssatt sterben, kann das Abschiednehmen eine harte Prüfung sein. Martin Luther berichtet in einem Brief über den Tod seines alten Vaters:

„Heute kam ein Brief, dass mein liebster Vater, der alte Hans Luther, nachts um ein Uhr aus diesem Leben geschieden ist. Dieser Tod hat mich in tiefe Trauer gestürzt, da ich zurückdachte nicht allein an seine Natur, sondern auch an die herzliche Liebe. Und obwohl es mich tröstet, daß er schreibt, er sei stark im Glauben an Christus sanft entschlafen, so hat mich doch das Leid und die Erinnerung an den so freundlichen Umgang mit ihm innerlich erschüttert, dass ich den Tod kaum jemals so sehr verachtet habe. So oft sterben wir, ehe wir einmal wirklich sterben.“

Martin Luther schildert die Erschütterung und den Schmerz über den Tod seines Vaters. Viele Gefühle und Emotionen rütteln an einem trauernden Menschen. Manchmal fühlt man selbst das Sterben, wenn man Abschied nehmen muss und allein zurückbleibt. Martin Luther schreibt: „So oft sterben wir, ehe wir einmal wirklich sterben.“

Der Blick zurück am Totensonntag erinnert daran, dass wir hier keine bleibende Stadt haben (Hebr. 13,14). Wir sind vergängliche Wesen, und die Gegenwart verläuft und verrinnt Tag um Tag, Stunde um Stunde, Minute um Minute. „Mors certa, hora incerta“, sagt die alte Menschenweisheit: „Der Tod kommt gewiss, nur die Sterbestunde ist ungewiss“. Es ist eine süße Illusion, eindimensional in der bloßen Gegenwart leben zu wollen. Dahinter steckt immer auch die menschliche Sehnsucht nach Dauer und Unsterblichkeit. Der Philosoph Friedrich Nietzsche beobachtet: „Alle Lust will Ewigkeit - will tiefe, tiefe Ewigkeit!" Diesen illusionären Schleier reißt uns die Religion, die Welt des Glaubens, von den Augen. Niemand ist von Ewigkeit zu Ewigkeit als allein der himmlische Gott (Ps 90,2; Hab 1,12). Wir irdische Menschen tragen die Vergänglichkeit in unseren Knochen. Die Vergänglichkeit rückt uns ins Gemüt, wenn wir am Totensonntag der Verstorbenen gedenken. Die Vergänglichkeit ist eine schmerzliche, aber wahrhaftige Dimension unseres Lebens. Das ist die eine Perspektive an diesem Sonntag. Das ist die Perspektive des Totensonntags.

3. Der Blick nach vorn am Ewigkeitssonntag

Die andere Perspektive, der Blick nach vorn am Ewigkeitssonntag, reißt die Ketten der Vergangenheit auf und löst das Band der Trauer. Der Prophet Jesaja ruft uns zu:

So spricht Gott, der Herr: Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.

In dunkler Nacht und Jahreszeit scheint Gottes Wille und Ratsschluss auf wie ein heller Stern am Firmament. Es liegt an Gottes Willen und nicht an unseren Lebens- und Haftplichtversicherungen, dass wir nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen. Es liegt an Gottes Willen und nicht an unserer politischen Arbeit, dass Wolf und Schaf beieinander weiden, dass der Löwe Stroh fressen wird wie das Rind. Es liegt an Gottes Willen und nicht an unseren gutbürgerlichen Verdiensten, dass wir nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.

Der Wille Gottes, des Schöpfers Himmels und der Erden, wandelt und verändert sich – uns zum Guten. Gott, der Herr der himmlischen Heerscharen, hütet sein erwähltes Volk wie seinen Augapfel (5. Mose 32,10; Ps 17,8). Er sieht und erkennt das Leiden und die Schmerzen des Volkes: im Sklavenhaus Ägyptens, während des Exodus in der Wüste, im babylonischen Exil. Gott selbst hat das Leiden und den Tod erfahren und gespürt, als sein eingeborener Sohn verklagt, gepeinigt und gekreuzigt wurde. Gott selbst kennt die Nägel des Schmerzens und das blutige Sterben. Um seines Volkes willen, um Christi willen, um der leidenden Menschen willen kommt es zu Gottes neuem Ratsschluss:

Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen. Man soll nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.

Immer wieder berichten Angehörige, wie sie durch Trauer und Traurigkeit regelrecht gefangengenommen werden. Das gesamte Lebensgefühl zieht sich zusammen wie auf einen einzigen Punkt – auf den Punkt der Erschöpfung und der Depression. Das Leben wird eindimensional. Man wird gefangengenommen von der alleinigen Gegenwart der Trauer und der Traurigkeit.

Die Vision des Propheten Jesaja leuchtet auf wie ein heller Stern am Firmament. Die Trauer und Traurigkeit wird aufgerissen wie der bewölkte Himmel, durch den auf einmal Sonnenlicht bricht. Das eindimensional gewordene Leben wird aufgebrochen durch die Aussicht auf eine kommende Freude und Wonne. Gewiss, wir werden weiter mit Tod und Traurigkeit leben müssen. Alles andere wäre eine billige Vertröstung. Aber der Tod und die Traurigkeit, die Stimme des Weinens und des Klagens, haben nicht mehr das letzte Wort. Ein Gedicht sagt es auf folgende Weise:

Es gäb’ noch mehr der Zähren    
In dieser trüben Welt,    
Wenn nicht die Sterne wären      
Dort an dem Himmelszelt;

Wenn sie nicht niederschauten  
In jeder klaren Nacht     
Und uns dabei vertrauten,           
Daß Einer droben wacht.

Nachdem wir Jesajas Vision wie einen hellen Stern am Firmament entdeckt haben, wissen wir, dass es nicht nur eine Dimension des Lebens gibt: die Dimension der bloßen Gegenwart oder die Dimension der absoluten Traurigkeit. Die Vision des Propheten Jesaja lüftet das eindimensionale Leben mit der frischen Luft der göttlichen Kreativität und Schaffenskraft:

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen. Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Man soll nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.

Amen

 



Pfarrer PD Dr. Johannes Block
Wittenberg
E-Mail: block@kirche-wittenberg.de

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