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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

9. Sonntag nach Trinitatis, 05.08.2007

Predigt zu Der Prediger Salomo 1:2.12-14; 2, 18-23, verfasst von Gottfried Brakemeier

Liebe Gemeinde!

"Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel." Ich frage: Wer hätte  dieser Behauptung nicht schon einmal von Herzen zugestimmt? Das Empfinden der Nutzlosigkeit unserer Mühe, die Erfahrung der Sinnlosigkeit des Lebens, die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Widersprüche, wer hätte nicht schon darunter gelitten? Der Prediger, Verfasser des Buches, das auch Kohelet genannt wird, spricht eine menschliche Grunderfahrung an, die immer und überall die gleiche ist. Sie bezieht sich auf den Sinn der Dinge, auf den Wert des Lebens, auf das Warum unserer Welt. Und er hat keine Antwort. Was er beobachtet, ist zutiefst entmutigend. Es lohnt sich nicht, sich abzumühen. Hoffnung ist im Grunde illusorisch. Es wird alles nur schlimmer, es hat alles keinen Zweck, und am Ende kommt der Tod und löscht, was übrig ist, so wie die Meereswellen die Spuren im Sand.

Wer so redet, ist nicht irgendeiner. Er stellt sich vor als König in Jersualem und Sohn Davids, also als jemand, der über Reichtum und Bildung verfügt, als Angehöriger der gehobenen Klasse. Es ist kein Armer, der sich als Opfer von Ungerechtigkleit und Ausbeutung über sein Schicksal beklagt. Unter solchen Umständen wäre seine Rede durchaus verständlich. Leute, die in Slums leben, arbeitslos sind, vielleicht krank, und ohne Zukunftsperspektiven dahin vegetieren, sie hätten sicherlich Grund zum resignieren. Aber der Prediger gehört zur Elite. Er könnte durchaus das Leben genießen. Die Mittel dazu fehlen nicht. Und trotzdem ist das Ergebnis seiner Beobachtungen negativ. Er sagt: „Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind." Reichtum und Macht können den Sinn des Lebens nicht garantieren. Auch die Wissenschaft ist machtlos. Im Gegenteil, wer klug ist, so meint der Prediger, muss sich mit der Sinlosigkeit abfinden. Und darum predigt er. Er möchte seinen Pessimismus unter die Leute bringen und sie über die Wirklichkeit aufklären. Er möchte sie vor Illusionen schützen.

Mit dieser ehrenswerten Absicht erweist sich der Prediger als hochmoderner Mensch. Seine Skepsis passt ausgezeichnet zum Geist dessen, was wir Postmoderne nennen. Wo gibt es Hoffnung heute? Auch in Brasilien breitet sich der Pessimismus aus in der Annahme, dass es sich nicht lohnt, für Veränderungen zu kämpfen. Man muss sich anpassen, aus den Verhältnissen so lange wie möglich Nutzen ziehen und sich mit der Korruption und der Gewalt arrangieren. Die Umstände sprechen eher für  Resignation als für Einsatz, ganz im Sinne der Grundmelodie des Textes: „Alles ist eitel." Schauen wir doch auf den herrschenden Zynismus. Noch sind die Ursachen des schrecklichen Flugzeugunglücks in São Paulo nicht wirklich aufgeklärt. Und doch ist klar, dass es im Zusammenhang dessen gesehen werden muss, was man die brasilianische Luftfahrtkrise nennt: Verspätete Flüge, Tumulte auf den Flughäfen, Versäumnisse der Regierung und fehlende Investitionen in die Flugsicherheit. Es handelt sich nur um ein Beispiel unter vielen, die einen zur Verzweiflung bringen. Wieviel Wahnsinn geschieht in dieser Welt, oh Gott, wieviel Absurdes, wieviel Unverantwortlichkeit. Was tun?

Der Prediger stellt die Existenz Gottes nicht in Frage. So weit ist er noch nicht. Der konsequente Atheismus ist eine spätere Erscheinung, die übrigens stark im Wachsen ist. Im XXI. Jahrhundert ist Gott keine Selbstvertändlichkleit mehr, auch nicht in Brasilien. Viele haben sich bereits von ihm verabschiedet. Wenn es Gott gäbe, wie könnte er so viel Leid zulassen? Gott ist zum Rätsel geworden, manchmal sogar zu etwas Überflüssigem. Ich wiederhole: Der Prediger ist kein Atheist. Aber er kann Gott und die Wirklichkeit nicht mehr zusammenbringen. Die Sinnlosigkeit in der Welt verbaut ihm den Zugang zum Glauben und was Gott den Menschen auferlegt, ist Mühe, Last und Leid. Da ist kein Lichtstrahl, das die Dunkelheit aufhellen könnte, in das sich der Mensch geworfen sieht. Also, sollen wir uns an den kleinen Freuden wie Essen,  Trinken, Ruhen und anderen Dingen genügen lassen? Gewiss! Die guten Gaben Gottes sind nicht zu verachten. Aber auch das Vergnügen kann keinen Sinn stiften. Im Gegenteil. Die verbissene Jagd nach Glück ist oft nur die Kehrseite der Verzweiflung. Der Prediger sieht nur Sinnlosigkeit. Alles ist eitel. Ein Evangelium hat er nicht.

Es ist sonderbar, dass ein solches Buch zur christlichen Heiligen Schrift gehört. Der Text gibt keine Antworten, er provoziert. Sollte es zutreffen, dass alles letzten Endes auf einer Illusion beruht und auf eine grosse Frustration hinausläuft? Können wir eine solche Predigt akzeptieren? Sollte sie wahr sein, müssten wir den Glauben zu Grabe tragen. Ich sehe einen Konflikt zwischen diesem und den anderen Büchern der Bibel, die das Gegenteil wollen, nämlich zum Glauben befähigen und zum Leben ermutigen. Deshalb muss ich gegen diesen Text predigen, meinen Wiederspruch anmelden, die Sicht des Prediger korrigieren. Aber bevor ich das tue, möchte ich ihm meinen Dank sagen für seine Ehrlichkeit. Er hat den Mut auszusprechen, was manche vielleicht nur fühlen und denken. Der Prediger empfindet zutiefst menschlich, und das ist sympathisch. Zugleich beglückwünsche ich eine Glaubensgemeinschaft, die ein solches Buch in ihrer Heiligen Schrift duldet und damit kritisches Fragen, Zweifel und Ratlosigkeit zulässt. Das Wort Gottes würgt das Menschenwort nicht ab. Gott hört das Schreien seiner Kreatur und antwortet. Der Prediger schreit aus der Gefangenschaft der Sinnlosigkeit. Wie können wir ihm helfen, seinen Pessismismus zu überwinden?   

Ich beginne mit dem, was der Prdeiger über die Arbeit sagt im zweiten Teil des Predigttextes. Er findet es bedauerlich, dass man da schuftet und sich abmüht, um das was man sich mit Weisheit, Fleiß und Geschick erarbeitet hat, jemand anderem vererben zu müssen. Wer garantiert denn, dass diejenigen, denen mein Hab und Gut in den Schoß fällt, klug sind und es recht verwalten? Auch das findet er absurd. Säen ohne zu ernten, arbeiten ohne einen Nutzen davon zu haben, investieren ohne Aussicht auf Gewinn, das scheint dem Prediger dumm. Aber ist das wirklich so? Wenn alle Welt so dächte, hätten wir bald nichts mehr zu essen. Ohne langfristige Investitionen wird es keine Edelhölzer in Brasilien mehr geben, weil sie Jahrzehnte brauchen, um Gewinn abzuwerfen. Der Ackerboden wird keine Erträge mehr liefern und die Energiequellen gehen zur Neige. Natürlich muss ehrliche Arbeit ihren Lohn wert sein. Aber warum sollen wir nicht für unsere Kinder und Enkel sorgen? Die Gier nach schnellem Gewinn geht auf Kosten der Umwelt und der künftigen Generationen. Ist es wirklich sinnlos, etwas umsonst zu tun, ohne auf Eigennutz zu spekulieren?

Mir scheint, dass dieser Geist eines der Hauptprobleme heute ist. Ohne Maximierung des Gewinns können Unternehmen an der Börse nicht bestehen. Man will von heute auf morgen reich werden, predigt den Konsum, monopolisiert die Güter dieser Erde. Die Folgen sind soziale Ungleichheit und ein geplünderter Planet. Ein Sinneswandel tut not. Ich entgegne dem Prediger: Wer seine Kinder liebt, wird sich glücklich preisen, wenn er ihnen ein bisschen Erbe hinterlassen kann. Er wird das gar nicht sinnlos finden. Ähnliches gilt für die Schöpfung als Ganze. Wer sie als Wunder betrachtet, wer das Geheimnis des Lebens respektiert, wer dieses phantastische Werk bestaunt, das wir Biosphäre nennen, der wird Energie und Schweiss in ihre Bewahrung stecken, auch wenn keine sofortigen Früchte abfallen. Ein Landwirt, der den Boden aussaugt und ihn mit Giften überschwemmt, nur um die Rentabilität ein wenig anzuheben, riskiert spätere Riesenverluste. Dem Prediger fehlt Liebe. Er denkt nur an sich. Er kann nicht abgeben. So denkt wahrscheinlich die Mehrheit der Menschen. Das Gesetz des schnellen Gewinns beherrscht zurzeit die Wirtschaft, mit schweren Folgen für den Einzelnen, die Gesellschaft und die Zukunft der Menschheit.

Liebe stiftet Sinn. Sie treibt die Sinnlosigkeit aus. Wie oft sagen Menchen, die Anderen in schwerer Not geholfen haben, dass sich das gelohnt hat, auch wenn sie nichts dafür bekommen haben. Sie sind froh und glücklich. Liebe ist die beste Medizin gegen die Seuche der Sinnlosigkeit. Die Bibel bestätigt es, indem sie auf das Kreuz Jesu Christi verweist. Dort treffen sich die Sinnlosigkeit und der Sinn. Sinnlos ist, dass Jesus stirbt wie ein Krimineller. Man hat ihn zusammen mit zwei Verbrechern gekreuzigt. Sinnlos ist, dass da einer stirbt, der sich in besonderer Weise als Gottes Gesandter gewusst hat und sich dennoch nicht gegen die Bosheit seiner Feinde wehrt. Sinnlos ist die Einsamkeit Jesu, so dass er sich selbst von Gott verlassen fühlte. Aber wer genauer hinschaut, sieht mehr. Da stirbt einer, der den eigenen Tod der Rache an seinen Feinden vorgezogen hat. Nicht einmal ein Fluch kommt über seine Lippen. Im Gegenteil, er bittet um Vergebung für seine Feinde. Das macht Sinn. Das beendet die Spirale der Gewalt. Jesus ersetzt das Gesetz der Vergeltung durch das Gesetz der Vegebung.

Die christliche Gemeinde entdeckt in der Liebe Jesu die Liebe Gottes selbst. In Jesus von Nazareth ist Gott seinem Geschöpf zur Hilfe geeilt und hat es von der Sinnlosigkeit befreit. Gott legt dem Menschen keine untragbare Bürde auf. Im Gegenteil, er handelt wie eine Vater, an den man sich vertrauenvoll wenden kann. Wer noch das „Vaterunser" betet, ist nicht ganz verloren. Gott ist der Sinn der Dinge. Jemand hat gesagt: „Sinnlosigkeit ist unvereinbar mit dem Wunder des Lebens", ein nachdenkenswerter Satz. Umgekehrt, wer Gott leugnet, muss sich mit der Eitelkeit abfinden. Wo sollte der Sinn sonst herkommen? Dann bleibt nur die zynische Alternative, die sagt: „Lasset unds essen und trinken, denn morgen sind wir tot." Eine Welt ohne Gott ist eine Welt ohne Sinn, ähnlich wie die, die vom Prediger beklagt wird. Aber wir predigen es anders als er. Wir verkündigen den Sinn, der aus der Liebe Gottes kommt und aus der Liebe zu unserem Nächsten.

Soll das heißen, dass es Sinnlosigkeit nicht mehr gibt? Das wäre ein Mißverständnis. Nein, Sinnlosigkeit gibt es sehr wohl. Sie ist brutale Wirklichkeit, an der wir leiden. Es gibt zu viel Unverstänliches, Törichtes, Widersinniges in dieser Welt. Ein Flugzeugunglück, wie wir es jüngst erlebt haben, ist dafür nur ein, wenngleich furchtbares Beispiel. Auch wenn die Ursachen aufgeklärt werden, bleibt Entsetzen und Ratlosigkeit. Der Prediger hat recht. Sinnlosigkeit gibt es, jawohl. Aber er hat nicht recht, wenn er sagt, dass das die ganze Wirklichkeit ist. So wie es Liebe in der Welt gibt, so gibt es auch Sinn. Trotz der Rätsel, die uns umgeben, brauchen wir nicht zu verzweifeln. Der gekreuzigte Jesus hat uns nicht nur die Liebe Gottes sehen gelehrt. Er hat auch gezeigt, dass Gott neue Horizonte eröffnen kann über die sichtbare Wirklichkeit hinaus. Der Tod hat nicht das letzte Wort in der Geschichte. Ist wirklich alles eitel? Nein, nicht alles. Denn wir haben Aussicht auf neues Leben.               Amen!                                      

 



Dr. Gottfried Brakemeier
Nova Petrópolis, Brasilien
E-Mail: brakemeier@terra.com.br

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