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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Sonntag im Advent, 09.12.2012

Predigt zu Jesaja 35:3-10, verfasst von Bernd Giehl

 

Liebe Gemeinde!

So wie es Lieder gibt, die zum Advent gehören - „Macht hoch die Tür" zum Beispiel oder auch Tochter Zion" - so gibt es auch Texte, ohne die für mich zumindest der Advent nicht denkbar ist. Keine umfangreichen Texte - die können wir uns ja sowieso nicht merken. Eher Bruchstücke von Texten. „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht der Herr. Redet mit Jerusalem freundlich." „In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht seine Steige richtig." „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Sicheln zu Winzermessern. Kein Volk wird gegen das andere mehr das Schwert erheben." Und der schönste vielleicht, der eher schon zu Weihnachten gehört und doch eine enge Beziehung zu all den schon genannten Texten hat: „Das Volk, das im Finstern wandelt, hat ein helles Licht gesehen und über denen, die da wohnen im finstern Lande scheint es hell." Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber für mich gehören diese Texte zur Adventszeit wie der Adventskalender in meiner Kindheit oder wie die vier Kerzen am Adventskranz. Was habe ich als Kind dieses Ritual geliebt, wenn am Adventskranz erst eine, dann die zweite, die dritte und schließlich die vierte Kerze angezündet wurde. Dann rückte Weihnachten immer näher. Damals waren es weniger die Texte, die für mich zur Adventszeit gehörten; die verstand ich als Kind noch nicht und wahrscheinlich kannte ich sie auch gar nicht.

Warum aber gerade diese Texte? Vermutlich weil sie zu einer Sehnsucht gehören, die wir uns in den übrigen Monaten des Jahres nicht oder nur selten eingestehen. Aber auf irgendeine schwer zu beschreibende Weise öffnet das herannahende Weihnachtsfest eine Tür in uns. Ein Kind wird uns geboren, den die Engel den Heiland der Welt nennen. Und „Heiland" das hat nun einmal etwas mit „Heil" und „heil werden" zu tun. Nicht nur unser persönliches Leben soll heil werden, sondern die ganze Welt. „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist der Herr in der Stadt Davids", verkünden die Engel den Hirt en. Und diese Botschaft erklingt Weihnacht für Weihnacht nicht nur auf dem Feld von Bethlehem, sondern auf der ganzen Welt.

Also, so schließe ich, wird an Weihnachten der Bürgerkrieg in Syrien aufhören. Also wird an Weihnachten die chinesische KP aufhören, ihre Dissidenten zu verfolgen. Der russische Präsident Putin wird an Weihnachten seine politischen Gegner, die er in Gefängnisse und Arbeitslager gesteckt hat, freilassen. Alle werden gemeinsam dafür sorgen, dass das Klima erträglich bleibt, dass also nicht noch mehr Dürren die ohnehin gefährdeten Länder heimsuchen oder Springfluten weite Küstenregionen unter Wasser setzen. Reiche Länder wie Entwicklungsländer werden begreifen, dass man nicht auf immer mehr materielles Wachstum setzen kann, weil sonst immer größere Landstriche unter extremen Wetterereignissen zu leiden haben. Palästinenser und Israelis werden einen Weg zum Frieden finden; sie werden aufhören, sich gegenseitig das Existenzrecht streitig zu machen. Moslems und Christen werden friedlich miteinander auskommen, denn wie der Prophet sagt: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter."

War das jetzt naiv? Oder war das jetzt eine Provokation? Vielleicht war es beides. Einen Moment lang habe ich so getan, als würde an Weihnachten der Frieden ausbrechen. Wobei ich natürlich genauso gut wie Sie weiß, dass das nicht der Fall sein wird. Die Kämpfe und Streitigkeiten werden nicht einfach aufhören, nur weil Weihnachten ist.

Bleiben also genau zwei Möglichkeiten. Die eine ist zu sagen: Die Menschen ändern sich nie. Also hat es keinen Sinn, auf diese alten Verheißungen vom Frieden zu hören. Feiern wir lieber ein harmonisches Weihnachtsfest im Kreise unserer Lieben und schließen dabei die Welt aus. Und die andere Möglichkeit ist, die Hoffnung nicht fallen zu lassen. Sie irgendwie am Leben zu erhalten. Selbst wenn es schwer fällt, weil sie schon so oft enttäuscht wurde.

Womit ich also nun bei unserem Predigttext angekommen wäre. Ich vermute, die Allerwenigsten werden aus ihm die Enttäuschungen heraushören, auf die er reagiert. „Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Saget den verzagten Herzen: ‚Seid getrost, fürchtet euch nicht. Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache: Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen." Das klingt kraftvoll, fast schon überschwänglich und andere Prophetenworte überbietend. „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden." Nicht nur dass dem Herrn in der Wüste ein Weg bereitet werden soll; nein, die Wüste selbst soll zum Blühen gebracht werden. Natürlich ist das eine Anspielung auf den Text in Jesaja 40 ist, wo eben dieser Weg für den kommenden Gott bereitet werden soll; fast möchte ich sagen, es ist der Versuch, diese Verheißung noch einmal zu überbieten. Nur fragt man sich irgendwann: Warum einen so wunderbaren Text noch einmal überbieten? Warum überhaupt auf ihn anspielen? Warum noch einmal die Verheißung, die der andere Text in sich trägt, wiederholen, indem man sagt: „Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Hauptesein; Freude und Wonne werden sie ergreifen und Schmerz und Seufzen wird entfliehen?"

Ich denke, die Antwort ist gar nicht so schwer. Der, der die Verbannten in Babylonien angeredet hatte mit seinem berühmten „Tröstet, tröstet mein Volk", der hatte ihnen eine triumphale Heimkehr versprochen. Der hatte ihnen versprochen, dass die Geschichte mit all ihrem Leid und ihren Umwälzungen zu Ende sein würde. Dass die Beherrschung durch andere Völker zu Ende sein würde. Oder zumindest hatten sie ihn so verstanden. Ihre Hoffnungen waren groß gewesen. Und tatsächlich waren sie ja auch nach Israel zurückgekehrt, nachdem der Perserkönig Darius die Babylonier besiegt hatte. Aber dann war die Rückkehr doch ernüchternd gewesen. Der Tempel war zerstört, Jerusalem hatte seinen alten Glanz verloren. Sicher, sie waren heimgekehrt. Vielleicht war ihr Los unter den Persern etwas leichter als unter den Babyloniern, aber Fremdherrschaft war es immer noch. Enttäuschung hatte sich breitgemacht an Stelle der Träume. So jedenfalls hatten sie sich das alles nicht vorgestellt. Aber die Frage ist doch: Soll man sich wirklich in der Resignation einrichten? Offensichtlich ist der, der hier spricht, der Meinung, dass das nicht sein darf. Deshalb spricht er vom heiligen Weg. Deshalb spricht er davon, dass die Blinden sehen und die Lahmen springen werden wie ein Hirsch.

Was er tut? Er fordert es noch einmal ein. Er fordert es noch einmal lauter. Tu endlich das, was du versprochen hast, Gott. Natürlich klingt es nicht so. So spricht ein frommer Jude nun einmal nicht mit Gott. Und der, der hier spricht, ist fromm. Also redet er im Indikativ. Und nicht von der Position des Machtlosen aus, sondern er versetzt sich an die Stelle Gottes. Dem die Erfüllung seiner Verheißungen ein Leichtes sein müssten. „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan." Man muss es ja nicht einmal wörtlich verstehen. Man kann es ja auch so deuten, dass alle die Macht und die Herrlichkeit Gottes sehen werden.

An der Stelle habe ich beim Erarbeiten dieser Predigt erst einmal Pause gemacht. An der Stelle ist mir die Wüste gefährlich nah gekommen. An der Stelle habe ich mich gefragt: Schaffe ich das: die Hoffnung immer und immer wieder neu zu beschwören? Und dann zu ertragen, dass viele Generationen vor mir die Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit auch schon gehabt haben? Es ist ja schön, wenn Wüsten zum Blühen gebracht werden, wenn Brunnen in ihr entstehen, vielleicht sogar Quellen. Nur, wann passiert das?

Oder bin ich jetzt undankbar? Es ist ja nicht nur so, dass Resignation gefährlich ist. Auch zu hohe oder zu ungeduldige Erwartungen sind gefährlich. Und so muss ich zugeben: Auch in meinem Leben habe ich ja schon erfahren, dass aus Wüste wieder fruchtbares Land wurde. Land, durch das ich hindurchgehen konnte. Ich selbst konnte wenig dazu tun. Es passierte einfach.

Vielleicht ist das ja ein Zeichen. Wir müssen Gott nur zutrauen, das er es tut. Dass er die Wüste zum Blühen bringt. Wir selbst können das wahrscheinlich nicht. Wir selbst sind zu schwach dafür. Wahrscheinlich schwanken wir zu sehr zwischen der großen Hoffnung und der großen Resignation.

Nun sind wir glücklicherweise nicht die Einzigen, denen es hin und wieder so geht. Auch andere vor uns haben es schon erfahren. Es gibt eine jüdische Legende, die genau das beschreibt.

„Wenn Rabbi Israel ben Elieser, der Baal -schem-tow sein Volk vom Unglück bedroht sah, pflegte er einen bestimmten Teil des Waldes aufzusuchen und dort zu meditieren. Er entfachte ein Feuer, sagte ein bestimmtes Gebet, und das Wunder geschah, das Unglück wurde abgewendet.

Später, als sein Schüler, der berühmte Maggid von Mesritsch, aus denselben Gründen Gelegenheit hatte, beim Himmel Fürsprache für sein Volk einzulegen, ging er an dieselbe Stelle im Wald und sagte: „Herr des Weltalls, höre! Ich weiß nicht, wie man ein Feuer entfacht, aber ich weiß das Gebet zu sagen." Und wieder geschah das Wunder.

Sein Nachfolger, der Mosche Löb von Sasow, sagte, als er in den Wald ging, um sein Volk zu retten: „Ich weiß nicht, wie man ein Feuer entfacht, auch kenne ich das Gebet nicht, aber ich weiß den Ort noch und das muss genügen.

Schließlich fiel die Aufgabe, das Unglück abzuwenden, dem Rabbi Israel von Rizin zu, der zu Hause im Lehnstuhl sitzend, den Kopf in die Hand gestützt zu Gott sprach: „Ich kann kein Feuer entfachen und weiß das Gebet nicht; nicht einmal die Stelle im Wald kann ich mehr finden. Ich kann gerade noch die Geschichte erzählen, das ist alles, es muss genügen." Und es genügte." (in „Schönberger Hefte Sonderband 1986/87, Folge 7 hg. vom Evangelischen Presseverband in Hessen und Nassau, Frankfurt, zu beziehen über die Kirchenverwaltung der EKHN, Paulusplatz 1, 64285 Darmstadt)

Diese Legende gefällt mir deshalb so gut, weil sie sagt: Es kommt nicht so sehr auf unser eigenes Können an. Worauf es ankommt, ist dass wir Gott es zutrauen, dass er zu seinen Verheißungen steht. Alles andere muss er dann schon selbst tun.

 



Pfarrer Bernd Giehl
64569 Nauheim
E-Mail: giehl-bernd@t-online.de

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