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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Sonntag im Advent, 09.12.2012

Predigt zu Jesaja 35:3-10, verfasst von Günter Goldbach

 

Letzte Hoffnung: Der Prophet Jesaja

I.

Liebe Christinnen und liebe Christen,

es gibt einzigartige Menschen - von Gott gesandt - denen es gegeben ist, die Botschaft Gottes auf einzigartige Weise weiterzugeben. Sie inszenieren das Wort Gottes, anstatt es nur wörtlich auszurichten. Sie tun das oft auf eine extreme, geradezu schockierende Art und Weise. Sie provozieren ganz bewusst einen Skandal. Um die verlogene bürgerliche Moral und scheinbare political correctness zu demaskieren. - Es gibt dramatische Beispiele:

Der Prophet Jesaja, in dessen Tradition unser Predigttext entstanden ist, sei als erster genannt. „Geh hin und tu den härenen Schurz von deinen Lenden und zieh die Sandalen von deinen Füßen", hört er als einen Auftrag Gottes (Jes. 20, 2). Jesaja gehorcht und predigt in Israel 3 Jahre lang nackt und barfuß. Als Zeichen für die Schande der Nacktheit. Die er denen verheißt, die sich gegen die Bedrohung durch die Assyrer auf politische Intrigen glauben verlassen zu können. - „Wenn es um diejenigen geht, die fast blind sind, deren Vorstellungskraft taub geworden und erloschen ist, dann bleibt nichts anderes übrig, als mit großen und Aufsehen erregenden Figuren zu predigen", erklärt eine Auslegerin dieses verstörende Verhalten" (F. O'Connor).

„Heilige Narren", die ganz ähnlich agiert haben, gibt es durchaus auch in der christlichen Tradition. Das wohl bekannteste Beispiel bietet Giovanni Bernadone, gen. Franziskus (1181 - 1226): „Der letzte Christ" (A. Holl). Am Wendepunkt seines Lebens zieht er sich vor dem Bischof auf dem Marktplatz von Assisi nackt aus. Und verkündet so zeichenhaft die Freiheit von seinem Vater. Und die Freiheit für Gott. Er sagt dazu: „Hört ihr alle und versteht es wohl. Bis jetzt habe ich den Pietro Bernadone meinen Vater genannt. Von nun an will ich nur noch sagen: ‚Vater unser im Himmel'. Nackt mache ich mich auf zum Herrn". - Es wird auch berichtet, dass er nackt auf eine Kanzel stieg, um über die Nacktheit und Erniedrigung Christi zu predigen.

In der Orthodoxen Kirche spiel der hl. Basilius eine besondere Rolle. Ihm ist die berühmte Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz in Moskau gewidmet. Im 15. und 16. Jh. geht Basilius 70 (!) Jahre lang durch die Straßen Moskaus - meist splitternackt. Es gilt als eines seiner Wunder, dass er auf diese Weise so viele russische Winter überlebt. Er führt merkwürdige Zeichenhandlungen durch: Er wirft Steine auf die Häuser derjenigen, die ihre Gaben für Bedürftige öffentlich zur Schau stellen. Er küsst den Boden vor den Häusern derjenigen, die unberechtigt in einen schlechten Ruf geraten sind. Den Zaren stellt er persönlich und öffentlich zur Rede für dessen brutale Gräueltaten. Zar Iwan beeindruckt er dadurch so, dass er in ständiger Furcht vor Basilius lebt. Aber er erlaubt nicht, dass man dem Heiligen irgendeinen Schaden zufügt.

Natürlich: Das Wort Gottes im Angesicht der Mächte, die beunruhigende Wirklichkeit der göttlichen Botschaft, die so viele übersehen und überhören - sie kann nicht auf das außerordentliche Phänomen der nackten Heiligen (oder der „heiligen Narren") beschränkt werden. Es gibt sie auch: Diejenigen, die allein durch das Wort, das sie im Namen Gottes verkünden, eine Krise der Erkenntnis provozieren. Andererseits: Bei ihnen ist der „Skandal" des Evangeliums nicht so leicht erkennbar. „Heiligkeit" inmitten der „Verrücktheit des Gebarens" - das lässt sich bei den „heiligen Narren" leichter ausmachen. Wer allein auf das Wort angewiesen ist, bedarf einer inneren „Ver-rücktheit" aus dem Bereich des Normalen. Eines „wahnsinnigen" Mutes. - Ich nenne auch dafür 3 Beispiele:

Der Prophet Nathan ist in der Lage, sozusagen die „Festigkeit der Welt" zum Einsturz zu bringen. Die Hierarchie des sozialen Status vergessen zu machen. So eine andere Interpretation der Wirklichkeit herbeizuführen - allein durch sein Wort. Dem Auserwählten Gottes, dem „Gesalbten", wird sein „Verrat" an der Erwählung vor Augen geführt. Und er bekennt sich zu der Sünde, deren er sich schuldig gemacht hat. - Wir erinnern die Geschichte (2. Sam. 11/12): David hat Bathseba vergewaltigt und ihren Mann Uria umbringen lassen. Nathan wird kaum in der Lage gewesen sein, den König darauf hin direkt anzusprechen. Es hätte ihm wohl den Tod gebracht. (Wie später dem Johannes d. T.) Aber Nathans scheinbar unschuldige Geschichte führt den David in die „Falle". Und führt eben dadurch zu einer Veränderung in dessen eigener Wahrnehmung. - Es könnte gut sein, dass dies zu allen Zeiten die einzige Möglichkeit für die Prediger des Wortes Gottes ist, die Welt zu verändern: der ganz persönlichen Lebenseinsicht der Menschen eine andere Blickrichtung zu geben.

Das ist auch der geniale Ansatz Martin Luthers. Mit seinen ganz persönlichen Fragen: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Wie werde ich vor Gott gerechtfertigt? Diese Fragen erweisen sich als das Lebensproblem vieler seiner Zeitgenossen. Von eben diesen Fragen werden auch viele andere Menschen bewegt. Grundsätzlich geht es dabei um die Freiheit des einzelnen. Nach dem Recht auf die eigene Überzeugung. Nach der Gewissensfreiheit. Nach der Autorität und dem Staat. - Und nun: Die Resonanz, die seine ihm über der Auslegung des Römerbriefs (Röm. 3, 23f!) geschenkte Antwort bewirkt: Er wird zum Rebellen gegen Kaiser und Papst. Gegen Weltmächte und etablierte Institutionen. Im wahrsten Sinne des Wortes: Er verändert damit die Welt. Aber er weiß auch, wie er es in seinem Kommentar zu Jesaja schreibt: „Das Wort Gottes zu predigen, ist nichts anderes, als allen Furor der Welt und des Satans auf sich selbst zu bringen - und damit auch alle Macht der Welt. Es ist das wahrhaft allergefährlichste Leben, sich selbst in die vielen Zähne des Satans zu werfen" (WA 25, 253).

„Das allergefährlichste Leben gegen die vielen Zähne des Satans" - das als Prediger des Wortes Gottes zu erleben - und nicht zu überleben: Das ist das Schicksal von Martin Luther King Jr. (1929 - 1968). „I have a dream..." - dieser Traum von der Gleichheit und Gleichberechtigung aller Menschen als Kinder Gottes lässt ihn als einen „Narren um Christi willen" erscheinen (1. Kor. 4, 9). - Ja, man muss wohl „närrisch" sein, um die Welt verändern zu wollen.

Es gibt andere Boten Gottes - innerhalb und außerhalb der biblischen Tradition. Aber nur die Namen aufzuzählen, würde den zeitlichen Rahmen einer einzigen Predigt sprengen. Nur dies sei gesagt: Sie alle wollen mit Taten und / oder Worten dem entsprechen, was der Botschaft Gottes für uns Menschen gemäß ist. Schließlich wollen sie vor allem und unter allen Umständen dem nachfolgen, der in absolut einzigartiger Weise Wort und Tat als göttliches Zeichen vermitteln kann. Dessen Worte des Evangeliums von der Barmherzigkeit Gottes die Jahrtausende überdauern. Der entkleidet, am Rand der Straße an ein Kreuz gehängt und von den Passanten verspottet wird. „Der die Erde aufhing, ist aufgehängt worden. Der das All festigte, ist am Holz befestigt worden. Der Herr ist entstaltet, nackten Leibes, nicht einmal eines Gewandes wird er gewürdigt. Darum wandten sich die Gestirne ab und der Tag verfinsterte sich, um den zu verbergen, der am Kreuz entblößt worden ist" (Melito von Sardes). Die Schwachheit und „Torheit des Kreuzes" (Paulus) macht aber deutlich, wer die Gewalten und Mächte dieser Welt eigentlich sind: nicht Mächte des Lebens, wie sie es zu sein behaupten. Es sind Mächte des Todes, die die Welt beherrschen. Und nun: Wer kann es glauben: Dass Gott selbst aus alledem einen „Triumph" gemacht hat (Kol. 2, 15)?! Wer kann es uns nahe bringen?! So dass wir in der Tiefe unseres Herzens berührt werden und anfangen zu glauben?!

II.

Ja, das ist nun die Frage: Wo sind die, die in unserer Gegenwart alles dies in Worten und Taten glaubwürdig bezeugen?! Sodass wir damit leben und darauf sterben können?!

Wo sind sie: die Propheten, die „heiligen Narren", die wortgewaltigen Zeugen Jesus Christi?! Wohin sollen wir unsere Blicke richten?!

Etwa auf das Oberhaupt der römisch-katholischen Weltkirche?! Die Auftritte des Papstes werden prunkvoll und medienwirksam inszeniert. Aber wir hören auch seine Worte: mit schwacher Stimme von Zetteln abgelesen: die dogmatische Lehre seiner Kirche. Der altbekannte Alleinvertretungsanspruch. Die andauernde Diskriminierung der Frau. Theologische Spitzfindigkeiten: ER wird in der Messe geopfert „für viele"? Oder „für alle"? Insgesamt gesehen: Isoliert scheint er vor der wirklichen Wirklichkeit. Keine Ahnung hat er offenbar von den scheinbar unlösbaren wirklichen Problemen der Menschen weltweit und um ihn herum.

Sollten wir blicken auf den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland?! In der Tat kein prunkvolles Auftreten. Eher ein äußerst bescheidenes coming-in and coming- out. Aber auch nur äußerst bescheidene Seiten-Kommentare zum gesellschaftspolitischen Tagesgeschehen. Und peinliche theologische Unkenntnis: „Jesus selbst hat mit seinem ersten Wunder das Feiern und Genießen gefördert. Er hat den Wunsch einer Hochzeitsgesellschaft nach mehr Wein erfüllt..." (Chrismon 2/2011, 10). O sancta simplicitas!

Die beiden in ihren Funktionen soeben Benannten sind Repräsentanten ihrer Kirchen. Müssen wir nicht sagen: Von ihnen sind keine Taten zu sehen, keine vollmächtigen Worte zu hören, die die Welt verändern können! Nur Geraschel mit Papier! - Aber müssen wir nicht auch fragen: Sind sie womöglich auch repräsentativ für ihre Kirchen?! Der Verdacht liegt immerhin nahe: Wenn man die Trivialisierung des Verkündigungsgeschehens nicht mehr überhören kann. Wenn der Gottesdienst immer öfter als event gestaltet wird. Als wellness-pool in der rauen Wirklichkeit. Wenn Priester, Pastorinnen und Pastoren als „käuflich" erscheinen: die Zeremonienmeister für die rites de passage in der Kirche als location. Soll sich dieser sich immer öfter aufdrängende Eindruck bestätigen: Es wäre der Verlust der Kernkompetenz der Pastorenschaft: der Verkündigung der befreienden Wahrheit des Evangeliums. Es wäre eine Missachtung dessen, wozu sich die Theo-logen herausgefordert sehen sollen: Gott - und nichts anderes! - in der Wirklichkeit menschlichen Lebens erfahrbar zu machen.

Es gibt eindrucksvolle Ausnahmen: Der amerikanische Theologe Charles Campbell, Protagonist einer „extremen Homiletik", ist bestürzt über die völlig ausdruckslosen und leeren Gesichter vieler Menschen in den Pendlerzügen zu den großen amerikanischen Metropolregionen. So lässt er seine Studentinnen und Studenten durch die fahrenden Waggons gehen - laut die Seligpreisungen der Bergpredigt zitierend.

Ja. So etwas. Von der Art. Das wär's. So lässt sich eine Unterbrechung der „gewöhnlichen" Wahrnehmung herbeiführen. Womöglich eine radikale Veränderung der Wahrnehmung. Die Seligpreisungen (Mt. 5) - das ist ja etwas völlig anderes als die „normale" Sprache. Es ist die Sprache der „Torheit": „Selig" und „arm" (Mt. 5, 3) - das passt absolut nicht zueinander. Nicht zu Jesu Zeiten und heute nicht. „Selig" und „sanftmütig" (Mt. 5, 5) - das ist nur dumm in Zeiten der Ellenbogenmentalität. „Selig" und „verfolgt werden" (Mt. 5, 10) - das ist absurd... Aber die Seligpreisungen sind ja auch keine Gebote. Nicht einmal Aufforderungen. Es sind Segensworte, die über unsere Alltagswelt hinausweisen auf eine „neue Welt". Jesus will dadurch damals und ganz gewiss auch heute eine neue Welt in unser Blickfeld rücken. Die Sehnsucht danach in uns wecken. Der Alltagswelt ihre Macht über uns nehmen.

Die Alltagswelt - sie ist natürlich auch immer noch da. Es wäre töricht, das zu leugnen. Also: die vor Massenvernichtungswaffen strotzende Welt. Die von globaler Technologie und Ökonomie beherrschte Welt. Die von der Gier nach Rohstoffen und durch die Gesetze des Kapitalismus charakterisierte Welt. Nicht zu vergessen: die von der Hochfinanz und vorgeblich systemrelevanten Banken ausgebeutete Welt. In der hantieren die global players, die den Ausverkauf der Welt betreiben: Wenn hunderte von Millionen Menschen sich in Asien und Afrika aus den Abfällen der Megacities kümmerlichst ernähren. Aber in Frankreich ein Angestellter der Société Générale (Jéróme Kerviel) fast 5 Milliarden Euro verzockt - ohne dass es überhaupt auffällt. Das sind wahrhaftig „die Zähne des Satans" (Luther), die da sichtbar werden. - Mein akademischer Lehrer Adorno fällt mir ein: „Es bedarf des Absurden, um diesem objektiven Wahnsinn nicht zu erliegen. Wer sich dem Weltlauf vorsichtig anpasst, macht sich eben damit zum Teilhaber des Wahnsinns. Nur der Exzentriker kann ihm standhalten und dem Aberwitz Einhalt gebieten". Nur - wo sind diese Exzentriker?! Etwa in der occupy-Bewegung?! Wer hilft uns?!

Man kann alles auch so sagen: Heute sind ja die Seuchen und Hungersnöte, die Dürrekatastrophen in Afrika und Asien kein unabänderliches Schicksal mehr. Unsere Erde hat ja Nahrung für alle, Wasser für alle, Arbeit für alle. Dass das scheinbar nicht so ist, ist eindeutig Folge politischen Unrechts, politischer Verweigerungen, politischer Verbrechen. Nur - wo sind die, die das zu ändern vermögen?! Etwa die Mandatsträger in der UNO?! Wer hilft uns?!

Um es ein drittes Mal, noch persönlicher zu sagen: Zu den Übeln dieser Welt, die uns den Blick auf den einzigen Ausweg, die einzige Hilfe verstellen, rechne ich auch die ignorante Dummheit. Hat sie womöglich gerade „in unseren Kreisen" eine ganz besondere Verbreitung erlangt?! Jedenfalls: Auch sie ist ein gefährliches Werkzeug des Teufels:

Am Tetzelstein, also da, wo jener Dominikanermönch („Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer in den Himmel springt") ausgeraubt und erschlagen worden sein soll - an jenem Tetzelstein werden von einer evangelischen Zeitung evangelische Besucher unterschiedlichen Geschlechts und verschiedenen Alters gefragt: „Wie kommen Sie denn in den Himmel?". Die Antworten sind erschreckenderweise unisono primitiv-„katholisch": „Wenn man gut gelebt hat, kommt man in den Himmel". - „Ehrlich und ordentlich leben. Das hilft". - „Rücksicht üben, Hilfen anbieten". - „Toleranz ist wichtig"...(EZ, 28. 12. 2012). Es ist nicht zu fassen!! Als wenn Martin Luther nie gewesen wäre!!

Was machen wir nur?! Wenn wir in unseren Zeiten keine Propheten, keine „heiligen Narren", keine „vernünftigen" Vorbilder haben, die es uns glaubwürdig und prestigewirksam vorleben: wie unser bedrohtes Leben zu retten ist. Was machen wir nur?!

III.

Die Antwort auf diese Frage ist eigentlich nahe liegend: Wir haben ja immer noch das Wort Gottes in der Hl. Schrift! Z. B. in dem Bibeltext aus dem Jesajabuch, der uns an diesem Adventssonntag zu bedenken vorgelegt ist.

Das ist ein frappierender Text! Wer ihn wann und wo geschrieben hat, ist nicht so einfach auszumachen. Vor oder nach den jüdischen Exil? Die gelehrten Ausleger streiten sich. Mir scheint: Die Hoffnungsbilder des Textes passen gut in den Kontext der messianischen Erwartungen des Propheten Jesaja. Obwohl auch wörtliche Anleihen (und Kontrastierungen) zu den Aussagen des 2. Jesaja-Buches festzustellen sind (Kap. 40 - 54). Deshalb am wahrscheinlichsten: Wohl im 5. Jh. v. Chr., in einer Prophetenschule, hat sich ein unbekannter Verfasser durch Texte, besser: durch Glaubensüberzeugungen, die er in den Jesaja-Schriften gefunden hat, inspirieren lassen. Noch deutlicher gesagt: Die „Hoffnungsanker", die dieser Mann in den alten prophetischen Schriften gefunden hat - diese Hoffnungsanker hat er seinen Adressaten in einer hoffnungsarmen Zeit sozusagen „zugeworfen". Um sie aufzurichten, sie zu trösten, ihnen neuen Mut und neue Kraft zu geben.

Also: Viel wichtiger als die Verfasserfrage des Textes ist die nach den Adressaten dieses Bibeltextes. Und die lässt sich eindeutig so beantworten: Es sind Menschen, die angesichts herrschender Zustände in Verzweiflung geraten sind. Denen die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben steht. Denen der Frust in die Glieder gefahren ist. Von verzagten Herzen, von müden Händen, von wankenden Knien redet unser Text (v 3f). - Sollten wir uns nicht angesprochen fühlen?! Es lohnt sich ganz gewiss, einmal genauer hinzusehen und hinzuhören.

Der Prophet arbeitet mit utopischen Bildern, mit Visionen, die alles in der Realität Erfahrbare übertreffen. Es sind Metaphern, die der erlebbaren Wirklichkeit geradezu widersprechen: Lahme gehen, Stumme reden, Taube hören, Blinde sehen... Es sind Bildworte, die eine versehrte Natur des Menschen ansprechen. Ja, selbst die Natur wird verwandelt: Wasser und Leben entstehen in dürren Wüsten. Doch wohl: in den Wüsten um uns und in uns. Und dann: Kein reißendes Tier, kein Löwe, kein Unheil soll uns etwas anhaben können. In jedem dieser Bildworte werden die Gegenkräfte des Lebens benannt, um sie gleichsam zu bannen. Das alles zielt auf eine Perspektive, in der wir unseren Lebensweg ohne Angst gehen können.

Natürlich ist die bewusst gewählte Übertreibung das Stilmittel der prophetischen Utopie. Der Prophet zeigt uns das - uns - gänzlich Unverfügbare und nicht Erlebbare. Er entwirft - ganz bewusst - ein Gegen-Bild zu der von uns erlittenen Realität. Er will uns empfänglich machen für eine andere, noch ausstehende Wirklichkeit. Nur deshalb sind die entworfenen Bilder präzise Gegen-Bilder zu dem, was wir alltäglich sehen und erleben: von den lahmen Lahmen und blinden Blinden bis zu den geplatzten Lebensträumen und den gescheiterten Lebensläufen. Eben so gelingt es ihm, uns schmerzhaft bewusst zu machen, dass und was uns fehlt. Uns zugleich eine Ahnung davon zu vermitteln, eine Sehnsucht dafür in uns zu wecken, dass das, was ist, „nicht alles" sein möchte.

„Vor ihrer Geburt unterhalten sich Zwillinge, Bruder und Schwester, im Schoß ihrer Mutter. Die Schwester sagt zu ihrem Bruder: Ich glaube an ein Leben nach der Geburt! - Ihr Bruder erhebt lebhaft Einspruch: Nein, nein, das hier ist alles. - Aber das Mädchen gibt nicht nach: Es muss doch mehr als diesen dunklen Ort geben. Es muss doch anderswo etwas geben, wo Licht ist und wo man sich frei bewegen kann. Aber sie kann ihren Zwillingsbruder nicht überzeugen. Schließlich sagt sie wieder: Spürst du nicht diesen Druck? Manchmal tut es richtig weh. - Ja, gibt er zur Antwort, aber was soll das schon heißen? - Seine Schwester darauf: Weißt du, ich glaube, dass dieses Wehtun dazu da ist, um uns auf einen anderen Ort vorzubereiten, wo es viel schöner ist als hier. Aber ihr kleiner Bruder gibt ihr keine Antwort mehr" (nach H. Nouwen).

Ja, das wird in dieser kleinen Geschichte von Henri Nouwen schön deutlich: Es gibt Menschen - und womöglich gehören wir dazu - die spüren es und können es zum Ausdruck bringen: dass „etwas fehlt". Es schmerzt, weil das, was ist, einfach nicht „alles" sein kann! So entsteht eine utopische Hoffnung, wie sie der Prophet entwickelt. Von der er allerdings überzeugt ist: Sie ist mehr als eine Utopie. Sie ist eine Hoffnung, die Wirklichkeit werden wird. Denn das ist das, was er eigentlich verkünden will. Das ist Dreh- und Angelpunkt alles dessen, wovon er zuversichtlich überzeugt ist: „Seht, da ist euer Gott! Er kommt und wird euch helfen!" (v 4b). Die Zustände dieser Welt, unter denen auch wir leiden, die Verhältnisse, die auch uns zugrunde richten können - sie sind immer wieder entstanden durch menschliches Handeln und Unterlassen. Verändert werden können sie und werden sie durch göttliches Eingreifen.

Hat sich diese prophetische Hoffnung erfüllt?! Muss es nicht erlaubt sein, das zu bezweifeln?! Wie es - neben vielen, vielen anderen Johannes d. T. tut. Das Kommen des Gottesreiches verkündet er. Die Ankunft des verheißenen Messias - das ist seine Botschaft. Aber nun sitzt er im Gefängnis. Er ahnt, dass er da nicht lebend wieder herauskommen wird. Da zitiert Jesus für ihn diesen prophetischen Text (Mt. 11, 2-6). Jesus zeigt ihm: Das, was kommen soll und erwartet wird, ist ja - in ihm - schon da! Es kann - in ihm - geglaubt und wahrgenommen werden!

Liebe Christinnen und Christen, auch uns erreicht diese Botschaft in der Adventszeit. Dabei ist der zweite Adventssonntag in der kirchlichen Tradition in besonderer Weise ausgerichtet auf die Parusie, die Wiederkunft Jesu Christi am Ende der Zeiten und auf Gottes Vollendung seiner Schöpfung (vgl. das Evangelium für den 2. Advent: Lk. 21, 25ff. - Dabei ist das Weltuntergangsszenarium für viele nicht so abwegig, wie man denken sollte. Wie viele nehmen erstaunlicherweise wahr, dass nach dem Maya-Kalender am 21. 12. 2012 die Welt untergehen soll!).

Die Adventszeit ist im Übrigen für viele in unserer Umgebung nicht nur eine Vorbereitung auf das Fest der Feste. Resignation und Melancholie sind erstaunlich oft anzutreffen: nach dem Tod des Partners, dem Verlust des Arbeitsplatzes, der Lebensgefahr durch Krankheit... Viele suchen - auch unter uns Christenmenschen - mehr oder weniger direkt nach einer neuen Perspektive. Nach Hoffnungsankern, an denen sich Lebensmut und Lebenskraft befestigen lassen. Wie lässt sich diese Hoffnung gewinnen? „Heilige Narren", Abweichler wie Franziskus oder Basilius, die unsere Wahrnehmung unterbrechen, die einen veränderten Blick auf unsere triste Wirklichkeit und darüber hinaus herbeiführen, treten nicht mehr auf. (Vielleicht war Mutter Teresa noch einmal eine solche „heilige Närrin"). Wortmächtige Botschafter des Evangeliums von der Barmherzigkeit Gottes - wie Martin Luther oder Martin Luther King - sind nicht mehr zu sehen. Aber nun erreichen uns heute „sprechende Bilder" in prophetischen Worten, die uns zu berühren vermögen. Die unsere Hoffnung beflügeln können. Die neue Räume des Lebens für uns erschließen wollen. Sie zeigen uns Christen vor allem den Weg dorthin. Sie weisen hin auf den, der von sich sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben" (Joh. 14, 6).

Darum noch einmal: Das Bild des Weges, das unser Text gebraucht, meint ganz grundsätzlich menschliche Lebenshaltung, Lebensgesinnung und Lebenspraxis: the way of life - wie es sich im Englischen fast noch genauer ausdrücken lässt. Und nun: Wie töricht wäre es, diesen Weg woanders zu suchen. Abseits des uns von Gottes Wort gezeigtem Weg eigene löchrige Brunnen zu graben. Um dann zu verschmachten und zu verdursten in der Wüste dieser Welt. Der verheißene Weg des Gottesvolkes, von dem das Jesajabuch redet, ist unterschieden von solchen Irrwegen. Denn: Es ist ein sicherer Weg. Gott selbst hat ihn bereitet. Die auf diesem Wege unterwegs sind, sind erfüllt vom Hunger nach Gerechtigkeit. Vom Verlangen nach Geheilt-werden. Von der Sehnsucht nach Geborgenheit und Frieden. An dieser Gefühlslage will der Text uns teilhaben lassen. Wir können doch davon berührt werden! Also: In Erwartung, vom Leben ergriffen zu werden, bereiten wir uns vor: S o wollen wir IHN empfangen. Amen.

 



Dr. Dr. Günter Goldbach
49088 Osnabrück
E-Mail: guenter.goldbach@uni-osnabrueck.de

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