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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Sonntag im Advent, 09.12.2012

Predigt zu Jesaja 35:3-10, verfasst von Erika Reischle-Schedler

 

"Leben mit Vision"

(Vorbemerkung: Die Predigt gliedert sich in zwei Teile, deren erster die Erzählung eines polnischen Volksmärchens beinhaltet. Eine Möglichkeit, die Texte zu rahmen, bietet der Wochenspruch in der gesungenen Fassung EG21. Der Spruch könnte vor der Verlesung des Predigttextes, nach der Verlesung des Predigttextes und noch einmal nach der Erzählung des Märchens gesungen werden).

Liebe Gemeinde! Voller Bilder ist dieser Text. Bilder, die ich gar nicht so schnell auslegen, sondern erst einmal stehen lassen möchte. Ich möchte im ersten Teil dieser Predigt dem biblischen Text einen anderen Text der Hoffnung gegenüberstellen: "Die Verheißung", ein polnisches Volksmärchen aus der Hohen Tattra. Auch hier werden vor Ihr inneres Auge Bilder der Hoffnung treten. Im zweiten Teil der Predigt möchte ich dann noch ein paar Worte zu den Texten sagen.

"Die Verheißung", Ein polnisches Volksmärchen aus der Hohen Tatra: "Es war einmal vor langen Zeiten, da lebte im Dorfe ein Knabe, der hütete seines Vaters Schafe unten im Tal. Von einem weißen Hunde bewacht, weideten sie auf der Wiese. Da kletterte einmal der Hirtenknabe auf einen der Felsen am Hang. Stark war der Knabe, stark und geschickt. Er sammelte Wurzeln und Blüten von Glockenblumen und Enzian und pflückte das Edelweiß. Dabei entdeckte er dunkle Höhlen, niemand sonst kannte den Zutritt. Außer ihm selbst hatte niemals ein Mensch zuvor diese Höhlen betreten. Wie schwarz vor Nässe, wie schlüpfrig von Schnee, wie unbekannt ist ihm der Felsenhang. Ringsum hohe Fichten und niedrige Kiefern, und Blöcke dazwischen aus glattem Granit. Nicht zwanzig Rösser, nicht hundert Pferde hätten die Kräfte, sie fortzuschaffen. Wohin er blickt, wohin er sich wendet: Überall um ihn her ist nur Wildnis, keine Spur zeigt ihm an, nichts lässt erkennen, aus welcher Richtung er hierher gekommen. Doch wenn er bis hierher gelangen konnte, würde er auch den Rückweg finden. "Holla!", ruft er ins Tal hinunter, "Holla!", ruft er dem Bache zu, "Holla!", ruft er die Gipfel hinauf, die gewaltig als Felsenring ihn umgeben. Einmal ruft er, ein zweites Mal - es ist nur ein Echo, das Antwort gibt. Ein drittes Mal will er rufen: "Holla!". Kein Echo kommt zurück, versteinert steht der Knabe. Ein Widerhall tönt tief aus dem Berginnern wie Stimmen einer Orgel mit machtvoll starken Tönen. Musik lässt den Stein erzittern, von hundert Orgelstimmen, von tausend tiefen Tönen. Die Berge bersten dröhnend mit krachendem Getöse, und vor des Knaben Augen erscheint ein Ritterbildnis, geflügelt und durchlichtet, und hält ein breites Schwert. Wie Sonnenlicht erglänzt die Lichtgestalt des Helden, sein Leib wie Sonnengold. Da lässt sich der Ritter vernehmen: "Wer hat den Mut, uns zu wecken? Ist denn die Zeit schon gekommen? Knabe, fürchte Dich nicht, ich bin kein Räuber und tu Dir nichts Böses. Ich bin ein Ritter und kämpfte einst im Kampf um die Wahrheit im Geist meines Volkes. Ich kam hierher, und mit mir all diese Ritter. Hier müssen wir warten, hier müssen wir schlafen, hier müssen wir ruhen Jahrhunderte lang. Erst, wenn alle Menschen so gut geworden, wenn alle Menschen des Glaubens voll, wenn alle Menschen voll Weisheit sind, wie Du: Dann werden sie nicht mehr das Joch erdulden, dann werden sie nicht mehr die Qual ertragen, dann werden sie nicht mehr leiden wollen. Es wird ein Knabe kommen gleich Dir, aus vielen Tausenden auserkoren, aus vielen Millionen auserwählt. Er muß und wird der Würdigste sein. Es wird dieser Knabe hierher zu uns kommen, an die goldene Pforte, die zu uns führt, an die goldene Pforte wird er klopfen, an der goldenen Pforte wird er rufen: "Ritter, erwacht aus Eurem Schlaf! Steht auf und kommt zu den Menschen zurück! Die Menschen sind gut und weise geworden. Der Menschen Glaube ist groß, sie ertragen das Joch der Herrschaft des Bösen nicht mehr. Ihr engelgleichen Ritter, erwacht, Ihr golden geflügelten Ritter!" Die reine Wahrheit wird sprechen der Knabe. Wir werden ihm seine Worte glauben. Wir werden unsere Pferde besteigen. Mit dem Schwert in den Händen werden wir stürmen wie Winde, wie Donner, wie Ungewitter. Wie Gräser werden Bäume sich beugen, wie Krümel werden die Felsblöcke brechen. Jeder See, jeder Fluß tritt dann über die Ufer, und dicht wird Nebel die Erde dann decken. Himmel und Erde wird donnernd erbeben. Blitze werden sich kreuzen wie Schwerter. Der Erzengel Scharen im Kampf mit dem Satan. Plötzlich wird dann der Donner verstummen. Furcht wird vergehen, Ruhe wird herrschen, jeder See, jeder Fluß wird die Wogen glätten. Nebel wird sich in Tau verwandeln, der mit glitzernden Perlen auf allen Blumen, Gräsern und Bäumen schimmern wird. Die Sonne wird wieder leuchtend scheinen, befreit wird die Menschheit sein von der Knechtschaft, und für das Wunder des Sieges danken."

Wie das der Knabe hört, spricht er: "Ich werde mich zu den Menschen begeben, und müsste ich gehen bis ans Ende der Welt! Ich werde gehen und allen verkünden, wie Ihr zu mir von der Freiheit gesprochen. Der Weisheit Größe, des Glaubens Stärke will ich zuvor für mich selbst noch erringen, soll ich zur Befreiung den Menschen sie bringen." Darauf der Ritter: "Empfangen hast Du dieGnade, uns zu erleben. Kehre nun wieder zurück auf den Weg in die Welt der Menschen und verkünde, was Du erfahren hast! Suche nie mehr diesen Weg zu uns, denn Du wirst ihn nicht finden."

Da schloß sich das goldene Tor. Es schloß sich laut mit Getöse. Tief unter die Erde versank es. Die Berge wuchsen zusammen, es standen die Kiefern und Fichten. Es blühten die Glockenblumen. Es strahlte das Edelweiß. Einst aber wird es sein, dass Würde uns stark macht und Liebe, dass Glaube uns sein macht und Liebe, dass Weisheit uns licht macht und Liebe. Dann werden wir wieder den Weg zu den Felsen finden, den Weg zu den goldgeflügelten Rittern. Dann werden unsere Stimmen stark sein, wenn die Würde ruft, wenn der Glaube ruft, wenn die Weisheit ruft, wenn die Liebe ruft: "Jetzt ist es Zeit!"

 

Liebe Gemeinde, beide Texte, unser Predigttext aus Jes. 35 und
das poln. Volksmärchen, haben Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten. Die Gemeinsamkeiten zuerst: Die Bilder sind so kräftig, daß sie keiner Auslegung bedürfen. Wir wollen sie stehen lassen, wie sie stehen.

Wichtig ist in beiden Texten, Daß da offensichtlich Menschen nicht leben können hinter vergitterten Fenstern. Daß sie nur leben können mit einer weiten Aussicht, einer Aussicht auf ein anderes Leben, eine andere Welt. Mit Verheißung läßt es sich leben, ohne nicht.

Der entscheidende Unterschied beider Texte: Bei Jesaja ist es Gott, der eingreifenwill: Er selbst wird kommen. Wir Menschen schaffen es alleine nicht. Wir sind unfähig, diese zerrissene Welt voller Leiden und Katastrophen, voller Bosheit und Irrtum aus unseren Kräften zu heilen. Er muß schon selbst kommen und es tun. Und: Er will es
tun! "Er kommt, er kommt!" Ruft uns der Text immer wieder aufs Neue zu. Anders das Volksmärchen: Auch hier gilt die Verheißung:

"Die Welt wird eines Tages anders sein, freundlicher, ohne Furcht und Schrecken, zur Freude aller Menschen. Es wird eine gute Gemeinschaft zwischen ihnen geben." Aber im Unterschied zu Jes.35 hängt hier die Erfüllung dieser Verheißung an den Menschen selber: Die Menschen müssen zuvor gut geworden sein, müssen selbst erkannt haben, daß sie nicht länger mehr unter dem Joch der Bosheit leben wollen. Dann werden die Mächte des Guten ihnen zu Hilfe eilen ... Was das Märchen deutlicher ausspricht als Jes. 35, und was doch für Jes. 35 ganz genauso gilt, ist der
Befehl an den Knaben: "Du hast die andere Welt geschaut, du hast erfahren dürfen, daß hinter der für Dich sichtbaren noch eine andere, unsichtbare, verheißungsvolle Welt liegt!

Niemals ist dieses Wissen und diese Erfahrung für Dich allein bestimmt. Sondern nun gehe zu den Menschen, tröste sie, hilf ihnen zu leben mit einer Vision. Denn ohne Vision lebt es sich armselig!"

Das ist der entscheidende Punkt, der entscheidende Punkt auch heute an diesem zweiten Advent: Wir können nicht leben ohne Vision. Wir brauchen den Zuspruch und die Verheißung, wir brauchen die Hoffnung auf eine bessere, auf eine liebevollere,
auf eine unbeschwertere, auf eine gute Zukunft. Was diese Welt an Ängsten, an Streß, an unlösbar miteinander verquickten Knoten von Problemen zu bieten hat, das übersteigt oft genug unsere Kraft und würde, wenn es die alleinige Aussicht unseres Lebens wäre, uns in tiefe Schwermut stürzen.

Nein, Gott hat uns in Jesus Christus eine Zukunft in seiner Gemeinschaft, in der Gemeinschaft ewiger Liebe und Güte verheißen, Erlösung, Freude in ungeahnten Ausmaßen. Das soll uns trösten, wenn wir traurig sind und am Boden liegen, wenn wir unser Geschick nicht mehr verstehen, wenn uns die Sorgen über uns anvertraute Menschen übermannen wollen.

Aber diese Hoffnung soll uns auch Kräfte wachsen lassen, etwas von der Welt, die wir in der Vision schon schauen und erleben, auch in die unsrige hineinzutragen. Weltflucht ist nirgends die Predigt der Bibel, wohl aber eine starke Hoffnung, die Kräfte vermittelt, in dieser Welt Zeichen des Glaubens und der Hoffnung und der Liebe aufzurichten.

In diesem Sinn sind wir einander verbunden in unterschiedlichen Religionen. Auf unterschiedlichen Wegen gehen wir auf ein gemeinsames Ziel zu. Auch das lehrt der Vergleich zwischen dem alttestamentlichen und dem Märchentext. Wir sind Christen. Wir leben davon, daß Christus uns zugesagt hat: ER kommt. Die Welt
eilt nicht einer unausdenkbaren Katastrophe, sondern ihm entgegen.

Wir wollen das auch in diesem Advent wieder dankbar bedenken und
uns darüber freuen und aus dieser Freude heraus Kraft gewinnen für unser Leben und Handeln in dieser Welt. Amen.

 



Erika Reischle-Schedler
Göttingen
E-Mail: e.reischle-schedler@t-online.de

Bemerkung:
Liedvorschläge:
Eingangslied EG4,1-5
Wochenlied 6,1-5
Während der Predigt 21
Predigtlied 148,1,2,4,5
Schlußlied 17,1,2




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