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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Sonntag im Advent, 09.12.2012

Predigt zu Jesaja 35:3-10, verfasst von Wolfgang Petrak

 

Predigttext:

Aber die Wüste und Einöde wird lustig sein, und das dürre Land wird fröhlich stehen und wird blühen wie die Lilien. 2 Sie wird blühen und fröhlich stehen in aller Lust und Freude. Denn die Herrlichkeit des Libanon ist ihr gegeben, der Schmuck Karmels und Sarons. Sie sehen die Herrlichkeit des HERRN, den Schmuck unseres Gottes. 3 Stärkt die müden Hände und erquickt die strauchelnden Kniee! 4 Saget den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Sehet, euer Gott, der kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.
  
5 Alsdann werden der Blinden Augen aufgetan werden, und der Tauben Ohren geöffnet werden; 6 alsdann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und der Stummen Zunge wird Lob sagen. Denn es werden Wasser in der Wüste hin und wieder fließen und Ströme im dürren Lande. 7 Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen; und wo es dürr gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Da zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.
  
8 Und es wird daselbst eine Bahn sein und ein Weg, welcher der heilige Weg heißen wird, daß kein Unreiner darauf gehen darf; und derselbe wird für sie sein, daß man darauf gehe, daß auch die Toren nicht irren mögen. 9 Es wird da kein Löwe sein, und wird kein reißendes Tier darauf treten noch daselbst gefunden werden; sondern man wird frei sicher daselbst gehen. 10 Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und gen Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

 

Liebe Gemeinde,

auf der Straße also. Sich hier in dieser Zeit freuen zu können. Also: es war am späten Nachmittag, gleich nach dem ersten Advent. In der Groner Straße, vor Karstadt, also dort, wo es selbst noch auf der Straße nach unendlicher Parfümmischung und abgestandener Luft riecht. Das Hin- und Her von Menschen mit ihren Einkäufen, das Übliche also in der Vorweihnachtszeit. Da kam sie. Sie hätte mich beinah mit ihren sicheren, fast zackigen Schritt- nun: nicht umgerannt, aber beinah angestoßen. Lederjacke. Strickmütze, darunter hervorlugend dunkle Haare. Umhängetasche über der Schulter, unterm Arm, in der Hand: Einkaufstaschen, diverse Tüten. Ihre dunkel geschminkten Lippen waren gespitzt. Denn: Sie pfiff. Laut. Was? „O Du fröhliche". Nicht „Last Christmas" ( wie soll man/frau denn auch so seicht wie Wham pfeifen), auch nicht „Rudolph The Red-Nosed Reindeer", was einem Pastor wieder die Gelegenheit gegen hätte, die liturgisch-korrekte Nase zu rümpfen, so als müsste in der Adventszeit immer „Mit Ernst, o Menschenkinder" gesungen werden. Nein, diese Frau pfiff. Auf der Straße, vor dem Kaufhaus: „O du fröhliche". Da hab auch ich mich einfach gefreut. Konnte sie natürlich nicht nach den Gründen fragen (tut man ja auch nicht). Außerdem wollte ich nicht mit Überlegungen über mögliche Anlässe, Hintergründe, Entwicklungen und Fortschritte diesen Eindruck dämpfen. Außerdem war sie längst mit energischem Schritt weitergestiebelt. Denn Freude hat ihre eigene Zeit.

 

Kreisverkehr. Welt ging verloren. Am Wochenanfang war in SPIEGEL ONLINE zu lesen, das Wissenschaftler eine Erderwärmung um 5 Grad für wahrscheinlich halten, mit verheerenden Folgen für die Menschheit. Auf dem Klima-Gipfel in Doha fordern die kleinen Insel-Staaten, die Obergrenze auf 1,5 Grad festzusetzen, weil sie andernfalls überschwemmt werden. Es gilt jedoch als fraglich, um der Klima- Gipfel sein Ziel mit einer Eingrenzung auf 2 Grad erreichen kann, weil die Entwicklungsländer, zu denen auch China und Indien zählen, auf ihrem Recht auf jener Entwicklung bestehen, die die etablierten Industrienationen hinter sich gehabt haben und die zugleich von der Erschließung neuer Märkte profitieren werden. Man kann es auch so sagen: es ist die Orientierung am Profit, die Möglichkeiten zum Leben buchstäblich untergehen lässt. Sie erwächst aus dem, was war. Wie ein Kreisverkehr, der, sofern man ihn nicht verlässt, Umkehr ausschließt und im Strudel endet. Welt ging verloren: Das ist die Macht des Gewesenen.

 

Einbahnstraße? Wenn wir bei Jesaja zurückblättern, so wie man im Buch des Herrn suchen und lesen soll (Jes. 34, 16), so müssen wir uns schreckliche Aussagen über den Tag des Zorns stellen: Spuren von Gewalt und Blut; wütende Waffen, rasende Zerstörung; vergiftete Flüsse und belasteter Boden, Verödung und Verunkrautung, Giftschlangen, die am Ende einen Evolutionsvorteil besitzen: nichts als Entsetzlichen, Furchtbares, unendlicher Schrecken am Ende, aus der Schuld der Völker erwachsen. Einbahnstraße. Was soll da noch werden? Doch die Bibel, die mit der Schöpfung beginnt, wäre nicht das Buch des Herrn, wenn es nicht weiter gehen würde. Ganz neu und ganz anders. Und so lesen wir bei Jesaja unmittelbar nach dem Ende von Kapitel 34 etwas von einer neuen Schöpfung, so dass es von jener Straße her fröhlich zu pfeifen scheint:

Aber die Wüste und Einöde wird lustig sein, und das dürre Land wird fröhlich stehen und wird blühen wie die Lilien. 2 Sie wird blühen und fröhlich stehen in aller Lust und Freude.

 

Die Wüste lebt". Weiß noch, wie ich als Kind diesen Film gesehen habe. Wie ich anschließend vom Ufa-Kino am Theaterplatz durch Hannovers Straßen gelaufen bin, nicht auf die Leute achtend, über Pfützen gesprungen bin, An der Goseriede auf der Straßenmitte den Gegenverkehr beachtend, und dann quer im Dauerlauf über den Klagesmarkt, an Bauzäunen und Schutthalden vorbei, dunkel und unheimlich die Christuskirche mit ihren Büschen herum, doch was ich sah, war das Bild dieser Wüste, und wie nach dem plötzlichen Regen Pflanzen aus dem steinigen Boden heraus brachen und sich in Formen und Farben entfalteten, so wie ich es noch nie gesehen hatte, weder im Blumenladen an der Ecke noch in unserem Garten in der Steintormasch. Ich sollte zuhause von dem Film erzählen, doch ich konnte das nicht, weil das Schöne, was so unvermittelt da gewesen war und ich gesehen hatte, sich nicht in Worte fassen lassen wollte. Es war so wunderschön gewesen, so anders als alles was ich gekannt hatte, und doch hatte ich dieses andere gesehen. Vielleicht hat jeder von uns so ein Gegenbild des Schönen in sich, läuft oder fährt so durch die Straßen und Wege des Alltags und weiß, dass das, was man sieht, nicht alles ist. „Nur wenn das, was ist, nicht alles ist, lässt sich das, was ist, ändern": so hat es einmal Th. Adorno gesagt. Die Bibel sagt es anders. Sie benutzt dabei nicht die Sprache der Abstraktion, sondern des Körpers. Grade Gehen ist was anders als Einknicken. Und Aufstehen was anderes als Liegenbleiben.

3 Stärkt die müden Hände und erquickt die strauchelnden Knie! 4 Saget den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Sehet, euer Gott, der kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.


Wieder auf der Straße. Wenn man in Göttingen auf der Straße nicht weiter kommt, dann handelt es sich meistens um eine Demo. Man tut gut daran, Geduld zu haben und sich nicht irgendwo durch einen Schleichweg zu drängeln, denn der führt der meistens in eine Sackgasse. Besser ist es zu bleiben und sich mit der Sache auseinanderzusetzen, zu spüren, wo das Recht eingefordert wird und wo es verletzt wird. Manchmal habe ich aber auch bei einer Demo Angst. Ob Glaube eine demonstrative Seite hat? Jene Frau vor Karstadt, (von der ich nicht einmal weiß, ob sie glaubt- es auch nicht wissen muss) hat öffentlich etwas ausgedrückt, das jede Angst nimmt: Freue dich, o Christenheit. Das zu hören, zumal ohne Worte, sodass die Bedeutung in das Gepfiffene hineinzulegen war und so ein Verstehen und Verstandensein möglich war, das keiner Auslegung bedurfte- das also war stark. Und stärkte. Weil es entspannte. O du fröhliche. Na klar: wie schön diese Adventszeit doch ist. Obwohl, genau, das andere unvermittelt daneben steht. Auf ‚verloren' reimt sich ‚geboren', aber Welt und Christ stehen gegenüber. Oder? Wer steht für was? Jesaja lässt uns Wartende sehen. Sie sind gestärkt, getröstet, angstfrei und mit aufrechtem Gang. Und sie sie sollen hinsehen. Er kommt. Aber nicht weil sie sehen, stark sind und um den Trost wissen und auf das Recht hoffen. Er kommt unabhängig von ihnen. Und auch von uns. Sein Kommen wird sein. Nicht demonstrativ, sondern frei. Unser Glaube und unsere Vernunft, unsere Moral und unser Recht, auch nicht unsere Angst ihn können sein Kommen nicht bewirken. Er kommt von sich aus. Seine Zukunft ist eine eigene Zeit. Kannst also ruhig und fröhlich auf der Straße pfeifen.

6 Alsdann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und der Stummen Zunge wird Lob sagen.   8 Und es wird daselbst eine Bahn sein und ein Weg, welcher der heilige Weg heißen wird, man wird frei sicher daselbst gehen. 10 Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und gen Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

Nochmals die Straße rauf und runter. Bin zufällig wieder die Straße runter gegangen, die zur Kirche in meiner alten Gemeinde führt. Sie ist anders geworden. Es sind alte Häuser abgerissen, neue gebaut. Junge Paare sind dorthin gezogen, wo früher Altere und Alleinstehende gewohnt haben. Ach, so allein standen sie gar nicht. Musste an sie denken, wie sie zusammen mit ihren Freundinnen am Sonntagmorgen die Straße herunter kamen, noch bevor die Glocken zu läuten anfingen. Mit sicherem Schritt, obschon sich auf der Gehhilfe abstützend. Diese Krücke, wie sie immer sagte, konnte sie auch schon mal bei den Diskussionen im Gemeindehaus schwingen (sie war nämlich aus Alu), nämlich dann, wenn es um die Themen der Rentensicherung oder dem Bleiberecht für Flüchtlinge ging. Schließlich war sie ja auch geflohen und wusste, wie das ist, wenn man keine Bleibe hat. Dankbar war sie für ihre Wohnung, die sie in den Fünfzigern von der Genossenschaft erhalten hatte. Klein war sie und anfangs auch feucht, aber es hatte für ihre fünfköpfige Familie ausgereicht. Und zu essen hatten sie auch immer was gehabt. Jedes Jahr war sie zum Schlesiertreffen gefahren. Gewählt hat sie immer SPD. „Weil der Willy Brandt doch für den Frieden war". Und immer ist sie in die Kirche gegangen, d.h. am Heilig Abend nicht, weil das mit den vielen Leuten nichts für sie war. Beim Kirchkaffee stand sie pünktlich um 12 auf, um dann noch die Runde über den Friedhof zu machen. „Wissen sie", sagte sie einmal, als ich sie zufällig am Grab ihres Kindes traf, „ ohne den da oben wäre alles nicht gegangen". Amen

 



Pastor i. R. Wolfgang Petrak
Göttingen
E-Mail: w.petrak@gmx.de

Bemerkung:
Lied nach der Predigt: Jesu geh voran(EG 391)


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