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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

3. Sonntag im Advent, 16.12.2012

Predigt zu Jesaja 40:1–8, verfasst von Klaus Wollenweber

 

Advent - eine aktive Bedenkzeit

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

 

1 Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott
2
 Redet zum Herzen Jerusalems und ruft ihr zu,
      
dass ihr Frondienst vollendet, dass ihre Schuld abgetragen ist.
       
Aus der Hand des HERRN musste sie nehmen das Doppelte für all ihre Sünden.
3 Horch, ein Rufer: Bahnt den Weg des HERRN in der Wüste,
      
in der Steppe macht die Strasse gerade für unseren Gott
4 Jedes Tal wird sich heben, und senken werden sich alle Berge und Hügel,
      
und das Unebene wird flach, und was hügelig ist, wird zur Ebene.
5 Und die Herrlichkeit des HERRN wird sich offenbaren, und gemeinsam wird alles
   Fleisch es sehen.
      
Der Mund des HERRN hat gesprochen!
6 Horch, einer spricht: Rufe! Und er sagt: Was soll ich rufen?
      
Alles Fleisch ist Gras, und alles, was gut ist daran, ist wie die Blume auf dem Feld.
7 Das Gras vertrocknet, die Blume verwelkt, wenn der Atem des HERRN darüberweht.
      
Wahrlich, das Volk ist Gras!
8 Das Gras vertrocknet, die Blume verwelkt,
     
das Wort unseres Gottes aber bleibt für immer.

 

Liebe Gemeinde,

Schon dritter Advent! Die Zeit rennt! Und in diesem Jahr ist die Adventszeit auch noch kürzer. Adventsfeiern haben schon stattgefunden; einige sind noch für diese letzte Adventswoche geplant.

- Jetzt wird weihnachtlich gebacken; das riecht gut! Es wird gebastelt, und es werden weihnachtliche Grüße geschrieben. In manchen Familien wird das Miteinander an den Festtagen mit Bangigkeit und wenig Vorfreude erwartet; denn da belasten alte Verletzungen die Beziehungen untereinander. Auch im Familienbetrieb kann ein Mensch einsam und verloren bleiben.

- In einigen Büros werden Überstunden erarbeitet, um die Tage nach Weihnachten frei zu bekommen. Termine bestimmen häufig den Tagesablauf; Hektik und Aufregung gehören dazu. Und dann natürlich der Kauf von letzten Geschenken mit möglichem Umtauschrecht.

 

Das ist die Adventszeit! Alle Jahre wieder. Wir stellen einfach fest: das ist so im Advent, auch wenn wir uns die Zeit anders vornehmen oder wünschen.

Mitten hinein in diese beschwerliche und empfindsame Adventszeit hören wir für den 3.Advent die biblische Botschaft des zweiten Jesaja:

Gott der Herr spricht: Tröstet, tröstet mein Volk!" Und dann heißt es weiter: „Horch, ein Rufer: Bahnt den Weg des Herrn in der Wüste, in der Steppe macht die Straße gerade für unseren Gott. ... Die Herrlichkeit des Herrn wird sich offenbaren."

Liebe Gemeinde, der zweite Prophet Jesaja trat damals vor vielen hundert Jahren als Rufer in einer schrecklichen Notsituation auf, die hier symbolisch mit „Wüste" gekennzeichnet ist. Das Volk Israel war seit Jahren in der babylonischen Gefangenschaft. Sie hatten sich schon fast an dieses Leben in dem fremden Land und mit der fremden Kultur ohne Recht auf Mitbestimmung gewöhnt und lebten in Ermüdung und Resignation. Gott selbst forderte zum Trost auf, um die Menschen aus ihrer Erstarrung aufzurütteln: „Tröstet, tröstet mein Volk!". Und dann verkündete der Prophet die Rückkehr aus der Gefangenschaft in die Freiheit, in das verheißene Heimatland.

Ähnliches geschieht für uns Christen in der Zeit vor Weihnachten. Dem Kommen Jesu geht die Botschaft des Johannes voraus. Johannes der Täufer. Er ist der Rufer in der Zeit vor Christi Geburt; er rief zur Umkehr auf. Das Kommen des Gottessohnes brauchte eine Vorbereitungs- und Anbahnungszeit, eine Zeit der Umkehr, der Nachdenklichkeit und der Besinnung - und besonders eine Zeit des Trostes.

In unseren christlichen Kirche ist daher der Advent so etwas wie ein Präludium, wie ein Vorspiel zu dem Hauptereignis: Weihnachten, die Geburt des Menschensohns. Ich kann auch sagen: Die Adventszeit ist gleichsam die Ouvertüre, in der die christliche frohe Botschaft schon einmal thematisch vorkommt. Vier Sonntage und somit vier Wochen Vorspann für die Geburt Christi. Das ist eine besondere Zuordnung! Und doch reichen die vier Wochen niemals aus. Denn unser Christfest bedarf einer besonderen Vorbereitung. Feste gelingen, wenn sie gut überlegt und vorbereitet sind.

Ich sage deshalb sehr gerne:- Adventszeit ist eine aktive Bedenkzeit!

 

Dazu habe ich drei Gedanken-Schwerpunkte:

1. Gedanke: Die vier Adventswochen wirken fast so wie eine Art Rezept, von einem Arzt oder einer Ärztin verschrieben: vier Wochen Bedenkzeit! - Damals hatten die vielen Jahre in der babylonischen Gefangenschaft das Volk Gottes mürbe gemacht. Resigniert und perspektivlos waren die Menschen; wie sehr, das können wir uns am besten klarmachen, wenn wir heute an Langzeitarbeitslose oder an langzeitkranke oder traumatisierte Menschen denken. Diese resignieren meist und mauern sich ein. Kaum ein gutes Wort oder mitleidiges Tun kann sie aus der depressiven Lebenshaltung herausholen. Das kann allerhöchstens ein Weckruf mit einer Vision, die den Lebensweg verändert.

In der Bildsprache des Propheten: Gott einen Weg bahnen in der Wüste, sodaß man ihn wieder wahrnehmen kann. Wenn Täler sich heben und Berge sich senken, dann leben wir nicht mehr im tiefen dunklen Tal unserer eigenen Gedanken und auch nicht mit der endlos unerfüllten Sehnsucht, einmal den Gipfel des Karriereberges erklommen zu haben, sondern die neu geschaffene Ebene ermöglicht einen weiten Blick; der Horizont ist viel weiter als die Mauer, hinter der sich der resignierte Mensch eingeigelt hat. Die Mauer wird eingerissen, und der Weitblick verändert die Lebensweise und Lebenseinstellung. „Die Herrlichkeit Gottes wird sich offenbaren", kündigt der Prophet an. Es wird möglich sein, daß wir Menschen nicht mehr im dunklen Tal unserer Gedanken verharren, sondern daß unsere Sehnsucht nach Geborgenheit und Zufriedenheit gestillt wird.

Adventszeit: Bedenkzeit darüber, daß Gott in Jesus von Nazareth als Mensch auf unsere Erde gekommen ist, gestorben ist und wiederkommt. Aber wann und wo und wie und zu wem? Eben Bedenkzeit zu vielen offenen Fragen. Wir können in den biblischen Texten einiges über das Kommen Gottes in der Geburtsgeschichte Jesu damals, über die Lebenswege dieses Menschensohnes, über sein Sterben und die Verheißung seiner Auferweckung und Wiederkunft erfahren.

Das heißt: In der Adventszeit bedenken wir das Geschehen damals in der Vergangenheit. Doch das ist nicht alles. Wir bekennen und bedenken, daß Gott in Jesus Christus gegenwärtig bei uns ist, in seinem bleibenden Wort und in seinem Sakrament. Es gilt, diese Verheißung - gegen alle Zweifel und Ausreden - ernst zu nehmen: „Und die Herrlichkeit Gottes wird sich offenbaren."

 

Deshalb mein zweiter Gedankenbereich:

Die dritte Adventswoche ist Bedenkzeit mit allen Zweifeln und trotz aller aufkommenden Zweifel! Gott ist wie wir als Säugling geboren und somit Mensch geworden. Weihnachten freuen wir uns über neues Leben und schenken einander auf unterschiedliche Weise Freude. Gott wird Geschöpf und bleibt doch auch Schöpfer! Diese Ungereimtheit müssen wir aushalten. Sie wirkt erschreckend, wenn wir an den Tod Jesu denken und an das christliche Bekenntnis: für uns gestorben, für unsere Schuld! Da sind Not, Todesangst und Rettung ungereimt nebeneinander. Gott ist Mensch geworden! Wir hören die Aufforderung, Trost zu geben und Mut zu sprechen.

Denn die Schuld ist abgebüßt, die Strafe beglichen und die Freiheit geschenkt. Wir bleiben nicht beim Weihnachtsfest stehen, bei der Geburt des Babys Jesus! Wir Christen haben schon Karfreitag und Ostern im Blick. Leben und Tod gehören zusammen, auch wenn wir häufig beides getrennt bedenken. Jedenfalls ist Gott in Jesus Christus gegenwärtig, wenn wir im tiefen Tal beten, singen, hören, klagen, weinen oder uns vielleicht sogar auf den weiten Blick auf die Herrlichkeit Gottes freuen.

Gott ist Mensch geworden und damit ist eine Aufgabe auf uns zugekommen. Die Adventszeit ist nämlich die Bedenkzeit der Ankunft Gottes, die Trost mit sich bringt und uns befreit. Die Botschaft des 3.Advents lautet: Gottes Trost kommt zu uns, kommt auf uns zu und ist schon da. Der Blick auf Weihnachten bedeutet Befreiung von Angst und zugleich den Trost, den Gott selbst herbeiruft: „Tröstet, tröstet mein Volk!". Darauf bereiten wir uns jetzt vor.

 

Diese Verheißung bringt den dritten Gedankenschwerpunkt: Wenn ich in dieser Adventszeit bedenke, daß Gott mit seinem Trost und mit seiner Befreiung auf mich zukommt, dann komme ich nicht vom Weg ab, - dann komme ich auch nicht um, sondern dann komme ich bei Gott an! Wir Menschen dieser Welt gehen, vergehen, sind wie Gras, das vertrocknet, und wie eine Blume, die verwelkt, aber der Gott des Lebens kommt auf uns zu.. Das klingt so banal, aber es hat Hand und Fuß in der Verkündigung Jesu; denn dieser hat uns Gott bekannt gemacht als einladenden, liebenden, befreienden Gott und Vater. Dies gilt es neu und immer wieder zu bedenken: Dieser Gott-Vater ist voll Trost und Kraft und Stärke. Wir leben jetzt am 3. Advent und bedenken den Advent Gottes, sein Kommen zu uns. „Der Herr wird kommen in seiner ganzen Herrlichkeit, und alle Menschen werden es sehen."

Lassen wir uns an diese unglaublich klingende Verheißung erinnern, wenn wir die Kerzen am Adventskranz nach und nach anzünden, wenn die Adventslieder vom Öffnen der Tür sprechen, vom Empfangen des Herrn, vom geladenen Schiff und von all dem, was zu dieser irdisch vergänglichen Welt gehört. Es ist doch klar, daß wir das unglaubliche Geschehen der Menschwerdung Gottes in Jesus nur mit unseren unvollkommenen Worten und Bildern beschreiben können.

Deshalb ist bedenkenswert, daß im Unterschied zu unseren vergänglichen Worten und Bildern das Wort Gottes nicht vergeht. Dies bleibt als Trostwort immer in Kraft. Da mag noch so vieles bei uns vergehen, aber nicht dieses Wort im Advent. Über all unsere adventlichen aktiven Bedenkzeiten hinweg bleibt das Wort vom Trost und von der Befreiung durch den Gott, der Mensch geworden ist und der in Jesus Christus neu auf uns zukommt.

Amen

Der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen

 



Altbischof Klaus Wollenweber
53129 Bonn
E-Mail: Klaus.Wollenweber@kkvsol.net

Bemerkung:
Lesung des Predigttextes nach der Zürcher Bibel


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