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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

3. Sonntag im Advent, 16.12.2012

Predigt zu Jesaja 40:1-5, verfasst von Christine Hubka

 

Erfrischend neue Perspektiven

Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott.

Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; ... Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!

Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden;

denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat's geredet. Jes 40, 1 - 5

Alle Täler sollen erhöht werden,
alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden,
lässt Gott durch den Propheten ausrichten.

Das klingt nach Erdbeben. Nach Naturkatastrophe.
Es riecht nach Umsturz. Nach Revolution.
Wenn das geschieht, bleibt kein Stein auf dem anderen.

Leute, die am liebsten
Drohungen und Katastrophenszenarien
aus der Bibel heraus und in die Bibel hineinlesen,
lecken sich wohl die Lippen,
Die Geschichte lehrt uns,
dass es in solchen Situationen
viel Schmerz und viel Leid gibt.
Wenn Menschen das Unterste zu Oberst kehren,
ist es so, dass am Ende alle Alles verlieren.
Fünf Tage noch -
dann soll am 21. Dezember 2012
angeblich laut Maya Kalender die Welt untergehen.

 

Ich kenne die Vorstellungen der Mayas nicht so genau.
Ich habe keine Ahnung, wie sie sich
diesen Weltuntergang ausgemalt haben.
Moderne Unheilspropheten erwarten hier
ausschließlich die große Katastrophe.
Den Supergau. Das Ende.
In ihren Vorhersagen spüre ich immer
ein lustvolles Schauern mitschwingen.

Unser Gott kennt uns und unsere Sorgen.
Die Prophezeihung des Jesaja
hat mit all diesem nichts gemeinsam.
Nicht Unheil ist es, was er verkündet.
Sondern Heil.
Umwerfende Neuerungen,
die allen zum Besten dienen.

Jeder, jede kann das erkennen.
Diese Verheißung beginnt ja mit den Worten:
Tröstet, tröstet mein Volk....
Niemand soll bei diesem Bild von den Tälern die erhöht, und den Bergen, die erniedrigt werden,
auf falsche Ideen kommen.

In Zerstörung, im Umsturz kann kein Trost liegen.
Dort, wo es nur noch ums Weh-Tun geht,
ist niemandem geholfen.
Dort weinen alle.
Es hilft, einmal ganz in dieses Bild hinein zu gehen.
Versetze dich doch einmal in so einen Berg,
oder in so ein Tal.

Da ist also ein Berg:
Und da ist ein Tal.
Seit Jahrhunderten leben die beiden in guter Nachbarschaft.
Das Tal erzählt dem Berg,
„Ich sehe die Ameisen, die Gräser, die Blumen.
Die glitzernden Steine am Weg.
Ich höre den Bach glucksen,
wenn er durch die Wiese fließt.
In der Dämmerung zirpen die Grillen."

Wenn das Tal erzählt,
dann hört der Berg ganz aufmerksam zu.
Aus seiner Höhe kann er das alles nicht erkennen.
Und hören kann er die Grille
und den Bach da unten auch nicht.
Dazu ist er viel zu weit weg.

Auch der Berg erzählt.
Jetzt hört das Tal aufmerksam zu:
Der Berg sagt:
Ich sehe den Bussard fliegen.
Ich sehe wie sich der Horizont an den Himmel kuschelt.
Ich sehe die Wolken - sie bringen den Schnee.

Und wirklich, es beginnt zu schneien.
Der Berg setzt eine weiße Haube auf.
Schön schaut er aus, der Berg.
Bewundern blickt das Tal zu ihm hinauf.
„Wann bekomme ich endlich meine Schneedecke?",
fragt es .
Das dauert noch eine Weile,
Eines Tages kann sich das Tal zu Füßen des Berges in eine weiße Decke wickeln.

Im Frühjahr ist es dann umgekehrt.
Da schmilzt der Schnee im Tal.
Alles wird warm und beginnt zu wachsen.

Der Berg möchte auch schon seine Kühle Haube
gegen eine warme Grasdecke tauschen.

So geht es Jahrtausende lang.
Dann, kommt Jesaja und sagt:

Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden;

Da freut sich der Berg
Er verwandelt sich in ein Tal.
Er kann es gar nicht mehr erwarten,
die Grille zu hören und den Bach.
Er freut sich so auf die Blumen und die Ameisen,
auf alles, was er nur vom Hörensagen kennt.
Und das Tal reckt und streckt sich.

Es steigt höher und höher
bis es den Bussard fliegen sieht,
und zum ersten Mal sieht, wie der Himmel
und der Horizont einander streicheln.

Wenn der Berg und das Tal jetzt miteinander sprechen,
haben sie das wunderbare Gefühl,
dass sie einander besser verstehen.
Denn das Tal kennt auch den Horizont
Es weiß, wie sich die Schneehaube anfühlt.
Der Berg hat noch das Plätschern des Baches
und das Zirpen der Grille im Ohr.
So schenkt unser Gott,
denen, die sich von ihm bewegen lassen,
neue Ausblicke und Einblicke.
auf das Leben
auf die Menschen
auf sich selbst.
Und ein tieferes Verstehen.
Das ist nun wahrlich nicht zum Fürchten.
Das ist eine aufregende, wunderbare Erfahrung.

Wann das alles sein wird?
Ich glaube, Jesaja hat nicht gemeint,
dass wir darauf noch fünf Tage warten müssen,
bis dieser 21.12. 2012 endlich anbricht und ausbricht.
Ich glaube, Jesaja hat gemeint,
dass das alles sofort beginnt.
Denn wieso sollte Gott so lange warten,
bis das Tal endlich auch den Bussard sieht.
Bis der Berg die Ameisen begrüßen kann.

Die Dinge neu erleben,
die Perspektive wechseln,
das Leben aus einem neuen Blickwinkel betrachten,
diese Möglichkeit nehmt ihr mit hinaus
vor die Kirchentüre.

Kinder schauen manchmal durch ihre gegrätschten Beine kopfüber in die Welt.
Wer es kann, mag es versuchen.
Es genügt aber, mit den Gedanken zu spielen.
Wenn mich etwas seit langem immer wieder ärgert,
gibt es nicht irgend, etwas winzigkleines Positives
an dieser dummen Angelegenheit?

Wenn jemand mich immer nur nervt:
Was kann ich noch über ihn sagen?
Gibt es eine klitzekleine Kleinigkeit,
für die ich an ihm, an ihr wertschätzen kann?

Ihr seht, jede Ecke unseres Lebens,
wartet auf diese Veränderungen.
auf diesen Perspektivenwechsel.
Darauf, dass der Horizont weiter wird.
Dass das Tal die Perspektive des Berges kennen lernt
und umgekehrt.

Für mich ist das die große Chance beim Älterwerden.
Denn je mehr Erfahrungen ich mache,
desto mehr mögliche Sichtweisen tun sich auf.
Ein Kind kann immer nur aus dem Blickwinkel des Tals
auf das Leben schauen.
Erwachsene haben beide Möglichkeiten:
Ich kann wie der Berg eine Situation überblicken.
Ich kann mich aber auch das Ganze
einmal in seinen Einzelheiten und von unten betrachten.
Von links und von rechts.
Solche Übungen bringen neue Erkenntnisse
In vermeintlich immer dieselben Situationen
und Geschichten.
Tröstliches, Erfrischendes, Erfreuliches stellt sich ein.


Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott.

Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; ...

Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!

Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden;

denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat's geredet.

Dafür sei Gott Lob und Preis in Ewigkeit

 



Pfarrerin i.R., Dr. Christine Hubka
1160 Wien
E-Mail: christine.hubka@gmx.at

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