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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

3. Sonntag im Advent, 16.12.2012

Predigt zu Jesaja 40:1-8 (9-11), verfasst von Winfried Klotz

1 Tröstet, tröstet mein Volk, / spricht euer Gott.

2 Redet Jerusalem zu Herzen / und verkündet der Stadt, dass ihr Frondienst zu Ende geht, / dass ihre Schuld beglichen ist; denn sie hat die volle Strafe erlitten / von der Hand des Herrn / für all ihre Sünden.

3 Eine Stimme ruft: / Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Straße / für unseren Gott!

4 Jedes Tal soll sich heben, / jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, / und was hüglig ist, werde eben.

5 Dann offenbart sich die Herrlichkeit des Herrn, / alle Sterblichen werden sie sehen. / Ja, der Mund des Herrn hat gesprochen.

6 Eine Stimme sagte: Verkünde! / Ich fragte: Was soll ich verkünden? Alles Sterbliche ist wie das Gras / und all seine Schönheit ist wie die Blume auf dem Feld.

7 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, / wenn der Atem des Herrn darüber weht. / Wahrhaftig, Gras ist das Volk.

8 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, / doch das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit.

9 Steig auf einen hohen Berg, / Zion, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme mit Macht, / Jerusalem, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme, fürchte dich nicht! / Sag den Städten in Juda: / Seht, da ist euer Gott.

10 Seht, Gott der Herr, kommt mit Macht, / er herrscht mit starkem Arm. Seht, er bringt seinen Siegespreis mit: / Alle, die er gewonnen hat, gehen vor ihm her.

11 Wie ein Hirt führt er seine Herde zur Weide, / er sammelt sie mit starker Hand. Die Lämmer trägt er auf dem Arm, / die Mutterschafe führt er behutsam.

 

Liebe Gemeinde!

Vor Jahren habe ich eine Frau beerdigt, die im hohen Alter von 84 Jahren verstorben war. Aus ihrem Leben will ich kurz berichten:

Aufgewachsen in einem guten Elternhaus hatte sie trotzdem ein sehr schweres Leben. Am Ende des 2. Weltkrieges flüchtete sie aus dem Osten. Ihr Ehemann war Alkoholiker, der seine Frau und Kinder misshandelte. Wenn er betrunken nach Hause kam, retteten sich die Frau und ihre Kinder auf den Dachboden oder in den Bahnhof und schliefen dort. Oft war durch die Trunksucht des Vaters kein Geld da, aber die Kinder mussten trotzdem etwas zu essen haben. Die Frau und ihre Kinder haben sehr gelitten unter diesem Ehemann und Vater. Einige ihrer Kinder sind vor der Mutter gestorben.

Schweres Leid hat diese Frau durchlebt. Als ich sie kennenlernte, war sie trotzdem keine verbitterte alte Frau. Sie war eine freundliche Frau, kam zum Gottesdienst, der Glaube an Gott war ihr sehr wichtig und hat sie getragen. Sie trug das erlittene Leid und Unrecht nicht vor sich her, auch wenn ihr Herz manchmal geweint hat. Jetzt im Alter ging es ihr trotz des erlittenen Unrechts gut.

„Tröstet, tröstet mein Volk, / spricht euer Gott." So beginnt unser biblisches Wort.

Was ist das, Trost? Wie geschieht Trost? Kann es das überhaupt geben, Trost für erlittenes Unrecht, schwere Schicksalsschläge; für Wunden, die uns geschlagen wurden durch die Bosheit von Menschen oder die wir uns selbst zugefügt haben?

Die am Anfang erzählte Lebensgeschichte berichtet davon, dass Trost möglich ist. Trost, sich trösten, zum Frieden finden, nicht nur zufrieden sein müssen, wie es oft gesagt wird, ist möglich.

Mit dem Trösten aber ist es eine eigentümliche Sache. Jemandem Trost zusprechen führt nicht unbedingt dazu, dass sie oder er getröstet ist, selbst wenn viele zu trösten versuchen. Es braucht so etwas wie die besondere, die erfüllte Zeit, damit der zugesprochene Trost ins Herz dringt und wie eine gute Medizin seine Wirkung tut. Nicht immer ist die Zeit zum Trösten und nicht immer die Zeit Trost annehmen zu können.

Auch der Aufruf zum Trösten in unserem Bibelwort ist zu einer bestimmten Zeit geschehen und dem Propheten hörbar geworden. Das ins babylonische Exil verbannte Volk von Juda und Jerusalem musste lange warten auf diesen Trost. 50-70 Jahre sind seit der Zerstörung Jerusalems vergangen bis einer ankündigen konnte:

„Tröstet, tröstet mein Volk, / spricht euer Gott. Redet Jerusalem zu Herzen / und verkündet der Stadt, dass ihr Frondienst zu Ende geht, / dass ihre Schuld beglichen ist."

Wo, wie beginnt der das Leben verändernde Trost?

Er beginnt bei Gott in der unsichtbaren Welt. Der Prophet darf mithören bei einer himmlischen Konferenz, um es den Geschlagenen, in ihr Schicksal ergebenen, nicht mehr mit Veränderung rechnenden Judäern in Babylon zu sagen: Jetzt ist Gottes Zeit des Trostes, jetzt schafft Gott Veränderung, ob ihr das glaubt oder nicht. Und viele haben es nicht mehr geglaubt, viele haben aufgehört, darum zu beten, viele haben sich angepasst an die babylonischen Verhältnisse, auch als Unfreier kann man leben.

Die Knechtschaft ist zu Ende, die Rückkehr ins eigene Leben beginnt biblisch nicht mit dem Aufstand gegen die allmächtigen Babylonier, sondern mit einem im Himmel gesprochenen Wort, mit etwas, was wir geneigt sind für unwirklich, ja für erträumt zu halten. Die Juden damals in Babylon, wir in unserer je eigenen Lebenssituation, wünschen uns handfeste Zeichen der Veränderung; Worte genügen nicht. Wenn wir aber anfingen Gott in unser Leben zu lassen und damit rechneten, dass er uns lieb hat und kennt in unsere Verwundung und Knechtschaft, dann würde ein starker Vorgeschmack des Trostes uns geschenkt und wir warteten voller Zuversicht auf den Gott, der zu seiner Zeit alles verändert. Vieles, was wir unternehmen, um uns oder andere zu trösten, ist deshalb wirkungslos, weil es nicht bei Gott, mit seinem Wort und zu seiner Zeit beginnt.

Bei Gott und zu seiner Zeit beginnen Trost, Neuanfang, Heilung der Wunden, Vergebung der belastenden Schuld. Die Rückkehr der in Babylon als Unfreie lebenden beginnt mit der Rückkehr Gottes nach Jerusalem. Für IHN, so sagt die himmlische Stimme, die bis an das Ohr des Propheten dringt, muss der Weg durch die Wüste bereitet werden. Erst dann, erst hinter Gottes Zug her, folgen die Menschen zurück in die Heimat. Befreiung geschieht auf dem Weg hinter Gott her! So gilt das bis heute, so ist es für uns durch Jesus Christus! Das ist der Weg des Glaubens, des festen Vertrauens auf Gott, der handelt. Nur auf diesem Weg wird Gotte Herrlichkeit sichtbar, das ist nichts anderes als seine Macht zu trösten.

Von Jesus Christus muss ich reden. ER ist, wie es in EG 7, 4 heißt, der „Trost der ganzen Welt". Von Jesus Christus muss ich reden, weil Gott seinen Zug zur Befreiung der Menschen mit der Fleischwerdung seines himmlischen Wortes begonnen hat. Im Himmel bei Gott beginnt der Weg Jesu. ER führt uns durch den Glauben vom Frondienst in den Frieden mit Gott. Frieden mit Gott ist keine religiöse Gefühlsduselei, die die Trostlosigkeit des Lebens verdeckt, also die religiöse Sackgasse, sondern der Anfang der Erneuerung unseres Lebens.

Im Evangeliums Rundfunk, einer christlichen, von Spenden getragen Rundfunk und Fernseharbeit, gibt es eine Senderreihe mit dem Titel „Hof mit Himmel". Hier berichten Menschen von Lebenserfahrungen mit Gott. Zufällig stieß ich vor kurzem auf den Bericht eines Mannes, der über viele Jahre von Drogen abhängig war. Nach ärztlicher Meinung hatte er nicht mehr lange zu leben. An einem Tiefpunkt seines Lebens als Abhängiger hat er eines Nachts in einem Park, warum weiß er nicht, nach Gott und seiner Hilfe geschrien. Das wurde der Wendepunkt seines Lebens. Er war damit noch nicht frei von den Drogen, aber Veränderung begann, die ihn heraus aus der Abhängigkeit und zum Vertrauen auf Gott führte.

Ob wir dem biblischen Wort und den Zeugnissen heutiger Menschen glauben?

Unser Wort aus Jesaja 40 spiegelt auch die Not des Propheten. Er soll das Gehörte ausrufen, aber die vorfindliche Wirklichkeit will ihm die Stimme nehmen. Was soll ich Hoffnung, Trost, Gottes Eingreifen ausrufen, wenn kein Anhaltspunkt dafür sichtbar ist? Was soll ich von Trost reden, wenn doch alles Leben auf den Tod zuläuft? Wer wird mir denn zuhören und glauben? Es geht nicht nur um eine Klage über die Vergänglichkeit des Lebens allgemein, sondern dass das in Babylon lebende jüdische Volk hat keine Zukunft mit menschlichen Augen betrachtet. „Wahrhaftig, Gras ist das Volk." Wer wird die Botschaft von der kommenden großen Veränderung, der Befreiung aus dem Exil in Babylon hören und annehmen?

Wasser hat keine Balken und Glauben heißt nicht schauen, so sagt man. Zuverlässig und treu aber ist Gott, der in Jesus uns sein freundliches Angesicht zeigt. Er steht zu seinem Wort und macht es wahr.

„Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, / doch das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit."

Das ist keine allgemeine Aussage über die ewige Gültigkeit des Wortes Gottes, sondern der Ton liegt darauf, dass das, was Gott spricht, durchhält und sein Ziel erreicht. Und deshalb ist jetzt schon Freude angesagt.

„Steig auf einen hohen Berg, / Zion, du Botin der Freude!"

Gott kommt mit Macht, er herrscht. Seine Herrschaft geschieht als Hirtendienst.

„Wie ein Hirt führt er seine Herde zur Weide, / er sammelt sie mit starker Hand. Die Lämmer trägt er auf dem Arm, / die Mutterschafe führt er behutsam."

Ein tröstliches Bild, das uns zu dem führt, dessen Geburt wir an Weihnachten feiern. Jesus ist der gute Hirte, der uns zum Frieden führt. Er tröstet und erneuert. Amen.

 



Pfarrer Winfried Klotz
64732 Bad König
E-Mail: winfried.klotz@web.de

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