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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

3. Sonntag im Advent, 16.12.2012

Predigt zu Jesaja 40:1-8, verfasst von Dieter Splinter

Titel der Predigt: Was soll ich predigen?

Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des Herrn für alle ihre Sünden.

Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des Herrn Mund hat's geredet.

Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist wie Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras ist verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.

I.

Liebe Gemeinde!

Was soll ich predigen?" Der Prophet scheint ein wenig begriffsstutzig zu sein. Dabei liegt die Antwort auf der Hand. Den Auftrag haben der Prophet Jesaja und seinesgleichen ja schon bekommen: „Tröstet, tröstet mein Volk!" Trost also soll er predigen. Trost ist in seiner Zeit mehr als nötig. Mit ein wenig Fantasie lässt sich das leicht begreifen.

Hierzulande ist gut bleiben. In Freiburg sowieso. Vertraut sind Straßen, Gassen, Plätze. In dieser schönen Stadt wohnen, leben und arbeiten die meisten von uns. Hier sind wir zu Hause. Und das ist gut so. Denn wir alle brauchen einen Ort, wo wir zu Hause sind. Wir alle brauchen einen Ort, der uns eine Bleibe bietet.

Nicht auszudenken, wie das wäre: Plötzlich alles stehen und liegen lassen und wegziehen müssen in ein fernes Land. Die Sprache dort kennt man nicht, die Gebräuche ebenfalls nicht. Mit dem Klima ist man nicht vertraut. Wie hart muss es sein, sich unter solchen fremden Bedingungen ein neues Leben aufzubauen. Ich kenne ältere Menschen, denen ist es so ähnlich ergangen. Sie mussten vor der heranrückenden Roten Armee fliehen oder wurden nach dem 2. Weltkrieg aus ihrer Heimat vertrieben. Diese Älteren können vielleicht am ehesten nachempfinden wie es dem Volk Israel vor vielen hundert Jahren ergangen ist.

Die Babylonier hatten 586 vor Christi Geburt Jerusalem zerstört. Große Teile der Bevölkerung waren nach Babylon verschleppt worden. An den Wassern zu Babel saßen sie nun und weinten, wenn sie an Jerusalem, an Zion dachten. Ihre Harfen hängten sie an die Weiden dort im Lande. Denn die sie gefangen hielten, verhöhnten sie und hießen sie singen und in ihrem Heulen fröhlich sein. (vgl. Psalm 137) Welche Erlösung wäre es, in die Heimat zurückkehren zu dürfen! Welche Befreiung wäre es, wieder zu Hause zu sein!

Was soll ich predigen?" Der etwas begriffsstutzig wirkende Prophet und seinesgleichen bekommen es gesagt: „Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat!" Wer das in Not oder Unterdrückung zu hören bekommt, darf aufatmen. Er hat Grund zum Jubeln. Die es tatsächlich oder am Fernseher miterlebten, wissen das: 1989 hofften hunderte von Bürgern aus der DDR in der Prager Botschaft der Bundesrepublik auf ihre Ausreise. Als der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher ihnen diese Ausreise zusagte, brach großer Jubel aus. Die Menschen lagen sich mit Lachen und Freudentränen in den Armen. Immer dort, wo Menschen in Not oder Unterdrückung leben, braucht es Boten der Hoffnung. Menschen, die sagen: „Bald ist es vorbei!" Aus dieser Hoffnung wächst die Kraft zum Überleben. Sie ist in diesen Tagen und Wochen besonders den über Hunderttausend Syrern zu wünschen, die dem Bürgerkrieg in ihrem Heimatland entflohen sind. Sie harren in Notunterkünften an der türkisch-syrischen Grenze aus und wünschen sich nichts sehnlicher als ihre schnelle Rückkehr.

Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat...!" Mehr noch: „dass ihre Schuld vergeben ist...". Die da an den Bächen Babylons im erzwungenen Exil sitzen, denken sich: Wir haben unser Schicksal verdient. Wir sind selber Schuld an dem, was uns da getroffen hat. Wenn wir von Gottes Wegen nicht abgewichen wären, wären wir immer noch in der Heimat. Wie befreiend ist da die Botschaft: „Ihr könnt zurück. Es ist euch vergeben!"

Was soll ich predigen?" „Das befreiende Wort sollst du sagen!" „Es ist euch verziehen, es ist dir verziehen!", sollst du sagen! Darin liegt ein starker Trost: „Es ist dir vergeben!" Wem das gesagt wird, der kann neu anfangen. Er muss sich nicht mehr wegen der Vergangenheit grämen. Er kann aufhören, anderen und am Ende immer wieder bloß sich selber Vorwürfe zu machen. Und in der Tat: Wer seine Schuld einsieht, wer seine Schuld bereut und dann gesagt bekommt: „Ich verzeihe dir!", dem öffnet sich die Zukunft. Auf dem Weg dorthin, kann er sich in diesem Satz unterbringen wie in einem schützenden Haus. „Ich verzeihe dir!" Wer das gesagt bekommt, kann darin eine Bleibe finden.

II.

Kann man das tatsächlich - in einem Satz, in einem Wort eine Bleibe finden? In den vielen Wörtern, die wir tagtäglich zu hören bekommen, wohl kaum. Da gibt ein Wort das andere. Und ein Wort jagt das andere. Die vielen Worte gehen darum zum einen Ohr hinein und zum anderen Ohr wieder hinaus. In eiligen Wörtern kann man keine Bleibe finden. In solchen Worten kann man nicht wohnen wie im schönen Freiburg oder an einem anderen Ort, der es einem angetan hat. Also: Kann man das überhaupt: In einem Wort eine Bleibe finden?

Nur auf den ersten Blick ist der Prophet Jesaja ein wenig begriffsstutzig. Tatsächlich stellt er die Kernfrage: "Was soll ich predigen?" Die Begründung liefert er gleich nach: „Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie die Blume auf dem Felde." (Auf großartige Weise hat Johannes Brahms diese Worte in „Ein deutsches Requiem" vertont.) Alles vergeht. Alles ist vergänglich. An den Wörtern wird es offenbar. Kaum sind sie gesprochen, sind sie auch schon verklungen. „Was kann, was soll ich da noch predigen?" „Das Gras verdorrt. Die Blume verwelkt. ... Ja, Gras ist das Volk!" Vor nicht allzu langer Zeit war dieses Volk noch in Jerusalem zu Hause. Nun lebt es in der Fremde. Wird es dort vergehen? Wird es vergehen, wie das Gras, das nun im zerstörten Tempel in Jerusalem wuchert? Wird das Volk verwelken wie die Blumen, die man einst blühen sah auf den heimatlichen Feldern?

Die Antwort Jesajas ist klar: „Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt...". Von jenen, die aus Jerusalem verschleppt worden sind, wird kaum einer diese Stadt je wiedersehen. Wie passt das zusammen: „Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat..." - und: „Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt..."? Das passt nur zusammen, weil Jesaja einen bedeutsamen Satz hinzufügt: „... aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich."

Das ist ein neuer Satz in der Weltgeschichte. Immer war das Heiligtum wichtig, immer das Tun der Priester. In allen Religionen, auch für die Juden. Darum hatte sie die Zerstörung des Tempels so tief getroffen. Dort aber, in der Fremde, werden nun die Heiligen Schriften wichtig. Das Volk scharrt sich um sie. Es entdeckt: Unsere Lebenszeit vergeht, aber das Wort Gottes bleibt. In der Flucht der Tage können wir unsere Zuflucht zu ihm nehmen. Wir können in allem Vergehen darin eine Bleibe finden. Denn dieses Wort Gottes ist kein eiliges Wort. Es geht nicht zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. Es hat Bestand. Es ist darum voller Trost. Wir können uns darin unterbringen wie in einem schützenden Haus. Wir können darin zu Hause sein und eine Bleibe finden.

Wie das geht? Wörter vergehen. Sie wechseln schnell und geben uns häufig genug keine Gelegenheit, in ihnen zu verweilen. Doch bisweilen fallen im Leben eines Menschen Worte, die er festhalten möchte: Es sind Worte, die er sich nicht selber sagen kann: „Ich liebe dich! Ich halte zu dir! Ich verzeihe dir! Das rate ich dir!" Solche Worte halten einen fest. Und an solchen Worten kann man sich festhalten. In ihnen kann man sich unterbringen und zu Hause sein. Wer solche Worte nie gesagt bekommt, ist und bleibt ein ruheloser Mensch. Er hat keine Bleibe.

III.

Was soll ich predigen?" Das Wort Gottes! Es ist kein eiliges Wort! Es bleibt. Es ist für dich da. Du kannst sich darin unterbringen. Im Exil haben das die Juden gelernt. Sie haben gelernt, dass dieses Wort Gottes die Generationen umfasst. Die Hoffnung auf die Rückkehr nach Jerusalem haben die Verschleppten aus dem Wort Gottes geschöpft. Sie haben diese Hoffnung an ihre Kinder und Kindeskinder weitergegeben. Auch sie haben auf die Heiligen Schriften und die Propheten gehört. Die Kinder und Kindeskinder der Verschleppten sind nach Jerusalem zurückgekommen. Darüber ist Zeit vergangen. „...aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich."

Das Wort Gottes ist kein eiliges Wort. Aber es hat es eilig. Es will schnell zu den Menschen - und zwar gerade in schwierigen Zeiten: „Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg ... denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbar werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des Herrn Mund hat's geredet."

Bereitet dem Herrn den Weg!" Das war eine handfeste Aufforderung für jene, die damals in Babylon auf das Zurückkommen nach Juda und Jerusalem hofften, Sie sollten sich darauf einrichten, dass sich die zugesagte Rückkehr ereignen würde. Alle Hindernisse galt es dafür zu beseitigen. Darum bemühten sie sich. Am Ende erfüllte sich, was „des Herrn Mund ... geredet" hatte. Die Nachkommen der Verschleppten kommen zurück nach Jerusalem. So lesen Juden diese Worte Jesajas.

Wir Christen respektieren das. Doch lesen wir die Worte Jesajas auf Christus hin. In ihm hat Gott seine Zusagen, die er zuerst seinem erwählten Volk Israel gegeben hat, allen Menschen zugänglich gemacht: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit." (Joh 1, 14) In und durch Christus sagt Gott einem jeden und einer jeden von uns: „Ich liebe dich! Ich halte zu dir! Ich verzeihe dir!" In Zeit und Ewigkeit. In Christus gibt Gott Weisungen für's Leben: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen." (Matth. 6, 33)

In solchen Worten finden Christen eine Bleibe. Für uns stellt sich die Frage Jesajas „Was soll ich predigen?" darum so: „Wen soll ich predigen?" Antwort: Das Kind in der Krippe! Ich soll predigen, dass der „Herr der Herrlichkeit ein Kindlein klein" wird. In ihm kommt Gott uns ganz nah. „Wen soll ich predigen?" Jesus von Nazareth, der das Reich Gottes in Wort und Tat unter uns aufrichtet! „Wen soll ich predigen?" Den Gekreuzigten - und um seinetwillen mit den Menschen freundlich reden, „dass ihre Schuld vergeben ist"! „Wen soll ich predigen?" Den Auferstanden - und mit ihm die Hoffnung, die auch zuletzt nicht stirbt! Denn: „das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich."

Und so bewahre der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.



Pfarrer Dr. Dieter Splinter
79114 Freiburg
E-Mail: dieter.splinter@ekiba.de

Bemerkung:
Dr. Dieter Splinter ist Landeskirchlicher Beauftragter für den Prädikantendienst an der Evangelischen Hochschule Freiburg




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