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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Christnacht, 24.12.2012

Predigt zu Hesekiel 37:24-28, verfasst von Jochen Riepe

 

I

Frieden auf Erden ... Vorstellbar ist es schon : daß wir in aller Nähe oder Enge und Angewiesenheit - Weite und Freiheit erfahren ; daß wir im Bewahren des Eigenen auch das Anliegen des anderen sehen; daß wir Rücksicht nehmen und doch unser Ziel leben dürfen ...Frieden auf Erden.

II

In dieser kalten Nacht , in diesem zugigen Stall war es ihnen erlaubt , ein Feuer anzuzünden. Ausnahmsweise, hatte man gesagt, streng , aber doch teilnehmend , und sie sollten sehr vorsichtig sein. Man wies ihm eine Stelle und als es gelang, die Flamme zu halten, wärmte er seine Hände und gab dann seine Wärme in die Hände seiner Frau . ‚So wurde es doch noch eine gute Nacht / Auch das Heu war wärmer als sie gedacht‘.*

III

Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen‘, schreibt der Prophet Ezechiel. ‚Wohnen‘ - wenn es irgendein weihnachtlich-wärmendes Wort oder gar ein Wort mit Christfest-Glanz gibt , dann ist es wohl dieses. Wohnen - bleiben dürfen -zu Hause sein -ein eingefriedeter Raum der Schonung. Hier bin ich. Hier sind wir . Was tun wir nicht alles, um dieses Eigene gerade in diesen Tagen zu zeigen. Der Kranz an der Wohnungstür, die Lichter im Fenster , der Baum auf dem Balkon ... ‚Die Wohnung ist unverletzlich‘, sagt unser Grundgesetz und bringt damit einen uralten Menschheitstraum auf den Punkt. Wohnen und Schonen klingen zusammen.

IV

Wir wissen vielleicht : Der Prophet Ezechiel spricht im 6.Jahrhundert vor Christus das Gotteswort Menschen zu , die fern ihres Landes sind. Exilierte , Landlose, Besitzlose, Wohnungslose. Viele in Jerusalem hatten aufgrund der Verfügung der neuen babylonischen Machthaber ihre Heimat verlassen müssen und lebten nun , überlebten in der Fremde : ‘An den Wassern Babels saßen wir und weinten‘. Warum ist es so weit mit uns gekommen? fragen die Menschen. Wo liegt die Schuld? Und die im Exil Geborenen , die zweite Generation klagt die Älteren an : ‚Was habt Ihr uns aufgeladen! Was haben wir zu tragen!‘ Enteignet sein , keinen eigenen Boden unter den Füßen haben , angewiesen sein auf die Gunst der Herren ... Der Prophet setzt der Verzweiflung und Ratlosigkeit oder einfach auch : der Unzufriedenheit der Exilanten Gottes Verheißung entgegen : ‚Sie sollen wieder im Lande wohnen.‘ Es wird eine Rückkehr geben - ‚für immer‘.

V

In dieser kalten Nacht durfte er ein Feuer anzünden. Ausnahmsweise. Er wärmte die Hände und gab die Wärme weiter... Und dann war es , als hätte das Licht der Flamme gerufen. Hirten , durchgefroren, kamen von draußen dazu, Tiere stellten sich ein , heimliche und unheimliche Gesellen ... Sie ließen sie ein , dankten dem Wirt , der toleranter war als erwartet, und staunten : Wer alles bei ihnen bleiben wollte und einen Schonraum für die Nacht begehrte ! Es wurde enger im Miteinander. Wird der Platz reichen ? Würden sie miteinander auskommen oder führte die erstbeste Unannehmlichkeit zum Streit ? Die ‚gute Nacht‘ würde noch dauern ... daß sie auch gut und warm bliebe, das war doch ihrer aller Anliegen.

VI

Und sie sollen wieder im Lande wohnen‘, sagt das Gotteswort des Propheten und fügt gleich die Verheißung hinzu : ‚Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen‘. Frieden , schalom -Gottes Weisung und Gebot ... Wohnen , dieses wunderbar weihnachtlich-glänzende Wort , bringt mit sich eine gemeinsame , gemeinschaftliche Lebenswelt. Wir haben Mitbewohner, Nachbarn und sind selber solche und jeder weiß, wie hilfreich , aber auch wie sensibel und gefährdet Nachbarschaft ist. Alles wird schief, unangenehm oder unerträglich, wenn aus Mitbewohnern dauerhaft Streitende ,einander Kontrollierende oder gar Feinde werden. Der Bund des Friedens beginnt immer mit einer Selbstprüfung : Habe ich Gottes Gebot geachtet? Habe ich Grenzen respektiert, das Gut des anderen, seine ‚Unverletzlichkeit‘ , auch seine ‚Nacht-Ruhe‘? Habe ich ‚Gutes von ihm geredet‘ und falsches Zeugnis unterlassen? Habe ich in Konflikten Klärung gesucht und die Hand der Versöhnung ausgestreckt?

VII

Wohnen und Schonen (auch Verschonen) klingen zusammen und gerade wir in der Enge der Stadt, in der mitunter reizbaren oder gereizten Anonymität der Nachbarschaften , wir wollen die Friedenszeichen dieser Nacht und dieser Tage achten. Jeder Kranz an der Wohnungstür, jedes Licht im Fenster, jeder Baum spricht es doch aus : Wir haben mehr gemeinsam als wir denken. Auch der andere hört die Botschaft vom ‚Frieden auf Erden‘ und will und wird sich ihr unterstellen . ‚Kontrolle ist gut , Vertrauen ist besser‘ - Aufeinander zugehen und im Gruß die Sprache der Dinge übersetzen :‘Frohe , friedvolle Weihnachten!‘ Wie wunderbar , daß in der Heiligen Nacht in einer unserer Straßen sich Punkt 23 Uhr alle Fenster zum Hof öffnen, einer das Klavier spielt , die anderen auf ihre Balkone treten und alle gemeinsam singen : ‚Stille Nacht , heilige Nacht‘.

VIII

In dieser kalten Nacht , da Josef ein Feuer anzünden durfte, da Mensch und Tier sich der Wärme erfreuten ... da sehen sie das Kind ‚aus dem Stamme Davids‘ im Lichte des Feuerscheins. ‚Ich will unter ihnen wohnen‘, sagt schließlich das Gotteswort des Propheten. Die Verheißung, es gebe Wohn-Raum für sein Volk ,diese alte , zuallererst Israel gehörende Verheißung ist durch die Weihnachtsbotschaft eigentümlich verengt und zugleich geweitet worden : Gottes Glanz und Herrlichkeit, sein Schalom , sein Wohnen bei uns liegt in diesem Kind und wer immer dieses Kind aufnimmt , mit ihm kann er seinen Friedensraum finden ! ‚Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.‘ Das ist allerdings der Stachel im Fleisch der weihnachtlichen Christenheit : Dieses Kind, der Davidssohn, der König , der wahre Hirte, es ist zugleich der Inbegriff des Verfolgten und ‚von den Seinen‘ nicht Aufgenommenen . Und für die Heilige Nacht und den Raum und die Wärme gilt ein strenges , halb verstehendes ,halb behördliches - ‚Ausnahmsweise‘. Wird aber dieser warme Augenblick , diese ‚gute Nacht‘ , dieses Vergängliche und Verletzbare das Erbe der prophetischen Verheißung antreten können : ‚Für immer‘ und ‚ewig sollen sie wohnen‘?

IX

Frieden auf Erden ... Vorstellbar ist es schon , daß diese Erde ein Lebensraum für alle wird. Voller Hoffnung und Zweifel sehen wir auf das Land, das wir das ‚Heilige Land‘ nennen. Bitten wollen wir immer wieder , daß Israel in seinem Existenzrecht von allen Völkern anerkannt wird und umgekehrt die Palästinenser in ihrem Lebensrecht und Wohnrecht! Ja, wo ich bin , sind auch andere... Vorstellbar ist es , daß wir in der Enge des Zusammenlebens wohnen und (ver)schonen ... ‚Ausnahmsweise‘ -möge die Zeitspanne , die dieses spröde und doch gnädige Wort benennt , sich weihnachtlich weiten ...

Eine gute Nacht , eine Heilige Nacht , liebe Gemeinde.

 



Pfarrer Jochen Riepe
44137 Dortmund
E-Mail: Jochen.Riepe@gmx.net

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