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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Weihnachtstag, 25.12.2012

Predigt zu Jesaja 11:1-2, verfasst von Sibylle Rolf

 

Anmerkung: da am 2. Weihnachtstag ein informeller Gottesdienst mit Wunschliedersingen gefeiert wird, ist der Predigttext ein Abschnitt aus dem Perikopentext für den 2. Festtag: Jes 11,1-2. Dazu kommt das Bild „Die Blume aus dem toten Stamm" von Sieger Köder, das die Gottesdienstbesucher/innen bekommen (zu bestellen unter http://www.versacrum.de/die-blume-aus-dem-toten-stamm-p-174.html) und einige Gedanken über Jes 9.

 

Liebe Gemeinde,

Die Blume aus dem toten Stamm: so heißt das Bild des Pfarrers und Künstlers Sieger Köder, das Sie in Ihren Händen halten. Man sieht einen alten knorrigen Wurzelstock. Er sieht auf den ersten Blick gar nicht weihnachtlich aus. Er scheint unserem Gesang zu widersprechen. Angesichts des Toten kann mein Herz nicht fröhlich springen und in den Gesang der Engel einstimmen. Dieser alte Stumpf sieht wie abgestorben aus, leblos und tot. Ein knorriger alter Wurzelstock, der bessere Tage und Zeiten gesehen hat. Seine abgestorbenen Arme recken sich in den Himmel, so als flehten sie um Hilfe.

Es muss Zeiten gegeben haben, Tage und Jahre, in denen er seine Bestimmung als Wurzelstock erfüllt hat. Als noch Kraft in seinem Holz war und er eingewurzelt war in festes Erdreich. Da hat er dem ganzen Baum festen Halt gegeben. Als seine Wurzel tief in die Erde reichte und er dafür sorgen konnte, dass der Baum genügend Nahrung bekommt. Wer leben und sich entfalten will, muss Wurzeln schlagen. Er muss in der Tiefe verwurzelt sein und mit seinen Wurzeln bis an die Quelle reichen. Das ist bei Bäumen nicht anders als bei Menschen. Der Wurzelstock auf unserem Bild gibt keinen Halt mehr. Durch ihn fließt keine Nahrung, er gibt keine Halt. Er hat seine Zeit gehabt. Der Stamm ist abgehauen, übrig bleibt eine alte knorrige Wurzel. Auf dem Bild um ihn herum ist schwarze Nacht gemalt, finsteres Dunkel.

Für den Propheten Jesaja werden die Finsternis und der verdorrte, abgestorbene Stumpf zu einem Bild für das Volk Israel. Israel ist wie ein abgestorbener Wurzelstock, wie eine Eiche, von der nur der Stumpf übrig bleibt, wenn man sie fällt (Jes 6,13). Das einst so prachtvolle Reich von König David ist zerfallen. David, der Sohn Isais, ist nur noch eine Erinnerung und sein Reich nur noch ein kleiner Rest. Der Prophet kündigt an, dass sogar dieser Rest bald nicht mehr sein wird. Bald werden Feinde kommen und Jerusalem belagern. Das Volk Israel, einst ein starker blühender Baum, ist nur noch ein toter Wurzelstock. Ein Bild der Vergänglichkeit. Was einmal schön anzusehen war, ist jetzt nicht mehr. Dunkel ist es geworden. Der starke Baum ist gefällt.

Aber der tote Wurzelstock ist nicht das Ende. In dieses düstere Bild hinein spricht der Prophet Jesaja zwei Heilsworte: (Jes 9,1.6) „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit." - Jesaja kündigt an: Die Finsternis wird nicht finster bleiben, weil Gott ein Kind in die Finsternis sendet, einen Sohn aus dem Geschlecht Davids, der den Menschen in ihre Dunkelheit ein Licht bringt. Im Bild von Sieger Köder sehen wir, wie die Schwärze der Nacht von einem Lichtstrahl erhellt wird. Die Nacht der Verzweiflung weicht dem Licht der Hoffnung. Der Lichtstrom kommt von oben und fällt mitten hinein in das abgestorbene, tote Holz.

Das Kind aus dem Haus Davids erhält noch eine andere Prophezeiung: (Jes 11,1-2) „Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN." Jesaja verkündigt: Es wird einen Neuanfang geben mit einem zweiten David. Mit einem von Gott gesalbten Herrscher, einem Messias. Mit ihm wird Frieden sein. Elende und Hilflose werden zu ihrem Recht kommen. Ein Reis, ein junger Trieb wird aus dem Baumstumpf wachsen. Es wird neues Leben geben. Aus dem toten Stamm entsteht neues Leben, weil Gott Leben schafft und schenkt. Der Stamm Isais, aus dem schon David kam, wird wieder ausschlagen.

Der Prophet sieht nicht nur den abgestorbenen Wurzelstock. Er sieht nicht nur Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Er sieht nicht nur die Träume, die endlich begraben werden sollten, die Visionen, die schon längst an ihr Ende gekommen sind. Abgestorbenes und Totes. Er findet sich nicht mit dem ab, was zu sehen ist. Jesaja sieht ein Wunder. Ich könnte ihn belächeln und sagen: sei doch realistisch! Was soll denn schon wachsen aus einer toten Wurzel! Jeder, der schon einmal im Garten gearbeitet hat, weiß genau, dass aus der erfrorenen, abgestorbenen Hortensie nichts mehr werden kann. Aus und vorbei. So ist es nun einmal. Lass uns lieber einen neuen Samen in die Erde legen. - Ich könnte ihm aber auch zunicken: recht so, Jesaja! Sei optimistisch: das Glas ist halb voll und nicht halb leer. Es kommt immer auf die Perspektive an. So ein abgestorbener Baumstumpf hat sein Gutes. Man kann noch etwas aus ihm machen. Er könnte vielleicht ein Tisch werden, wenn ich ihn mit einer schönen Glasplatte veredele. Ist doch gar nicht so schlimm, so eine alte, knorrige Wurzel.

Jesaja ist weder Realist noch Optimist. Der Realist gibt sich mit der Wirklichkeit zufrieden, der Optimist versucht, selbst das Beste aus der Wirklichkeit zu machen, nennt die Dinge aber nicht immer beim Namen. Jesaja ist ein vertrauensvoller Visionär. Er lebt in einem Vertrauen gegen allen Augenschein. Aber sein Vertrauen hat er sich nicht selbst eingeredet. Dann wäre es zerbrechlich. Er hat etwas zu sehen bekommen und gibt uns etwas zu sehen: Gegen alle Wahrscheinlichkeit sieht er das Wunder des neuen Lebens. Einen neuen Trieb: ganz vorsichtig bahnt sich eine Rose den Weg nach oben. Mitten in der Wirklichkeit des Todes, mitten in der Dunkelheit und im Schatten ist das Leben zu sehen. Eine Sehnsucht und Hoffnung erfüllt sich. Aber nicht weil er die Rose an den Blütenblättern aus der Erde zieht. Etwas neues, etwas zartes, duftendes, zerbrechliches wächst, das der Stumpf nicht aus sich selbst hervorgebracht hat. Die Rose - das Zeichen der Liebe. Mag der Tod auch endgültig scheinen, die Kraft der Liebe ist stärker. Sie wächst aus dem Tod und überwindet so den Tod.

Aus dem Reis ist die Rose geworden. Aus dem Bild des Propheten Jesaja ist im Lied „Es ist ein Ros entsprungen" ein Bild für uns geworden: mitten im Winter beginnt eine Rose zu blühen. Es gibt Leben, auch wenn alles dagegen zu sprechen scheint. Leben in der Kälte. Leben im Schatten und Leben in allem, was erfroren und abgestorben ist. Leben in allem, womit wir uns schon längst abgefunden haben. Die Rose kommt wie ein überraschender, himmlischer Gast in unsere irdische Wirklichkeit.

Für eine junge Frau hat das Bild der Rose eine leibliche Bedeutung bekommen. In Maria keimt ein neuer Trieb, ein neues Leben, eine wundersame und wunderbare Geschichte, die sie aufblühen lässt. Die Rose lässt Maria zur Blüte bringen. So erzählt es uns die Geburtsgeschichte der Heiligen Nacht. In der Nacht dieser Geburt, in der Heiligen Nacht, erleben es die Hirten mit, wie die Hoffnung, dieses Reis, diese Rose lebendig wird in einem Kind, das hilflos und klein in einer Krippe liegt. Die Kraft der Lebendigkeit des Kindes steckt Maria an. Sie bewegt alles in ihrem Herzen. Die Kraft der Lebendigkeit des Kindes steckt die Hirten an. Sie kehren von der Krippe zurück und berichten den Menschen davon, was sie gesehen haben. Dieses Kind ist ein besonderes Kind. Es ist, als würde Gott in diesem Kind sein Dennoch sprechen und sagen: mag dir auch alles kalt und dunkel, tot und leblos vorkommen, meine Liebe ist dennoch stärker.

Die Lebendigkeit des göttlichen Kindes will uns anstecken. Sie bringt Abgestorbenes zum Blühen. In meinem, in jedem Leben gibt es tote Wurzelstöcke. Verlorene Hoffnungen und Träume. Abgestorbene Beziehungen und verlorene Liebe. Den Tod und den Abschied von geliebten Menschen. Verlorene Bedeutungen. Für das Abgestorbene in meinem Leben gibt es Hoffnung. Ich muss mich nicht damit abfinden oder es mit künstlichem Optimismus verschleiern. Die Botschaft der Heiligen Nacht heißt: Abgestorbenes blüht auf und wächst, weil das Leben und die Liebe stärker sind als der Tod. Und der Himmel klart auf. Gott gewährt mir einen Blick in seine Ewigkeit. Die Rose ist das Zeichen dafür, wie sehr Gott seine Welt liebt.

Und das ist erst der Anfang. Die Lebendigkeit des Kindes will zur Blüte kommen und mich zur Blüte bringen, so wie sie Maria zur Blüte gebracht und die Hirten angesteckt hat. Die Lebendigkeit des göttlichen Kindes will sich in mir entfalten und weiterwachsen. Sie will mir den Weg ins Leben zeigen. Der Künstler hat den abgestorbenen Wurzelstock wie geöffnete Hände gestaltet. Vielleicht muss das Abgestorbene erst geöffnet werden, damit etwas neues wachsen kann. Vielleicht muss das Tote erst als Totes wahrgenommen, der Schmerz erst ertragen werden. Und dann kann die Zusage richtig gehört werden: Die Rose wächst, gegen alle menschliche Wahrscheinlichkeit, weil Gott sie wahrlich scheinen lässt. Die Rose wächst inmitten des grauen Schattens. In diesem Kind in der Krippe hat Gott sein Dennoch gesprochen. Sein Dennoch gegen den Tod und den Schmerz, sein Dennoch gegen alles, was abgestorben ist und schon lange nicht mehr weiter wächst. Auf Gottes Dennoch zu vertrauen und die blühende Rose in uns willkommen zu heißen und wachsen zu lassen, dazu helfe uns Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

 



Pfarrerin PD Dr. Sibylle Rolf
69117 Heidelberg

E-Mail: sibylle.rolf@wts.uni-heidelberg.de

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