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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2.Weihnachtstag, 26.12.2012

Predigt zu Jesaja 11:1-9, verfasst von Martin Schewe

 

 „Was allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war"

Worüber wir uns zu Weihnachten freuen können, liebe Gemeinde, wollen wir uns mit Hilfe des Propheten Jesaja klar zu machen versuchen. In seinem Buch steht:

„Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn. Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des Herrn. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften. Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter. Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des Herrn sein, wie Wasser das Meer bedeckt.“

 

(1) Vom Paradies, liebe Gemeinde, können wir nur in Bildern sprechen, denn das Paradies ist noch nicht da. Wir haben keine Erfahrungen mit dem Paradies und keine Erinnerungen daran, höchstens große Erwartungen. Das Paradies wird anders sein als alles, was wir kennen. Nur so viel können wir wissen: Wenn es kommt, wird das Paradies mehr und schöner sein als unsere Erfahrungen und Erinnerungen, mehr und schöner als die größten Erwartungen. Damit wir überhaupt vom Paradies sprechen können, sind wir daher auf Bilder angewiesen; Bilder aus einer schon vergessenen Kindheit vielleicht und von einer Heimat, von der wir bisher nur geträumt haben; Bilder, die uns das Unbekannte, Unerhörte, Ungeheure ausmalen, so gut sie eben können, und uns zugleich zeigen: Das ist noch nicht alles, was kommt, wenn das Paradies kommt; Bilder für etwas, wofür es noch keine Bilder gibt. Wie die Bilder beim Propheten Jesaja.

Seine Bilder malen uns einen neuen Isai-Sohn aus, einen zweiten König David, und wie er über Israel herrscht. „Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des Herrn. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften.“ Ein solcher König ist viel, aber die Bilder beim Propheten Jesaja gehen noch weiter und zeigen uns zugleich: Der neue König ist noch nicht alles, was kommt, wenn das Paradies kommt. Die Bilder zeigen uns eine neue Schöpfung. „Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter.“ Bilder von der Versöhnung, von einer Welt ohne Gewalt und Angst; Bilder für etwas, wofür es noch keine Bilder gibt.

Trotzdem hat es etwas zu bedeuten, dass im Buch Jesaja gerade diese Bilder stehen. Es hat etwas zu bedeuten, wenn es von dem erhofften König heißt: „Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande.“ Zum Paradies, bedeutet das, gehört die Gerechtigkeit, wirkliche Gerechtigkeit, und zur wirklichen Gerechtigkeit gehört die Parteinahme für die Schwachen. Und es hat etwas zu bedeuten, dass sich die Bilder nicht auf den Wunsch nach einem gerechten Herrscher beschränken, sondern die neue Schöpfung beschwören, in der Kühe und Bären zusammen weiden und die Löwen Stroh fressen wie die Rinder. Das sind Bilder vom Frieden. Auch er gehört zum Paradies: wirklicher Friede, Friede ohne Ende. Die Bilder bedeuten etwas, aber sie bleiben Bilder. Den wirklichen Frieden und die wirkliche Gerechtigkeit kennen wir noch nicht. Das Paradies wird immer noch mehr und noch schöner sein.

 

(2) Wir wollten uns mit Hilfe des Propheten Jesaja klar zu machen versuchen, worüber wir uns zu Weihnachten freuen können. Dazu möchte ich Jesajas Bilder  mit einer anderen Vorstellung vom Paradies vergleichen. Auch dort geht es um Gerechtigkeit und Frieden. Aber in einem wichtigen Punkt unterscheidet sich die andere Paradies-Vorstellung von der im Buch Jesaja. Ich glaube, auf diesen Punkt kommt es zu Weihnachten besonders an. Sehen Sie selbst, liebe Gemeinde.

In seinem monumentalen Buch „Das Prinzip Hoffnung“ – drei Bände, 1628 Seiten – geht der Philosoph Ernst Bloch den Spuren des Paradieses nach. Ernst Bloch sieht es schon anbrechen. In der Kunst, in Märchen und Mythen, in Religion und Philosophie zeige es sich bereits und verspreche, einmal ganz da zu sein. Einen Satz aus dem Buch möchte ich Ihnen vorlesen, den allerletzten. Ganz am Ende der 1628 Seiten schreibt Ernst Bloch: „Hat [der Mensch] sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

 

Vom Paradies können wir nur in Bildern sprechen. Deshalb spricht auch Ernst Bloch in Bildern. Das ist das Erste, was mir an seinem Schlusssatz auffällt. Das Bild von der Heimat, in die wir zurückkehren, obwohl wir niemals dort waren, soll das Unvorstellbare vorstellbar machen, das Unanschauliche anschaulich. Zweitens fällt mir auf: Wo Jesaja auf einen neuen König hofft, spricht Ernst Bloch von „realer Demokratie“. Das ist natürlich nicht dasselbe. Wie auch immer Bloch sie sich vorstellt, von Demokratie kann Jesaja noch nichts wissen. Dennoch kommt es beiden auf dasselbe an: die wirkliche Gerechtigkeit. Und drittens teilt Ernst Bloch die Erwartung einer neuen Schöpfung. Ein paar Sätze zuvor schreibt er, dass die Geschichte noch gar nicht angefangen hat und die Erschaffung der Welt erst bevorsteht. Jetzt erfahren wir, wann das sein wird: wenn der Mensch „das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet“. „Ohne Entäußerung und Entfremdung“ heißt: Der Mensch, jeder Mensch, kann ganz er selbst sein. Erst dann beginnt die Welt, so wie sie sein soll: wenn wirklich Friede herrscht. Bloch könnte auch sagen: wenn Kühe und Bären zusammen weiden und die Löwen Stroh fressen wie die Rinder.

 

(3) Ich finde, das sind deutliche Übereinstimmungen zwischen dem Buch Jesaja und Blochs „Prinzip Hoffnung“. Es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten, vor allem dass die beiden Autoren das Paradies nicht bloß für einen frommen Wunsch halten, sondern fest damit rechnen, dass es wirklich kommt. Nicht umsonst galt auch der Philosoph einmal als ein Prophet und genoss unter Theologen große Achtung. Heutzutage wird Bloch viel weniger gelesen, wahrscheinlich nicht nur deshalb, weil drei Bände und 1628 Seiten sehr lang sind. Der Optimismus, mit dem Ernst Bloch in die Zukunft blickt, scheint uns fremd geworden zu sein. Damit erhebt sich allerdings die Frage, ob das nicht genauso für den Optimismus Jesajas gilt – ob womöglich auch er nicht mehr recht zeitgemäß ist. Wir sind damit bei den Unterschieden zwischen den Bildern vom Paradies bei Jesaja und Ernst Bloch und bei der Weihnachtsfreude. Beginnen wir wieder mit Jesaja. Er lässt am Ende Gott selbst das Wort ergreifen. „Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge“, sagt Gott bei Jesaja; „denn das Land wird voll Erkenntnis des Herrn sein, wie Wasser das Meer bedeckt.“

Auch hier sind sich die beiden Propheten zunächst einig. Beide sehen nämlich einen Zusammenhang zwischen dem Paradies, das kommt, und unserem Handeln. Wenn es kommt, das Paradies, und die Welt verwandelt, dann sind auch wir verwandelt. Darum schreibt Jesaja: „Man wird nirgends Sünde tun noch freveln“; und noch einmal Ernst Bloch: „Hat [der Mensch] sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

 

Der Unterschied besteht in der Reihenfolge – was zuerst kommt: erst das Paradies und die Verwandlung der Welt oder erst unser Handeln und unsere eigene Verwandlung. Für Ernst Bloch stehen wir am Anfang. Erst schafft der Mensch Gerechtigkeit und Frieden. Dann beginnt das Paradies, die Heimat, in der noch niemand war. Ernst Bloch erwartet die neue Schöpfung von uns. Bei Jesaja ist es umgekehrt. Hier steht das Paradies am Anfang. Wenn es da ist, werden wir endlich wissen, was wir zu tun haben, „denn das Land wird voll Erkenntnis des Herrn sein, wie Wasser das Meer bedeckt.“ Bloch setzt auf uns, Jesaja auf Gott. Er wird die Welt neu machen, gerecht und friedlich. Wir brauchen uns das Paradies nicht zu erarbeiten. Zu Weihnachten wird es uns geschenkt.

 

(4) Worüber wir uns freuen können, wollten wir wissen. Noch können wir nur in Bildern davon sprechen, liebe Gemeinde. Mir kommen die Bilder Jesajas realistischer vor. Ernst Bloch traut uns viel zu – viel zu viel, finde ich. Wir werden es nicht schaffen, das Paradies auf die Erde zu holen. Wenn wir es versuchen, wird alles höchstens noch schlimmer. Bevor wir handeln, muss Gott an uns handeln. Nicht, dass es bis dahin gar nichts zu tun gäbe. Gerechtigkeit und Friede zählen jetzt schon. Aber die wirkliche Gerechtigkeit und den wirklichen Frieden

kennen wir noch nicht. Sie werden mehr und schöner sein als alles, was wir kennen und können. Wir dürfen uns überraschen lassen.

 

Denn beim Propheten Jesaja verspricht Gott, wie es einmal sein wird. „Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern.“ Bilder für etwas, wofür es noch keine Bilder gibt. In Gottes Versprechen sind sie schon wahr, unbekannt, unerhört, ungeheuer, aber schon wahr – wie in dem Kind in der Krippe Gott selbst schon da ist.

Amen

 



Pfarrer Dr. Martin Schewe
Gütersloh
E-Mail: marschewe@yahoo.de

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