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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2.Weihnachtstag, 26.12.2012

Predigt zu Jesaja 11:1-9, verfasst von Stefan Knobloch

 

„Ein Reis wächst"

In welch verträumte Welt entführt uns das 11. Kapitel aus dem Buch Jesaja, so könnten wir fragen? Passt es sich dem anheimelnden Klang der Weihnachtsglocken an, die in diesen Tagen den Frieden verkünden? Passt es sich den Weihnachtsbotschaften und Jahresrückblicken an, die sich alle als Mutmacher geben? Und nun bemächtigen sich dessen auch unsere Gottesdienste?

Es mag etwas dauern, bis uns die Sätze aus Jesaja 11 ansprechen. Die ersten verfangen bei uns wohl eher nicht: ein Baumstumpf Isais, ein junger Trieb, auf dem sich der Geist niederlässt. In sechsfacher Ausfaltung, als Geist der Weisheit, der Einsicht, des Rates, der Stärke, der Erkenntnis und der Gottesfurcht. Doch alsbald folgen Sätze, die uns ansprechen, Bilder, wie sie das Leben nicht kennt: ein Lamm beim Wolf, ein Panther bei einem Böcklein, ein Löwe bei einem Kalb. Und dieses ganze Ensemble hütet ein Knabe! Ein Stroh fressender Löwe, ein unbesorgter Säugling vor dem Schlupfloch einer Natter, ein Kind, das seine Hand arglos in das Höhlenversteck einer Schlange steckt. Bilder, die für eine einzige Aussage stehen: Man tut nichts Böses mehr, man begeht keine Verbrechen mehr. Zu schön, um wahr zu sein. Man möchte an einen Satz denken, der in der Esoterikwelt beheimatet ist: „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum!"

Worum handelt es sich in Jesaja 11? Wird uns hier etwas vorgemacht, das in der Realität des Lebens keine Chance hat? Es handelt sich um einen jüdischen Verheißungstext, der an verblasste kollektive Erwartungen anknüpft und diese Erwartungen wieder mit Leben füllen will. An das davidische Königshaus hatten sich über Generationen höchste Erwartungen geknüpft. Erfüllt hatten sie sich nicht. Sie waren verblasst. Das davidische Geschlecht hatte enttäuscht, man traute ihm nichts mehr zu. Von ihm war nichts mehr zu erwarten. In dieser Situation einer kollektiven Ödnis erhebt sich Jesaja 11. Es nimmt seinen Ausgang bei Isai, beim Vater Davids. Es verweist auf das weiter bestehende Hoffnungspotenzial, das sich mit diesem Geschlecht verbinde. Aus diesem Geschlecht werde einer hervorgehen, der anders ist als alle anderen. Er werde vielfach vom Geist Gottes erfüllt. Und die Gaben des Geistes werden der Reihe nach aufgezählt: der Geist der Weisheit, der Geist der Einsicht, der Geist des Rates, der Geist der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Geist der Gottesfurcht Mit diesem kommenden Spross werde sich alles ändern: Dann nämlich werden die friedlichen Bilder vom Wolf beim Lamm, vom Panther beim Böcklein, vom Kind vor dem Schlupfloch der Natter wahr. Für das gläubige Judentum sind das bis heute unerfüllte, aber gültige Verheißungsworte, die sich mit dem Kommen des Messias erfüllen sollen.

Das Christentum aber, bleibend im Judentum wurzelnd und aus ihm hervorgegangen, sieht diesen Jesajatext im menschgewordenen Sohn Gottes, in Jesus von Nazaret, in seinem Leben, in seinem Tod, in seiner Auferstehung in einem eschatologisch-endzeitlichen Sinn als erfüllt an. Wobei sich das Christentum dabei nicht nur auf diese eine Person, auf den, wie wir heute am 2. Weihnachtstag sagen, Neugeborenen, kapriziert. Ihm gleichsam wie einem Traum anhängend, der wohl begonnen haben mag, sich aber nicht erfüllt. Wir kaprizieren uns nicht auf diese eine Person, schon gar nicht, wozu uns der Blick auf die Krippe verführen könnte, auf sein damaliges Leben, das in einem schrecklichen Tod endete. Wir haben ihn als Lebenden, als Auferstandenen, als bei Gott Transzendenten und gleichzeitig unserer Welt Immanenten, als jedem Augenblick, jeder Zeitstunde der Welt Gegenwärtigen vor uns. Sein Geist, seine ununterbrochene Gottesbeziehung ist in seiner Auferstehung für uns präsent geworden, sie durchflutet unser Leben.

Die Apostelgeschichte skizziert diese Erfüllungsgeschichte - ganz wörtlich verstanden: die Menschen als vom Geist Gottes Erfüllte, an denen sich nicht nur etwas erfüllt hat, sondern die von Gott erfüllt sind -, die Apostelgeschichte hat diese Erfüllungsgeschichte in das Bild der Geistsendung gefasst. In den Geist der Vielfalt, der auf die Jünger herabkam, der sie befähigte, den Menschen die Präsenz Gottes im Auferstandenen über alle sprachlichen, kulturellen und religiösen Differenzen hinweg nahe zu bringen, so dass ihnen der Auferstandene zu Herzen ging. Nicht dass damit die Bilder von Jesaja 11 erfüllt gewesen wären, aber den Menschen war aufgegangen, dass der Auferstandene die bestimmende Größe ihres Lebens geworden war und bleiben sollte, von der her sie die Bilder der Harmonie, die Bilder des um sich greifenden Friedens in ihrem Leben realisieren sollten. Und sie sollten sich an der Präsenz des Auferstandenen aufrichten, wenn sie vor dem Scherbenhaufen der Zerstörung, der Gewalt, der Entfremdung, der Feindschaft, der Umweltzerstörung, des Welthungers, des Terrors stehen würden.

Weihnachten ist kein Fest nur für ein paar Stunden. Weihnachten will uns nicht einlullen, in einer Einlullung, die uns unempfindlich macht gegenüber den grausamen Seiten des Lebens. Weihnachten will uns auf das Dann des Jesajatextes festlegen, dass sich alles aus der Kraft der Geistesgaben unter den Menschen zu ändern beginnt. Nicht, weil die Menschen es letztlich von sich her könnten, sie müssten nur macherisch in die Hände spucken. Nein, dann hätten sie das Dann des Jesajatextes nicht begriffen. Es wäre dann ein Dann, das auf ihren eigenen Entschluss zurückginge. Das Dann des Jesajatextes aber entspringt der Realisierung, dass Gott in seinem Auferstandenen die Welt mit dem Geist der Weisheit, der Einsicht, des Rates, der Stärke, der Erkenntnis und der Gottesfurcht durchwirkt. Wir erliegen nicht einer fromm herbeiphantasierten Vorstellung, wir sind tatsächlich von Gott ausgestattet, unser Leben nach dem Maß der Jesaja-Bilder zu gestalten. Das wird von uns her immer wieder schief gehen, aber die Welt nimmt längst den im Auferstandenen realisierten Lauf. Schließen wir uns diesem Lauf an. Gerade, wenn wir in diesen Tagen im Lied immer wieder singen: Es ist ein Reis entsprungen, aus einer Wurzel zart.

 



Prof. Dr. em. Stefan Knobloch
94036 Passau
E-Mail: dr.stefan.knobloch@t-online.de

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