Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2.Weihnachtstag, 26.12.2012

Predigt zu Jesaja 11:1-9, verfasst von Hans-Otto Gade

Der Traum der Gerechtigkeit

 

Liebe Gemeinde,

am 21. Dezember sollte die Welt untergehen - so haben viele vermutet. Am 21.12.12 sollte alles zu Ende sein - angeblich habe der alte Maya-Kalender darauf hingewiesen.

Lustiger Weise haben sich tatsächlich viele Menschen für diesen schrecklichen Tag mit Lebensmitteln und Getränken eingedeckt. Man weiß ja nie was an so einem Tage wirklich passiert!

Die Welt ist nicht untergegangen, und auch der Maya-Kalender hat ja keinen Weltuntergang prophezeit, sondern nur auf eine Zeitenwende hingewiesen.


So eine Zeitenwende feiern wir in diesen Tagen in jedem Jahr neu. Weihnachten ist eine Zeitenwende. Weihnachten feiern wir die Geburt Jesu Christi, die Geburt des Sohnes Gottes, die Geburt des Heilandes aller Welt, die Geburt des Friedenskönigs.


Weihnachten beginnt etwas Neues, Weihnachten ist der Anfang einer neuen Zeit. Völlig richtig wird Weihnachten das „Fest der Liebe" genannt. Aber es ist ein anderes „Fest der Liebe", als uns Verkaufsstrategen des Weihnachtsgeschäfts erzählen wollen.

Mit dem Weihnachtsfest ist die Botschaft der Liebe Gottes in die Welt gekommen. Ganz handgreiflich in einem kleinen Kind in der Krippe zu Bethlehem.

Die Engel auf dem Felde bei Bethlehem verkünden den Hirten in jedem Jahr immer wieder neu: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallens.

Und doch wissen wir: Von diesem Frieden sind wir weit entfernt. Noch nicht einmal im heutigen Bethlehem im Lande der Palästinenser herrscht Frieden - höchstens an den Weihnachtsfeiertagen, an denen sich Christen vieler Kirchen am überlieferten Ort der Geburt Jesu versammeln.


Die Botschaft von der Liebe Gottes und dem Frieden Gottes muss immer wieder neu verkündet werden, weil wir noch weit entfernt sind vom Frieden und von der Liebe. Es scheint so, als wäre die Verkündigung der Botschaft von Weihnachten über zwei Jahrtausende wirkungslos geblieben.


Ein Lied in unserem Gesangbuch (Nr. 617) beschreibt unsere Welt so:


Unfriede herrscht auf der Erde,
Kriege und Streit bei den Völkern
Und Unterdrückung und Fesseln
Zwingen so viele zum Schweigen.


Sollen wir deswegen resignieren und die Hände in den Schoß legen? Sollen wir es aufgeben, von Weihnachten zu erzählen? Sollen wir aufhören, die Botschaft des Friedens und der Liebe weiter zu sagen?

Nein und nochmals nein!

Gerade wir Christen haben die Aufgabe, die Botschaft der Liebe Gottes zu allen Menschen und die Botschaft des gottgewollten Friedens in die Welt hinein zu rufen. Und zu diesem gottgewollten Frieden gehört als Voraussetzung die Gerechtigkeit für alle Menschen!

Über allem Unfrieden und Krieg und aller Unterdrückung und Ungerechtigkeit muss immer wieder die Zusage des Friedens Gottes stehen.

Genauso, wie es der Refrain des gerade begonnenen Liedes sagt:


Friede soll mit euch sein,
Friede für alle Zeit!
Nicht so, wie ihn die Welt euch gibt,
Gott selber wird es sein!


Wir wissen: Auch im nächsten Jahr werden wir - so Gott will - wieder die Botschaft vom Frieden und von der Liebe in eine friedlose und lieblose Welt hinaus rufen.

Und im Jahr drauf wieder.

Und wieder, und wieder und wieder.

Wir jagen einer Utopie nach, richtig. Aber wer keine Ziele hat, keine Träume, der hat doch schon aufgehört, wirklich zu leben!


Auch der Prophet Jesaja hat eine Utopie aufgeschrieben. Einen Traum von einem tiefen, unendlichen, allumfassenden Frieden. Einen Traum von einer lang ersehnten Gerechtigkeit.

In diesem Gedicht des Jesaja, das er vor zweieinhalbtausend Jahren aufgeschrieben hat, in diesem Gedicht werden Zustände geträumt, die unmöglich sind - nach unserer Erfahrung.


Und doch: Diese Traum des Jesaja ist für uns Christen auf engste verbunden mit dem Weihnachtsfest, weil in Jesus Christus ein Stück dieses Traumes wahr geworden ist.


Ich lese Ihnen jetzt dieses Gedicht des Jesaja vor. Es steht im 11. Kapitel seines Prophetenbuches:


1 Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.

2 Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.

3 Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören,

4 sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten

5 Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften.

6 Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben.

7 Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder.

8 Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter.

9 Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein, wie Wasser das Meer bedeckt.


Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen...


Wir alle kennen das Weihnachtslied, das nach diesem Prophetenwort gedichtet worden ist. Wir alle singen am Heiligen Abend und an den Weihnachtsfeiertagen das Lied, das zu dem selbstverständlichen Repertoire eines jeden Kirchenchores gehört:


Es ist ein Ros entsprungen
Aus einer Wurzel zart.
Wie uns die Alten sungen,
von Jesse kam die Art.
Und hat ein Blümlein bracht,
mitten im kalten Winter,
wohl zu der halben Nacht.


Wie oft haben wir dieses Lied gesungen und diese Weissagung des Jesaja am Heiligen Abend gehört und gelesen! Isai - das ist der Vater des legendären Königs David. Und aus diesem Stamm soll ein Nachfolger kommen; ein gerechter und weiser König. Er wird mit nur mit der Kraft seines Wortes für die Gerechtigkeit einstehen. In seiner Zeit werden geradezu paradiesische Verhältnisse herrschen - ohne Gewalt, ohne Angst, ohne Gottesferne.


Ein schöner Traum! Eine Utopie, so unwirklich, so unmöglich und gleichzeitig so schön.

Ein Leben in diesem Frieden, in diesem Paradies - das wär was!

Doch Utopien sind der Beginn einer Veränderung! Utopien sind der Anfang einer neuen Welt.


Jesaja schreibt:

Er wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten

5 Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften.


Gerechtigkeit ist das Thema dieses Prophetenwortes. Gerechtigkeit ist das beherrschende Thema unserer Zeit. Und immer mehr Menschen setzen sich dafür ein, dass andere Menschen gerecht behandelt werden. Gerechtigkeit für mich selbst, aber auch für Andere! Das ist das Neue, das auch aus christlicher Sicht Bedeutsame: Immer mehr Menschen denken nicht nur an sich selbst, sondern haben auch das Wohl und Wehe Anderer im Blick!

Immer mehr Menschen beklagen die Ungerechtigkeit, die über Menschen hinweg geht, als seien sie nur Nummern. Ein paar Beispiele für ungerecht Behandelte:

Die Arbeitnehmer, die wegen des Aktienkurses und der Finanzkrise und zugunsten überhöhter Manager-Gehälter auf die Straße gesetzt werden.

Die sozial schwachen Familien, die von Steuern und Abgaben ganz besonders getroffen werden.

Die Langzeitarbeitslosen, die unser so genannter Arbeitsmarkt wie verdorbene Ware abgeschrieben hat.

Die alten Frauen, die ihr Leben lang für die Familie und in schlecht bezahlten Berufen gearbeitet haben und nun am Rande des Existenzminimums leben müssen.


Diese Liste lässt sich fast bis ins Unendliche fortsetzen. Aber wir werden frei von der Ungerechtigkeit! Gerade zu Weihnachten, an dem Fest der Liebe werden wir frei, die Ungerechtigkeit in diesem, unseren Lande eben nicht als ein Naturgesetz hinzunehmen!

Gott selbst erlöst uns von dem Zwang, nur auf den eigenen Vorteil zu sehen.


Und da bleibt der Traum des Jesaja nicht mehr unerreichbare Utopie, sondern fängt an, Wirklichkeit zu werden! Das beginnt dort, wo alle, die sich eine Weihnachtskrippe anschauen und dort arme Hirten und reiche Könige einträchtig nebeneinander sehen.

Vor der Krippe von Bethlehem gibt es keine Unterschiede! Und wenn wir alle Jahre wieder dieses Fest der Liebe und des Friedens feiern, dann heißt das für uns: wir geben dieses Geschenk der Liebe, des Friedens und der Gerechtigkeit weiter: In unseren Familien, in unserer Stadt, in unserem Land.

Augen auf und Hinsehen! Ohren auf und Hinhören! Den Mund auf und Gerechtigkeit einfordern!

Denn: die Weihnachtsgeschichte zeigt uns sehr deutlich: Vor Gott sind alle Menschen gleich - dieses Kind in der Krippe von Bethlehem will, dass alle Menschen in gleicher Weise gerecht behandelt werden sollen. Andere - und selbstredend auch wir selbst! Jeder von uns hat ein Anrecht auf Gerechtigkeit!

Die Utopie des Jesaja, sein Traum von dem Frieden für die ganze Schöpfung und von der Gerechtigkeit für alle Menschen, diese Unmöglichkeit fängt durch Weihnachten an, Wirklichkeit zu werden.


Auch wir sind ein Teil dieser neuen Wirklichkeit, die in der Weihnachtsgeschichte sichtbar wird, weil auch wir heute gemeinsam mit den Hirten, mit den Königen, mit allen Christen an der Krippe stehen. Um den anzubeten, der zu uns kommt - als Heiland aller Welt!

Amen


Weihnachten

Jedesmal, wenn zwei Menschen einander verzeihen,
ist Weihnachten.
Jedesmal, wenn ihr Verständnis zeigt für eure Kinder,
Ist Weihnachten.
Jedesmal, wenn jemand beschließt, ehrlich zu leben,
ist Weihnachten.

 

Jedesmal, wenn ein Kind geboren wird,
ist Weihnachten.
Jedesmal, wenn du versuchst, deinem Leben einen Sinn zu geben,
ist Weihnachten.
Jedesmal wenn ihr einander anseht, mit den Augen
des Herzens, mit einem Lächeln auf den Lippen,
ist Weihnachten.

 

Denn es ist geboren die Liebe.
Denn es ist geboren der Friede.
Denn es ist geboren die Gerechtigkeit.
Denn es ist geboren die Hoffnung.
Denn es ist geboren die Freude.
Denn es ist geboren der Herr.



Pastor i. R. Hans-Otto Gade
Am Brack 22,
21614 Buxtehude
E-Mail: hans-otto.gade@ewetel.net

(zurück zum Seitenanfang)