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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Neujahrstag, 01.01.2013

Predigt zu Die Sprüche Salomos 16:1-9, verfasst von Sven Keppler

 

 

I. Als gestern Abend die Sonne unterging, sind sie wieder von Tür zu Tür gezogen: die ,Rummelpötte‘. Wie jedes Jahr am Silvesterabend im Norden von Schleswig-Holstein. Gruppen von Kindern, die seltsame Geräusche machen und ganz besondere Lieder dazu singen: „Fru, mok de Dör op, de Rummelpott will rin. Dor kümmt een Schipp ut Holland, de hett keen goode Wind."

Ich unterhalte mich mit einer Frau, die als Kind selbst Rummelpott gelaufen ist. Heute ist sie selber Großmutter. Sie erinnert sich an die Stunde, wenn es los ging: „Es musste auf jeden Fall schon mal dunkel sein. Und dadurch kriegte das immer diese Stimmung zwischen Tag und Abend. Nicht mehr ganz im hellen Bereich. Es ging darum, sich zu verkleiden, bei Nachbarn, bei bekannten Familien zu klopfen, ein Lied zu singen, Krach zu machen. Und vor allem einen Beutel dabei zu haben, den man anschließend aufhalten konnte, und dann kriegte man da was rein. Manchmal eine Apfelsine oder von den selbstgebackenen Keksen. Am allertollsten fand ich das bei Schlachter Mumm. Da gabs ein Würstchen."

Eigentlich ist der Rummelpott eine Dose, über die eine getrocknete Schweinsblase gespannt wird. Die Kinder bearbeiten sie mit einem Stöckchen oder einem Kochlöffel. So entstehen die unheimlichen, rummelnden Geräusche. Die Frau erzählt: „An diese Schweinsblasen ranzukommen war ja schon ein richtiges Kunststück. Und man musste auch was dafür bezahlen. Deshalb nahmen wir ersatzweise einen alten Kochtopf oder eine Blechtasse und einen alten Holzstock. Irgendwie wussten wir schon, Geräusche zu machen."

Die Lieder, die dazu gesungen werden, sind nicht zimperlich: „Hau de Kat den Schwanz aff, hau en nich to lang aff, lott'n lütten Stummel stohn, dat de Katt kann wiedergohn."

Vieles erinnert an Halloween: die dunkle Stunde, die umherziehenden Kinder, die lärmend etwas Süßes erbetteln. Auch bei den Rummelpötten kann es passieren, dass schlechte Geber ihre Strafe bekommen. Und auch bei diesem Brauch ist nicht so ganz klar, ob er eigentlich christlich ist oder nicht. Meine Gesprächspartnerin kann sich nicht daran erinnern, dass ihre Eltern den Brauch verboten haben - obwohl sie zur Landeskirchlichen Gemeinschaft gehörten und vieles nicht so locker sahen. Sie vermutet: „Vielleicht war das auch auch nicht gerade favorisiert. Ich kann das nicht beurteilen. Es war so ein bisschen in einer Grauzone. Und das machte es durchaus spannend."

Aber auch fromme Leute wie ihre Eltern konnten dem Brauch etwas abgewinnen: Sie nutzten die Gelegenheit zu einer guten Tat und waren bei armen Kindern besonders großzügig. Sie sagten dann: „Och, sind dat nicht die Petersens, die henn dat og nötig." Und dann gab es auch noch ein bisschen mehr als bei den anderen Kindern.

II. Liebe Gemeinde, mit den Bräuchen ist es wie mit den Sprichwörtern: Jede Gegend hat ihre eigenen. Sie leben davon, dass sie von Generation zu Generation weitergegeben werden. Wenn sie lustig sind oder eine tiefere Erkenntnis hintersinnig zum Ausdruck bringen - dann haben sie gute Chancen zu überleben. Und sich sogar weit zu verbreiten.

Auch in der Bibel gibt es eine Sprichwortsammlung. Geflügelte Worte stammen aus ihr, die bis heute im Umlauf sind. Zum Beispiel: „Der Mensch denkt, Gott lenkt." Bei Homer hieß es schon: „Der Mensch entwirft, und Zeus vollendet es anders." In der biblischen Sammlung, den ,Sprüchen Salomos‘, heißt es: Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.

Dieser Vers steht am Ende einer Gruppe von Sprichwörtern, die den heutigen Predigttext bildet. In deren Mitte gibt es einen Spruch, der das Motto der Eltern meiner Gesprächspartnerin gewesen sein könnte: Der Herr macht alles zu seinem Zweck, auch den Gottlosen für den bösen Tag.

Das Rummelpott-Laufen fanden sie nämlich durchaus problematisch. Verwurzelt in den heidnischen Bräuchen von Schleswig. Grusel und Spuk in den längsten, verwunschenen Nächten des Jahres. Aber die frommen Leute wollten nicht gegen den Brauch wettern. Vielleicht aus der klugen Einsicht heraus, dass ihre Worte dann sowieso ins Leere gelaufen wären.

Stattdessen haben sie die Sache für ihre Zwecke genutzt. Ihr Glaube sagte ihnen, dass sie die Ärmeren unterstützen sollen. Und sie wussten genau, wer unter den Rummelpottläufern oft nicht satt zu essen hatte. Denen gaben sie dann eine Extraportion und machten so den Spuk zum Segen.

III. Auch das folgende Sprichwort haben sie auf ihre Weise befolgt: Ein stolzes Herz ist dem Herrn ein Gräuel und wird gewiss nicht ungestraft bleiben. Wäre es nicht hochmütig gewesen, sich in frommer Selbstgerechtigkeit über die Bräuche der Kinder zu stellen?

Sicher, sie hätten im Hochgefühl ihres Glaubens sagen können: Wir durchschauen doch, was hier für ein Spiel getrieben wird. Die heidnischen Bräuche mit ihrem Kitzel leben fort. Sie kehren in den Kindern ungewollte Eigenschaften hervor: Habgier, Aggression, Ungehorsam. Sie führen dazu, dass die Jugendlichen mit Schabernack durch die Gegend ziehen, statt sich am Jahreswechsel eine Stunde der Muße zu gönnen und auf das vergangene Jahr zurück zu blicken.

Aber diese Eltern hatten vermutlich ein feines Gespür dafür, welcher Hochmut in solchen Gedanken steckt. Gepaart mit hölzerner Lebensfremdheit und Lieblosigkeit gegen die Kinder. Der Stolz der Ideologen, die allen anderen ihren Lebensentwurf aufzwingen wollen.

Ein stolzes Herz ist dem Herrn ein Gräuel - dieser Spruch ist zugleich eine Werbung für Liberalität und Milde. Stolz und Lieblosigkeit sind Geschwister. Deshalb ist unser liebevoller Gott ein Feind von Hochmut und Stolz.

IV. Durch Güte und Treue wird Missetat gesühnt, und durch die Furcht des Herrn meidet man das Böse. So lautet das nächste Sprichwort unserer Gruppe. Wieder eine Werbung für Milde und Nachsicht, wie der Spruch davor. Hier wird noch stärker sichtbar, dass ein großes Herz nicht mit Lauheit und Prinzipienlosigkeit verwechselt werden darf.

Den Eltern war nicht alles egal. Sie haben die Kinder nicht einfach schulterzuckend machen lassen. Sondern ihre kluge Weitherzigkeit war in einer tiefen Gewissheit verwurzelt. In ihrer Gottesfurcht. Sie waren überzeugt davon, dass sie aus der Sache das Beste machen wollten. Und das Beste war für sie: Helfen, ohne den anderen zu beschämen.

Hätten sie zu den Petersens gehen können und sie mit Almosen beschenken? Das wäre sicher zwiespältig gewesen. Sie waren ja selbst nicht reich. Wahrscheinlich hätte die arme, kinderreiche Familie dankend abgelehnt, weil sie sich durch den Großmut in ihrem Stolz verletzt gefühlt hätte. Aber wer konnte etwas gegen eine großzügige Rummelpottgabe sagen? Ganz im Gegenteil!

Liebe Gemeinde: Auch die folgenden Wörter leben aus demselben Geist. Zum Beispiel: Besser wenig mit Gerechtigkeit als viel Einkommen mit Unrecht. Oder auch am Anfang: Befiehl dem Herrn deine Werke, so wird dein Vorhaben gelingen.

V. Aus all diesen Sprichwörtern spricht für mich eine große Bescheidenheit. Eine Haltung, die im Wortschatz der Eltern noch einen Namen hatte: Demut. Mittlerweile hat sich der Klang dieses Wortes verschoben. Wir denken an demütigen: Jemand anderes beschämen. Oder sich selbst demütigen. Das klingt zerknirscht, unterwürfig, gebrochen. Demut wird dann schnell zum Kriechertum.

Damit ist dieses Wort wieder zu seinen heidnischen Anfängen zurückgekehrt. Denn im Althochdeutschen bezeichnete es die Haltung eines Dienenden. Und seine griechische Entsprechung meinte eine niedrige Gesinnung, Mutlosigkeit und Niedergeschlagenheit.

Im Christentum hatte die Demut jedoch eine große Blüte erlangt. Denn in ihr kam die Haltung zum Ausdruck, die aus unseren Sprichwörtern spricht: Eine tief verwurzelte Bescheidenheit, die nicht den eigenen Stolz über das Wohl der anderen stellt. Das Vertrauen, dass Gott alles zu einem guten Ziel führen wird. Und dass der größte Halt im Leben dort zu finden ist, wo man Gott fürchtet.

Demut ist dann nicht engherzig, sondern großherzig. Sie kann den anderen lassen, wie er ist. Und kann ihm sogar etwa Gutes tun, ohne sich damit aufzudrängen oder ihn zu beschämen. Diese Demut ist das Gegenteil von Verzweiflung. Während die anderen sagen: Ich kann ja doch nichts bewirken!, sagt der Demütige: Der Mensch denkt, Gott lenkt. Und diesem Gott will ich mich gerne anvertrauen. Amen.

 



Pfarrer Dr. Sven Keppler
33775 Versmold
E-Mail: sven.keppler@kk-ekvw.de

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