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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Neujahrstag, 01.01.2013

Predigt zu Die Sprüche Salomos 16:1-9, verfasst von Thomas Bautz

 

Des Menschen sind die Pläne des Herzens, doch vom Herrn kommt, was die Zunge spricht.
Alle Wege eines Mannes sind rein in seinen Augen, doch es prüft der Herr die Geister.
Roll auf (wie eine Buchrolle) zum Herrn deine Taten, so haben Bestand deine Gedanken!
(Wälze IHM zu deine Taten, und aufgerichtet werden deine Pläne.)

Alles hat der Herr geschaffen zu seinem Zweck - selbst den Frevler für den Tag des Unheils.
Ein Greuel dem Herrn ist jeder Hochmütige. Die Hand drauf - er bleibt nicht straflos!

Durch Liebe und Wahrheit wird Schuld verziehen; durch Gottesfurcht meidet man das Böse. Wenn der Herr Wohlgefallen hat an den Wegen eines Mannes, dann läßt er auch seine Feinde Frieden mit ihm schließen. Besser wenig mit Gerechtigkeit als ertragreich mit Unrecht.

Des Menschen Verstand plant seinen Weg, doch der Herr lenkt seinen Schritt.

 

Liebe Gemeinde!

Zum Allerweltsspruch ist der letzte Gedanke geronnen und stellt vielleicht noch einen Teil der Volksweisheit dar: „Der Mensch denkt, und Gott lenkt."

Im Lateinischen: „Homo proponit, sed Deus disponit" (Der Mensch schlägt vor, aber Gott verfügt) und „Homo cogitat, Deus iudicat" (Der Mensch denkt, Gott richtet).

Im Französischen und Englischen: „L'homme propose et Dieu dispose" bzw. „Man proposes, God disposes."

Ich muss zugeben, dass mir diese und ähnliche weisheitlichen Worte aus der Bibel immer „einleuchteten". Das ist heute nicht mehr der Fall. Die Ehrfurcht vor dem, was Protestanten zu ihrem „Zentralheiligtum" erklärten, vor den Heiligen Schriften, dogmatisch gar noch „Wort Gottes" genannt - diese Ehrfurcht ist einem kritischen, realistisch denkenden Geist gewichen.

Es gibt im Grunde keine allgemein gültige Interpretation. Diskussionen unter Rabbinern wie auch unter Schülern werden nüchtern, hitzig und witzig (mit Humor) geführt. Man nimmt die Auslegung der altehrwürdigen Überlieferung sehr ernst, aber nicht zu ernst - vor allem nicht sich selbst. Diesen freiheitlichen Umgang mit der Tradition vermisse ich manchmal.

Nach fast dreißig Dienstjahren erlebe ich immer noch eine Riesendiskrepanz zwischen dem, was ich a) mir aus Interesse und oder dienstlicher Notwendigkeit erarbeite, b) was ich davon (eher selten) mit Kollegen austauschen kann, c) was mir die Gottesdienstordnung einer Gemeinde vorgibt (bei der EKiR sehr unterschiedlich) und d) was sich oftmals bei Hausbesuchen oder (manchmal) nach Gottesdiensten in Gesprächen ergibt.

Größtmögliche, nicht uneingeschränkte Freiheit gibt es nur bei der Predigt. Die inhaltliche Gestaltung der Liturgie ist viel freier geworden, enthält aber immer noch sprachlich und gedanklich Unzumutbares.

 

Vielleicht brauchen Sie auch ein wenig Mut - damit sind Sie nicht allein. Was meinen Sie, wie viel Kraft es mitunter kostet, als Prediger zu dem zu stehen, was man wirklich denkt!

Traurig, aber wahr!

„Der Mensch denkt, und Gott lenkt."

Nun gehören Denken und Handeln zusammen, zumindest sollte es so sein. Freilich können wir Menschen „kopflos", also überstürzt handeln. Wie auf der anderen Seite unser Denken total im Theoretischen versanden kann und unpraktikabel bleibt.

Deshalb ist es immer gut, wenn Menschen im Team arbeiten: Besonnene, Bedächtige, gute Theoretiker einerseits und Handlungsfreudige, Spontane, Pragmatiker andererseits. Praktiker und Theoretiker werden viel zu oft gleichsam gegen einander ausgespielt: die einen werden z.B. als verträumte, realitätsferne Typen und die anderen als ungebildete, reine Malocher hingestellt. Dadurch haben sich Klischeevorstellungen gebildet, die schon lächerlich sind.

Da also Denken und Handeln eine Einheit beim Menschen darstellen (sollen), wozu bedarf es dann eines „Gottes"? (Achtmal wird in Prov 16,1-9 der Gottesname „adonaj" genannt.)

Wenn tatsächlich eine Gottheit oder „der Herr" den Menschen lenkte, erinnert mich das - schon sprachlich - an Marionetten. Christen hingegen beteuern, „Gott" ließe dem Menschen seine Freiheit, weil er („der Herr") eben keine Marionetten, sondern freie Wesen wolle.

Dieser Gedanke spielt meist eine tragende Rolle in Gesprächen, in denen Menschen mutig ihre Zweifel gegenüber einem althergebrachten, letztlich doch unreflektierten „Gottesbild" äußern: „Gott" als Allmächtiger, Allwissender, Allgegenwärtiger, Gütiger, Liebender - und das millionenfache Leid von Mensch und Tier.

Wenn „Gott" (das vorherrschende Gottesbild) dem Menschen die Freiheit gibt zu morden, zu vergasen, zu erschießen, zu hängen, auszurotten, zu zerstören, das Schwache zu verachten, zu quälen, zu foltern, zu vergewaltigen, Kinder zu missbrauchen u.v.a. - was bedeutet das im Umkehrschluss?!

Dieser „Gott" leistet sich die Freiheit, nicht einzugreifen - noch nicht einmal um den Kindern herauszuhelfen! Ein solcher „Gott" ist pervers, sadistisch, grausam, „eichmannisch" - diesen Ausdruck prägte ein israelischer Psychiater, der Adolf Eichmann im Gefängnis 1961 untersuchte und trotz jahrzehntelanger Erfahrung kein vergleichbares Phänomen und somit auch keinen Ausdruck für das gefühllose, planvolle, unstillbare Morden fand.

Ich finde es erschreckend, dass man es - bis auf eine relativ kleine Schar von Intellektuellen, größtenteils Überlebende der Shoa, - im Wesentlichen unterlassen hat, in der Tiefe sich mit „Auschwitz" auseinanderzusetzen, es auszuloten. Und damit fehlte auch die Bereitschaft, ganz ehrlich, offen und selbstkritisch herkömmliche Gottesbilder zu hinterfragen.

Es gibt nur ganz wenige Belege für die Vorstellung, dass „Gott" auch das Böse geschaffen habe, z.B. in Prov 16,4. Dort zwar nur indirekt, aber nicht weniger aussagekräftig:

„Alles hat der Herr geschaffen zu seinem Zweck - selbst den Frevler für den Tag des Unheils.

Ein Greuel dem Herrn ist jeder Hochmütige. Die Hand drauf - er bleibt nicht straflos!"

„All"-Aussagen sind stets verdächtig, man verwendet sie in der Logik, wo sie keinen Schaden anrichten. „Alles hat der Herr geschaffen ..." - ein allmächtiger Gott? Alles geschaffen „zu seinem Zweck - selbst den Frevler für den Tag des Unheils."

Zu wessen Unheil? Zu dem des Frevlers oder zu dem eines Opfers einer Freveltat?

„Hochmut" und „Demut" standen im Judentum wie später auch im Christentum immer hoch im Kurs: wesentliche Aspekte menschlichen Verhaltens und moralischer Einstellung.

Wie häufig bei polaren Begriffsbildungen wurde damit viel Leid erzeugt. Kreative, begabte Menschen aus unteren Gesellschaftsschichten mussten oft ihre Fähigkeiten verstecken; man sagte ihnen: Bleib demütig! Weniger oder gar gering begabte Menschen aus der Oberschicht schafften es mit entsprechender herrschaftlicher Unterstützung in eine höhere Position. Statt Dankbarkeit entwickelte sich oftmals Hochmut. (Diese Beispiele sind natürlich grobe Vereinfachungen.)

Eine hilfreiche Erklärung dieser missbräuchlich verwendeten Begriffe fand ich bei einem christlichen Sprachphilosophen (Friso Melzer - in meinen Worten):

Erhabenheit ist dem Menschen gegeben, damit die Demut nicht zur Unterwürfigkeit, zum Kriechertum entartet. Demut ist ihm gegeben, damit die Erhabenheit nicht zum Hochmut wird.

Bis in den heutigen christlichen Sprachgebrauch finde ich manchmal die Behandlung von „Stolz" und „Hochmut" als Synonyme! Du darfst nicht stolz sein auf deine Leistungen - es ist „alles vom Herrn". Mich hat solch ein abstruses Denken noch bis in die ersten Berufsjahre begleitet. Versteckter Hochmut ist dann meist die Folge: Ich darf es zwar nicht zeigen, aber eigentlich bin ich besser als Ihr!

Auch das Streben nach „Demut" hat mein Leben lange Zeit begleitet. Die Folge war ein tief sitzender Minderwertigkeitskomplex und später Depressionen.

Ich habe lange Zeit Menschen um ihr gesundes Selbstbewusstsein beneidet und ihren berechtigten Stolz auf ihre Geschicklichkeiten, Gaben oder auch ihre Familie bewundert. Ich vermochte immerhin, andere Menschen zu fördern und zu unterstützen. Nur ich selbst war wie gefangen.

Inzwischen bin ich zwar kein völlig anderer Mensch, aber ich kenne meine Grenzen u n d meine Stärken! Nach wie vor finde ich es allerdings nicht einfach, im kirchlichen Kontext über scheinbar „Selbstverständliches" wie etwa „Gottesbilder" zu reden oder zu schreiben.

Ich versuche es einmal mit Künstlern und Denkern, die mir viel bedeuten. Ich möchte uns dazu anregen, künftig bescheidener von „Gott", aber offener und mehr vom Menschen reden.

Vincent van Gogh:

„Dieser Gott der Pfaffen - für mich ist er mausetot. Aber bin ich darum Atheist? (...) aber es gibt ein gewisses Etwas, das ich nicht definieren kann und das mir, obwohl es außerordentlich lebendig und wirklich ist, als eine Art Gesetzmäßigkeit erscheint (...)."

„[...] man muß das Feuer in seiner Seele nie auslöschen lassen, sondern es anfachen."

Der Künstler - mitunter auch der Philosoph - vermag vermittels seiner Einbildungskraft die Grenzen zum Realen zu verschieben: das Unsichtbare wird für das Sichtbare durchlässig.

Dieses Durchlässigwerden führt zu einem Erkennbar- oder Offenbarwerden dessen, was bis-lang nicht sichtbar oder dem Blick verborgen war. Dieser denkerische und künstlerische Prozess verdankt sich nicht allein „langer Arbeit", sondern ereignet sich als Widerfahrnis.

Eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür finden wir in einem romantischen Prinzip:

„Alles Sichtbare haftet am Unsichtbaren - Das Hörbare am Unhörbaren - Das Fühlbare am Unfühlbaren. Vielleicht das Denkbare am Undenkbaren. - (...)."

Wo dieses romantische Prinzip treibende Kraft einer religiösen Suchbewegung wird, können „Religion und Kunst" „gleichermaßen frei" werden „von den ihnen fremden Funktionen metaphysischer Weltdeutung und ethischer Weltgestaltung". Transzendenz wird gleichsam verwandelt in Transparenz: Unsichtbares wird durchlässig für Sichtbares. Religiös ist nicht nur die Suchbewegung des Menschen, sondern lässt sich auch verstehen als Suchbewegung zum Menschen. Wenn beides zusammenfällt, spüren wir Mystisches, Erhabenes, Religiöses.

„Das Wissen darum, dass das Unerforschliche wirklich existiert, und dass es sich als höchste Wahrheit und strahlende Schönheit offenbart, von der wir nur eine dumpfe Ahnung haben können, dieses Wissen und diese Ahnung sind Kern aller wahren Religiosität. - Meine Religion besteht in der demütigen Anbetung eines unendlichen geistigen Wesens höherer Natur, das sich selbst in den kleinen Einzelheiten offenbart, die wir mit unseren schwachen und unzulänglichen Sinnen wahrzunehmen vermögen. Diese tiefe gefühlsmäßige Überzeugung von der Existenz einer höheren Denkkraft, die sich im unerforschlichen Weltall manifestiert, bildet den Inhalt meiner Gottesvorstellung."

„Das tiefste und erhabenste Gefühl, dessen wir fähig sind, ist das Erlebnis des Mystischen. Aus ihm allein keimt wahre Wissenschaft. Wem dieses Gefühl fremd ist, wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, der ist seelisch bereits tot."

„Die religiösen Genies aller Zeiten waren durch kosmische Religiosität ausgezeichnet, die keine Dogmen und keinen Gott kennt, der nach dem Bild des Menschen gedacht wäre."

„Es scheint mir, dass es die wichtigste Funktion der Kunst und der Wissenschaft ist, dies Gefühl unter den Empfänglichen zu erwecken und lebendig zu erhalten. Ein Zeitgenosse (Max Planck) hat nicht zu Unrecht gesagt, dass die ernsthaften Forscher in unserer im allgemeinen materialistisch eingestellten Zeit die einzigen religiösen Menschen sind." - „Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft blind."

Amen.

 



Pfarrer Thomas Bautz
53119 Bonn
E-Mail: thomas.bautz@ekir.de

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