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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Neujahrstag, 01.01.2013

Predigt zu Die Sprüche Salomos 16:, verfasst von Sven Evers

Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert...

Sprüche 16:

1 Der Mensch setzt sich's wohl vor im Herzen; aber vom HERRN kommt, was die Zunge reden wird.

2 Einen jeglichen dünken seine Wege rein; aber der HERR prüft die Geister.

3 Befiehl dem HERRN deine Werke, so wird dein Vorhaben gelingen.

4 Der HERR macht alles zu seinem Zweck, auch den Gottlosen für den bösen Tag.

5 Ein stolzes Herz ist dem HERRN ein Gräuel und wird gewiss nicht ungestraft bleiben.

6 Durch Güte und Treue wird Missetat gesühnt, und durch die Furcht des HERRN meidet man das Böse.

7 Wenn eines Menschen Wege dem HERRN wohlgefallen, so lässt er auch seine Feinde mit ihm Frieden machen.

8 Besser wenig mit Gerechtigkeit als viel Einkommen mit Unrecht.

9 Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.

 

Liebe Gemeinde,

ein frohes neues Jahr wünsche ich Euch und Ihnen!

Und – halten Sie sich noch an die guten Vorsätze, die Sie gestern gefasst haben für das neue Jahr? Oder haben Sie ausnahmsweise mal auf die guten Vorsätze verzichtet? Aber der Jahresanfang ist ja immer so eine Zeit, nicht wahr? Mehr zum Sport gehen. Nicht mehr rauchen. Mehr Zeit mit der Familie verbringen und so weiter. Irgendwie scheint der Jahresanfang geeignet, endlich einmal Dinge anders zu machen; endlich einmal in Angriff zu nehmen, was man so lange schon aufgeschoben hat. Aber meistens kommt es dann, wie es kommen muss. Das neue Jahr ist gar nicht so viel anders als das alte – allein, weil wir selber ja nicht von einer Sekunde auf die andere andere Menschen werden.

Gute Vorsätze sind, so denke ich manchmal, das beste Mittel, uns schon zu Beginn des neuen Jahres mit unserem eigenen Scheitern und unserer eigenen Unzulänglichkeit zu konfrontieren. Ja, ich denke manchmal: Wenn ich ganz sicher sein will, dass ich schon am ersten Tag eines neuen Jahres zutiefst enttäuscht bin von mir und all dem, was ich nicht auf die Reihe kriege, dann mache ich mir am besten einen oder mehrere dieser berühmten guten Vorsätze. Die Kunst unglücklich zu sein sozusagen. Insofern stimmt wohl dieses Sprichwort, dass der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist. Nicht, weil die Vorsätze als solche schlecht wären. Es ist nichts Schlechtes daran, mehr Sport zu treiben oder weniger zu rauchen oder mehr Zeit mit lieben Menschen zu verbringen. Das Schlechte an den guten Vorsätzen ist wohl tatsächlich dieses: dass wir uns in der Regel damit heillos – im wahrsten Sinne des Wortes – überfordern. Denn ich nehme mir ja mit meinen Vorsätzen in Wahrheit nicht nur vor, dieses oder jenes zu tun oder zu lassen. Ich nehme mir in Wahrheit vor: Ich will ein anderer sein. Ich will ein anderes Selbst sein, als ich bin. Das ist das schwierige. Das ist das, woran wir immer wieder scheitern. Das ist das, was unglücklich macht.

Es bräuchte in der Tat einen neuen Menschen, wenn gelingen soll, was ich mir immer und immer wieder vornehme – und zu Silvester bzw. zu Neujahr vielleicht ganz besonders.

Es bräuchte da wohl jemanden, der mir zeigt, wer ich denn eigentlich in Wahrheit bin oder sein soll, wenn die Vorsätze mit Leben gefüllt werden sollen.

Es bräuchte da jemanden, der mich bei der Hand nimmt und mich zuerst zu einem anderen Menschen macht, bevor ich mich heillos darin verstricke, als derselbe Mensch ein anderes Leben – das Leben eines anderen Menschen – führen zu wollen.

Es bräuchte: Gott – der mit mir geht; der meine Schritte lenkt; der meinen Blick ausrichtet; der mich wahr macht; der mich leitet; der mein Sein verwandelt, während ich nur an meinem Tun und Lassen herumdoktern kann.

Der Mensch setzt sich's wohl vor im Herzen; aber vom HERRN kommt, was die Zunge reden wird.

Genau so – oder? Ich nehme es mir vor. Immer und immer wieder. Und immer und immer wieder geht es mir wie Paulus, wenn er verzweifelt fragt, warum er nicht das Gute zu tun vermag, das er sich immer wieder vornimmt und stattdessen doch immer wieder das tut, was er gerade nicht tun will.

Ich nehme es mir wohl vor – mit bestem Willen und wirklich und ganz ehrlich aufrichtig. Und schaffe es dann doch nicht.

Von Gott kommt, was die Zunge reden wird. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Ich kann nicht in Wahrheit sprechen, was nicht in Wahrheit in mir ist. So herum wird ein Schuh draus.

Gott, mache mich zu einem neuen Menschen, dass ich tun kann, was ein neuer Mensch tut.

Fülle mein Herz mit Deiner Liebe – und dann laß mich reden, was Du in mich hinein tust.

Gute Vorsätze? Nein, das ist dann wohl wirklich ein neues Leben, das aus mir spricht. Da braucht es keine Vorsätze mehr. Da braucht es nur das Aussprechen dessen, was ist – was DU mir schenkst.

Einen jeglichen dünken seine Wege rein; aber der HERR prüft die Geister.

Es könnte ja sein, dass der Weg, den ich einschlage, ein falscher ist. Es könnte ja sein, dass gar nicht zu mir passt, was ich mir vornehme. Wen soll ich fragen, wenn ich wissen will, was zu tun ist? Wen soll ich fragen, welchen Weg ich gehen soll?

Gute Freunde, Partner und Menschen, die mir nahe stehen. Ganz sicher eine gute Idee. Aber der Mensch sieht ja nur, was vor Augen ist. Selbst die Menschen, die mir ganz nahe stehen, sehen im großen und ganzen von mir nur, was ich sie sehen lasse.

Es müsste da wohl schon jemand tief in mein Herz schauen um zu sehen, wer ich wirklich bin.

Gott, sieh Du mein Herz an. Erkenne mich und prüfe, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf Deinem ewigen Weg. Prüfe Du mich und meine Wege – und wenn Du mit der Prüfung zu Ende bist, dann laß mich nicht mit dem Ergebnis allein, sondern hilf mir, etwas draus zu machen.

Befiehl dem HERRN deine Werke, so wird dein Vorhaben gelingen.

Dem Herrn den Weg befehlen – ihm anvertrauen, was ich tue und wohin ich gehe. Immer wieder inmitten des Alltags den Blick nach oben richten; neu ausrichten; neu justieren sozusagen. Wie die Kompassnadel immer nach Norden zeigt und so Orientierung gibt in Dickicht und Dunkelheit den Blick auf Gott richten und so die Perspektive zurecht rücken.

Gott, der Du Wolken, Luft und Winden Wege, lauf und Bahn gibst – zeige mir die Wege, auf denen mein Fuß gehen kann.

Der HERR macht alles zu seinem Zweck, auch den Gottlosen für den bösen Tag.

Zugegeben – ich habe da meine Zweifel. Der Gottlose als Werkzeug Gottes? Das möchte ich nicht lehren. Das möchte ich nicht einmal glauben. Um meinet willen nicht, aber auch um Gottes und vor allem um des Gottlosen willen nicht. Doch andererseits: selbst den bösesten Tag möchte ich nicht als einen Tag ohne Gott verstehen müssen. So kann ich es verstehen. So will ich es glauben. So will ich vertrauen: Dass Gott aus allem, selbst aus dem Bösesten, das mir widerfährt, noch Gutes werden lassen kann. Aus dem Bösen übrigens auch, das ich tue und sage. Ich möchte darauf vertrauen, dass mein Böses nicht das letzte Wort behält. Ich möchte darauf vertrauen, dass Gott selbst aus und mit mir kleinem Menschen Gutes werden lassen kann.

Gott, hilf mir, selbst im dunkelsten Dunkel auf Dich zu schauen und darauf zu vertrauen, dass Du da bist. Wie Du in der Gottlosigkeit des Kreuzes, in der Gottlosigkeit der KZs und der Gottlosigkeit tiefster Nacht Menschen Trost geschenkt hast und Hoffnung, so schenke auch mir das Vertrauen darauf, dass es nichts Böses gibt, kein Dunkel und kein Leid, in dem Du nicht bei mir bist. Ob es einen Sinn hat oder Zweck – das weiß ich nicht und möchte ich als Mensch nicht entscheiden müssen. Aber dass Du da bist, was auch immer geschieht – darauf möchte ich vertrauen.

Ein stolzes Herz ist dem HERRN ein Gräuel und wird gewiss nicht ungestraft bleiben.

Natürlich will ich stolz sein dürfen auf das, was ich erreiche. Natürlich will ich mich freuen dürfen an meinen Erfolgen. Doch ein stolzes Herz, das so tut, als sei eigenes Verdienst, was doch bei Lichte gesehen Geschenk ist, davor bewahre mich Gott. Und was habe ich denn in Wahrheit, das ich nicht empfangen habe? Habe ich mir mein Elternhaus ausgesucht, in dem ich geborgen war und in dem ich gefördert wurde? Habe ich mir dieses Land – eines der reichsten Länder der Erde – als meinen Lebensort ausgesucht, das mir so viele Möglichkeiten gibt, von denen andere nur träumen können? Habe ich mir meine Talente und Gaben verdient, mit denen ich für mich und andere so vieles erreichen und Gutes erwirken kann?

Gott, bewahre mich davor, für mich zu beanspruchen, was doch Deines und das anderer Menschen ist. Bewahre mich vor Hochmut und vor dem Stolz, der sich nicht nur an dem eigenen freut, sondern sich über andere erhebt. Schenke mir den Reichtum des Lebens, der sich einstellt, wenn ich erkenne, wie reich Du mich beschenkt hast und an dem ich achtlos vorüber gehe, wenn ich nur auf mich schaue.

Durch Güte und Treue wird Missetat gesühnt, und durch die Furcht des HERRN meidet man das Böse.

Ich war das nicht. Ich bin nicht zuständig. Ich kann nichts dafür. Wie oft rede ich mich so heraus. Sühne – das setzt ja voraus, dass ich anerkenne, dass ich Fehler mache. Und die mache ich. Jeden Tag, den ich lebe, lebe ich auf Kosten so vieler anderer Menschen. Unser Reichtum in diesem Lande basiert auf der Armut anderer. So viele Worte sage ich, mit denen ich anderen Menschen Leid zufüge – oftmals ohne es zu wollen und ohne es überhaupt zu merken.

Ja, ich mache Fehler. Allein schon diesen Satz zu sagen, erfordert Stärke und Mut zur Wahrheit. Mut, mir selber in die Augen zu schauen.

Gott, schenke mir den Mut, auch auf die Schattenseiten meines Lebens zu schauen. Vor Dir muss ich nicht so tun, als sei ich immer stark. Vor Dir muss ich nicht so tun, als sei immer alles gut und richtig, was ich tue. Ich möchte gnädiger mit mir umgehen und auch mit anderen Menschen, als ich es so oft tue. Ich möchte Fehler benennen können und mich doch in Deiner Liebe geborgen wissen. Wissen, dass Du mich nicht alleine lässt mit meinem Mangel.

Und noch einmal: Hilf mir, meinen Blick auf Dich zu richten, damit ich mich nicht im Dickicht meiner Wege und dessen, was ich mit meinem kleinen Blick für gut und richtig halte, verstricke.

Wenn eines Menschen Wege dem HERRN wohl gefallen, so lässt er auch seine Feinde mit ihm Frieden machen.

Wäre das nicht schön? Frieden selbst mit denen, die mir Feind sind? Frieden selbst mit dem Nachbarn, der mich immer schneidet, mir der Kollegin, die mich nicht ausstehen kann, mit dem Klassenkamerad, der mich immer mobbt? Geht denn das wirklich? Das geht wohl in der Tat nicht, wenn wir einen solchen Frieden nur auf uns selber bauen. Es bräuchte da wohl ein Fundament, das wir nicht selber schaffen können. Einen Grund, den wir nicht selber legen können. Es bräuchte mehr als einen kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen Menschen, die nichts gemeinsam haben. Frieden zu schaffen zwischen Menschen, die sich Feind sind – das ist ja mehr als nur ein Waffenstillstand (und schon der ist ja oftmals sehr viel mehr als nichts und wir wären froh und dankbar, wenn es allein davon mehr in unserer Welt gäbe!). Frieden, Schalom – das ist Ganzsein, Heil-Sein, gemeinsames Leben in Gegenwart dessen, der selber Friede ist.

Gott, schenke solchen Frieden in unserer Welt und in unserem, ja in meinem Leben. Mache mich zu einem Werkzeug solchen Friedens. So viel an mir liegt, will ich in Frieden leben mit den Menschen, die mir Feind sind. Auch mit mir selber übrigens, der ich mir so oft der größte Feind in meinem Leben bin.

Aber meine Macht ist begrenzt. Meine Geduld ist begrenzt. Und ich will ehrlich sein: auch mein Wille ist begrenzt.

Schaffe Du Frieden in meinem und unserem Leben.

Besser wenig mit Gerechtigkeit als viel Einkommen mit Unrecht.

Es sind Wahlen in diesem Jahr. Vieles könnte ich allein zu diesem kleinen Satz sagen. Aber vielleicht statt vieler Worte nur die ehrliche und aufrichtige Bitte:
Gott, schaffe Gerechtigkeit in unserer Welt; in unserem Land; in unserer Stadt; in unserem Leben. Laß uns nicht immer nur schauen auf das, was unseres ist, sondern auf das, was dem und der anderen dient. Laß uns nicht immer nur leben nach dem Motto des Mehr, mehr, mehr – sondern eine Welt bauen, in der Menschen haben, was sie zum Leben brauchen. Und bewahre uns davor zu bekommen, was wir verdienen – denn, mal ganz ehrlich, das könnten wir kaum ertragen.

Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.

Hier sind sie also wieder: die guten Vorsätze. Des Menschen Herz erdenkt sie sich. Immer und immer wieder. Und scheitert in aller Regel daran. Immer und immer wieder. Mit unsrer Macht ist in der Regel wenig getan. Die vielen Vor-haben, Vor-sätze – sie sind nichts wert, wenn wir dabei nur auf uns selber bauen. Zum einen, weil wir zu ihrer Umsetzung immer auch angewiesen sind darauf, daß die Menschen, mit denen wir verbunden sind, mitspielen. Vor allem aber, weil wir selber einfach nicht der wirklich gute Grund für sie sind. Man kann nicht neuen Wein in alte Schläuche gießen. Und wir werden kaum mit unseren Vorsätzen den Weg zum Himmel anzutreten in der Lage sein, wenn wir doch die alten bleiben, die wir noch im alten Jahr, die wir noch gestern waren, und die wir noch – schau Dir einmal ganz ehrlich in die Augen und ins Herz – heute sind.

Befiehl Du Deine Wege und was Dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt.

Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da Dein Fuß gehen kann.

Dem Herren musst Du trauen, wenn Dir’s soll wohlergehn; auf sein Werk musst Du schauen, wenn Dein Werk soll bestehn.

Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein, lässt Gott sind gar nichts nehmen, es muss erbeten sein.

Ihnen, Euch und uns allen ein gesegnetes neues Jahr!

Amen.

 



Landesjugendpfarrer Dr. Sven Evers
Oldenburg
E-Mail: Sven.evers@ejo.de

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