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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Epiphanias, 06.01.2013

Predigt zu Jesaja 60:1-6, verfasst von Sibylle Reh

 


Die Völker werden zu deinem Licht kommen

 

1 Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! 2 Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR und seine Herrlichkeit erscheint über dir. 3 Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.
4 Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt und kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arme hergetragen werden. 5 Dann wirst du deine Lust sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt. 6 Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des HERRN Lob verkündigen.

Liebe Gemeinde, heute sind die Weisen aus dem Morgenland endlich bei der Krippe angelangt. Sie hatten ja einen sehr weiten Weg und brauchten deswegen etwas länger. Manche Familien berücksichtigen das bei ihrer Aufstellung der Weihnachtskrippe. Die Figuren der Heiligen Drei Könige werden zunächst etwas entfernt von der Krippe aufgestellt und werden dann jeden Tag etwas herangerückt, bis sie am 6. Januar schließlich da sind.

So steht nun die Verehrung Jesu durch diese Fremden am 6. Januar im Mittelpunkt. Die Tradition macht sie uns gar nicht so fremd. Wir kennen sie alle von unseren Weihnachtskrippen. Sie heißen Kaspar, Melchior und Balthasar, einer hat eine schwarze Hautfarbe, die andern sind hell, sie tragen Kronen oder Turbane und reiten auf Kamelen und Pferden. Die Bibel erzählt weit weniger über sie, nur dass sie aus dem „Morgenland", also aus dem Osten kamen und dass sie durch eine Himmelserscheinung auf den Weg geschickt wurden.
Auch in dem Predigttext aus dem Alten Testament wird erzählt, dass eine große Anzahl von fremden Menschen ankommt, um den biblischen Gott zu verehren, die meisten allerdings von Jerusalem aus gesehen eher aus dem Süden denn aus dem Osten kommend: aus Midian, Efa und Saba. Diese Länder liegen wahrscheinlich im Süden der arabischen Halbinsel, vielleicht ist aber auch Äthiopien mit Saba gemeint. Auch von Völkern am Meer ist die Rede, also auch von Westen kommen Menschen nach Jerusalem. Auf jeden Fall kommen die Menschen aus fremden Ländern.

Liebe Gemeinde, wenn sie nun heute zu „uns" kommen, sind wir als christliche Gemeinde eigentlich auf die Ankunft von so vielen Fremden eingestellt?

Eine Freundin von mir war jahrelang in Pfarrerin in Italien. Als evangelische Pfarrerin betreute sie dort mehrere kleine evangelische Gemeinden, denn es gibt nicht viele evangelische Christen in Italien. In einer Gemeinde sah es dann so aus: Ein sehr kleines, überaltertes Häufchen Einheimischer, eine Gemeinde, die zuvor von ihrer Größe her kaum lebensfähig gewesen war, bekam Zuwachs von etwa genauso vielen zugewanderten evangelischen Christen aus Afrika. Diese neu eingewanderten Christen brachten Leben und vor allem Nachwuchs mit in die Gemeinde, aber sie wollten auch Veränderung. So erwarteten sie zum Beispiel, dass zumindest ein Teil des Gottesdienstes auf Englisch abgehalten wurde, weil viele von ihnen besser Englisch als Italienisch verstanden.

Wie würde es Ihnen gehen, wenn das hier passieren würde? Wenn Zuwanderer in der Gemeinde die Mehrheit stellten? Diese Gemeinde in Norditalien akzeptierte die Zuwanderer. Als Evangelische im katholischen Italien waren sie sowieso eine Minderheit, sie brauchten die Neuankömmlinge, um ihre Gemeinde erhalten zu können.

Liebe Gemeinde, das ist ein Teil der Realität. Seit mehr als hundert Jahren sind die Missionare ausgezogen, um in Afrika und aller Welt christliche Gemeinden zu gründen. Das Ergebnis dieser Mission ist, dass es dort Kirchen und Christen gibt, und diese jungen Kirchen werden zunehmend selbstbewusst. Sie sind eben längst nicht nur die armen Empfänger der Mission, sie sind selbst Christen, und ein erheblicher Anteil aller Christen in der Welt lebt heute in Afrika.

Solche Konflikte zwischen traditionellen und neu hinzukommenden Gemeindegliedern gibt es, seit es Christen gibt, die in die Welt gehen, um anderen von Jesus zu erzählen und andere Menschen zu taufen, also eigentlich seit Beginn des Christentums.

Schon zu Zeiten der Reformation war ein Teil des Konflikts zwischen Luther und dem Papst folgendermaßen gekennzeichnet: Die Römische Kirche sah die Christen in Deutschland teilweise noch als missionierte Barbaren an, die von Rom aus verwaltet und versorgt werden konnten, Luther aber bestand darauf, dass es inzwischen in Deutschland selbständige Denker gab.

Und schon früher, zur Zeit des Petrus und des Paulus, gab es Konflikte. Jesus und seine ersten Anhänger waren Juden. Nach Jesu Tod und Auferstehung fanden sich aber immer mehr Anhänger Jesu, die nie Juden gewesen waren. Diese waren zur Zeit des Paulus noch eine Minderheit, wurden aber allmählich die Mehrheit der Christen, bis das Häuflein der Judenchristen in Jerusalem schließlich im Jüdischen Krieg zwischen die Fronten geriet und fliehen musste.

Das Christentum gehört zu den Religionen, die sich überall auf der Welt ausgebreitet haben, an seinem Ursprungsort aber über Jahrhunderte kaum vertreten war. So hat sich das Christentum auch sehr von seinen Ursprung, dem Judentum, entfernt. Zum Glück gibt es etwas, was uns doch bei der Wurzel hält, nämlich die Bibel. Die Worte des Predigttextes stammen aus dem Alten Testament, der Hebräischen Bibel. Auch wenn wir sie anders deuten als die Juden, so verbinden sie uns doch mit unserem Ursprung. Gerade diese Worte weisen auf den Ursprung hin, die Hoffnungen des Volkes Israel. Die Hoffnung, die Menschheit findet friedlich zusammen in der Verehrung Gottes. Da gibt es keine Gewalt, keinen Zwang, erst recht keinen Religionskrieg, nur das gemeinsame Gebet in vielen Sprachen. Das Christentum deutet diese Worte, anders als das Judentum, zusammen mit Texten, wie dem heutigen Evangeliumstext. Jesus ist derjenige, zu dem die Menschen aus fremden Völkern kommen, dem sie ihre Gaben bringen: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Jesus, das Kind in der Krippe, ist derjenige, der die Menschheit zusammen bringt.

Daraufhin wird das Licht von Bethlehem, das mit der Geburt Jesu in die Welt kam, in alle Welt hinausgetragen. Die wird in moderner Tradition sinnbildlich im Friedenslicht von Bethlehem dargestellt. Alljährlich in der Vorweihnachtszeit wird in Bethlehem ein Licht entzündet. Dieses Licht wird dann, hauptsächlich durch Pfadfinder, in viele Länder der Welt weitergetragen und an Kirchengemeinden und Einzelpersonen weitergegeben. Es soll die Menschen an ihre Pflicht erinnern, sich für Frieden einzusetzen.

Liebe Gemeinde, wenn ich eine Krippenfigur wäre, wo stände ich da eigentlich? Bin ich eigentlich schon angekommen, und wenn ja, wann? Wahrscheinlich bin ich irgendwo im Gefolge der Könige aus einen fernen Land zu Jesus gekommen, es waren etliche vor mir da. Es waren ja viele vor mir, die mir den Weg gewiesen haben: meine Mutter und meine Oma, die abends mit mir beteten, als ich ein Kind war, der Pastor der mich konfirmiert hat, und viele andere mehr, die dem Stern folgten, ehe ich geboren war. Ich bin also nicht die erste, die zur Krippe kommt und werde hoffentlich, auch nicht die letzte sein. Natürlich möchte ich hinausgehen und das Licht von Jesu Geburt weitergeben.

Am „Dreikönigstag" denken wir daran, wie Menschen aus verschiedenen Ländern gemeinsam friedlich Gott verehrt haben. Lassen Sie uns dafür beten, dass auch wir in der Lage sind, gemeinsam mit den Hinzukommenden, den uns Fremden, friedlich Gott zu verehren. Wir sind alle dafür verantwortlich, das Licht von Bethlehem, die Geschichte vom Kind in der Krippe, friedlich weiterzugeben. Gebe Gott uns Kraft dazu.

(Kanzelsegen)



Pastorin Sibylle Reh
15344 Strausberg
E-Mail: sreh(at)gmx.de

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