Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Sexagesimae, 03.02.2013

Predigt zu Jesaja 55:6-12a, verfasst von Bernd Giehl



Liebe Gemeinde!

Es passierte neulich bei der Supervision, Ich hatte mit meinem Supervisor über die beruflichen Veränderungen gesprochen, die mir bevorstehen. Dass ich also zum 1. Juni von Nauheim und Trebur weggehe, weil mein Vertrag dann ausläuft und ich noch nicht weiß, wie es danach weitergeht. In dem Zusammenhang hatte ich auch erwähnt, dass ich in einigen Wochen 60 Jahre alt werde. Mein Supervisor sagte daraufhin, der 60. Geburtstag sei ja wahrscheinlich ein ziemlich großer Lebenseinschnitt. Und dann fragte er mich, mit welchen Gefühlen ich auf diesen Tag zuginge. Ob ich eher nach vorne blicke oder vielmehr mein bisheriges Leben Revue passieren lasse. Die Frage überraschte mich. Ich dachte darüber nach, aber so genau konnte ich es nicht sagen.

Jetzt, ein paar Tage später, kann ich es immer noch nicht sagen. Natürlich hat der 60. Geburtstag eine gewisse Symbolik. Wenn das Leben ein Weg ist, dann liegt der größere Teil dieses Weges zu diesem Zeitpunkt hinter einem. Das Ende des Berufslebens ist dann entweder schon erreicht oder es kommt langsam in Sicht. Und natürlich stellen sich Fragen: Was war gut und was nicht so gut? Was will ich mit der Zeit, die mir bleibt, noch anfangen? Was will ich in der nächsten Zeit an meinem Leben noch ändern? Und was von dem, was ich ändern will, kann ich noch ändern?

Alles Fragen von einiger Bedeutung. Fragen, über die man einmal länger nachdenken sollte. Von jetzt auf gleich sind sie jedenfalls nicht zu beantworten.

Und dann lese ich bei dem Schweizer Pfarrer und Autor Kurt Marti in seinem Buch „Im Sternzeichen des Esels" folgende Sätze: „Welchen Lebensweg ich gegangen sei? Keinen. Es war das Leben, das mit mir auf und davon ging. Was hinterher wie Weg aussah, hat sich unmerklich an meine Fersen geheftet." (aaO. S. 79)

 

Ein überraschender Gedanke? Ich müsste lügen, wenn ich sage, das sei eine Einsicht, die ich immer schon gehabt hätte. Aber ganz so fern, wie er vielleicht sollte, ist er mir auch nicht. Würde ich den Gedanken so abseitig finden, hätte ich ihn wohl kaum zitiert. Gewiss: Das ist ein Aphorismus. Aphorismen spitzen zu. Sie bringen etwas auf einen Nenner, was womöglich nicht auf einen Nenner zu bringen ist. Kann man Leben, vor allem das eigene, wirklich auf einen Nenner bringen? Wenn ich Marti glauben darf, dann ist er selbst nicht Autor seines Lebens gewesen. Nun denke ich allerdings nicht, dass er mit diesen Sätzen nur sein persönliches Leben meint. Sicher bringt er damit auch seine persönliche Lebenserfahrung auf den Punkt, aber vermutlich würde er das auch verallgemeinern wollen.

An dem Punkt fragt man sich dann, ob das so stimmt. Ob man das auch vom eigenen Leben sagen würde. „Es war das Leben, das mit mir auf und davon gegangen ist. Was hinterher wie Weg aussah, hat sich an meine Fersen geheftet." War es so? So zugespitzt würde ich es nicht sagen. Aber ganz falsch ist es auch nicht. Zumindest ist es ein Gedanke, bei dem es sich lohnt, ihn noch ein wenig weiterzuverfolgen.

Schauen wir mal, was wir daraus machen.

 

Und dann ist mir ein eigenes Gedicht eingefallen. In diesem Gedicht habe ich vor 20 oder mehr Jahren ähnliche Gedanken formuliert. Vielleicht nicht in dieser Präzision, sicher nicht in dieser Kürze, aber es passt hierher. Es ist Teil eines Zyklus, den ich Advent genannt habe. Der Text geht so:

„So viele Wege gegangen/ hin und zurück/ so viele Fäden gesponnen/ von Jahr zu Jahr/ wer zählt sie noch//

Kam nirgends an/ blieb vielleicht hier/ und manchmal dort/ durchquerte die krüppelkiefrige/ die traumlose Steppe/ trank mit den Männern am Tresen des Truckstops/ fragte sie nach dem Plan/ dem sie folgten/ fand ihn verworren//

Ein uralter/ schon längst vergilbter/ Schnittmusterbogen/ in kreuz und in quer//

Lesbar ist noch/ ganz oben/ in der Ecke/ „nur eine Linie ..."

 

Ach ja, die Wege unseres Lebens. Manche sind wir sicher nicht freiwillig gegangen. .Sie waren eher die Konsequenz bestimmter Entwicklungen. Oder sie wurden mir mehr oder weniger aufgezwungen. Andere habe ich gewählt und auch später nicht bereut, das ich sie gegangen bin. Manche waren von der Sonne beschienen, andere eher beschwerlich. Es gab Wege, die in Sackgassen führten. Wenn man dann sein Leben als Ganzes als einen Weg legen würde, müsste man an die eine Stelle vielleicht fruchtbare Erde hinlegen, an die andere dicke Felsbrocken und an die dritte Dornengestrüpp, in dem man sich verfangen und die Haut aufritzen kann. Natürlich ist kein Weg wie der andere und so müsste jeder von uns seinen Weg anders gestalten.

 

Vielleicht können wir von hier aus den Predigttext noch einmal anders hören. Persönlicher. So dass er zu uns spricht. Obwohl er ja für eine ganz andere Zeit und für ganz andere Menschen gedacht war. „Suchet den Herrn, solang er zu finden ist, rufet ihn an, solange er nahe ist. Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum Herrn, so wird er sich seiner erbarmen ..." Was wir zunächst einmal verstehen müssen, ist, dass der Verfasser dieses Textes anders denkt als wir das normalerweise tun. Der Verfasser, die Wissenschaft nennt ihn Deuterojesaja, lebte im 6. Jahrhundert vor Christus und spricht zu einem tief enttäuschten Volk, dessen Oberschicht sich in Babylonien im Exil befindet. Manche von ihnen leben schon seit Jahrzehnten dort, andere haben nie eine andere Heimat kennengelernt. Die Babylonier haben vor vielen Jahrzehnten das kleine Land Israel erobert und einen Teil des Volkes Israel als Gefangene nach Babylonien weggeführt. Die Propheten - auch Deuterojesaja - haben diese Ereignisse als Strafe Gottes für die Wege, die das Volk ohne Gott gegangen ist, gedeutet. Weil Israel sich nicht an die Gebote Gottes gehalten, weil es den Bund mit ihm gebrochen hat, darum ist diese Strafe über das Volk verhängt worden.

Allerdings ist die Strafe nicht das letzte Wort Gottes. Das weiß keiner so genau wie dieser Prophet, dessen Botschaft mit den berühmten Worten anfängt: „Tröstet, tröstet mein Volk. Eben dies ist seine Aufgabe. Menschen zu trösten, die keine Hoffnung mehr haben. Ihnen wieder eine Perspektive zu geben. In seinem Fall also die Heimkehr nach Israel und damit die Erfüllung der Träume die sie so lange geträumt haben. „Denn ihr sollt in Frieden ausziehen und in Frieden geleitet werden." Das sind die letzten Worte unseres Abschnitts und irgendwie passt das auch.

Ein Happy Ending also? Zumindest klingt es so. Und vielleicht sind ja auch die Verse von den Gedanken und den Wegen Gottes so zu verstehen, die höher sind als die Gedanken und Wege der Menschen. Dass sie der Resignation der Menschen entgegengesetzt sind. Dass also Gottes Planen und Wollen größer ist und er deshalb auch da noch Hoffnung sieht, wo Menschen keine mehr sehen.

 

Aber nun geht es ja nicht allein darum, was das Volk Israel vor langer Zeit mit Gott erlebt hat. Sondern es geht um uns. Um unsere Wege und darum, dass Gottes Wort für uns lebendig werde.

Was es mir schwermacht, das ist das Schema von Schuld und Strafe. Nicht immer ist es meine eigene Schuld gewesen, wenn ein Weg mühsam war oder sich als Sackgasse erwies. An diesem Punkt sollten wir uns nicht voreilig in das biblische Schema zwängen lassen und nach der eigenen Verantwortung suchen. Manchmal sind es auch unglückliche Umstände, die ein Vorhaben scheitern lassen.

Dennoch: Gott spricht zu uns durch die Worte der Bibel. Das ist die Überzeugung derer, die diese Worte niedergeschrieben haben von der ersten bis zur letzten Seite. Es gibt Zeiten, in denen es uns leichter fällt, Gottes Wort an uns zu vernehmen und andere, wo es schwer ist. Und doch sagt dieser Text: Gottes Wort kommt nicht leer zu ihm zurück. Wie der Regen aufs Land fällt und es fruchtbar macht, so ist es auch mit Gottes Wort. Es bewirkt etwas in unserem Leben.

Manchmal müssen wir uns das einfach sagen lassen. Müssen uns daran erinnern lassen, dass Gott uns anspricht. Wenn auch nur vermittelt. Vielleicht so, dass wir uns für gar nicht gemeint halten. Und doch will sich Gottes Wort mit unserem Leben verbinden. Will es interpretieren, es uns verständlich machen, will es womöglich verändern oder es uns in einem neuen Licht zeigen.

Angefangen habe ich mit den Wegen unseres Lebens. Die sich manchmal im Rückblick zu einem Ganzen fügen und manchmal auch nicht. Die hin und wieder schwierig waren und ein anderes Mal leicht und von der Sonne beschienen. Wahrscheinlich sind es gerade die schwierigen Wege, in denen wir Gott brauchen. Ob es uns hilft, erst einmal anzunehmen, dass er auch dann da ist? So wie das Volk Israel, das sich von Gott sagen lassen muss, dass Gottes Wege andere sind als die des Volkes und dass Gott Israel dennoch nicht vergessen hat sondern sich über sie erbarmt.

 

Und da sind wir nun an einem ganz ähnlichen Punkt wie das Volk Israel. Nicht alle unsere Wege haben zu einem Ziel geführt. Manche waren vergeblich. Wir suchen einen Sinn in ihnen. In all den Wegen, die wir gegangen sind.

Gott sagt: Ich kenne eure Wege. Ich bin bei euch. Selbst dann, wenn ihr es nicht spürt. Manchmal bleibt euch gar nichts anderes übrig, als euren Weg zu gehen, auch wenn er schwer ist und steinig. Blickt ruhig zurück auf eure Wege, aber dann löst euch auch wieder davon. Geht sie im Vertrauen dass ich bei euch bin und weiß, wo euer Weg hinführt.

 



Pfarrer Bernd Giehl
64569 Nauheim
E-Mail: giehl-bernd@t-online.de

(zurück zum Seitenanfang)