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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Sexagesimae, 03.02.2013

Predigt zu Jesaja 55:10-12a, verfasst von Heinz Behrends

 


Worte sind wie Regen.

Gestern war es noch nasskalt, aber bald wird es wieder wärmer sein.    Vögel werden morgens ihr Lied singen. Sie merken früher als wir, dassFrühling wird. Es wird der wärmere, leichte, fruchtbare Regen auf die Felder fallen. In kurzer Zeit werden die Knospen treiben, Grün wird sein, wo heute noch alles grau ist und die schmutzigen Schneereste im Garten liegen.

Worte sind wie Frühlingsregen. Sie wecken die Kraft aus einem Menschen wie der Regen das Leben im schlummernden Boden weckt.

Worte wie Regen.

Das Kind hat schlecht geträumt, es schreit auf und weint. Mutter geht ans Bett, nimmt es kurz auf. „He, du mein Schnuffelchen. Es ist doch alles gut.“. Ein Wort, von einer Berührung unterstützt. Die bösen Mächte sind gebannt. Es schläft wieder ein.

Ich tue meine Arbeit. Da sagt jemand. „Das ist gut, was du da machst.“ Er lobt mich. Es sackt auf einen guten Boden und entspannt.

Zwei Menschen haben sich seit einiger Zeit fest im Blick. Sie merken, die Gegenwart des anderen tut gut. Die Stimme klingt immer wärmer und vertrauter. Es kommt die Situation, das der eine es wagt und sagt: „Ich liebe dich.“ Das Wort schließt eine neue Welt auf.

Wir sitzen im Seniorenkreis, ich lese die erste Zeile eines Gedichtes „Frühling lässt sein blaues Band“ und etliche sprechen unaufgefordert mit „wieder flattern durch die Lüfte“ „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, ein Birnbaum in seinem Garten stand.“ Vor 65 Jahren gelernt, kurz angestoßen und schon präsent. Worte prägen sich tief ein wie Samen in einem Nährboden.

Worte sind wie Regen.

Das besondere ist: Jeder kann mit Worten umgehen. Niemand muss eine Meisterprüfung machen, um sprechen zu lernen. Wir gehen miteinander um, indem wir sprechen.

Obwohl, zwei Dinge können den Boden vergiften.

Die Stummheit. Er steigt morgens allein aus dem Bett, ist in 10 Minuten fertig, kauft sich unterwegs sein trockenes Brötchen, in der Schule spricht er nicht mehr als: „Eh, Mann. Keinen Bock. Weiß nicht. Mach ´n Biege.“ Wenn er mit seinem handy mit Freunden telefoniert, reichen 20 Worte, vor seinem Bildschirm mit Chips und Cola muss er nicht sprechen. Mehr als 200 Worte braucht er in seinem Leben nicht. Mehr kann er auch nicht. Der Verfall der Sprache in unserer Lebenswelt.

Gift für den Boden. Auf der anderen Seite: Wie viele Ältere sind unter uns voller Worte, aber niemand will sie hören. Sie sind allein.

Das andere Gift: Die stumme Sprache der Gewalt. Da zerstören die Terroristen, bevor sie aus Timbuktu vor den französischen Truppen fliehen, wertvolle alte Bücher, handgeschriebenes Wort. Für uns eine Randnotiz auf Seite 4. Die Poesie, die Schönheit der Sprache? Worte sind wie Regen? Sie verhindern die Gewalt nicht. Nur noch Lyrik des Dichters oder Pathos des Predigers?

Stummheit hat sich breit gemacht, wo die Worte nicht mehr sind. Aber es bleibt dabei. Worte sind wie Regen. Jeder sehnt sich nach einem Wort. Nach den Schwingungen einer Stimme. Um ein anderes Bild als das des Ackers zu benutzen. Worte fallen auf einen Resonanzboden. Der Mensch braucht Anerkennung, Vergewisserung. Das Gefühl, gewürdigt zu sein. Er braucht Hoffnung. Alles wird vermittelt durch Worte. Wie die Worte sind, so bringen sie uns zum Schwingen, so wirken sie.

„Und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.“ Eichendorff. Gute Worte haben Schöpferkraft. Das ist einer der Grundgedanken biblischen Glaubens. Gott schafft die Welt durch sein Wort. „Gott sprach“ Er vermittelt sich in Christus durch sein Wort, das er gleichzeitig auch lebt. „Das Wort ward Fleisch“.

Worte schaffen neues, auch wenn es nicht gleich wirkt und wachsen lässt. Ich habe das in meiner ersten Gemeinde erlebt. Ein junger Mann arbeitete im Kindergottesdienst mit, plötzlich wird er depressiv und muss ins Landeskrankenhaus eingeliefert werden. Ich habe ihn regelmäßig besucht. Ich habe geredet und erzählt, er hat mich angestarrt und nie geantwortet. Ich bin immer wieder hingegangen. Als er später gesund war, hat er mir erzählt, wie wichtig es für ihn war, dass ich zu ihm gesprochen habe. Jedes Wort hatte er verstanden und aufgenommen. Worte fallen wie Regen auf einen schlummernden Acker. Der Prophet findet dafür das poetische Bild von Acker und Schnee. Worte sind wie Regen. Gott weiß das. Darum spricht er zu uns.

Die Leute aus Israel sitzen an den Ufern Babylons und trauern, weil sie nicht zu Hause sind. Und der Prophet sagt: „Ihr werdet in Freuden ausziehen und in Frieden geleitet werden.“ Worte Gottes. Es wirkt unmittelbar, weil es tröstet. Worte des Trostes wirken sofort.

Andere gute Worte wirken nicht gleich. Sie gehen auf wie eine Saat.

Aber nun fehlt noch ein entscheidender Gedanke.

Ob Worte das gute bewirken, neues schaffen, den Resonanzboden zum Schwingen bringen, das hängt von meiner Beziehung zum Sprechenden ab. Eine alte Geschichte ist das. In unserer Ausbildung als Prediger haben wir das vor 40 Jahren systematisch gelernt. Die Kommuni-kationstheorie hatte das gerade grundlegend durchdacht. Die Beziehung bestimmt die Wirkung des Wortes. Unser Beispielsatz zum Lernen war dann immer: „Die Tür ist offen.“ Wenn das der Offizier in der Kaserne sagt, wird der Soldat die Hacken zusammenschlagen, „Jawohl, Herr Unteroffizier“ sagen und die Tür schließen. Wenn das zu Hause der große Bruder zum kleinen sagt, wird die Antwort sein. „Mach doch selber zu.“

Im Krankenzimmer wird die Schwester die Tür liebevoll schließen. Wie die Beziehung, so wirken die Worte. Darum bete, damit du deiner Beziehung zu Gott gewiss wirst.

Wenn da viel Ungeklärtes ist zwischen zwei Menschen, wirken Worte das Gegenteil und zerstören. Ehepaare können auf diese Weise Jahre aneinander vorbeireden, sich verletzen und verstummen.

Worte können ihre Kraft nur dort entfalten, wo die Beziehung klar ist.

Darum die Bitte: „Sende dein Licht und deine Wahrheit.“

So sind wir eine Kirche des Wortes mit all ihren Schwächen, die dem Wort zu eigen sind. Aber es gibt keine Alternative. Gott vermittelt sich uns durch sein Wort. Wir leben miteinander, indem wir miteinander sprechen.

Unsere älteste Tochter war für 1 ½ Jahre in Indonesien in einen freiwilligen Friedensdienst. Als Juristin war sie mit PBI Peace Brigade International wachsam, dass die Menschenrechte gewürdigt werden. Indonesien, viele Inseln, zerrissen von großen Gegensätzen. Gewalt und Missachtung von Menschen. Ihr einziges Mittel für Frieden und Verständigung war allein das Wort. Miteinander sprechen, die Würde des Menschen einsprechen. Gewachsen auf dem Boden des Wortes Gottes. Es wird nicht leer zurückkommen. Es wird ihm gelingen, wozu ich es sende.

Auch was du an guten Worte sprichst, wird Leben aufwachsen lassen und dem anderen duften wie frisches Brot.

Wenn wir das Wort Gottes nicht hätten, was wären wir für Menschen. Was würde uns leiten. Darum können wir nur um offene Ohren bitten und um einen Mund, der nichts Überflüssiges schwätzt.

Mit der Kraft der Poesie von Nelly Sachs schließe ich:


  Wenn die Propheten einbrächen
  Durch Türen der Nacht
  Und ein Ohr wie eine Heimat suchten –
  Ohr der Menschheit

  Du nesselverwachsenes,
  würdest du hören?

 




Superintendent Heinz Behrends
37154 Northeim
E-Mail: Heinz.Behrends@evlka.de

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